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16. Sonntag nach Trinitatis / 24. Sonntag im Jahreskreis (15.9.13)

16. Sonntag nach Trinitatis / 24. Sonntag im Jahreskreis

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Lk 7, 11-16 Ex 32, 7-11.13-14 1 Tim 1, 12-17 Lk 15, 1-32

Zur Situation (von Pfarrer K.-D. Stark): Die Region Oberfranken, zu der Coburg gehört, ist eine der am stärksten industriell geprägten Regionen in Europa. In der Nähe von Dörfles-Esbach liegt ein großes Müllheizkraftwerk. Der Ort Dörfles-Esbach ist durch hohe Wohndichte geprägt (höhere Bevölkerungsdichte pro Quadratmeter als z.B. München). Die Verbesserung der Infrastruktur nach der Grenzöffnung bedeutete für den Ort eine Umklammerung durch hoch frequentierte Straßen, z.B. eine Bundesautobahn und den Neubau einer ICE-Strecke. Unbebaute Landschaft gibt es in Sichtweite nicht mehr. Der Bau eines neuen Verkehrsflugplatzes, wie von der örtlichen Industrie gefordert, wird glücklicherweise wahrscheinlich nicht umgesetzt.

 

Lukas 17, 11-16

1. Bezug zum Kirchenjahr
Der 15. Sonntag nach Trinitatis liegt in der „festlosen Zeit" des Kirchenjahres im Herbst. Nur im Bundesland Bayern ist der Termin als erster Sonntag nach den Sommerferien besonders akzentuiert. Das Thema des Sonntags lautet: „Jesu Macht über den Tod"

2. Auslegung
Die Wundergeschichte gehört zum Sondergut des Lukas Lukas betont in seinem Evangelium, dass Jesus in seinem Wirken das Reich Gottes bringt.
Er bedenkt besonders die Armen und Schwachen. Die Witwen stehen im AT, wie im NT für die Schwächsten der Gesellschaft. Die Not der Witwe, die mit dem Sohn zugleich alle Hoffnung auf eine gute Zukunft verliert, steht stellvertretend für die leidgeprüfte Menschheit insgesamt. Der auferstandene Jesus ist der, der den Tod überwindet und damit Hoffnung für die ganze Welt bringt.
Die Lage der Frau erinnert mich an die Ökologische Situation unserer globalen Welt. Experten weisen immer wieder daraufhin, dass die Erde aufgrund von Klimaerwärmung, Raubbau usw vor dem tödlichen Infarkt steht. Wie in der Geschichte hat sich der Trauerzug schon aufgemacht. Viele ziehen darin mit und halten die Katastrophe für unabwendbar. Dies führt zu Hoffnungslosigkeit und Resignation wie bei der Witwe. Mancher heuchelt aber auch Trauer. Der eigene aufwändige Lebensstil der Verschwendung und Bequemlichkeit wird dann damit entschuldigt, „dass sich sowieso nichts mehr ändern lässt".

Die Hauptleidtragenden sind die Armen, darunter besonders oft auch Frauen und Kinder in den schwächer entwickelten Ländern der Erde. Sie können sich gegen die Folgen der globalen Gefahr, wie z.B. häufigere Naturkatastrophen, am wenigsten wehren.
Die Wende zum Guten bringt in unserem Bibeltext das Hinsehen. Jesus sieht die Not und das Elend. Er schaut nicht weg, sondern hin. Er erfasst die Situation nicht nur mit kühlem Intellekt, sondern vielmehr emotional: „Sie jammerte ihn" (V. 13 nach Luther) bedeutet, dass er Mitleid und Erbarmen mit der Frau zeigt. Das griechische Wort „splanchnizomai", sich erbarmen, geht dabei auf ein hebräisches Wort zurück, das den Mutterschoß, also die Gebärmutter assoziiert. Der Test sagt also, Jesus empfindet wie eine Mutter. Zum Umdenken gehören also mütterliche Gefühle: Wer das Wunder von Gottes Schöpfung spürt wie eine Mutter bei der Geburt ihres Kindes, der wird die Welt nicht verloren geben.
Um die ökologische Katastrophe abzuwenden, bedarf es zuerst des Mitleids mit der bedrängten, geplagten Natur. Und dann im zweiten Schritt des mutigen, getrosten Handelns vieler Menschen im Vertrauen darauf, dass Gott mithilft. Unsere Perikope Lk 7, 11-16 kann dazu ermuntern, mit dem wunderbaren Gott zu rechnen, sogar angesichts ausweglos erscheinender Not. Gott schenkt neue Hoffnung für unsere Welt.

 

Exodus 32, 7-11.13-14

1. Bezug zum Kirchenjahr
Für den 24. Sonntag im Jahreskreis gilt das schon beim obigen Text Geschriebene.

2. Auslegung
Die Perikope ist wohl ein späterer Einschub. Das Kapitel 32 wurde wird als deuteronomistisch überarbeitet angenommen. In der vorliegenden Textgestalt wird das Goldene Kalb negativ bewertet. Die Erzählung spielt in der Wüste, wo Israel ganz auf Jahwe angewiesen ist. In den Kapiteln davor wird berichtet, wie wunderbar Gott das Volk aus der Sklaverei in Ägypten gerettet hat und durch die 10 Gebote (Ex 20) und andere Rechtssatzungen (Ex 21-13) ein geregeltes, soziales, freiheitliches Miteinander etablieren will. Doch Israel bricht mit Gott und setzt die neue Freiheit wieder aufs Spiel. Es versucht Gott mit einem Gottesbild verfügbar zu machen und setzt dabei auf falsche Sicherheit. Der verfügbare Gott aus Gold wird das Überleben nicht sichern, sondern nur der lebendige, unverfügbare Gott.

