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1. Sonntag nach Weihnachten - Fest der Heiligen Familie (30.12.12)

Fest der Heiligen Familie

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Joh 12, 44-50 Sir 3, 2-6.12-14 (3-7.14-17a)
oder 1 Sam 1, 20-22.24-28
Kol 3, 12-21 oder
1 Joh 3, 1-2.21-24
Lk 2, 41-52

Der Autor wendet sich allen Texten des Sonntags zu – und sieht sie gemeinsam unter den Stichworten „Entgrenzung", der fröhlichen Ruhe, die das Evangelium gibt, und dem Wachsen im Glauben, das auf eröffneten Möglichkeiten beruht.

Estland nov2008 16 800Der erste Sonntag nach dem Christfest
Ein Sonntag, der es so gar nicht in sich hat: selbst im lichtarmen Winter gelingt es dem Weihnachtsfest, einen Schatten zu werfen - und dieser Sonntag liegt eindeutig darin. Mancher Christ findet, er habe seine gottesdienstliche Pflicht für dieses Jahr auf jeden Fall getan.
Trotzdem ein interessanter Sonntag: den end-gültigen Durchbruch Gottes in die Welt haben wir am Fest bedacht, aber - wie alle Eltern wissen – jetzt beginnt ja erst die Arbeit und nun muss einen Platz in der Welt finden, wer geboren wurde. Das Wort muss Fleisch werden (Joh 1,14), so kann man das Votum dieses Tages verstehen. Es geht um schwangerschaftliche Nachsorge für die Mutter und die Einführung in die Religion für das Kind, die sich in berührenden Begegnungen mit Simeon und Hanna am Tempel ereignet (Lk 2). Es ist die Zeit, in der die Menschen die Hand in den Kinderwagen stecken und dem Kind über die Wangen streichen: die Leibhaftigkeit wird entdeckt mit Ohren und Augen und Händen, was besonders der Epistel-Lesung am Herzen liegt (1. Joh 1). Vollkommene Freude (1. Joh 1,4). Nun muss man irgendwie zu fassen kriegen, was einem da geschenkt wurde. Nachhaltigkeit hat immer auch etwas mit Dauerhaftigkeit, ja Hartnäckigkeit zu tun. Es wäre also bedauerlich, wenn man Weihnachten etwas anfängt und an diesem Sonntag meint, alles wäre getan.

 

Joh 12,44-50

„Sein Gebot ist das ewige Leben" (V.50). Auch hier geht es um Dauerhaftigkeit, die sich ethisch zuweilen als Hartnäckigkeit aufführen kann, ja sollte. Das Dauerhafte ist ein besonderes Phänomen. Wir kennen es nicht, sondern leben mit den Beschränkungen dieser Welt, ihrer Endlichkeit, ihrer Undurchschaubarkeit und der schlechten Deutbarkeit der Zeichen. Diese Beschränkungen werden hier angesprochen und durch göttliche Tat durchbrochen: der Glaube an Jesus wird durchsichtig als Glaube an Gott. Wir erleben uns in einer Finsternis, aber der Glaube lässt uns dort nicht bleiben. Begegnung mit Jesus könnte einen runterziehen und das eigene Scheitern nur umso deutlicher machen, Jesus aber kommt, um zu retten. Das ist ein ganz fröhlicher, entgrenzender Text, der in der typischen, eher schlicht wirkenden johanneischen Sprache daher kommt, die aus aneinandergereihten Weisheiten zu bestehen scheint. In der Predigt ginge es aber gerade darum, die wirbelnde, göttlich-hemmungslose Entgrenzung und Fröhlichkeit frei zu legen.
Trotzdem ahnen wir, wovon Jesus spricht, wenn er sagt, wer seine Worte nicht annehme, der habe schon seinen Richter. Es ist wichtig, Pläne zu schmieden, Legislaturperioden zu planen oder sich - wie die Vereinten Nationen – „Millennium Development Goals" zu geben. Das ganze aber verkommt zu einer Wurschtelei, wenn nicht deutlich wird, wohin wir wollen, was wir für Mensch und Natur, die uns anvertraut sind, tun wollen. Man würde gern mehr von dem Licht sehen, das in die Welt gekommen ist, von dem guten Willen Gottes für alle und alles. Auch unter den irdischen Bedingungen, schon jetzt kann sichtbar werden, dass wir nicht in der Finsternis bleiben, sondern ernsthaft darum ringen, dem beschädigten Nächsten und der leidenden Kreatur eine Hilfe zu sein.
Seltsamerweise haben wir uns angewöhnt, von gewissen Banken als „too big to fail" zu sprechen und reagieren durch Rettungsschirme und Sonderzahlungen darauf. Es mag sein, dass dieses Gebot im Johannesevangelium auf andere, entgrenzte Weise „too big to fail" ist: es bleibt, auch ohne Rettungsschirm. Wir müssen nur unsere Hand in den Kinderwagen strecken und dem ewigen Leben über die Wangen streichen.

