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Drittletzter Sonntag im Kirchenjahr / 32. Sonntag im Jahreskreis (10.11.13)

Drittletzter Sonntag im Kirchenjahr / 32. Sonntag im Jahreskreis

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Lk 18, 1-8 2 Makk 7, 1-2.7a.9-14 2 Thess 2, 16 - 3, 5 Lk 20, 27-38


Am Ende des Kirchenjahres richtet sich der Blick der Kirchen auf das Ende der Zeiten. Das Leben der neuen Welt kommt in den Texten der letzten Sonntage genauso zur Sprache wie die Frage nach Sterben und Tod.
Das Proprium des drittletzen Sonntags ist die Wiederkunft Christi.

Die Predigttexte des drittletzten Sonntags könnten als Wahrnehmungen der Differenz zwischen dieser und der zukünftigen Welt beschrieben werden. Die Hoffnung auf das neue Leben der zukünftigen Welt prägt dabei in unterschiedlicher Weise die Wahrnehmung der gegenwärtigen Welt und die Art und Weise, wie Menschen sich in ihr orientieren.

Gesellschaftliches Engagement der Kirchen ist motiviert von solcher Differenzwahrnehmung: Als Christinnen und Christen engagieren wir uns für Veränderung, weil wir davon überzeugt sind, dass eine bessere Welt möglich ist – und dass die Hoffnung auf das neue Leben in der zukünftigen Welt schon in dieser Welt Gestalt gewinnen kann.

Klage und Gerechtigkeit – Lk 18,1-8 (evangelische Reihe V) und 2. Thess 2,16-3,5 (römisch-katholische Reihe C, 2. Lesung)

Das Gleichnis von der bittenden Witwe – oder: von dem ungerechten Richter kann sowohl in seiner Sach- als auch in seiner Bildebene in einer Nachhaltigkeitsdimension erschlossen werden.
Auf der Sachebene geht es um die Tatsache, dass eine Frau ihr berechtigtes Anliegen vor de Richter vorbringt, dieser aber wenig Bereitschaft zeigt, sich der Sache anzunehmen. Erst die Beharrlichkeit der Frau führt dazu, dass der Richter schließlich nachgibt und die Frau zu ihrem Recht kommt.

Gerechtigkeit ist ein Leitmotiv christlicher Ethik. Protestantische und römisch-katholische Soziallehre sind auf dem Prinzip Gerechtigkeit und dem biblisch begründeten Recht der Schwachen und Armen. Relativ neu ist dagegen in der kirchlichen Diskussion die Erkenntnis, dass die Dimensionen einer Ethik der Gerechtigkeit auch auf die Fragen des Klimawandels angewandt werden kann. Die kirchlichen Entwicklungsorganisationen sprechen von der „Klimagerechtigkeit", für die Christinnen und Christen eintreten sollten. Hinter dem Begriff „Klimagerechtigkeit" steht die Einsicht, dass insbesondere die Menschen in den industrialisierten Ländern mit ihrem Lebensstil auf Kosten der Länder des Südens, der Mitwelt und der zukünftigen Generationen leben. All' diese drei aber sind im Sinne der biblischen Option für die Armen die Schwachen, die in gegenwärtigen politischen Diskussion keine oder nur eine geringe Stimme haben. Diejenigen, die ihnen nicht Recht schaffen, sind in diesem Fall keine Richter, sondern die Staatengemeinschaft, der es nur zögerlich gelingt, unsere Welt auf den Weg zu einem nachhaltigen Lebensstil zu bringen.
In der Bildebene des Gleichnisses geht es darum, dass Jesus die Zuhörenden auffordert, mit ihren Gebeten und Klagen vor Gott genauso beständig zu sein wie die Frau vor dem ungerechten Richter. Von Martin Luther ist die Aussage überliefert, man müsse arbeiten, als ob alles Beten nichts nützt, und beten, als ob alles Arbeiten nichts nützt. Der Heilige Benedikt empfiehlt in seiner Ordensregel ebenfalls „ora et labora", bete und arbeite. Auch in der Lesung der römisch-katholischen Reihe aus dem 2. Thess kommt diese Bedeutung des Gebets als Fundierung des Engagements zum Ausdruck.

Die großen Gestalten der Kirchengeschichte haben sich bei allem konkreten Engagement stets durch eine tiefe spirituelle Gründung ausgezeichnet. Für alle, die sich heute christlich motiviert für gesellschaftliche Veränderung engagieren, sollten Benedikt und Luther, aber auch das Gleichnis Jesu eine Erinnerung daran sein, bei allem Engagement das Gebet nicht zu vergessen und eine Spiritualität zu entwickeln und zu pflegen, die ihrem gesellschaftlichen Engagement Tiefe gibt.
Das Gebet kann dabei übrigens auch der Ort sein, der Klage darüber Raum zu geben, dass alles konkrete Engagement für (Klima-)Gerechtigkeit so beschwerlich ist wie auf der Sachebene unseres Gleichnisses...

In der Hoffnung auf das kommende Reich das Unaushaltbare aushalten – 2. Makk 7,1-14 und Lk 20,27-38 (römisch-katholische Reihe C, 1. Lesung und Evangelium)

Mit fast unerträglicher Detailtreue beschreibt das 2. Buch der Makkabäer Folter und Martyrium von sieben Brüdern und ihrer Mutter. Sie durchleiden diese unaushaltbaren Qualen im Vertrauen darauf, dass ihre Treue zum Gesetz bei Gott Lohn empfangen wird. Sie vertrauen auf das Erbarmen Gottes (v.6) und darauf, dass sie von ihm neues Leben empfangen werden (v.14 – und noch schöner, außerhalb des Lesungstextes, v.23).
Die Diskussion Jesu mit den Sadduzäern über die Auferstehung macht deutlich, dass wir bei der Frage, wie das Leben im Reich Gottes aussehen wird, an die Grenzen unserer Vorstellungskraft gelangen. Auch die Mutter und ihre sieben Söhne können in ihrem Martyrium darüber nur in Bildern sprechen. Wie Jesus sind sie aber von der Überzeugung getragen „Gott ist nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebendigen" (Lk 20,38).
So diffus und vage die Vorstellungen vom Reich Gottes auch bleiben mögen – sie geben Kraft, die Differenzen der gegenwärtigen Welt zu ertragen. Auch der Apostel Paulus weiß: „Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, so sind wir die elendesten unter allen Menschen." (1. Kor 15,19).

Die Hoffnung auf das Reich Gottes ermutigt also zum Engagement – sie entlastet aber auch bei allem unseren Engagement: So viel wir uns nämlich auch für eine bessere Welt einsetzen mögen – nicht wir sind es, die das Reich Gottes schaffen, sondern Gott selbst macht dieses Leben der neuen Welt möglich. Wir mögen scheitern, Gott bleibt sich und seiner Verheißung treu. Wir können daher mit Gelassenheit und Beständigkeit ans Werk gehen. Benedikts Rat (s.o.) sollten wir dabei nicht vergessen: „ora et labora"!

Wolfgang Schürger

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