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Altjahrsabend / Silvester (31.12.12)

Altjahrsabend /Silvester

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Joh 8, 31-36 1 Joh 2, 18-21 Joh 1, 1-18

 


Endzeitstimmung – oder Zukunftsoptimismus

Über dem Silvesterabend liegt eine gewisse Schwere. Abschiedsstimmung. Das Kalenderjahr geht zu Ende, manche Erinnerung an das Gewesene, an Vergangenes, an unerfüllte Sehnsucht kommt auf. Frust, Nostalgie, oder auch Dankbarkeit. Froh, dass das Jahr vorbei ist, weil manches schief gelaufen ist, weil Wirtschafts- und Finanzkrise, Eurorettung und Schuldenstaaten uns in Atem gehalten haben - oder gute Erinnerungen: An den Urlaub, die Liebe, den beruflichen Durchbruch. Da kann schon etwas Melancholie aufkommen, weil das Jahr so schnell vorbei ging, weil man manches vielleicht lieber besser anpacken möchte, statt es nun ins „alte Jahr" abzugeben? Dass die Zeitrechnung ja recht willkürlich mit dem 31. Dezember als Jahresende festgelegt ist, hilft einem da auch nicht wirklich. Das alte Kalender-Jahr ist vorbei. Schluss. Ende. Vielleicht wird's im Neuen besser, anders, erfolgreich und schön. Die guten Vorsätze sind schon da. Es ist Zeit für eine Bilanz und Zeit für einen Ausblick: Was kommt, was bleibt? Was hat Bestand über dieses Datum hinaus? Was ist wichtig, was notwendig? Was kann Trost geben? Und was kann getrost zurück bleiben? Was kann Hoffnung und Zuversicht ausstrahlen?

Die Zeitungen sind voll von dramatischen Nachrichten: Klimakatastrophe, Korruption, Diktatoren, Verbrechen, Terror, Anschläge und Tote. Oder auch Krankheit und Leid, von Menschen gemacht und verschuldet - oder auch schuldlos dem Unheil ausgesetzt. Hilflos. Und als wäre das nicht genug, scheinen selbst manche biblischen Texte in die gleiche Kerbe zu schlagen. „Endzeit" heißt das dort: Die Sonne verfinstert sich, der Mond wird nicht mehr scheinen, die Sterne fallen vom Himmel. Manche Schwarzseher meinen, dass wir schon soweit sind: drauf und dran, unsere Erde selbst zu zerstören, weil wir weit über unsere Verhältnisse leben. Weil wir ungerechte Strukturen aufrechterhalten, dazu beitragen, dass wenige viel und viele sehr wenig haben. Das kann auf Dauer nicht gut gehen. Steht das Ende kurz bevor? In der Lesung von heute ist davon die Rede, dass „die letzte Stunde" (1 Joh 2, 18) angebrochen ist, dass „der Antichrist kommt", dass es sogar viele „Irrlehrer" gibt, die „aus unserer Mitte gekommen" (1 Joh 2, 19) sind. Es wird immer bedrohlicher. Wer ist das? Sind wir selbst gemeint?

Die Lesung setzt die „Antichriste" als Gegensatz zum Kommen des Erlösers: „Für euch aber gilt..." (1 Joh 2, 24.27) Gott hat uns in der Menschwerdung Christi und in der Gabe des Heiligen Geistes seinen Beistand gesendet, der uns diese „Bewährung im Glauben" aushalten lässt. Er lässt uns nicht allein. Auch wenn um uns herum sprichwörtlich und auch ganz konkret scheinbar „die Welt untergeht", so hat Gott das Vertrauen in uns Menschen nicht verloren. Er traut uns zu, dass wir mithelfen, seine Schöpfung zu bewahren und zu verwalten, damit in ihr für alle Platz und Nahrung und Zuflucht ist. Das erfordert von uns, dass wir wie gute Verwalter damit umgehen, nicht nur den eigenen Vorteil und den Gewinn für uns sehen. Der Raubau mit den Gütern der Erde, mit den Ressourcen der Schöpfung; der Raubbau mit der Würde des Menschen nach Macht, Einfluss und Eigentum allein oder der Raubbau an der Zukunft unserer Kinder durch Eigensinn und „Nach-mir-die Sintflut"-Denken sind Beispiele dafür, wie wir immer wieder hinter dem Anspruch Gottes zurückbleiben.

