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8. Sonntag nach Trinitatis / 16. Sonntag im Jahreskreis (21.7.13)

8. Sonntag nach Trinitatis / 16. Sonntag im Jahreskreis

 

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Joh 9, 1-7 Gen 18, 1-10a Kol 1, 24-28 Lk 10, 38-42

 

Zeit im Kirchenjahr

Der Sonntag liegt in der Ferienzeit. Die Tage sind geprägt von Erholung und Entspannung. Sie bergen die Chance, sich mit dem Wesentlichen auseinanderzusetzen und nach den Wurzeln zu fragen. Diese Möglichkeit mag aber auch dem Wunsch entgegenstehen, auszuspannen und sich ohne viel Fragen der Freizeit hinzugeben.

Themen der Schrifttexte

In Joh 9,1-7 wird die Heilung eines Blindgeborenen beschrieben. Dies geschieht sehr plastisch. Die Jünger bringen Krankheit und Schuld in Verbindung. Jesus fordert zu einem anderen Denken auf: Das Wirken Gottes soll an ihm offenbar werden.
In Gen 18,1-10a geht es um Abrahams Gastfreundschaft. Er nimmt die Fremden auf, weil sie hungrig und durstig sind. Gott selbst sitzt bei Abraham am Tisch. Der hochbetagten Sara wird die Geburt eines Sohnes angekündigt.
Kol 1,24-28 schreibt Paulus aus dem Gefängnis. In seinen Leiden ist er mit Christus verbunden. Er ist Teil des Leibes Christi. Dies ist die Kirche. Die Mitte des Christusglauben ist keine Lehre, sondern die Person Jesus Christus.
Lk 10,38-42 handelt von Marta und Maria. Diese sehr bekannte Perikope geht der Frage nach vita activa und vita contemplativa nach. Es geht um den Zusammenhang zwischen Gebet und Tat. Es bleibt eine Spannung und es erschließt sich dem Hörer nicht unmittelbar, warum Jesus für Maria Partei ergreift.

Zwischen den Texten kann als Verbindung gesehen werden, welchen Stellenwert Gott und Jesus Christus in der Begegnung mit den eingebundenen Personen einnimmt. Wo dies geschieht, ist Betroffenheit und Veränderung, umfassend und radikal. Das geht bis hin zur Aufhebung dessen, was wir für möglich halten.

Im Anschluß sollen die Texte Joh 9,1-7 und Lk 10,38-42 näher betrachtet werden.

 

Joh 9,1-7

Exegetische Bemerkungen

Blindheit in der Antike bedeutete in der Regel den völligen Verlust der Sehkraft. Die wirtschaftliche Lage zwang die meisten Blinden zum Betteln. Heilung war nicht möglich. Dies ist wichtig zum Verständnis der Perikope. Es gab weithin die Sichtweise, dass ein Gebrechen mit Schuld – auch der Eltern- in Verbindung gebracht wurde. Jesus wählt einen anderen Ansatz, nicht nach dem Woher sollen wir fragen, sondern nach dem Wozu. An diesem Kranken sollen die Werke Gottes offenbar werden. Durch die Berührung Jesu und im Wasser der Quelle – der Name weist auf den Messias hin – erfährt der Blinde Heilung. Jesus, der Heiland, gibt dem Blinden neue Möglichkeiten. Er holt ihn ins Leben zurück. An ihm zeigt sich das Wirken Gottes. Jesus ist der Gesandte.

Predigtgedanken

Gesundheit – so kann man vielfach hören – ist das höchste Gut. Stimmt man dem zu, so gibt Jesus dem Blinden fast alles zurück. Das Wichtigste im 9. Kapitel bei Joh ist aber nicht das Wieder-Sehen-Können im wörtlichen, sondern im übertragenen Sinn. Jesus tritt auf mit Vollmacht, auf diese Erkenntnis kommt es an. Es kommt auf das Licht der Welt an. Wer das nicht erkennt, bleibt weiterhin blind, auch wenn er das Augenlicht zurückerhält. Jesu Wunder werben für ihn und seine Sache. Seine Wunder sind nie losgelöst von seinem Auftrag und seiner Sendung. Er will nicht glänzen oder auf einen Schild gehoben werden. Falls der Trubel oder die Aufmerksamkeit zu groß wurden, so hat er sich den Jubelrufern und Claqueuren stets entzogen.

