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Okuli / 3. Fastensonntag (3.3.13)

Okuli

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Jer 20, 7-11a (11b-13) Ex 3, 1-8a.13-15 1 Kor 10, 1-6.10-12 Lk 13, 1-9

 

Stellung im Kirchenjahr / Stellung in der Kulturgeschichte

Der jüngst verstorbene lutherische Liturgiker und Homilet Karl-Heinrich Bieritz hat darauf aufmerksam gemacht, dass der dritte Fastensonntag vor der Liturgiereform der Praxis der Taufvorbereitung gewidmet war und die Dämonenaustreibung aus Lukas 11, 14-28 als Predigttext vorsah. Von alters her war der 3. Sonntag in der Passionszeit in der lateinischen Kirche Bestandteil der sogenannten Skrutinien - das waren Prüfungen, ob äußere Reinheit und innere Freiheit der Tauf- bzw. Priesterbewerber vorlagen, d.h. wie tief das neue Glaubensbekenntnis nach der Abschwörung des Bösen innerlich anhaftete - die auch noch den vierten und fünften Fastensonntag umfasst haben. So sehr die damit in der Vorbereitungszeit auf Ostern verbundenen Exorzismen in der alten Kirche nur innerhalb einer von religiösen Weltauffassungen und verbreitetem Geisterglauben geprägten Kultur allgemein nachvollzieh¬baren Sinn und Bedeutung erlangen bzw. erhalten konnten, so deutlich wirkt hier nach, dass es bei der Bekehrung zu Christus dem jahrhundertelangen Traditionsstrom nach um ein den ganzen Menschen erfassendes, verwandelndes und erneuerndes Unterfangen gegangen ist. Dies sollte in heutiger Zeit, deren kultureller Hauptstrom von religiöser Gleichgültigkeit und sprachlos gewordener Geistvergessenheit einerseits sowie künstlicher Geisterversessenheit in Gestalt der Volksreligion der Esoterik andererseits geprägt ist, zu denken geben. Der Schlüssel, um einen Ausweg aus den angedeuteten fruchtlosen Extremen des gegenwärtigen Zeitgeistes zu finden, welcher ebenso unserer kulturellen Prägung von heute gerecht zu werden verspricht als auch den Ernst der Nachfolge Christi und ihre "Lebbarkeit" (Papst Benedikt XVI) zugleich hervorzurufen imstande ist, kann nur in Person, Wort, Tat und Geschick Jesu Christi und seiner der Kirche verheißenen Geist-sendung gefunden werden. Auf diese Kriterien wollen wir daher im Folgenden besonders achten.
Nach der Einführung der neuen Leseordnung liest die evangelische Kirche in Reihe 5 nunmehr einen aufrüttelnden Prophetentext aus dem Jeremiabuch und auch die katholische Leseordnung focussiert ganz auf die Notwendigkeit zu Umkehr und Verhaltensänderung, die in einem Abschnitt aus Lukas 13 gipfelt. Gemeinsam ist beiden der Ruf in die Nachfolge, der zu einer erneuerten Bereitschaft zum Verzicht auf alles "Selbstische" und zur Neuorientierung an den Spuren Gottes in Prophetie bzw. Jesuswort einlädt.

 

Lk 13, 1-9:


Exegetische Überlegungen

Jesu Aufforderung angesichts des sich ankündigenden Gottesgerichtes, umzukehren, ist Thema einer größeren Komposition, die von Lk 12,54 – 13,35 reicht. Jesus bricht hier unverkennbar mit dem in der gesamten Religionsgeschichte weit verbreiteten Automatismus, mit einem unmittelbaren Zusammen¬hang von Schuld und Unglück (als Strafgericht Gottes) zu rechnen. Weder politischer Terror durch den römischen Prokurator noch ein tragisches architektonisches Unglück sind Ausdruck göttlicher Strafe; wohl aber können sie als dramatische Lebensereignisse Anlass zu Umkehr und Bekehrung vom Weg in den Tod werden. Wozu? Wie schon Johannes Chrysosthonos betont zum Reich Gottes, zu Gottes neuer Welt; einem "Reich", in dem "Gottes herrschaftsfreie Herrschaft" (Walter Wink) zum Ziel kommt, das bedeutet nach dem Zeugnis der Bibel bedingungsloses Leben und Angenommen sein für alle, die hierhin finden. In der Form eines Lehrgesprächs wird deutlich gemacht: Gott will also nicht durch dunkle Lebensereignisse disziplinieren. Ganz im Gegenteil: Noch ein nach menschlichen Maßstäben bereits als hoffnungslos unfruchtbar geltender Feigenbaum (= das meint wohl ein dem Glauben nicht gerecht werdendes Gemeindemitglied oder aber das den Christusglauben ablehnende Volk Israel), soll besonders intensive (pastorale) Pflege zuteilwerden, obwohl der unfruchtbare Baum aller biologischen Erfahrung nach sehr viel Nahrung aus dem Boden seiner Umgebung heraussaugt. Das Endgericht Gottes versucht - so die zentrale Botschaft - offenbar das Letztmögliche. Demnach sollen die Christen "hoffnungslos geistlich unfruchtbare Gemeindeglieder" oder aber das Volk Israel nicht vorschnell entfernen, d.h. ausschließen oder aufgeben. Leise klingt an: Der universale Heilswille Gottes gilt allem Verlorenen, der Erde und dem Menschen, der Geschichte wie dem Kosmos.