 

1 Sam 1,20-22.24-28

Wir bleiben beim Nachwuchs und dem Geschenk der Entgrenzung: Hanna bringt ihren Sohn Samuel in den Tempel, für immer soll es sein. Das klingt traurig, aber der Text ist alles andere als das.
Samuel ist die überraschende Frucht eher später Tage. Aber Hanna konnte der Entgrenzung durch das Wort des Priesters Eli vertrauen, „aß wieder und hatte kein trauriges Gesicht mehr" (1. Sam 1,18). Sie lässt sich fallen in diese Ansage und vertraut dem Leben, dass ihr fern und jenseitig vorkommen muss. Das versetzt sie, schon bevor etwas in der Sache geschehen ist, in ein neues Sein. Das Leben ist nicht mehr Sachzwang und Beschränkung, sondern Möglichkeit geworden.
Interessant ist, wie sie diese neue Möglichkeit gestaltet: sie gibt ihren Sohn an den Priester, wie versprochen, denn sie weiß, dass Gott etwas „zurückfordert". Trotzdem sorgt sie für sich: sie gibt ihren Sohn erst, als er entwöhnt ist und gönnt sich diese Zeit der Familie. Und sie bringt als Opfergabe u.a. einen „Schlauch Wein" mit – eine schelmische Anspielung vielleicht auf ihr erstes Erscheinen vor Eli, der ihr, der Verzweifelten, seinerzeit vorgeworfen hatte betrunken zu sein (1,13-15). Sie sorgt für sich und ihre Reputation, sie weiß die neue Möglichkeit ihres Lebens zu gestalten. Was Gott „zurückfordert", das benötigt unsere gelassene Fröhlichkeit, aber auch unsere Phantasie und unsere Umsicht für uns selbst und andere. Dauerhaftes, zukunftsfähiges Leben ist kein schematisches Abarbeiten göttlicher Satzungen oder „Rückforderungen", sondern benötigt Geschick, Umsicht und Improvisationskunst. Wer die Möglichkeit Gottes ergreift, für den beginnt die Arbeit erst.

 

1. Joh 3,1-2.21-24

Billerbeck stjohannis 2007  05 800In diesem spannungsreichen Raum der Möglichkeit gilt, dass wir Kinder Gottes schon sind, aber was wir sein werden, ist noch nicht offenbar geworden. Unser Offenbarwerden ist keine theoretische Phantasterei für ein Wolkenkuckucksheim, sondern eine dringend erwartete Möglichkeit für viele: „Die ganze Schöpfung wartet sehnsüchtig auf das Offenbarwerden der Söhne Gottes" (Röm 8,19).
Also leben wir unter dem Doppelgebot, an den Namen Jesu Christi zu glauben und einander zu lieben. Wir sind allein an diese Beziehungen gewiesen, alles andere können wir beiseitelegen. Das ist ein christlicher Gemeinplatz, der schnell dahin gesprochen ist, und doch birgt er einiges Potential, das freigelegt werden muss. Denn alle anderen Ausrichtungen auf „Werte" wie das Wirtschaftswachstum sind blind, wenn sie nicht an diesem Doppelgebot gemessen sind. Sie führen zu dieser berühmten inneren Unruhe (Ps 42,6), einem unersättlichen Aktivismus, der sich eben nicht beruhigen kann, weil sich das Gewissen keiner Sache gewiss ist. In der göttlichen Gegenwart des Geistes ist das anders, aber das bedeutet keine Untätigkeit. „Ich strebe danach es zu ergreifen, weil auch ich von Christus Jesus ergriffen worden bin" (Phil 3,12). „Nachjagen" übersetzt Luther sogar – da geht es zur Sache! Aber ich stelle mir das sehr beruhigt vor. Daraus lässt sich nachhaltiges Leben gestalten.

 

Lk 2,41-52

„Der hat die Ruhe weg!", möchte man meinen, wenn man diese Episode aus dem Leben Jesu hört. Die aufgeregten Eltern suchen erhebliche Zeit nach ihm und finden ihn „in dem, was meinem Vater gehört". Der Messias lebt gefährlich, macht betroffen und tut einem zuweilen etwas an. Er enttäuscht, weil er sich nicht dort finden lässt, wo man ihn gern hätte und vermutet.
Evangelienleser wissen, dass Jesus dieser Linie treu bleiben wird. Wie der Wind weht, wo er will, so umgibt er sich mit Menschen, die eher unpassend sind, ist der Gast prekärer Existenzen, lässt Kinder zu sich kommen und besucht unheilbar Kranke. Später sucht man den Lebenden vergeblich bei den Toten.
So viele Nicht-Orte in diesem Leben, die aber doch viele christliche Traditionen und Institutionen aus sich entlassen haben: die Diakonie, die Hilfe für Alte und Schwache, der Einsatz für die Entrechteten und die, denen keiner mehr helfen will. Heute kommt der Einsatz für gerechte Weltwirtschaftsstrukturen oder den Klimaschutz dazu. So viele Orte, aber sie alle tragen diesen einen Namen: „was meinem Vater gehört". So ist es unsere Suchaufgabe den Ort zu finden, an dem wir die Hand in den Kinderwagen stecken, dem ewigen Leben über die Wangen zu streichen. Und vielleicht ist gerade der Gottesdienst an diesem Sonntag im Schatten von Weihnachten so ein Nicht-Ort, an dem wir sein sollen.

Dr. Thomas Schaack

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