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Invokavit / 1. Fastensonntag (17.2.13)

Invokativ

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Lk 22, 31-34 Dtn 26, 4-10 Röm 10, 8-13 Lk 4, 1-13


Der Autor betrachtet die Perikopen in Bezug auf innere Befreiung durch das Gebet, die Ordnung und Orientierung des eigenen Lebens in Bezug auf äußere Einflüsse durch eine mystische Beziehung zu Gott sowie die Kraft eines authentischen Glaubens innerhalb enger Konventionen.

Stellung im Kirchenjahr
Der Sonntag Invokavit ist erste Sonntag nach Aschermittwoch, der erste Sonntag in der Fastenzeit. Es wird die Geschichte der Versuchung Jesu thematisiert. Der Begriff Versuchung ist heute nicht mehr angemessen und eher unklar. Vor allem die Vorstellung eines Satans oder Teufels, der in Form einer Person in Versuchung führt, entzieht sich heutigen Vorstellungen. Das Arbeiten mit solchen Bildern in der Predigt ist daher problemtisch. Dennoch bleibt die Frage nach dem Versuchenden. Sei es nun die Person selbst oder eine von außen wirkende Kraft. Und immerhin finden wir den Begriff noch in der deutschen Sprache, wenn z.B. gesagt wird: "Ich bin versucht, das und das zu kaufen."

 

Lukas 22,31-34:


Jesus mahnt Petrus, er solle seine Brüder stärken. Verhaftung und Kreuzestod Jesu werden die Jünger und auch Petrus verunsichern. Ihr Glaube wird zutiefst erschüttert werden. Lukas verwendet hier das Bild vom Satan, der darum gebeten hat, die Jünger zu sieben, wie Weizen. Doch Jesus selbst hat für Petrus, der hier stellvertretend für alle Jünger steht gebetet. Das klingt fast unerhört, dass der, der bald verleumdet werden wird, für den Verleumder betet.

Hier macht Jesus vor, was Petrus und die Jünger füreinander tun sollen. Sie sollen einander stärken, auch oder gerade durch das Gebet. Wer weiß nicht, wie schwer es ist, auf Menschen, zuzugehen, wo Verrat, Doppelbödigkeit oder Verleumdung erfahren wurde? Jesus betet für Sie, damit Sie stark werden, damit sie nicht versucht werden. Damit gibt er sie auch ab, lässt sie los, entlässt Sie seinem Willen und übergibt sie sich selbst und seinem Vater. In welchen Situationen kann uns das Gebet helfen, los zu lassen und damit doch andere zu stärken? Vertrauen wir wirklich auf das Gebet und die Stärkung durch selbiges? Wie würde unser Weg aussehen, wenn wir aufrichtig beten würden, nicht in Versuchung zu geraten?

 

Dtn 26,4-10:


Wenn Israel nach langer heimatloser Zeit im verheißenen Land wohnt und es bebaut, dann sollen die Menschen die ersten Früchte der Ernten vor Gott bringen. Dabei sollen sie aber nicht zum Lob oder Dank anstimmen, sondern das Glaubensbekenntnis ablegen. Israel soll sich zu Gott bekennen, der sein Volk aus Ägypten geführt hat. Der Gott des Alten Testamentes wird hier eindrücklich als ein Gott der Geschichte beschrieben. Ein Gott, mit dem die Menschen ihre Erfahrungen machen. Ein Gott, der Verheißungen gibt und einhält. Ein Gott, der mit seinem Volk, mit seinen Geschöpfen mitgeht, der sich um sie sorgt und sie versorgt. Er wird sein Volk in das Land bringen, in dem Milch und Honig fließen – in dem es alles gibt, was die Menschen zum guten Leben brauchen.

Schon lange nehmen wir uns von der Erde nicht mehr nur das, was wir brauchen. Vielmehr nehmen wir uns das, was wir bekommen können. Unsere ökologischen Fußabdrücke sind so groß, dass unser Planet, unsere Heimat uns bald nicht mehr (er)tragen wird. Wir lassen uns nicht nur das geben, was wir für ein gutes Leben brauchen, sondern sind süchtig und werden süchtig gemacht, zu besitzen, zu konsumieren und zu verbrauchen, was unser Leben gar nicht unbedingt braucht.
Wo liegen die Versuchungen unseres Alltages, denen wir immer wieder erliegen und damit unsere Welt verbrauchen? Woher kommt unser Bedürfnis nach Haben statt sich mit dem Sein zufrieden zu geben? Wer ist dieser Satan, der uns immer wieder unzufrieden werden lässt, mit dem was wir haben und sind? Würde uns jenes Bekenntnis zu einem Geschichtsmächtigen Gott hier helfen? Kann uns dieses Bekenntnis vom Weg des Tot- Konsumierens abbringen? Wie würde sich unser Blick auf uns selbst verändern, wenn wir unsere Leistungen nicht mehr zuerst uns selbst zuschreiben, sondern dem zusprächen, der uns die Grundvoraussetzung dafür geschenkt hat? Sich zu verstehen als ein auf einen Geschichtsmächtigen Gott bezogenes Wesen schafft Beziehung zu den Ressourcen unseres Lebens. Zu unserer Heimat. Unserer Erde. Beziehungen können vor der Versuchung schützen, maßlos auszubeuten. Sich selbst genauso, wie die Erde.

