wieviel

2. Sonntag nach Weihnachten (05.01.14)

2. Sonntag nach Weihnachten

 

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Röm 16, 25-27 Sir 24, 1-2.8-12 (1-4.12-16) Eph 1, 3-6.15-18 Joh 1, 1-18
(wie Weihn. am Tag)

 

Dieser Sonntag muss zwischen dem 1. und 6. Januar liegen, um ihn feiern zu können. Das ist im Jahr 2014 der Fall und so erleben wir den Sonntag, der ein einziger Schluss-Tusch zu sein scheint, überschwänglich lobt und noch einmal alle Geschenke des Weihnachtsfestes herausholt - auch die, die vielleicht bislang noch nicht bestaunt und angemessen gewürdigt worden sind. Wenn dieser Sonntag ein Orchesterstück wäre, dann müssten wir uns vorstellen, dass die ganze Besetzung am Schluss zum großen Tutti ausholen darf und vom Triangel bis zum Kontrabass alle zeigen dürfen, was in ihnen steckt. Über einige Modulationen, die sich nicht in Details verlieren, wird der Reichtum der Tonarten durchgespielt, etliche Motive aus dem Vorangegangenen werden zitiert und man erinnert sich zurück und hofft nach vorn, dass mit dem großen „Amen“, das der Chor singt, diese Musik noch lange nachklingen wird. Der Vorhang fällt nicht, er hebt sich eher, oder um es biblisch zu sagen: er zerreißt in zwei Stücke, von oben bis nach unten aus (Mt 27,51).

 

Reihe VI: Röm 16,25-27: einst ist auch jetzt

Der Text ist randständig in einem speziellen Sinne: in Reihe VI soll er gepredigt werden, ist aber nicht sechstrangig. Er ist der Abschluss des Römerbriefs, aber ist doch nicht marginal. Dinge versteht man ja besonders gut von ihren Rändern her – daher reden wir vom „De-finieren“. Das gilt auch, wenn dieser Briefschluss sekundär sein sollte, was das Fehlen des Textes in den ältesten Handschriften nahe legt.

 Dieser Predigttext besteht nur aus einem Satz. Wenn man über Nachhaltigkeit predigen will, sollte man schauen, dass man den Mund nicht zu voll nimmt und zu viel auf einmal schlucken will. Das tut der Text auch nicht, immerhin aber befrachtet er Leserinnen und Leser mit viel Inhalt.

 Alles beginnt mit einer Doxologie: „Ehre sei dem, der die Macht hat, euch Kraft zu geben - … Ihm, dem einen, weisen Gott, / sei Ehre durch Jesus Christus in alle Ewigkeit! Amen.“ Dieser Lobpreis ist der Kern der Predigt, indem er von Macht und Kraft Gottes redet (hier kann man den Mund nicht zu voll nehmen!), vielleicht auch von den schattigen Gegenbegriffen: Ohnmachts- und Versagensgefühlen bei uns Menschen. Die Vermittlung dazwischen kann gern durch gute Beispiele oder „best practice“-Berichte geschehen. Die Tradition der Vorbilder oder auch der „Heiligen“ der katholischen und anderer Kirchen sollte auch in evangelischen Gottesdiensten zum Tragen kommen. Sehr schön z.B. ist der Ansatz der Gute-Bespiele-Nachhaltigkeitsseite www.futurzwei.org, auf der man zu Beginn hierauf verwiesen wird: „Wenn Sie FUTURZWEI besuchen möchten, müssen Sie sich verpflichten, mindestens eine der Geschichten, die Ihnen begegnen werden, weiterzuerzählen.“

 Trotzdem aber geht es in diesem Text nicht (nur) um gute Beispiele, die den garstigen Graben zwischen Gott und Mensch überbrücken sollen oder die Überbrückung jedenfalls denkbar machen – die „Botschaft von Jesus Christus“ steht für diese Möglichkeit der Begegnung zwischen Gott und Mensch und die Versöhnung.

 In dem Mittelteil des Textes befasst sich der Text gerade damit: das Schema von einst und jetzt, von der Zeit des Unausgesprochenen in eine Zeit der Offenbarung, kann zwar leicht zu einer verzerrten Darstellung des Verhältnisses von Juden und Christen werden. Aber angesichts mancher Verzweiflung über abnehmende Biodiversität, offenkundiger Unfähigkeit zu einer weltweiten Klimapolitik oder wieder steigenden CO2-Emissionen auch in Deutschland, wird deutlich, dass es noch immer Unausgesprochenes und Verschwiegenes gibt. Dem gegenüber ist zu betonen, dass offenbart ist, was uns und allen Geschöpfen gut tut und wie Gott seiner Schöpfung gut tut. Das Verschweigen ist eine die Geschichte begleitende Bedrohung, die Offenbarung aber, die uns ermächtigt, ist die Kraft, in die hinein wir getauft sind und der wir in der Zeit des Weihnachtsfestes gewiss sein können.

