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Letzter Sonntag im Kirchenjahr / Christkönigssonntag (24.11.13)

Christkönigssonntag / Totensonntag

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
(letzter Sonntag:) Mk 13, 31-35
(Totensonntag:) Mt 22, 23-33
2 Sam 5, 1-3 Kol 1, 12-20 Lk 23, 35-43


Der letzte Sonntag im liturgischen Jahr ist mit einer doppelten Bedeutung belegt, in der katholischen Kirche feiert man den Christkönigssontag, in der evangelischen den Totensonntag. Beide Zuschreibungen eint ein gemeinsamer Aspekt, es ist der des Abschieds. Mitten im November passt solches Denken gut zur Jahreszeit: Gedanken von Macht und Machbarkeit des Lebens erhalten auch durch die Natur ein Korrektiv.

Die Anerkennung Davids als König von ganz Israel (2 Sam 5,1-3) beschreibt den Beginn eines machvollen Königtums. Seine Salbung als König von Juda und von Israel brachte eine politische Blütezeit hervor, nach der sich das Volk noch Jahrhunderte später sehnte. Dennoch ist die Einführung des Königtums nicht unumstritten, Samuel warnt vor seinen Folgen, vor Machtgier und dem Sklavenstatus des Volkes. Aber Israel besteht darauf, so zu sein wie die anderen Völker (1 Sam 8,19). Dieser Wunsch ist eine Absage an die Alleinherrschaft Gottes. Samuel legt den Finger in die Wunde, wenn er dem Volk vorwirft, mit der Königsalbung Gott verworfen zu haben, der bis dahin Retter in allen Nöten war. So hält Samuel den Glauben wach, der die Geschichte Israels bleibend prägt: Jahwe ist König. David verkörpert den idealen König, seine Machtentfaltung holt keiner seiner Nachfolger mehr ein, umso größer wurden die Erwartungen an den Messiaskönig. Hier wäre ein Predigtgedanke möglich, der die Gefahr überzogener Erwartungen aufgreift, das Unwiederholbare einer einmal als wunderbar erlebten Situation. Solche Glorifizierung der Vergangenheit erkennt die Chancen der Gegenwart nicht an, ja, missachtet sie.


In der zweiten Lesung, dem Christushymnus im Kolosserbrief (Kol 1,12-20) steht der in den Himmel Aufgefahrene unangefochten im Mittelpunkt. Jesus und die Beschreibung seiner Vorrangstellung dient den kolossäischen Christen gegen Verunsicherung und Anfeindung. Sie sollen wissen, dass die Schöpfung der Welt Teil der Heilsgeschichte Gottes mit den Gläubigen ist. Alles dient ihrem Guten. Auch Gottes Sohn. Die Bezeichnung „Erstgeborener" ist ein Königstitel, bezeichnet einen einzigartigen Menschen. So wenig wie die Weisheit der Weltschöpfung verstanden wurde, so wenig wurde Jesus als Messias gehört und geachtet. Erst im Himmel erhalten Schöpfung und Jesus ihren angestammten Platz, verwirklichen sich Gottes eigentlicher Wille und Absicht.

Es ist der letzte Vers (V.20), der von der Paradoxie berichtet, der Friede der Schöpfung wurde durch das Blut am Kreuz gestiftet. Wir wissen, dass der Königstitel Jesu auf der Holzplatte an einem Kreuz angenagelt Hohn bedeutete.

Lukas (23,35-43) beschreibt diesen Spott über einen wehrlosen König. Anders als bei Markus soll die eigene Hilfe nicht bedeuten, dass er vom Kreuz herabsteigt. Lukas verschärft den Ton: Jesus wird drei Mal zur Tat aufgefordert, wenn er tatsächlich der Erwählte sei. So ist Jesus vorher in der Verklärungsszene von der Himmelsstimme angeredet worden (9,35). Volksführer und Soldaten lästern über den leidenden Erwählten, was für die jüdische Messiaserwartung eine unmögliche Vorstellung ist. In V 39 wird Jesus zum dritten Mal als Messias verhöhnt, was das Glaubensbekenntnis des zweiten Verbrechers provoziert. Trotz Jesu Hilflosigkeit bittet dieser, dass Jesus an ihn denken möge, wenn er in sein Reich komme. Jetzt nimmt Jesus ganz selbstverständlich die messianische Vollmacht an und verheißt – wider allen Augenschein – dem Glaubenden einen Platz im Paradies.