Das Bild des Kalbes, bzw. des Stieres steht im Alten Orient für ein Gottessymbol, das Fruchtbarkeit, Wachstum und Erfolg garantieren soll.
Auch heute gibt es materielle Güter, die als Statussymbole, wie Auto, Haus oder Aktienanlagen Sicherheit vorgaukeln. Das Bild des Stieres taucht als Bulle auch in unserem Wirtschaftssystem wieder auf. Der Bulle steht in der Terminologie der Börsen für anziehende Börsenkurse. Er ist ein Symbol für das Credo des endlosen quantitativen Wachstums der Wirtschaft. Wie im Text Ex 32 das Kalb steht es erst einmal für Reichtum und Erfolg. Doch die Schattenseiten werden immer ofensichtlicher: Der materielle Erfolg ist sehr ungleich verteilt. Nur wenige profitieren, andere müssen ihn mit unwürdigen Lebens- und Arbeitsbedingungen erkaufen. Die Sklaverei in Ägypten geschieht heute weltweit. Die ökologischen Folgen des ungezügelten Wachstums sind weltweit zu sehen, besonders deutlich auch im Wachstumsland China.

Der Gott hinter dem Wachstum heißt Erfolg um jeden Preis. Er verspricht nur scheinbar Sicherheit. Es braucht deswegen auch heute Propheten wie Mose, die auf die Irrwege hinweisen und zur Umkehr aufrufen.

Die Perikope Ex 32 zeigt, dass Umkehr möglich ist. Umkehr zu einer nachhaltig gestalteten Weltwirtschaft, in der das Wohl des Menschen und der Schöpfung an erster Stelle steht.
Mutmachen kann der V.14: Gott ist zwar zornig über das Fehlverhalten seines Volkes, aber er erbarmt sich wieder und will die Rettung. Wie in der Sintflutgeschichte (1.Mose 8, 21) will er nicht den Tod, sondern das Leben. Wer auf ihn vertrauen kann, muss nicht mehr den Statussymbolen des Goldenen Kalbes nachrennen.

 

1. Timotheusbrief 1, 12-17

Der 1. Timotheusbrief wird mehrheitlich als deuteropaulinisch angesehen. Er wurde wohl in einer Zeit geschrieben, in der das junge Christentum in eine ernste Krise geraten ist: Die baldige Wiederkunft Christi ist ausgeblieben. Sie müssen lernen, dass Christus erst später wiederkommt und sie eine längere Zeit überbrücken müssen. Der Verfasser verwendet in seinem Hymnus eine „Paulus Legende" (so J. Becker, Paulus: der Apostel der Völker, Tübingen 1989). Am Leben von Paulus erweist sich die Gnade und die Langmut Gottes. Die Nachhaltigkeit wird an diesem Wort Langmut (V.16) deutlich: Gottes Gnade ist nicht auf kurzfristigen Erfolg aus, sondern verfolgt geduldig und beharrlich ihr Ziel.

Diese Langmut ist auch im Alltag, z.B. in den Gemeinden wichtig. Natürlich ist es großartig, wenn gelegentlich ein neues kirchliches Gebäude mit besonderen ökologischen Qualitätsmerkmalen gebaut wird. Doch im Gemeindealltag geht es eher um die mühevolle Kleinarbeit, z.B. vorhandene Gebäude durch viele kleine Maßnahmen ökologisch zu verbessern. Wichtig ist dabei ein Umdenken: Was nützt das umweltfreundlichste, optimal gedämmte Gemeindehaus, wenn im Winter Türen und Fenster offen gelassen werden. Wenn aber z.B. einem Chor klar wird, dass es sich auch in einem nicht so stark geheizten Raum gut proben lässt, dann denken die Sängerinnen vielleicht auch anderswo an das Energiesparen. Solche Verhaltensumstellungen lassen sich aber nur mit viel geduldiger Langmut umsetzen.

 

Lukas 15, 1-32

Aufgrund der Länge dieses Textes soll hier nur ein Gedanke ausgeführt werden. In den Versen 11-32 geht es um die Geschichte vom liebenden Vater. Das Verhalten beider Söhne ist dabei von Bedeu-tung. Der jüngere Sohn zeigt die Folgen von fehlender Nachhaltigkeit. Durch seinen ausschweifenden Lebensstil hat er seine Ressourcen allzu schnell verbraucht. Seine Lebensqualität landet bei den Schweinen, also auf niedrigster Stufe. Anders dagegen der ältere Sohn. Er handelt nachhaltig und überlegt. So erhält er die Lebensqualität der ganzen Großfamilie. Bei der Auslegung des Textes könnte dies ein Impuls sein, das Positive nicht zu vergessen. Gerade im Umweltbereich sind es oft die negativen Schlagzeilen, die in den Medien dominieren. Leicht werden die treue Arbeit und die vielen kleinen Hoffnungszeichen dabei vergessen. Der Vater in der Geschichte, also Gott, vergisst den treuen Sohn nicht. Aber er lässt auch ein Umdenken des jüngeren Sohnes zu. Trotz seiner Fehler lädt er ihn zu neuer Mitarbeit ein. Beide Söhne arbeiten fortan an den Zielen der Nachhaltigkeit mit.

Klaus-Dieter Stark, Dörfles-Esbach

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