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Reformationstag (31.10.13)

Reformationstag

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. Evangelium
Jesaja 62, 6-7.10-12 Röm 8, 31b–39 Lk 13, 31 - 35


Der Autor geht auf alle drei Texte des Festtages ein. Der Bezug zur Thematik der Nachhaltigkeit ergibt sich in der Aufforderung, Gott an seine Zusagen zu erinnern (Jes 62), das Vertrauen auf letzte Macht Gottes über die dämonischen Mächte überindividueller Strukturen (Röm 8) und die Notwendigkeit zur Bereitschaft zu Konflikten (Lk 13).

 

Jesaja 62,6-7.10-12 – Gott will erinnert werden

Eine Vision für ein glückliches, reiches und mächtiges Jerusalem wird in diesem dritten Teil des Jesajabuches entworfen - Ausdruck der Hoffnungen, die mit dem staatlichen Wiederaufbau unter Nehemia verbunden waren. Es sind Visionen, die bis heute in den Herzen mancher jüdischer Brüder und Schwestern brennen. Visionen, die in gefährlicher Weise zionistisch akzentuiert werden können.
Faszinierend ist die Aufforderung an die Wächter in den Versen 6f. Keine Ruhe sollen sie sich gönnen, Gott immer wieder an seine Zusagen zu erinnern. Gott soll gefordert werden, Gott will gefordert werden. Gott muss erinnert werden an seine Zusagen – so auch an die Zusage am Ende der Erzählung von der Sintflut, dass Gott seine Erde erhalten werde und dass „solange die Erde währt, sollen nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht" (Gen 8,22). Alles menschliche Bemühen um Nachhaltigkeit steht unter dieser Zusage – eine Zusage, an die Gott auch unter Bitten und Flehen erinnert werden soll. Gott will erinnert werden, Gott muss erinnert werden.

 

Röm 8, 31b – 39 - Keine Macht der Welt kann von Gott trennen

In einer unvergleichlich dichten Sprache drückt Paulus sein Vertrauen auf Gott aus – nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes. Diese Formulierung ist genauso apodiktisch wie die Zusage vom Ende der Sintfluterzählung und genauso eindringlich wie die Aufforderung aus dem Jesajabuch, Gott zu erinnern. Christen und Christinnen gehören auf die Seite, die das Leben fördert. Keine Macht dieser Welt, kann sie von Gott trennen.
Die Rede des Paulus von Mächten und Gewalten scheint auf den ersten Blick einem antiquierten Weltbild zu entstammen, das von guten und bösen Geistern, Engeln und Dämonen durchzogen war. Die oft nicht greifbare, schier unfassbare Macht überindividueller Strukturen jedoch lässt uns heute die Rede von Mächten und Gewalten wieder neu verstehen. Internationale Netzwerke, die sich von dem selbstverständlichen Vorrang des Kapitals leiten lassen, entwickeln in ähnlicher Weise dämonische Kräfte wie im individuellen Denken die Suggestion, dass (Geld-) Besitz Sicherheit bedeutet. Nachhaltigkeit bedeutet jedoch gerade, die Macht des Geldes in persönlichen wie im gesellschaftlichen Denken zurückzudrängen. Das Kunstgebilde Geld droht alle Teile der Schöpfung zu Waren zu machen, deren Wert in eben diesem Geld taxiert werden kann. Nachhaltig denken heißt jedoch, vom Denken in Geldbeträgen Abstand zu nehmen. Nachhaltig handeln heißt, sich der dämonischen Macht des Geldes immer wieder zu entziehen.
Die Zusage, dass uns keine Mächte und Gewalten von der Liebe Gottes trennen können, auch nicht die Macht des Geldes, gibt einerseits die Kraft für das Bemühen, dem Geld im eigenen Leben keinen großen Raum zu gewähren, und anderseits die Hoffnung, dass die Macht des Geldes in den überindividuellen Strukturen auch nicht das letzte Wort behalten wird.

