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Christi Himmelfahrt (9.5.13)

Christi Himmelfahrt

 

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Joh 17, 20-26 Apg 1, 1-11 Eph 1, 17-23 oder
Hebr 9, 24-28; 10, 19-23
Lk 24, 46-53

 Der Autor reflektiert, was es nachhaltig für den christlichen Glauben und die Institution Kirche bedeutet, dass sich Jesus Christus „nicht festhalten" ließ. Der Blick auf eine wesentliche Textpräambel des Zweiten Vatikanischen Konzils macht deutlich, wie sehr die Kirche sich immer wieder selber daran erinnern muss, sich nicht selbst an die Stelle des erhöhten Herrn zu setzen. Dabei wird der „Erhöhungsbericht" als Anfrage an gängige Weltbilder gedeutet und das Fest „Christi Himmelfahrt" nicht als Abschied, sondern als neue Gegenwärtigkeit Jesu Christi.

 

Christi Himmelfahrt: Welt(- und Kirchen)bilder auf dem Prüfstand

Joh 17, 20-26 (ev.) / Apg 1, 1-11, Eph 1, 17-23 und Lk 24, 46-53 (kath.)

Vorbemerkung zum Fest „Christi Himmelfahrt"

Von „drei Barrieren", die vor dem Verständnis dieses Festes aufgebaut sind, spricht Eugen Biser. Neben der bibelkritisch nicht haltbaren, symbolisch zu verstehenden Angabe der vierzig Tage als Zeitraum zwischen Auferstehung und Himmelfahrt sind dies nach seiner Auslegung vor allem die Fragen nach dem Wohin der „Auffahrt" und nach dem tieferen Sinn dieser Aussage. So verlockend die Parallele zur „Himmelfahrt" des Mohammed im Islam für den interreligiösen Dialog auch sein mag, treffen diese zwei Denkbarrieren das christliche Menschen- und Gottesbild in nuce. Von daher scheint eine Reflexion darüber sinnvoll, ob Predigerinnen und Prediger die diesem Bericht zu Grunde liegende altorientalische Weltsicht und das geozentrische Bild der antiken Welt heute noch bedienen wollen. Dies tun auch Theologen in der Regel nicht beabsichtigt, sondern unbewusst und daher mit erfolgreichem Zugriff auf das kollektive Unbewusste. Wie leicht sprechen wir davon, dass „da oben" Einer sei, oder dass uns „der Himmel geholfen" habe. Sind dies nur Chiffren und Bilder, oder greifen diese Aussagen tiefer – und verstärken damit ein Weltbild, das von einem „Oben" und „Unten" ausgeht? Spannend(er) wäre es indes zu versuchen, heutige Vorerfahrungen, durch die allein der Mensch eine authentische Sprache finden kann für das, was der Fall ist (Wittgenstein), auch als musterbildend für die Himmelfahrtsvorstellung zu begreifen.

 