Diesem Gekreuzigten sollen Herrlichkeit und Herrschermacht zukommen? Mit einem König assoziiert man Macht und deren Erhalt, Durchsetzung, evtl. Reichtum auf Kosten anderer. Solche Bilder sind bis heute aktuell, ja, sie prägen auch uns, die wir als starke, unabhängige Individualisten unser Leben in der Hand zu halten glauben. Phantasien von Macht und Reichtum stehen am Anfang von so mancher Berufsentscheidung und finden im Alltag des Lebens neben einer möglichen Bestätigung auch die Erfahrung von unglaublicher Anstrengung, je älter man wird. Oder sie zerbrechen auf dem langen Lebensweg, enden jäh bei Krankheit, Trennung oder Insolvenz. Auch der Kolosser-Hymnus kann nicht darüber hinweg täuschen, dass Jesus im irdischen Leben als König gescheitert ist. Auf ihn trifft aber etwas anderes zu, was bereits die alten Lieder Israels über den verheißenen König der Zukunft sangen: Er erbarmt sich der Armen, der Gebeugten und Schwachen. Er rettet das Leben der Armen. (Ps 72,12) Was heißt das für uns? Ich glaube, es geht nur so, dass wir die Sehnsucht nach fremdem und eigenem Königsein beenden. Dass wir uns Zacken für Zacken aus der eigenen Krone brechen, mit leeren Händen und offenem Herzen vor den mit Dornen gekrönten König treten und die Armut, die Hilflosigkeit und die Unsicherheiten unseres Lebens nicht länger überspielen. König sein geht – mit viel Glück und Gnade – für kurze Zeit, aber selbst David konnte seine Macht nicht vererben. Von der heiligen Elisabeth wird erzählt, dass sie jedes Mal ihre Krone ablegte, wenn sie eine Kirche betrat. Sie hat geahnt, dass es nur einen König gibt und dieser anders war als die gekrönten Häupter ihrer Zeit.

Im Sinne der Nachhaltigkeit kann hier ein Hinweis auf den noch immer vorhandenen Herrschaftsanspruch mancher in der Kirche sinnvoll sein. Wir Getauften sind Brüder und Schwestern. Das verbietet jedes herrschen wollen, das gebietet einen geschwisterlichen Umgang. Alle getauften Gläubigen haben das Recht, miteinander zu reden, zu streiten, gemeinsam zu schauen, wie es weiter geht mit der Kirche. Das bedeutet das Ende eines mit der Weihevollmacht scheinbar bis heute einhergehenden Rechts, von oben nach unten Glaubensinhalte und Lebensweisen vorzugeben.
Ein weiterer Aspekt kommt hinzu. Jesus verzichtet nicht auf jede Macht und bleibt leer zurück. Er setzt an Stelle jedes Herrschaftsanspruchs sein Vertrauen auf Gott, auf Gottes Willen zum Besten für jeden Menschen. Das kann nicht die Glorifizierung des Schwachen bedeuten, aber Zuversicht verheißen, Angst nehmen vor menschlicher Lebens-Ungewissheit. Und im Angesicht des Todes Verheißung auf die Vereinigung mit Gott „heute noch". (Lk 23,43)

Bei Markus' Warnungen im Hinblick auf das Ende (13,28-37) fragt man sich, ob der Evangelist die Abwesenheit Gottes bestätigen will. Warum sollen wir auf jemanden warten, dessen Ankunft derart ungewiss ist? Das Evangelium preist nicht einen toten Gott, wohl aber wirbt es für einen unbequemen Gott. Einen, der unerwartete Aktivitäten entwickelt. Hier taucht derselbe Grundzug wie in den katholischen Texten zum Tage auf: Dieser Gott erfüllt nicht die konventionellen Erwartungen an ihn. Wer am Totensonntag den Gottesdienst besucht, setzt sich den letzten Fragen unseres Menschseins aus. Wo bleiben wir, wenn wir gehen? Was bleibt von denen, die gegangen sind? Wir wollen Trost. Getröstet werden wollen ist eine Sehnsucht, ein wesentliches Motiv in einer Religion Sinn zu suchen. John Updike sagt es so:

