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4. Sonntag nach Trinitatis / 12. Sonntag im Jahreskreis (23.6.13)

 Textvorschlag Landessynode (s. u.) ev. Reihe V: kath. 1. Lesung: kath. 2. Lesung: kath. Evangelium:
Apg 16, (9-12) 13-15 Joh 8, 3-11 Sach 12, 10-11; 13, 1 Gal 3, 26-29 Lk 9, 18-24

Zu den folgenden Bibelstellen werden Anregungen gegeben: Apg 16, (9-12) 13-15 / Joh 8, 3-11 / Gal 3, 26-28

Stellung im Kirchenjahr

Die Landessynode der Evangelischen Kirche der Pfalz hat 1998 beschlossen, das Anliegen der ökumenischen Dekade "Solidarität der Kirche mit den Frauen" (1988-1998) wach zu halten und dazu an einem Sonntag die neue Gemeinschaft von Frauen und Männern zu thematisieren. Die Agende schlägt dafür den 4. Sonntag nach Trinitatis vor.

Das Leitbild: Leben vor Gott; Zusammenleben als Mann und Frau

Wochenspruch: Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen (Gal 6,2)

In Perikopenreihe V ist in diesem Zusammenhang folgender Text vorgeschlagen:

Apg 16, (9-12) 13-15  Lydia wird Christin

Exegetische Überlegungen

Im Zusammenhang mit Lydia gibt es zwei gängige Vorurteile, nämlich einmal, dass Lydia eine wohlhabende Unternehmerin war, weil sie mit Purpur handelte und außerdem das antijüdische Vorurteil, dass Gottesdienstleitung oder ein verantwortungsvolles Amt in der Gemeinde für Frauen erst im Christentum möglich gewesen sei.

Inschriftenfunde belegen jedoch, dass es durchaus einzelne Frauen gab, die Synagogenvorsteherinnen und Älteste in jüdischen Gemeinden waren. z. B.: die Torahgelehrte Berurja (lehrte im 2. Jh. n. Chr. im Lehrhaus von Tiberias)

In der Auslegungsgeschichte der europäischen Theologie ist Lydia zur wohlhabenden Frau gemacht worden. Erst in letzter Zeit haben Frauen aus Lateinamerika uns darauf aufmerksam gemacht, dass wir einmal unsere europäische Brille absetzen sollten.

Viel eher ist davon auszugehen, dass die Produktion und der Vertrieb von Purpur so mühsam, unangenehm und wenig lukrativ war, dass nur Frauen den Beruf der Purpurfärberin lernten.

Der Name Lydia ist einfach eine Herkunftsbezeichnung, die Lydierin. Solche Bezeichnungen wurden oft für Sklavinnen und Sklaven verwendet, deuten in jedem Fall aber auf keine hohe soziale Stellung hin. Lydia stammt aus einer Gegend in Kleinasien, die berühmt war für ihre Stoffe. Purpur wurden alle Farben genannt, die der Farbe des Originalpurpurs (Purpurschnecke) ähnelten. Färbereien waren stinkende Orte und deshalb meist außerhalb der Städte angesiedelt. Wollfärberei und Wollhandel gehörten meistens zusammen. Eine Färberei hatte im allgemeinen mehrere Angestellte, die die Wolle verarbeiteten und verkauften.

Lydia bietet Gastfreundschaft und damit den gefährdeten durchreisenden jüdischen Wanderpredigern auch gleichzeitig politisches Asyl an. Die im Text verwendeten Ausdrücke lassen eine turbulente Situation durchschimmern: Lydia bittet dringend, sie argumentiert mit ihren Rechten aus der Taufe und sie nötigt. Dabei geht es um die Ansiedlung der ersten christlichen Gemeinde in Philippi, nicht nur um vorübergehende Gastfreundschaft. Paulus und seine Begleiter verweigern zunächst den Frauen die ihnen in der Taufe zugebilligten Rechte.

Lydias Geschichte zeigt auch, dass frühchristliche Hausgemeinden Grundlage des Widerstandes sind.

Predigtimpulse

Die Geschichte der Lydia ist eine hochaktuelle Geschichte.

Bis heute arbeiten in der Textilproduktion hauptsächlich Frauen und immer noch unter oft menschenunwürdigen Bedingungen zu Billiglöhnen. Der Umgang mit Chemikalien und Farben reizt die Haut, stinkt und ruft häufig Krankheiten hervor.

Als Konsumentinnen und Konsumenten müssen wir viel kritischer sein beim Einkauf von Kleidern.

Lydia öffnet ihr Herz für den christlichen Glauben und richtet ihr Handeln danach aus. Ihr Mut zum Widerstand könnte zum guten Vorbild für uns werden.

Bezug zur Nachhaltigkeit

Wir dürfen die Zustände in der weltweiten Textilproduktion nicht mehr einfach kritiklos und gleichgültig hinnehmen. Es muss für soziale Gerechtigkeit gesorgt werden, verhindert werden, dass unsere Kleider unter solch menschenunwürdigen Bedingungen hergestellt werden. Außerdem gefährdet diese Art der Produktion durch verantwortungslosen Umgang mit Chemikalien ganz gewaltig die Umwelt. (s. Kampagne für Saubere Kleidung: www.saubere-kleidung.de)

Joh 8, 3-11

Exegetische Überlegungen

Das erste außerkanonische Zeugnis dieser Geschichte ist von 125 n. Chr.. Die Geschichte wurde erst im 3. Jahrhundert in die kanonischen Evangelien aufgenommen und später immer wieder weggelassen. Sie passte nicht in den Bußkatalog und das Denken der Mächtigen.