Predigtimpulse im Blick auf den evangelischen und katholischen Predigttext

Angesichts dieser Ungeheuerlichkeit des alles und jeden retten wollenden Gottes sind den Hochfesten im Kirchenjahr nicht umsonst lange Vorbereitungszeiten vorgeschaltet. Persönliche und gesellschaftliche Veränderungen, Wachstum im Glauben, gar das Heranreifen einer Nachfolgeentscheidung im Großen wie im Kleinen, dies alles erfolgt nur innerhalb von Gemein-schaften und braucht Zeit, damit wir uns etwas anverwandeln können, was dann auch tragen, will sagen "durch dick und dünn durchtragen" kann. Die Fastensonntage und der Osterfestkreis geben uns diese Zeit, um uns auf das Höchste vorzubereiten und die Begegnung mit dem sich hingebenden Ewigen nachzubereiten, das Einschwingen einzuüben auf seinen Niedrigkeitsweg, der Menschen zu allen Zeiten verwundert hat. Er will wirklich alle und alles bis zuletzt verwandeln in und mit seiner Geistkraft, auch hier und heute und selbst in noch so hoffnungslosen Fällen; nicht weniger als damals als die Kirche ungleich mehr Deutungsmacht auf sich gezogen hatte und mit öffentlichen Exorzismusakten die Wahrnehmung der Menschen auf die Seite Gottes zu ziehen versuchte. Zu Recht sind die meisten unter uns heute um vieles vorsichtiger mit solchen quasi auf die Totalität Gottes ausgreifenden Vollzügen, die uns Nachgeborenen gelegentlich wie eine Demonstrationen kirchlicher Macht und anscheinender Verfügbarkeit Gottes vorkommen. Nicht zuletzt das meditierende Nachdenken und vernünftige Umkreisen solcher Stellen wie sie heute die evangelische Leseordnung als Predigttext vorsieht, hat dies gelehrt.

Der zum Prophet berufene Jeremia bemerkt, dass dieser Ruf eigentlich über seine seelischen Kräfte geht. Es kommt ihm vor wie eine Verführung. (Vers 7) Er ringt damit, dass er den drückenden Auftrag Gottes nicht loswerden kann, der darin besteht, unbestechlich Wahrheit und Gerechtigkeit in und gegen eine Welt anzusagen, die alles andere als das hören will. Man kann Gottes Stimme nicht unterdrücken, ohne sein Innerstes zu verraten und preiszugeben. Ja, er prüft die Gottesmänner und Gottesfrauen bis heute "auf Herz und Nieren." (Vers 12) - und wenn sie wirklich anfangen, Wahrheit und Gerechtigkeit zu sprechen, dann tuscheln die anderen bis heute "Schrecken überall" (Vers 10) und suchen danach, denjenigen, der sie an ihre Sünde erinnern, aus dem Weg zu Räumen. Sehr zurecht schloss der große altkirchliche Theologe Augustinus aus solchen prophetischen Zwiegesprächen, Gott sei uns gewiss innerlicher als wir uns selbst. Spätmoderne Theologien haben "nach Auschwitz" noch viel deutlicher bewusst gemacht, dass wir die Über¬größe des göttlichen Schatzes doch nur in "irdenen, in zerbrechlichen Gefäßen aufbewahren" , wie bereits Paulus wusste. In der Tat erkennen wir dadurch, wie schon Paulus vorhersah, indes nur noch viel deutlicher, dass wir es mit etwas zu tun haben, das unsere eigene (Verfügungs-)Macht übersteigt und dass sich dennoch einzelner prophetischer Menschen bedient.
Die Mittel und Wege solchen universalen Heilswillen für Menschen, Erde und Kosmos in der Welt bekannt zu machen - damals vielleicht Exorzismen, heute Umkehrprediger, heiligmäßige Männer und Frauen, Sakramente oder anderweitige neue Sakramentalien und Zeichen wie den ökumenisch zu feiernden Tag der Schöpfung am 1. September , müssen sich einschmiegen in den jeweils verstehbaren kulturellen Kosmos, um darin eine dem Christus entsprechende Botschaft zu entfachen. Dabei kommt es auf das symbolische Beziehungsgeschehen zwischen Gott und Mensch an, insofern "etwas symbolisch zu erfahren" für den postmodern geprägten Gegenwarts-Menschen, der sich einer recht-schaffenen kirchlichen Führung anvertrauen mag, eben heißt, es "nicht nur zu denken, sondern zugleich in seiner emotional-sinnenhaften Gestalt als abwesend erfahren zu können, nur darin wird es symbolisch präsent und kirchlich verbürgt". (Heribert Wahl) Nur so ist Teilhabe des Menschen in Beziehung zum göttlichen Geheimnis ohne künstliche symbiotische Verschmelzung möglich.