 

Lk 13, 31 – 35 - Das letzte Wort in Konflikten

Der Evangeliumstext lenkt den Blick auf Jesus aus Nazareth, seinen Kampf gegen dämonische Kräfte und seine Konflikte mit den Machthabern seiner Zeit. Unser Denken und Leben als Christinnen und Christen orientiert sich an diesem Leben Jesu. Seine Konflikte haben unsere Konflikte vorgezeichnet, denn auch der Kampf mit den „Dämonen" unserer Zeit führt zu Konflikten - zu Konflikten im je individuellen Menschen selbst und zu gesellschaftlichen Konflikten. Der Blick auf das Leben Jesus ist jedoch ernüchternd. Seine Macht über Dämonen hat nicht verhindert, dass er hingerichtet wurde. Die Evangelien öffnen aber den Blick von Ostern her über den Karfreitag hinaus. Der Tod, auch der gewaltsame Tod ist nicht das letzte Wort. Das letzte Wort – auch dieser Perikope – ist: „Gesegnet sei, der da kommt im Namen des Herrn!"

 

Vertrauen gegen Machbarkeitswahn

Die drei Texte dieses Tages können auf einer Linie gesehen werden. Nicht Nachhaltigkeit im engeren Sinne ist ihr Thema. Aber sie sprechen hinein in die Situation, die sich ergibt, wenn Nachhaltigkeit zu einer Richtschnur individuellen und gesellschaftlichen Handeln gemacht wird. Eine Situation, die dadurch gekennzeichnet ist, das die Denkmuster und (bewussten sowie unbewussten) inneren Antriebe, die Nachhaltigkeit verhindern, auf einem langen, konfliktreichen Weg überwunden werden müssen. Im Sinne biblischen Glaubens machen sie Mut, darauf zu vertrauen, dass Gott auf diesem Weg ein naher Begleiter ist – und darauf, dass Gott an seine Zusagen für seine Welt erinnert werden kann und will.

Dieser konfliktreiche Weg kann anhand zum Zeitpunkt der Predigt aktueller Ereignisse konkretisiert werden. Mir persönlich ist dabei – gerade auch auf dem Hintergrund immer wieder neue errechneter Untergangsszenarien – die Zusage Gottes am Ende er Sintfluterzählung, diese Welt zu erhalten, wichtig. Diese Zusage soll sicher nicht motivieren, die Notwendigkeit nachhaltigen Handelns und Wirtschaftens weniger dringlich erscheinen zu lassen. Sie soll aber verhindern, den neuzeitlichen Machbarkeitswahn, der uns zu einer Ressourcen verschwenden Lebensweise hat kommen lassen, nun auf die Lösung dieser selbst gemachten Probleme zu übertragen. Machbarkeitswahn macht so oder so blind und bedarf als Korrektiv des Vertrauens auf Gott.

 

Reformationsfest

Der 31. Oktober als Reformationstag lenkt den Blick in besondere Weise auf die Kirche. Die Theologen der Reformationszeit stellten die Unverfügbarkeit der Gnade und Zuwendung Gottes heraus - und in derselben Weise die unbedingte Zusage dieser Zuwendung und Gnade. Deshalb ist es die Aufgabe von Kirche, die Angewiesenheit der Welt auf Gott immer wieder herauszustellen – eben auch gegen alle Machbarkeitsphantasien.
Zugleich erinnert das Reformationsfest die sich immer erneuernde Kirche daran, ihre eigene Irrwege und Sackgassen deutlich wahrzunehmen und zu verlassen. Das gilt auf für nachhaltiges Denken und Handeln. Kirche hat die Aufgabe, Vorbild für andere zu sein – auch darin, die mit dem Weg zur Nachhaltigkeit verbundenen Konflikte angemessen zu bearbeiten.

Dr. Michael Gärtner

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