Aber es gibt auch andere Perspektiven. Der Zukunftsforscher Matthias Horx wehrt sich gegen diese Endzeitstimmung. Er ist kein Christ, hat seine Einschätzung nicht aus dem Glauben. Er hat ein Buch geschrieben: "Anleitung zum Zukunftsoptimismus – Warum die Welt nicht schlechter wird." Und er sagt in einem Interview: "Wir leben in der längsten Friedensphase der europäischen Geschichte. Es gibt heute drei Mal so viele Demokratien auf der Erde wie vor 30 Jahren. In vielen Regionen der Welt entwickelt sich heute auch der Wohlstand. Technologien schreiten voran und finden neue Lösungen." Wir haben also allen Grund zum Optimismus. Allerdings schränkt der Zukunftsforscher Horx ein: „Es geht ja nicht um einen blauäugigen, naiven Optimismus à la ‚es geht alles gut', sondern um eine gelassene Selbst-Verantwortung, (...) die weiß, dass es viel Elend gibt, aber eben nicht nur Elend."

Verantwortung ist es, was die biblische Botschaft auch meint, wenn sie davon spricht, „in seinem Wort" zu bleiben. Das bedeutet, sich immer wieder zu vergewissern, was Gott von uns will. Er, der Herr, der uns die Schöpfung anvertraut hat; der uns ausgestattet hat mit den Gaben und Fähigkeiten – zum Guten wie zum Schlechten. Wenn wir verantwortungsvoll mit diesen Gaben umgehen – auch den Gaben der Natur, der Schöpfung und der menschlichen Fähigkeiten – dann sind wir „seine Jünger" (Joh 8,31). Es ist wie ein „Erfolgsrezept", ein „Rezept" zur Freiheit (vgl. Joh 8,36): Wenn wir versuchen, diesem göttlichen Willen gerecht zu werden und nachzukommen, dann ist das kein Verlust und keine Beschränkung, im Gegenteil, dann sichern wir uns selbst die gute Zukunft. Und je mehr wir in Eigensinn verfallen und uns abgrenzen aus der Gemeinschaft aller Menschen, weil wir nur für uns und eine kleine Gruppe den Vorteil suchen, desto mehr werden wir gefangen in unseren eigenen Netzen, desto mehr werden wir zu „Sklaven" (vgl. Joh 8,34) des eigenen Machtstrebens und der Gier, und desto mehr versündigen wir uns an unserer eigenen Zukunft: Gott will unsere Zukunft sein. Darauf gibt er uns sein Wort: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt" (Joh 1,14).

Wir könnten also den Weg wissen, wie wir auf dem Weg zum Leben in eine gute Zukunft unterwegs sind. Wir wissen, dass unserer Ressourcen begrenzt sind und wir damit haushalten müssen. Wir wissen, dass es Gerechtigkeit und Frieden nur geben kann im Miteinander und nicht im Gegeneinander. Es wird künftig noch mehr als bisher auf ein globales Ethos ankommen. Nicht nur die Wirtschaftsgrenzen zwischen Nord und Süd werden dann kleiner, sondern es wird auch darauf ankommen, die Vorstellungen von „Würde" und „Wohlstand" neu und besser zu bestimmen. Und wir wissen auch, dass das dennoch oft nur hohle Worte sind, weil wir uns dann am Ende doch lieber selbst zum Maß aller Dinge machen und dabei mit unserem Nächsten und denen, die uns brauchen, auch Gott aus dem Blick verlieren. Aber wir dürfen auf das vertrauen, was das Johannesevangelium beschreibt: „In ihm war das Leben und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht leuchtet in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht erfasst." (Joh 1,4f.) Dieses Licht von Gott wird uns weiter den Weg weisen, wenn wir dafür offene Augen behalten.