Damals wie heute kommen wir dabei am Christus nicht vorbei, gibt er uns Richtschnur und Maß unseres Denkens vor. Der, der auf die innere Sehnsucht, das Leiden und den unverletzbaren Kern an Rechtschaffenheit in allen Menschen, die ihm begegneten, zu schauen pflegte und dem an kultischer Reinheit und überhaupt an der "Reinhaltung" von Gesetz, Opferkult, heiligen Orten und Vorschriften nicht allzu viel lag - wohl weil sie zu allen Zeiten zu Hochmut und Selbstgerechtigkeit verleiten - öffnet zuerst und zunächst denen, die nichts galten, den Zugang zu Gott. Alles kann ihm zum Anknüpfungspunkt werden, die nötige Umkehr vom Weg des Todes einzufordern. Für Gott ist dabei nichts unmöglich.
Bis heute brauchen Menschen um vom Weg des Todes ablassen zu können Räume, in denen sie ihre Würde erfahren können. Die der Ökumene verpflichteten Kirchen haben in den vergangenen 20 Jahren regional, kontinental und global beinahe unbemerkt von einem Großteil der bürgerlich-kirchlichen Öffentlichkeit in Deutschland schwer und anhaltend und immer wieder bis an die Grenzen von Zerreißproben miteinander gerungen, wie eine Wirtschaft für das Leben aussehen könnte, die das unverzichtbare Fundament dafür wäre, um den Menschen eben solche Räume zu ermöglichen. Auf einer solchen Grundlage den Zugang zu einem Gott zu öffnen, den die meisten Menschen in unseren Breiten heute eher schwach und sozusagen nur als vage Chiffre dafür erahnen, dass das, was da draußen ist, noch nicht alles sein könnte, ist unvermischt und ungetrennt von der eben genannten Aufgabe heute besondere Priorität für die Kirchen. Dies gelingt biblisch betrachtet aber eben nicht kontext- und gemeinschaftslos, keinesfalls als ein materialismusfreier Spiritualismus. In Situationen äußerer Bedrängnis mag es leichter fallen der Gottesfrage auf die Spur zu kommen als in Kulturen, in denen "kein Raum für Gnade ist" (Beat Dietschy) bzw. in denen gnadenloser Überfluss sich mit Status¬konkurrenz und Selbstabwertungen derjenigen mischt, die nicht mehr mithalten können.

Die Predigttexte dieses dritten Fastensonntags mit dem schönen Namen "Okuli", die auf ein neues Sehen, eine neue Wahrnehmung aus sind, lassen uns demnach mit der Frage zurück: Wo können Menschen heute Räume in der kirchlichen Gemeinschaft wie in ihrem Bestreben Sauerteig für die Armen und Bedrängten aller Art zu sein finden, welche allein dafür geschaffen sind, um Gott und seiner Solidarität mit der ganzen Schöpfung zu gehören? Sie werden daran zu erkennen sein, dass einem in geheimnisvoll abwesender Anwesenheit dort der Geist Gottes entgegenkommt, der in prophetischen Weise eine Fülle des Lebens für alle entgegenbringt - jedoch nicht kontextlos. Dies bleibt an gemeinschaftliche Umkehr von der Gleichgültigkeit oder von dem Bösen, an erkennbare Buße und wesentlich an Hinkehr zum Gott des Lebens gebunden. Es sollte auch etwas von der Dramatik spürbar bleiben: Die österliche Bußzeit ist nichts anderes als die Zeit der Bewährung, die sich der Winzer ausbedungen hat, um den Feigenbaum vor dem sicheren Untergang zu retten.

 

P. Schönhöffer

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