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Pfingstmontag (20.5.13)

Pfingstmontag


ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Joh 4, 19-26 Apg 19, 1b-6a oder
Joel 3, 1-5
Röm 8, 14-17 Joh 3, 16-21


„Geld regiert die Welt!"
Diese Überzeugung zeigt sich in den westlichen, ökonomischen, in der Sprache des Geldes auftretenden Dominanzstrukturen, die mit ihrem Anspruch auf uni-versale Geltung ein weltweites Menschenrechtsethos verhindern. Diese durch die Theorie gestützte Volksweisheit haben wir anscheinend so verinnerlicht, dass sie, wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung, zur bitteren Realität geworden ist und uns geradezu am Leben hin-dert. Einige wenige profitieren. Der Rest kann sehen wo er bleibt, heute, in Zukunft und in Ewigkeit. ... „Geld regiert die Welt!" Eine unumstößliche Realität? - Ein Credo, dem wir alle unterworfen sind?

„Das größte Hindernis für eine nachhaltige Verbesserung der Menschenrechtssituation in der Welt sind die monetären Rahmenbedingungen und Strukturen, die das neoliberale Wirt-schaftssystem ausgeprägt hat. Sie sind Ergebnis sozialer Prozesse in den Gesellschaften der reichen Industrienationen und sie können und müssen geändert werden, ...".
Die heutigen Formen des Wirtschaftswachstums dienen nicht mehr der Wohlfahrt der Menschen und der Erhaltung ihrer natürlichen Mitwelt. Sie sind zum Selbstzweck avanciert und dienen nur noch der Vermehrung der Geldvermögen. Der Wohlstand aber, richtig gerechnet, wird eher ver-mindert als erhöht (Hoffmann nach Heimbach-Steins).

Dies erleben wir in unserem eigenen Land, in dem Sozialleistungen gekürzt und Solidarge-meinschaften im Gesundheitssystem nicht mehr tragen, in dem Bildungskonzepte nicht nach pädagogischen und lernpsychologischen Ansätzen entwickelt werden, sondern nur durch finanzielle Einsparmaßnahmen bestimmt sind. Kürzungen bestimmen Kunst- und Kulturpolitik. Die Altersversorgung wird indirekt durch drastische Erhöhung der Lebensarbeitszeit verkürzt. Viele Bereiche könnten noch aufgezählt werden.

Vor zwei Jahren begannen Menschen in verschiedenen Ländern, sich gegen eine solche Entwicklung zu wehren. Die Occupy Bewegung begann als Occupy Wall Street Aktion (Besetzt die Wall Street) als konsumkritische Protestbewegung, initiiert im Sommer 2011 über soziale Netzwerke. Es wurde eine Zeltstadt in New York in ausdrücklichem Bezug auf die Besetzung des Tahrir-Platzes in Ägypten aufgebaut.

„None are more hopelessly enslaved than those who falsely believe they are free." - Ist auf einem von einer jungen Frau getragenen Plakat zu lesen.
"Niemand ist hoffnungsloser versklavt, als jene die fälschlicherweise glauben, dass sie frei sind." (Goethe)


Die Occupy Bewegung fordert:

• Reduzierung der sozialen Ungleichheiten
• Reduzierung der Spekulationsgeschäfte von Banken
• Reduzierung des Einflusses der Wirtschaft auf die Politik.

Spätestens seit dem 15. Oktober 2011 finden auch in Deutschland Demonstrationen der Bewegung statt. In Spanien, Österreich, der Schweiz in England und Italien, auch in Israel gehen Menschen auf die Straßen und Plätze und schließen sich diesen Forderungen an. Weltweit üben Menschen zivilen Ungehorsam und stehen auf gegen Ungerechtigkeit, den Sozialabbau und die einseitige Macht von Wirtschaft und Banken.
Heimbach-Steins schreibt: „Das Ethos der Nachhaltigkeit bezieht sich auf das Leitbild einer Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können".

Wir Christinnen und Christen sind aufgefordert, unser Handeln am Prinzip der Nachhaltigkeit zu orientieren. Dies bedeutet so zu handeln, zu entscheiden und sich einzusetzen für das Recht auf gleiche Lebenschancen für alle jetzt lebenden Menschen und für intakte und natürliche Lebensgrundlagen für die nachfolgenden Generationen. Dies gilt für unseren persönlichen Lebensstil und unser Konsumverhalten, aber vor allem auch für das politische und ökonomische Handeln unserer Gesellschaft.