„Eine Größe passt allen. Gestalt und Farbe des Gottes
oder des Paradieses sind nicht so wichtig wie dies:
dass einer da ist, wie und wo auch immer,
der das Stoßgebet hört und das Scherflein verbucht,
das die Witwe in den Tempel bringt. Ein Kind,
allein mit schrecklichen Wahrheiten, sehnt sich weinend
nach einer Grenze, einer warmen Wand, von deren
Steinen eine Antwort kommt, wie leise sie auch sein mag.
Seltsam, dies Übertriebene - wer braucht
die achtzehnarmigen schwarzen Kalis, die verstaubten Heiligen,
deren Knochen und blutende Wunden den guten Geschmack
verletzen, die Räucherstäbe, Huris, Buddhas und die Bücher,
die Wort für Wort auf goldnen Tafeln eingeschrieben stehn?
Wir. Wir brauchen mehr Welten. Diese wird vergehn."

Im ersten Vers nimmt Markus das Verlangen nach Trost auf, und dann setzt er den Kontrapunkt. Markus registriert die Verzögerung von Jesu Rückkehr in die Welt. So ist seine Warnung, die Zeichen der Zeichen der Zeit nicht vorschnell als Zeichen des Endes zu verstehen, sinnvoll. Das Beispiel vom verreisten Hausbesitzer soll helfen, die Enttäuschung zu verarbeiten. Der Akzent liegt auf der Wachsamkeit, weil die Rückkehr unberechenbar ist. Hier bedeutet es, Gott ist nicht weg, sondern er kommt, kommt zu uns. In eine Zeit, die sich als gottlos erfährt, dringt Gott ein. In unsere Tage, seine Straße ist der heutige Tag, ist diese Stunde. Das geschieht unspektakulär, die Ankunft ist nicht mit Sturmflut oder Vernichtung, aber auch nicht mit Schlaraffenland oder Harmlosigkeit verbunden. Seine Ankunft stellt alles an seinen richtigen Platz, in eine Ausrichtung auf ihn. Wachsam sein, sich nicht von der Ankunft Gottes überraschen lassen, bedeutet, Vertrauen zu haben, und unsere Welt und Zeit werden Gottes Wirkungsfeld. Das setzt einen Akzent gegen ein allzu regressives Trostbedürfnis. Das kann Trauernden auch einen nachhaltigen Schub in ihr neues Leben verleihen, wenn sie zu einem Tun aufgefordert werden, zu einer aktiv-wachsamen Haltung. In ihr hat die Dankbarkeit für die Vergangenheit ihren Platz, aber dazu stellt sich eine Perspektive der Ewigkeit, die über das eigene Leben und das des Verstorbenen hinausgeht.


Dieser weite Horizont der Lebensführung ist auch Thema bei Matthäus, 22,23-33. Der so genannte gesunde Menschenverstand tut sich schwer mit neuen, unerwarteten Entwicklungen. So ergeht es den Sadduzäern. Wenn Abraham, Isaak und Jakob bloß verwesende Leichname sind, dann sind sie vom lebendigen Gott völlig getrennt. Deswegen verkündete Jesus: „Gott ist nicht ein Gott der Toten".

Hier geht es um die Frage, wer ist Gott? Die Antwort lautet: Gott ist derjenige, der die Auferstehung der Toten vollzieht. Solches hilft zu einer Haltung der Dankbarkeit im Vorgriff auf das Ende. Darauf müssen wir immer wieder aufmerksam gemacht werden, dass das Ende unseres Daseins es nicht sinnlos macht, sondern dessen Voraussetzung ist: Nur was sterben kann, lebt. Nachhaltig helfen kann an kalten Novembertagen und den Gräberbesuchen die Erinnerung an die Verstorbenen sowie wachsam und dankbar der eigenen, verbleibenden Lebensfrist entgegen sehen. Es bleiben Stunden mit Furcht und Angst, aber daneben stehen Zuversicht und Vertrauen auf einen Gott, in dessen Liebe unser Leben und unser Sterben geborgen sind. 

Stefanie Wahle-Hohloch

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