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20. Sonntag nach Trinitatis / 28. Sonntag im Jahreskreis (13.10.13)

20. Sonntag nach Trinitatis / 18. Sonntag im Jahreskreis

 

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Mk 2, 23-28 2 Kön 5, 14-17 2 Tim 2, 8-13 Lk 17, 11-19

Im Folgenden konzentrieren wir uns auf Mk 2,23-28. Bei 2. Kön. 5,14-17, 2. Tim. 2,8-13 und Lk. 17,11-19 konnten wir keinen sachgemäßen Bezug zum Thema Nachhaltigkeit feststellen.

EKD Reihe V

Mk 2,23-28

Das Sabbatgebot ist eine der Quellen aus der jüdisch-christlichen Tradition für das Thema Nachhaltigkeit: Ruhe für die ganze Schöpfung, Unterbrechung des die Menschen bestimmenden Arbeitsrhythmus. Der Text Mk 2,23-28 bringt das Sabbatgebot in Erinnerung.
Um Mk 2,23-28 so zu verstehen, braucht es eine exegetische Vorbemerkung.

Die Predigt- und Kommentarliteratur zu Mk 2,23-28 wird von einem Gedanken bestimmt: Jesus korrigiert in göttlicher Vollmacht die lebensfeindlichen Sabbatregeln des antiken Judentums. Dadurch rückt Jesu Vollmacht in den Mittelpunkt; der Sabbat tritt in den Hintergrund.
Wir hingegen verstehen die Erzählung in Mk 2,23-28 als einen Beitrag zur jüdischen Auslegung des Sabbatgebotes. Jesus legt wie ein jüdischer Schriftgelehrter das Sabbatgebot für die Erfordernisse seiner Zeit aus, er aktualisiert es.
In Mk 2,23-28 geht es um das Problem: Kann die Nachfolgegemeinschaft um Jesus den Sabbat mit leerem Magen feiern?
Die Menschen, die mit Jesus unterwegs sind, haben Hunger.

In der antiken jüdischen Diskussion um das Sabbatgebot wird betont, dass bei Gefahr für Leib und Leben die Beschränkungen des Sabbatgebotes (hier: Ausführen von Erntearbeiten) aufgehoben sind. Die Gefahr für Leib und Leben kann, das zeigt Klaus Wengst anhand der rabbinischen Diskussion zum Sabbatgebot, früh anfangen: „Schon bei Halsschmerzen kann man ja nicht wissen, wohin sie führen." (Jesus zwischen Juden und Christen, S. 56)
Die Jüngerinnen und Jünger sollen den Sabbat nicht hungrig feiern – das ist die Position von Mk 2. Die Erzählung unterstreicht die Bedeutsamkeit dieses Feiertages. Das wöchentliche Gedenken an die Schöpfungstaten Gottes und an die Befreiung aus Ägypten soll nicht durch Hunger und materielle Unsicherheit eingeschränkt oder gar verhindert werden. Hier erinnert der Text auch an die Manna-Geschichte in Ex 16: Israel erhält für den 7. Tag genug zu essen.

So ist in der jüdischen Auslegungstradition das Wohlergehen der Menschen das Kriterium dafür, wie der Sabbat geheiligt wird, welche Handlungen am Sabbat gestattet sind oder nicht. Mk 2,27 bewegt sich damit eindeutig im Strom jüdischer Toraauslegung. Versteht man in Mk 2,28 das griechische hyios tou anthropou nicht als christologischen Hoheitstitel (wie die meisten Bibelübersetzungen) sondern als sprachlichen Ausdruck für ‚Mensch' (so die Übersetzung von „Bibel in gerechter Sprache"), wird dieser Gedanke noch verstärkt: Die Ausgestaltung des Sabbats ist an den Menschen orientiert.
Bei einer Auslegung von Mk 2, 23-28 in unserem Kontext sollte noch folgendes berücksichtigt werden: Die Situation der Nachfolgegemeinschaft, die immer wieder unter Hunger und materieller Armut zu leiden hat, sieht völlig anders aus als die Lage von Menschen in der westlichen Überflussgesellschaft. Die einen müssen mit dem Zuwenig umgehen, die anderen haben zuviel. Das hat Konsequenzen für die Praktizierung der Ruhe am siebten Tag.

Die Geschichte in Mk 2,23-28 provoziert heutige Leserinnen und Leser sich zu fragen, welche Bedeutung der siebte Tag und seine Heiligung für sie haben. Mk 2,23-28 ruft den Sabbat in Erinnerung.
Wir halten zwei Aspekte des Sabbatgebotes in Bezug auf das Thema Nachhaltigkeit für wichtig: Unterbrechung und Ruhe. Der siebte Tag unterbricht die Arbeit der Woche. Das Leben soll nicht zur Gänze Arbeiten und Immer-mehr-Erwirtschaften sein. Der Sabbat setzt den Arbeits- und Wirtschaftsprozessen unserer Gegenwart eine Grenze. Durch die Unterbrechung entsteht ein Freiraum, der Menschen vor einer grenzenlosen Ausbeutung ihrer selbst schützen will. Die im Sinne gegenwärtiger Ökonomie unproduktive Ruhe am Sabbat ist damit zum Wohle der Menschen. Das Sabbatgebot fragt danach, was Menschen in unserer Gesellschaft neben der Arbeit, die materielle Lebensgrundlagen sichert, noch zu einem menschenwürdigen Leben brauchen.

Die Sabbatruhe bezieht nach Ex 20,10 und 23,12 auch die Tiere mit ein. In Lev 25,3-7 geht es um ein Sabbatjahr für das Land. Die Sabbatruhe bleibt nicht auf den Menschen beschränkt, sie gilt der ganzen Schöpfung. Einer ungebändigten Ausbeutung der Natur soll eine Grenze gesetzt werden. Die natürliche Umwelt der Menschen steht ihnen nicht grenzenlos zur Verfügung. Die Erinnerung an das Sabbatgebot in Mk 2 fragt auch danach, wo Menschen durch ihre Lebens- und Wirtschaftsweise die von Gott im Sabbatgebot gesetzte Grenze überschreiten.

Katja Jochum und Prof Dr. Carsten Jochum-Bortfeld

Literatur:
Frank Crüsemann: Maßstab: Tora. Israels Weisung für christliche Ethik, Gütersloh 2003
Carsten Jochum-Bortfeld: Die Verachteten stehen auf. Widersprüche und Gegenentwürfe des Markusevangeliums zu den Menschenbildern seiner Zeit, Stuttgart 2008.
Klaus Wengst: Jesus zwischen Juden und Christen, 2. Aufl. Stuttgart 1999.

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