Jesus wird hier von Männern unter Druck gesetzt. Er soll den Richterspruch sprechen und sich dann an der Kollektivbestrafung beteiligen, aber er verweigert sich und verweigert damit die Rolle des jüdischen Mannes, der die Ehre des Volkes wieder herstellt, die durch den Ehebruch verletzt wurde.

Ehebruch wurde als Eigentumsdelikt am Mann verstanden, das die Gemeinschaft aus dem Gleichgewicht bringt und deshalb gesühnt werden muss. Frauen wurden nicht als selbstständige Wesen angesehen, vor allem ihre Sexualität lag im Machtbereich der Männer.

Von dem beteiligten Mann ist hier überhaupt keine Rede. Vielleicht wurde ihr ja auch eine Falle gestellt und es handelt sich um einen inszenierten Schauprozess.  Aber auch für Jesus ist die Frage eine Falle, denn wenn er gegen das Gesetz des Mose reden würde, dann wäre er selbst schuldig und wenn er sagte, es solle durchgeführt werden, dann würde er sich selbst widersprechen.

Die Bestrafung durch Steinigung verlief üblicherweise nach festen Regeln, sie erfolgte in der Reihenfolge der am meisten Geschädigten.

Jesus dreht die Frage und damit die Reihenfolge um: wer ohne Schuld ist, soll beginnen. Er nimmt die Frau ernst als eigenständiges  Subjekt ihrer Handlungen und spricht sie auf ihre Schuldfähigkeit an. Er gibt ihr damit ihre Würde wieder.

Predigtimpulse

Das Fertigmachen eines Menschen - mit Steinen oder ohne - ist weit verbreitet. Wir müssen uns fragen, auf welcher Seite wir gestanden hätten? Hätten wir die "Steine" fallen gelassen? Kein Mensch ist ohne Sünde. Wir sind oft genug auch weit weg von Gott und von dem, was wir eigentlich als Gottes Willen erkennen. Und wir sind meistens gut darin, mit dem Finger auf andere zu zeigen und sie zu verurteilen.

Jesus stellt nicht die Frage nach der Schuld. Er vergibt, richtet den Blick nach vorne. Das wirkt befreiend und eröffnet Zukunft. Neues Leben wird möglich trotz Sünde und Schuld.

Bezug zur Nachhaltigkeit

Wir müssen uns damit auseinanderzusetzen mit welchen Widersprüchen wir alle täglich leben. Wenn wir ehrlich sind, müssen wir zugeben, dass es bei uns allen häufig einen gewaltigen Unterschied zwischen Anspruch und Wirklichkeit gibt. Oft genug machen wir uns schuldig. Vielleicht geht das ja auch gar nicht anders: leben heißt auch, sich schuldig zu machen. Sich das immer wieder einmal bewusst zu machen, kann uns vor der Selbstgerechtigkeit und Überheblichkeit schützen, die wir vielleicht manchmal in Gefahr sind auszustrahlen, wenn wir andere auf ihre Versäumnisse im Bereich der Nachhaltigkeit hinweisen.

Gal 3, 26-29

Exegetische Überlegungen

Die Worte aus dem Brief des Paulus an die Gemeinde in Galatien sind aller Wahrscheinlichkeit nach die älteste uns bekannte christliche Taufformel. Paulus fasst hier formelartig zusammen, was wesentliche Grundlage des christlichen Glaubens ist. Nämlich: Alle Menschen sind gleich viel wert und bilden durch ihren Glauben an Jesus Christus eine Einheit. In der Taufe wurde die Verbindung mit Christus und damit der Beginn eines völlig neuen Lebens durch das Überziehen eines Taufkleides sichtbar gemacht. Die gelebte Geschwisterlichkeit der frühen christlichen Gemeinden wirkte anziehend auf viele Menschen und überzeugte sie vom Glauben.

Predigtimpulse

Überall wo Menschen versuchen, ernst zu machen mit dieser wunderbaren Botschaft des christlichen Glaubens, dass Gott alle Menschen liebt und vor Gott alle Menschen gleich viel wert sind, wird ein Stückchen spürbar und erfahrbar vom Reich Gottes. Jesus hat gesagt: das Reich Gottes ist nahe, zu jeder Zeit und an jedem Ort. Immer dann, wenn ein Mensch auf etwas verzichtet zugunsten einer anderen Person oder wenn jemand sich freiwillig zurück nimmt für jemand anderes, dann wird es lebendig, das Reich Gottes. Dann wird es sichtbar, dass wir zusammen gehören und in der großen Familie Gottes als Schwestern und Brüder miteinander leben können. Und dann können wir auch gemeinsam nach Wegen suchen, wie wir die schmerzhaften Unterschiede in unserer Welt überwinden können.

Bezug zur Nachhaltigkeit

Auch wenn es im vorliegenden Text nicht um Nachhaltigkeit in Bezug zur Bewahrung der Schöpfung geht, so ist doch die Geschlechtergerechtigkeit die Grundlage für jegliche Art von Gerechtigkeit. Frauen und Männer aller Rassen und Nationen müssen partnerschaftlich auf Augenhöhe  zusammenarbeiten, um Gerechtigkeit und Frieden voranzubringen und um unsere Erde überhaupt am Leben zu erhalten.

Martina Horak-Werz, Gommersheim

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