Das ist nicht die Sprache des Zukunftsforschers Matthias Horx. Aber er nennt ein anderes altbekanntes Wort: "Zuversicht". Darauf kommt es an. Da sind sich der Atheist Horx und die Christen einig. Denn auch die Bibel gibt der Zuversicht Recht. So heißt es beim Evangelisten Lukas: "Und doch wird euch kein Haar gekrümmt werden. Wenn ihr standhaft bleibt, werdet ihr das Leben gewinnen." (Lk 21,18f.) Das ist mehr als naives Heile-Welt-Denken, das alle Realitäten ausblendet und nur ein Wunschdenken bleibt. Zuversicht ist begründete Hoffnung, nicht nur so ein Gefühl, eine Ahnung. Und im Markusevangelium heißt es: "Dann wird man den Menschensohn mit großer Macht und Herrlichkeit auf den Wolken kommen sehen. Und er wird die Engel aussenden und die von ihm Auserwählten aus allen vier Windrichtungen zusammenführen, vom Ende der Erde bis zum Ende des Himmels." Auch wenn Himmel und Erde vergehen, wenn menschliche Maßstäbe an die Grenzen kommen, auch dann ist Gott größer als unser Herz und seine Zusage, sein Wort gilt: Er lässt uns nicht allein. Er hat uns nicht abgeschrieben. Er gibt uns sein Wort (vgl. Joh 1,1): Menschlich be-greifbar in Jesus Christus, seinem Sohn.

Gerade haben wir Weihnachten gefeiert. Die Geburt des Menschensohnes. In dieser unerhörten historischen Begebenheit, dass Gott Mensch wird und unser Menschsein bis in alle Konsequenz hinein angenommen hat, dabei aber doch auch ganz Gott geblieben ist, kann der Schlüssel zu dieser Spannung sein. Denn das ist die Zuversicht aus dem Glauben, die allen Schwarzsehern und Unheilspropheten trotzen kann: Gott selbst hat in seiner Menschwerdung dafür gebürgt: Die Hoffnung, dass die Welt nicht verloren ist; die Hoffnung, dass Gott kommt, dass er Mensch wird – heißt doch auch, dass dieses Menschsein eine Zukunft hat, weil Gott uns das zutraut, immer noch und immer wieder, trotz allem. Aus dieser Hoffnung leben Menschen. Und es ist nichts Abstraktes. Sie hilft ganz konkret, das Leben zu tragen und zu ertragen; sie hilft, dass Steyler Missionsschwestern verschiedener Nationalität in Bolivien mit den Armen leben und ihnen ein Dach über dem Kopf geben, ein paar Stunden Unterricht am Tag ermöglichen, sie ärztlich versorgen, wenn sie es brauchen. Diese Hoffnung treibt Menschen hierzulande an, wenn sie seit 50 Jahren in der Bolivien-Partnerschaft des Bistums Trier aktiv sind, Austauschprogramme organisieren und sich füreinander interessieren. Diese Hoffnung ermutigt die Leute in der chinesischen Provinz Fujian, die sich wieder und wieder für gerechte Arbeitsbedingungen für die Arbeiterinnen der Textilindustrie in den Fabriken einsetzen. Diese Hoffnung ermutigt, auch die Minenarbeiter und ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen im Goldabbau in Yanacocha in Peru nicht zu vergessen. Aus Mainz engagieren sich Menschen etwa in der Bergwerkskampagne, die darauf hinweisen: „Reichtum geht – Armut bleibt". Sie fordern menschenwürdige Bedingungen, nachhaltige Konzepte, mit den Ressourcen der Erde umzugehen. Die erste Ressource ist der Mensch, der hofft. Diese Hoffnung lässt also Menschen leben – ganz konkret.