Jesus will den Kranken nicht nur von einem „Defekt" heilen. Es geht ihm um das Wesentliche und um das Ganze. Die Heilung soll ganzheitlich und nachhaltig sein. Es geht um einen Perspektivwechsel. Mit neuen Augen soll der Geheilte die Wirklichkeit sehen. Jesus sieht nicht nur die Augen des Menschen vor ihm. Er will Heilung an Leib und Seele. Später bekennt der Geheilte die Wende in seinem Leben. „Ich glaube Herr"(V 38). Das will Jesus erreichen. Nicht das Alte mit veränderten Mitteln, Neues kommt durch Jesus in die Welt.
Der Blick für das Ganze scheint in unserer Gesellschaft weithin verloren zu sein. Es geht um Einzelne. Es geht um die Interessen dieser Einzelnen oder die Interessen ihrer Vernetzungen.
Wo nur noch das Interesse der Einzelnen zählt, wird das Ganze auf das Spiel gesetzt.
In diesem Sinne handelt es sich nicht nur um das Beschreiben einer Heilung zur Zeit Jesu. Die Perikope wird aktuell und öffnet dem Hörer auch heute noch die Augen.

 

Lk 10,38-42

Exegetische Bemerkungen

Marta heißt übersetzt Herrin. Sie ist der Haushaltsvorstand. Sie kümmert sich und sorgt für das Wohl des Gastes. Maria sitzt zu Füßen des Herrn, ähnlich den Rabbinenschülern. Dreimal wird Jesus als Herr angesprochen. Das unterstreicht seine Autorität. Marta wird durch ihren Dienst des Notwendigen beraubt. Sie versäumt das Wesentliche. Marta fühlt sich im Recht. Sie fordert Jesus sogar auf, die Schwester zu tadeln. Jesus legt aber keinen großen Wert darauf, bedient zu werden. (vgl. Lk 22,27)
Marta soll sich entscheiden. Es geht um das rechte Maß zwischen dem Sich-Aufreiben-Lassen der einzelnen Sorgen und der Zuwendung zum Wesentlichen. Maria hat „den guten Teil" erwählt (wörtlich übersetzt und hilfreicher als „das Bessere"). Sie macht das, was jetzt dran ist.

Predigtgedanken

Ganz zu Beginn meines Studiums traf ich eine Gruppe von Arbeiterpriestern. Diese unkonventionellen, teils rauhen und spontanen Priester sprachen mich sehr an. Sie lebten unter und mit den Arbeitern. Einer der Einwände gegen sie war damals: Das geistliche Leben käme zu kurz und sie müssten als geistliche Menschen verfügbarer sein. Man solle sich auch nicht zu sehr dieser Welt angleichen. Mit dem Nachdenken und Vergleichen dieser Priester mit der Marta aus dem Evangelium bin ich noch nicht fertig. Es bedarf der Unterscheidung, ob Marta, ob und wann Maria.
Es gibt Momente im Leben auf die es ankommt. So ein Moment war die Begegnung der Schwestern mit Jesus. Da ging es um das Hören auf das Wesentliche. Hinhören und Aufnehmen und dann Gehen und Tun. Der Alltag holt uns immer wieder und ganz schnell ein. Ein Problem unserer Zeit und auch der Kirche ist es, dass wir solche Begegnungen mit Jesus versäumen oder nicht mehr wahrnehmen.
In der Perikope geht es auch um Gastfreundschaft. Sie wird in der Bibel großgeschrieben (Vgl. auch Gen 18,1-10a). Es gilt aber auch, den Gast ernst zu nehmen, ihm Zeit zu geben und die Akzente richtig zu setzen. Die Ordnung und das Essen mögen wichtig sein, entscheidender ist die Begegnung, das Zuhören und Verstehen. Marta und Maria sind nicht nur biblische Figuren. Sie stehen für Haltungen in unserem Leben und Glauben.

Jesus hat selbst immer wieder Zeiten der Ruhe und des Rückzuges gesucht. Er brauchte diese Phasen. Er hat sich dann wieder den Menschen zugewandt und aktiv für sie gesorgt. Im gleichen Kapitel bei Lukas steht vor der Begegnung mit Marta und Maria das Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Beides muß man zusammen sehen. Es geht um mehr als das eigene Heil.
Die Begegnung von Marta und Maria mit Jesus weist auch ein Problem unserer Kirche auf. Es herrscht dort ein großer Aktionismus. Da wird organisiert, geplant, getagt... Es soll immer was los sein. Aber gibt es die Momente im gleichen Maße, wo zu Füßen Jesu auf das Wesentliche gehört wird.

Dom Helder Camara, der für viele vorbildliche brasilianische Bischof, war ein Bündel von Energie und hat viele Impulse gesetzt. Er hat aber in jeder Nacht für zwei Stunden „Stille Zeit" gehalten. Kraft der Christen kommt vom Hinhören. Das geht nicht in Hektik und Hetze.

Hubert Münchmeyer

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