Joh 17: Rückschau und Ausblick – neue Perspektiven

Vor diesem Kontext der Weltbilder - des altorientalischen, dem im johanneischen Kreis als auch heutiger - bieten sich in einer Predigt zwei Themen besonders an: Das so genannte „Abschiedsgebet" Jesu und sein „Opfertod". Bedeutende Exegeten betrachten das Abschiedsgebet als zentralen Höhepunkt des Johannesevangeliums, der sowohl eine Rückschau auf das Leben Jesu beinhaltet als auch einen Ausblick auf die zurückbleibenden Jüngerinnen und Jünger. Dieses Gebet für die „Seinen" mündet nach dem Autorenkreis des Johannes in eine beeindruckend tiefgreifende Fürbitte. Nach dieser Darstellung sieht Jesus die Jünger „nicht nur von außen, sondern auch (oder vor allem; ThH) von innen gefährdet" (Biser) – die Gefahr der Verfolgung auf der einen, die der Spaltung auf der anderen Seite. Diese kann dabei nicht nur bezüglich des Systems Jüngerschaft, sondern auch zutiefst innerlich-personal verstanden werden. Wie tief ist es der und dem Einzelnen möglich, die „Entrückung" nicht als bleibende Distanz zu begreifen, sondern Jesu „Einigungswillen" (Biser) innerlich anzunehmen: „Dass ich in ihnen bleibe und du in mir" (V. 23)?
In typisch johanneischer Begrifflichkeit und womöglich künstlich wirkender Formelhaftigkeit wird ausgedrückt, was aus der menschlichen Erfahrung heraus nicht auszudrücken ist, und gleichzeitig ganz nahe an Jesu Wesen rührt: „Wir sagen ‚du' und ‚es', um ‚ich' sagen zu können. Wir gewinnen unsere Identität durch Akte der Abgrenzung und Unterscheidung. Bei ihm gilt das Umgekehrte: Er findet dadurch zu sich selbst, dass er sich an die Seinen übereignet und hingibt." (Biser). Wie nahe der „kleine Große", der Poverello aus Assisi, in seinem Lebensvollzug diesem Jesusmodell kam, drückt sich in seinem bekannten Gebet „Herr, mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens" aus, in dem es am Ende heißt: „Denn wer sich hingibt, der empfängt." Empfangen heißt hier, bezogen auf die „Himmelfahrt" Jesu, dass ER (von sich aus) die Möglichkeit gesetzt hat, ganz im Herzen der Menschen anzukommen, wie - und da - ER seinen Platz „am Herzen des Vaters" ganz eingenommen hat: „Das ist nicht in einer entlegenen Ferne, sondern das Zentrum der Welt ... die Seinen sollen dort bei ihm sein; und das ist gleichbedeutend mit der Erkenntnis, dass er umgekehrt jetzt definitiv bei ihnen ist." (ebd.) Vollkommen ent-grenzt hat der Mensch Jesus sein Menschsein - mit all seinen Be-grenz-ungen - zurückgelassen - und seine Selbstmitteilung setzt sich auf neue Weise in uns Menschen fort. Diese Gewissheit berührt zugleich den zweitgenannten Punkt, den immer wieder vorgebrachten „Opfertod" Jesu. Meinrad Limbeck hinterfragt in seinem jüngsten Buch, ob das jüdisch-christliche Bekenntnis an einen Gott, dessen „machtvolle Zuneigung, Freundschaft und Liebe durch keine andere Macht besiegt und zerstört werden kann" (el schaddaj), an einem vermeintlich Gott gewollten „Opfertod" ansetzen sollte, wenn es nachhaltig identitäts- und sinnstiftend sein will. Dieses Buch mit der Forderung (als Untertitel), „das Christentum neu (zu) denken", kann allen in der Verkündigung Stehenden nur ans Herz gelegt werden.

 

Eph 1: Eins-Sein in IHM

Was bedeutet diese Umkehrung - genau genommen: die Auflösung - des Oben-Unten-Bildes aber für unsere heutige Verkündigung und unsere Gottesbilder?
Als Hintergrund einer Predigt zum Epheserbrief könnte das Wort Christi an Magdalena einen Ausgangspunkt bieten, das „Halte mich nicht fest" (Joh 20,17) und seine über diese Situation hinaus gehende Bedeutung. Im Fortgehen will Jesus das Innere der Jüngerinnen und Jünger treffen – „myein" heißt dann: nach innen schauen. Christus fährt statt in einen kosmologisch gedachten „Himmel" in unser Inneres ein. Christen sollen demnach keine „Sternenkucker", sondern mystische Menschen sein – Menschen, die dem „Seelenfünklein" (Meister Eckhart) in sich trauen können. Zutrauen nämlich setzt Vertrauen voraus: in andere Menschen wie in die ureigenen inneren Ressourcen (Autopoesis-Konzept).
Als Zielsatz/frage wäre denkbar: Können wir darauf vertrauen, dass ER in uns ist, durch uns zu anderen und durch andere zu uns „sprechen", sich „zeigen" will? Wie oft ist es da doch leichter, auf einen fernen Gott zu verweisen – aber ebenso auch ohne Relevanz und Identität, vielmehr als eventuelles Symptom der eigenen Gottesleere? In der Vermittlung der Gottesbeziehung scheint ein mystagogischer Anweg vor den „Zeichen der Zeit" aktueller denn je. Nicht zufällig gaben gerade in Krisenzeiten der Kirche Mystiker neue Impulse und die Möglichkeit, den Blick zu ändern. Ein für Martin Luther wesentlicher - und bislang weitgehend unterschätzter - mystischer Theologe lässt sich beispielhaft in Johannes Tauler finden. Bei Johannes vom Kreuz oder bei Teresia von Avila zeigen sich weitere Beispiele für eine Predigt, die den Blick nach innen richten will. Interessant könnte auch ein interdisziplinärer Ansatz sein, um die Botschaft der vorliegenden Bibelstelle auf psychosozial-betreuende oder beratend-begleitende Kontexte zu übertragen.
Das Menschenbild der humanistischen Psychologie oder die therapeutische Haltung der Ressourcenorientierung lässt sich zum Beispiel mit dem christlichen Menschenbild gut in Einklang bringen bzw. von diesem her unterstützen. Ein möglicher Zielsatz vor dieser Perspektive wäre: Wer mit sich selbst „eins" - im Sinne von ganzheitlich „einig" - ist und sein kann, der ist dies auch - im Sinne von „versöhnt" - mit „seinem" Gott und Gottesbild – und umgekehrt!