Und wenn die Zeit gekommen ist, dann wird die Welt enden, aber so, wie ER sie voll-endet. Gott behält das letzte Wort. Er befreit. Er ermöglicht. Er öffnet die Herzen und Augen, damit wir tatkräftig anpacken für seine Schöpfung, für gerechtes und friedvolles Leben miteinander auf dieser Erde - für unsere Zukunft und die Zukunft unserer Kinder. Wie kann das gelingen angesichts von Macht- und Gewaltstrukturen in der internationalen Politik und angesichts von weltweiten Finanzmärkten, die – wo scheint es - immer mehr mit Zahlen und immer weniger mit Menschen zu tun haben? Es gibt viele Positivbeispiele, einzeln, aber konkret. Auch das gehört zu einer Bilanz am Jahresende: Es gibt nicht nur Not. Die Positivbeispiele können die Realität nicht verändern. Sie sind selbst Realität. Sie können auch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Menschen Not leiden und unsere Solidarität gefordert ist. Je mehr wir uns aber dafür interessieren und wenigstens informieren, desto mehr erfüllt sich für diese Menschen das, was ihnen mindestens zusteht: das menschenwürdige Leben und Arbeiten. Dann erfüllt sich auch das, was der Kirchenvater Irenäus von Lyon einst sagte: „Die Ehre Gottes ist der lebendige Mensch". Das Konkrete auf der einen Seite – das Grundsätzliche auf der anderen. Beides gehört zusammen, wenn wir in der Zuversicht Gottes als Menschen von Heute unterwegs sind.

Mir hilft da eine Refrain aus einem Lied, das an die Bibel angelehnt ist: „Meine Zeit steht in Deinen Händen" (nach Ps 31,16), heißt es. Was es auch bringen mag, das neue Jahr: Ich vertraue drauf, dass Gott es gut mit uns allen meint. In seinem Segen dürfen wir zuversichtlich das Kommende angehen. Und wenn die Schlagzeilen kommen, die das Unheil zu belegen scheinen, wenn von Armut und Gewalt, von Ungerechtigkeit und Tod die Rede ist, dann ist das nicht der Gegenbeweis. Sondern gerade das ist dann in seiner Nachfolge Auftrag und Aufgabe, gerade nicht mutlos aufzugeben, sondern schon jetzt mit unseren oft begrenzten Möglichkeiten mitzugestalten und so zuversichtlich der Zukunft entgegen zu gehen: einer Zukunft in einer besseren Welt; einer Zukunft in Frieden und Gerechtigkeit in Gottes guter Schöpfung. Wer so fest im Glauben steht, der muss nicht warten auf den Sankt-Nimmerleins-Tag. Der sieht schon auf dieser Erde das Gottesreich anbrechen. Der packt mit an, sieht die kleinen Initiativen und Graswurzelprojekte vor der Haustür und weltweit. Der lebt schon heute für morgen. Der ist Teil des großen Plans Gottes. Der steht mit beiden Beinen im Leben – und ist schon unterwegs in eine gute Zukunft. „Meine Zeit steht in Deinen Händen, Herr. Nun kann ich ruhig sein, ruhig sein in Dir. Du gibst Geborgenheit; du kannst alles wenden. Gib mir ein festes Herz. Mach es fest in Dir." Darauf dürfen wir vertrauen, das dürfen wir hoffen. Mit seiner Hilfe: Gott – sei Dank! 

Dr. Michael Kinnen

Hinweis: Quelle für das Interview: "Fürchtet euch nicht: Der Zukunftsforscher Matthias Horx über Untergangsstimmung und Zuversicht", Interview mit Michael Kinnen, in: Kirchenzeitungen im Verbund der Verlagsgruppe Bistumspresse, Nummer 46 vom 18. November 2007, Seite 5.

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