Die fünf Prinzipien der Katholischen Soziallehre, Personalität, Subsidiarität, Solidarität, Gemeinwohl und Nachhaltigkeit, können nicht isoliert voneinander beachtet werden, sie grei-fen ineinander. Auch die Fragen der ökonomischen, sozialen und ökologischen Entwicklung können letztlich nicht getrennt voneinander betrachtet und etwa gegeneinander ausgespielt werden. Nur wenn man sie im Zusammenhang sieht und vernetzt denkt, können die Fragen und Herausforderungen vor denen wir stehen sinnvoll bedacht und gelöst werden. Weder können einzelne alleine mit ihrem persönlichen Lebensstil, noch einzelne Staaten alleine die Aufgaben und Probleme vor die wir heute gestellt sind lösen. Gerade in einer Zeit der Globalisierung müssen wir weltweit vernetzt denken, entscheiden und handeln. Auch hier darf die Verantwortung der Einzelnen nicht gegen die Verantwortung der ganzen Weltbevölkerung ausgespielt werden. Jede und jeder ist auf die je eigene Weise gefordert. „Vernetzung wird damit zur normativen Forderung." (Korff nach Heimbach-Steins)

Wir Christinnen und Christen sind miteinander verbunden, vernetzt. „Eure Töchter und Söh-ne werden Prophetinnen und Propheten sein, " so spricht Gott im Buch Joel und im Römer-brief lesen wir: „Alle, die sich vom Geist Gottes leiten lassen, sind Töchter und Söhne Gottes. Denn ihr habt nicht den Geist empfangen, der euch zu Sklaven macht, so dass ihr euch immer noch Fürchten müsstet, sondern ihr habt den Geist Gottes empfangen, der euch zu Töchtern und Söhnen macht, den Geist, in dem wir rufen: Abba, Vater!" Wir sind Kinder Got-tes. „Sind wir aber Kinder, dann auch Erben; wir sind Erben Gottes und Miterben Christi, " und der Evangelist Johannes schreibt: „Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird."

Hier wird uns sozusagen das biblische Fundament gegeben, das uns klar macht, Christ sein kann sich nicht anders zeigen als in einer praktischen Umsetzung, die im Handeln unser christliches Gottesbild, Menschenbild, Jesus- und Kirchenbild transparent macht. Wahrhat christliches Leben und Handeln basiert immer auf der Überzeugung, Gott liebt jeden Men-schen ganz vor aller Leistung und trotz aller Schuld. Wir sind geliebte Kinder Gottes, keine Sklaven oder Leibeigene, wir sind freie Menschen und alle gleich an Würde und Wertschät-zung der je eigenen Person. Wir sind untereinander geschwisterlich verbunden als Söhne und Töchter des einen Gottes und als Schwestern und Brüder von Jesus Christus. Deshalb sind wir verantwortlich füreinander, solidarisch miteinander verbunden über alle geographischen, sozialen und zeitlichen Grenzen hinweg. Nicht einige wenige entscheiden für uns, sondern wir selbst sind aufgefordert, so weit wie möglich Verantwortung zu übernehmen, als Einzelne, aber auch in Gemeinschaft und uns zum eigenen Wohl und für das Wohl der ganzen Gemeinschaft zu engagieren. Als Söhne und Töchter Gottes sind wir Erben. Wir ha-ben ein Erbe erhalten, es dient uns zum Leben. Wir mussten nicht erst alles selbst entwerfen und erkämpfen, unsere Lebensgrundlagen wurden uns bereit gestellt, in sie hinein wurden wir geboren. Dieses Erbe gilt es nun so zu verwalten, dass wir zumindest auch den zukünfti-gen Generationen, die ebenso Töchter und Söhne Gottes sind, die gleichen Lebenschancen belassen und ihnen intakte und natürliche Lebensgrundlagen vererben.

Der ehemalige Bischof von Limburg, Franz Kamphaus, hat einmal gesagt: „Die Armen zu sehen macht nicht blind für die Strukturen. Es ist nicht damit getan, die Wunden derer zu verbinden, die unter die Räuber gefallen sind. Die Option für die Armen verpflichtet uns, auch die Strukturen der Räuberei aufzudecken und zu verändern, sie wenn möglich zu verhindern." Räuberische Strukturen aufdecken, verändern und verhindern, dies müssen wir ebenfalls, wenn es um die Ausbeutung und Vernichtung unserer natürlichen Lebensgrundlagen geht. Insofern sind wir schon immer als Töchter und Söhne Gottes aufgefordert, prophetisch, d.h. politisch zu handeln. Wir sind nicht Sklaven des Geldes oder Opfer der herrschenden Strukturen und diesen hoffnungslos ausgeliefert. Wir sind als freie Menschen, die nur einen Herren haben, nämlich Gott selbst, der in Jesus uns geschwisterlich solidarisch geworden ist, dazu aufgefordert, selbst Verantwortung zu übernehmen und solidarisch und nachhaltig für das Leben, für Gerechtigkeit und die Erhaltung der Schöpfung und den Frieden einzutreten.

Wir Christinnen und Christen sind „Protestleute gegen den Tod". Wir haben die Hoffnung auf ein Leben, das den Tod besiegt. Wir sind aufgefordert, mit revolutionärer Geduld einzutreten für die Sicherung der Lebensgrundlagen alle Menschen, für alle, die jetzt leben und die in Zukunft leben werden. Nachhaltig handeln heißt dann Zukunft gestalten, Verantwortung übernehmen, politisch agieren, über alle Grenzen von Parteien, Nationen und Religionen hinweg.

 


Christine Schardt


(Einige Gedanken und Zitate entnommen aus: Marianne Heimbach-Steins. „... weder Mann noch Frau": sozialethische Studien zu Geschlechterverhältnis und Geschlechtergerechtigkeit)

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