 

Apg 1 und Lk 24: „Himmelfahrt" als Geburtsstunde der Kirche

„Auf die neue Gegenwärtigkeit, in die Jesus hinüberging, weisen in der Apostelgeschichte die zwei in Weiß Gekleideten: Ihr von Galiläa, schaut nicht ins Blaue über euch. Es endet im Nirgendwo. Blickt in euch hinein. Der von den Wolken Verschlungene ist in euch übergegangen." – so malt Maximilian Theler das Bild der „Himmelfahrt" mystisch aus.

Von daher ist verständlich und in einer Predigt gut nachzuvollziehen, weshalb die Apostelgeschichte mit dem Himmelfahrtsbericht beginnt – und damit die Geschichte der jungen Kirche. Eine Glaubensgewissheit nur über das Wort zu vermitteln, war unseren antiken Müttern und Vätern bei aller philosophischen Einkleidung jedoch fremd. Die Mahlgemeinschaft war eine wesentliche Ritualisierung dieser Gewissheit – mit Augustinus auf den Punkt gebracht: „Nehmt, was ihr seid, damit ihr werdet, was ihr nehmt: Leib Christi." Das meint Identität bei bleibender Differenz.

Das Zweite Vatikanische Konzil bringt dies in seiner Kirchenkonstitution Lumen Gentium (LG) bereits zu Beginn zum Ausdruck – eine Textstelle übrigens, die auf diese Weise allzu oft nicht interpretiert zu werden scheint: „Da Christus das Licht der Völker ist, wünscht diese im Heiligen Geist versammelte hochheilige Synode dringend, alle Menschen durch seine Herrlichkeit, die auf dem Antlitz der Kirche widerscheint, zu erleuchten, indem sie der ganzen Schöpfung das Evangelium verkündet." (LG 1,1) Auch wenn sich Menschen heute zu recht fragen können, worin der Widerschein der „Herrlichkeit" Christi mit Blick auf die wahrgenommene Gestalt der sichtbaren Kirche besteht, trifft diese Konzilsaussage eine klare und deutliche Abgrenzung. Sie nimmt dabei das klassische Bild der Kirchenväter auf, das Verhältnis von Christus und Kirche im Bild der Sonne und der Erde zu fassen, auf. Übertragen heißt das: Sonne, Licht, Energie und Kraft kommen nie von der Kirche selbst. Kirche hat keinen Selbstzweck, Kirche „nährt" sich von der Orientierung an der „Sonne" Christus.
So wichtig in diesem Kontext die Betonung des Amtes als „Gegenüber" auch sein mag, um Rolle und Auftrag geklärt zu haben und damit als Amtsträger klar auftreten zu können, so bleibt das eigentliche Gegenüber - ökumenisch gesprochen - das Evangelium Christi selbst. Diesen Referenzpunkt als Korrektiv eigener - und schwieriger noch bei anderen wahrgenommener - Bilder von Gott und der Welt sowie in der religiösen Entwicklung mit Blick auf anzutreffende „Glaubensstufen" (Fowler) immer wieder zu setzen, kann für eine nachhaltige und krisenfeste Religiosität heilsam und befreiend sein. Als - bewusst und in zweifacher Hinsicht provozierender - Einstieg in eine Predigt kann vor dieser Ausrichtung das Zitat eines methodistischen Predigers dienen, das Carl Friedrich von Weizsäcker überliefert hat: „Ein Christ ist ein Mensch, der keine Angst hat. Er ist im Tiefsten seines Herzens glücklich". Vom mystagogischen Verständnis ausgehend könnte dieses basale (nicht generalisiert zu verstehende) Glücksgefühl auch hier als „Eins-Sein" mit Gott - im Sinne von „einig (geworden) sein" mit dem eigenen Lebensweg, mit seinen Kurven, Biegungen und Haltepunkten... - interpretiert werden. Das dies nicht romantisiert einen „Himmel auf Erden" bedeutet, kommt im Zitat des Predigers als Höhepunkt am Ende: „... im Tiefsten seines Herzens glücklich – und (trotzdem; ThH) immer in Schwierigkeiten."

Dr. Thomas Hanstein

Quellen

Biser, E., Gott für uns, Düsseldorf 1996, bes. 81-85.
Fowler, J.W., Stufen des Glaubens. Die Psychologie der menschlichen Entwicklung und die Suche nach Sinn, Gütersloh 1991.
Limbeck, M., Abschied vom Opfertod. Das Christentum neu denken, Ostfildern 2012.
Theler, M., Kurzpredigten, Stuttgart 2003, bes. 51-52.

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