 

Röm 10,8-13:


Zum Kommentar: Die Worte „in deinem Munde und in deinem Herzen" beziehen sich auf Dtn 30.14 und richten sich gegen die buchstäbliche Beobachtung des Gesetzes. Die Israeliten waren damals zerstreut und in Gefangenschaft. Der Tempel und der Altar des Herrn waren unerreichbar, eine buchstäbliche Anwendung des Gesetzes also nicht möglich. Religion wird nicht mehr von einer Struktur getragen oder anders wird von der Struktur befreit. Es muss das Wort Gottes selbst sein, das Mund und Herz des Menschen erreicht. Der Glaube ist jetzt für den Juden, wie auch für alle das einzige Mittel, um Gott zu erreichen.

Was bedeutet es, mit einem Herzen zu glauben? Man glaubt mit dem Herzen, wenn man an der Sache, an welche man glaubt, ein wirkliches Interesse hat. Es geht um die Sache, die man sich ersehnt und zugleich an ihrer Wahrheit nicht zweifelt. Der Gläubige erfährt, dass in dieser Sache das Heil liegt und deshalb sucht er danach: sein Glaube muss auf eine Wahrheit gerichtet sein, die ihn, weil sie auf dem Zeugnis Gottes beruht, völlig sicher stellt: Gott versichert dem, der glaubt, dass die Errettung sein Eigentum ist. Der Glaube des Herzens wird im Bekenntnis des Mundes deutlich während umgekehrt das Bekenntnis Beweis für die Aufrichtigkeit des Glaubens wird.

Regeln und Konventionen sind wichtig. Können der Kitt einer Gesellschaft, menschlichen Zusammenlebens sein. Überregulation und zu eng Konventionen oder Traditionen, die keine Veränderung zulassen, das Individuelle verhindern kosten Kraft und Energie. Wir arbeiten uns daran ab. Wie befreiend ist da die Vorstellung eines glaubenden Herzens, das im Bekenntnis erfahrbar wird. Dabei darf es selbstverständlich kein Lippenbekenntnis bleiben, sondern es muss jene tiefe Sehnsucht nach der Wahrheit darin sichtbar werden. So wird die Wahrheit im Glauben zu einer lebe digen Wahrheit, die von Zwängen befreit. Ressourcen freisetzt...

 

Lk 4,1-13:


Jesus war vierzig Tage ohne Nahrung. In diese Situation hinein spricht der Versucher: „Wenn du Gottes Sohn bist, so sprich, dass diese Steine zu Broten werden. Er aber antwortete und sprach: Es steht geschrieben: ,Nicht vom Brot allein soll der Mensch leben, sondern von jedem Wort, das durch den Mund Gottes ausgeht'." Jesus stellt einen Bezug zum Exodus (Dtn 8) her: Das Manna ist die tägliche Nahrung Israels. Es war Ausdruck der Abhängigkeit von Gott und verdeutlicht, dass Israel nicht die Hilfsquelle der Welt benötigte, um erhalten zu bleiben. Sie erwarteten nicht, dass irgendein reiches Land sie mit dem Überfluss seiner Ernte unterstützte, noch waren sie abhängig von Gold und Silber. Bevor Israel ein Land bearbeiten und dessen Früchte genießen konnte, wurde es allein von Gott versorgt. In der Wüste, aus der er sie geführt hatte, stellte er sie auf die Probe. Leider waren sie es nicht.

In der Zeit der Globalisierung werden die Menschen von Eindrücken, Wertemodellen, Bildern und Orientierungsmöglichkeiten überschwemmt. Was ist gut, was richtig? Was brauche ich, was nicht? Welches Beziehungsmodell ist das richtige... Orientierung in Orientierungslosigkeit zu finden ist nicht leicht. Interessant ist ja, dass die Versuchung in der Wüste da anfängt, wo das Leiden am augenscheinlichsten ist und von dort weiter bewegt. Wie können wir erkennen, was Versuchung ist und was nicht? Jesus fand sie darin, indem er sich an seinen Vater hielt. Einen Weg durch die Energie und Lebenszeit kostende Reizüberflutung, Fragen der Globalisierung und Vernichtung der Umwelt zu finden kann vermutlich nur ein mystischer sein. Jener Weg, der den Menschen in eine Distanz von allem Äußeren stellt, um sich frei zu ihr zu verhalten. Auch Jesus ging in die Stille, immer wieder, um sich selbst, seinen Weg und darin den Willen seines Vaters zu finden.

Jörg Rinderknecht

www.daskirchenjahr.de
www.bibelkommentare.de: Hermanus Cornelis Voorhoeve; William Kelly
Geistliche Übungen von Ignatius von Loyola: Peter Knauer, Echter. Oktober 2008

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