 

Sir: 24, 1-2.8-12 (1-4.12-16): außen und innen

Der Text setzt die lobende, fast euphorische Stimmung, die schon Röm 16 zeigt, fort. Aber nun in einer eigenen theologischen Gedankenwelt, die nicht jeder und jedem Gottesdienstbesucher/in auf Anhieb vertraut sein wird: die personifizierte Weisheit, die sehr nah an Gott selbst herangerückt erscheint, beschreibt im Grunde das heilsame Wirken Gottes in der Gemeinde und der ganzen Schöpfung. Universalismus Gottes, „im Kreis des Himmels“ und „in der Tiefe des Abgrunds“ (V.5).

 Es lohnt sich in diesem Fall den gesamten Text im Gottesdienst zu lesen (24,1-22). Wie Gott zum Ausdruck kommt, indem er in die Welt kommt, beschreiben in wunderbar-poetischer Weise die V.12-17. Die Anwesenheit Gottes geschieht nicht nur unter den Menschen („In der Stadt … fand ich Ruhe“; V.11), sondern die gesamte Schöpfung wir dafür gleichnisfähig und in ihr wird die Zuwendung Gottes lokalisierbar: „Wie eine Palme in En-Gedi wuchs ich empor, wie Oleandersträucher in Jericho“ (V.14a).

 So befreit der Text den Weihnachtsfestkreis aus einer anthropozentrischen Engführung des durch Gott in Jesus Geschehenen. Gott geht nicht nur auf die Menschen zu, sondern auf alle Kreatur, Jerusalem ist sein „Machtbereich“ (V.14), und er muss doch immer auch „draußen vor dem Tor“ (Heb 13,12) erwartet werden. Die Worte aus dem Evangelium des Tages „Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit“ (Joh 1,14) sind weit über die Krippe hinaus zu denken und zu interpretieren.

 

Eph 1, 3-6.15-18: genießen lernen

Die vorgeschlagene Lesung ist nur ein Ausschnitt aus einem größeren Zusammenhang: Der Brief steigt mit einem Hymnus oder „Eulogie“ ein, einem Segenswort (V.3-14). Sodann schließt sich ein Abschnitt an, in dem das „Ich“ des Autors Dank und Fürbitte äußert (V.15-23) – ein Ende der Lesung in V.18 bricht den Satz ab. Auch hier wäre also ein größerer Textkomplex für die Lesung zum empfehlen, mindestens aber den Hymnus sollte man der Gemeinde intakt gönnen.

 Auch dieser hymnische Text besticht durch seine Sprache (im Original handelt es sich nur um einen, langen Satz!), die geradezu hervorsprudelt, singen will und zum Singen einlädt. Die Inhalte sind durchaus anspruchsvolle Theologie, in der es ebenfalls übersprudelnde Motive gibt: das weihnachtliche Ereignis der Geburt wird geweitet auf alle Zeiten, das Präexistente ist überschwänglicher Ausdruck einer umfassenden Heilzusage und –gewissheit, die eine große Sicherheit und Geborgenheit ausstrahlt. Sie ist also keine Spekulation, sondern Ausdruck intensiven Vertrauens in das heilende Handeln Gottes.

 Dieses intensive Vertrauen muss sich daher konsequent auf alles weiten, was Gottes Schöpfung heißt: „ … alles zu vereinen, was im Himmel und Erden ist (V.10)“ Die Predigt sollte die ebenso engagierten wie auch etwas unplastisch bleibenden Beschreibungen des Textes bebildern helfen: wie kann denn dieses umfassende Lob jetzt in dieser Gemeinde gesagt werden? Wo geschieht etwas „in ihm“ und „durch ihn“?  - und dies nicht nur für den Menschen, sondern für alle Kreatur!

 Man könnte solches Lob-singen auf der Kanzel für etwas zu rosarot halten, trotzdem sollte es gerade, wenn man einen Nachhaltigkeitsaspekt in die Predigt einbringen möchte, eingeübt werden: Bedenken tragen, wehklagen und melancholisch die Welt auf abschüssiger Bahn zu beschreiben ist vergleichsweise einfach und scheint uns näher zu liegen. Eine Besserung aber kann es nur geben, wenn man loben, oder anders: wenn man genießen kann. Wer genießen kann, schätzt wert, achtet und kann Tand von Preziosen unterscheiden. In einer dezenten Fürbitte deutet der Text in seinem zweiten Teil an, dass wir genau damit Kummer haben: „Er erleuchte die Augen eures Herzens, damit ihr versteht, zu welcher Hoffnung ihr durch ihn berufen seid, welchen Reichtum die Herrlichkeit seines Erbes den Heiligen schenkt … “ (V.18). Die Gemeinde braucht ein Sensorium für Gutes und Schönes und sollte ihre fünf Sinne beieinander haben.

 

Dr. Thomas Schaack

 

Nach oben