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3. Adventsonntag (16.12.12)

3. Advent 2012


ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Jes 40,1-8 (9-11) Zef 3, 14-17 (14-18a) Phil 4, 4-7 Lk 3, 10-18

 

Vertiefend betrachtet wird der Text des kath. Evangeliums (Lk 3,10-18). Die Texte der kath. Leseordnung haben als gemeinsame Schwerpunkte „Hoffnung, Freude und den Hinweis auf gute Werke". Das Thema Nachhaltigkeit wird in ihnen zwar nicht unmittelbar berührt, jedoch bieten sich Gedanken über das Thema "wahre Freude" als Quelle für soziale Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit etc. an. Stichworte zur Nachhaltigkeit: Klimawandel, soziale und globale Gerechtigkeit, eigenes Handeln.

Stichworte zum ev. Text (Jes 40): Sich auf Anfänge besinnen, festhalten/überdenken des gewohnten Lebensstiles.

Bezug zum Kirchenjahr

Der dritte Adventssonntag trägt in der katholischen Liturgie den Namen „Gaudete" (Freuet euch!). Diese Aufforderung zur Freude entstammt der neutestamentlichen Lesung, die dem Philipperbrief entnommen ist. „Freuet euch im Herrn zu jeder Zeit!" heißt es da gleich am Anfang. Diese Vorfreude auf den Herrn steht im Kontrast zu den alltäglichen Erfahrungen in der Adventszeit. Gerade in der so genannten besinnlichen Vorweihnachtszeit erlebe ich es bei mir und meiner Umgebung, dass man vor lauter Vorbereitungsstress auf die Feiertage unter enormen Zeitdruck gerät und es zugleich kaum erwarten kann, bis endlich Weihnachten ist. Die Lichter der Straßen und Weihnachtsmärkte lenken zudem ab vom eigentlichen Sinn des Advents, der vorweihnachtlichen Bußzeit.
Mitten hinein in diese Vorbereitungszeit hören wir in der Perikope des Lukas-Evangeliums von Menschen, die voller Erwartung zu Johannes kommen. „Was sollen wir tun?", fragen sie ihn. Johannes zeigt in seinen Antworten konkrete Möglichkeiten für jeden und jede auf, die auch in unsere heutige Zeit und für unsere aktuellen Probleme umformuliert werden können.
Hier gilt es, die schwierige Balance zwischen einer echten, tiefen Freude, von der die Lesungen sprechen, und einem alltagstauglichen Weg der kleinen Schritte, der mit der Umkehr zu Gott im Konkreten ernst macht, auszuhalten und diese in die vorweihnachtliche Stimmung hinein zu vermitteln [Panning 2010].

Exegetische Bemerkungen

Der Prophet Zefanja, der zur Zeit des Königs Joschija (641-609 v. Chr.) in Jerusalem lebte, beschreibt in seinem Buch seinen Weg, der eine Art „Advent" darstellt. Er erwartet das Gericht, welches das Volk zu einer umfassenden Erneuerung führen soll. Die vorliegende Perikope findet sich in den letzten Versen des Buches. Sie erzählt von der Hoffnung, die über die Stadt Jerusalem kommt und sie zum Ort der Neusammlung macht.
Die Idee dieses versammelten „Restvolkes" kann als die geistliche Brücke zum Neuen Testament gesehen werden: Jesus kommt ebenfalls, um aus dem Volk die Menschen zu einem neuen Bund zu vereinen.
So ermutigt bereits Zefanja: „Lass die Hände nicht sinken!" Das könnte für unsere heutige, von Zukunftsangst geprägte Welt bedeuten: „Fang an, tu etwas, (mit der Hilfe Gottes) wird es schon gehen!"

Den Brief an die Philipper hat Paulus als Gefangener (Phil 1, 13-14. 17), vermutlich in Ephesus, abgefasst. Die Gemeinde von Philippi in Mazedonien, die er auf seiner zweiten Missionsreise (50-52 n. Chr.) besucht hat, war die erste Gemeinde, die Paulus in Europa gründete. Sie wird verschiedentlich als „Lieblingsgemeinde" des Apostels bezeichnet, da gewisse Andeutungen des Apostels darauf hinweisen, dass er sich mit ihr besonders verbunden fühlte. Auch die Gläubigen, an die er schreibt, erleiden Bedrängnisse und Verfolgungen. Es geht von daher im Philipperbrief auch um die Bewältigung der Erfahrung von Leid. Paulus will die Freude, die er selber mit seinem Glauben an Jesus Christus verbindet, der Gemeinde weitergeben.

Das 3. Kapitel des Lukasevangeliums beschreibt nach der Kindheitsgeschichte das Auftreten des Wegbereiters Johannes. Nach seiner apokalyptischen Rede (Lk 3,7c-9) folgen in der vorliegenden Perikope nun klare Verhaltensregeln, wie dem anbrechenden Reich Gottes zu begegnen ist. Die Umkehr besteht nach Johannes dem Täufer in konkreten Taten der Menschlichkeit und Nächstenliebe und im Meiden von Unrecht. Dieses Auftreten des Johannes muss Eindruck hinterlassen haben, denn Lukas setzt sich hier mit der Möglichkeit, Johannes könnte selbst der Messias sein, auseinander (Verse 15-16b). Daran schließt sich die klare Selbstdefinition des Täufers als Wegbereiter und Vorläufer an. Die Perikope endet mit einer Ermahnung (Vers 17).

Der Verfasser von Jesaja 40-55 ist unbekannt. Man bezeichnet ihn als Deuterojesaja (Zweiter Jesaja). Der in der vorliegenden Perikope gespendete Trost wendet sich an die nach Babylon Verschleppten. Für sie ist die Geschichte des Volkes mit seinem Gott zu Ende und alle Hoffnungen sind gescheitert. Aber wer einmal mit diesem Gott „im Bund" war, hat offensichtlich „Ressourcen", die ihm helfen, sich nicht einfach abzufinden und zu fügen. Er ahnt, dass mit diesem Gott ein neuer Aufbruch und eine erneute Befreiung gelingen können (Böttcher 2007).
Der Gedanke der Umkehr, der in dieser Perikope als Neubeginn beschrieben wird, kann in Bezug gesetzt werden zur ursprünglichen Intention der Adventszeit als Zeit der Besinnung, des Nachdenkens und Überdenkens des eigenen Lebensstiles (Müller 2009).

Hinweise für die Predigt

Im Mittelpunkt der katholischen Bibelstellen steht das Thema Freude. Die Lesungstexte sprechen eine Freude an, die aus dem bewusst erkannten Handeln Gottes erwächst, aus dem Bewusstsein seiner Nähe, seiner schützenden und befreienden Gegenwart, die im Gebet unmittelbar zugänglich ist. Solch eine Freude lässt die Welt mit anderen Augen sehen und bewirkt ein Handeln in Sorgfalt und Achtsamkeit. Wo Gottes Gegenwart in der Welt erkannt wird, kann diese Welt nicht ausgebeutet oder misshandelt werden (Panning 2010).

Die zentrale Frage in der Perikope des Lukasevangeliums lautet: „Was sollen wir tun?" Was würde Johannes heute fordern angesichts des Klimawandels, der ungerechten Welthandelsordnung und anderer globaler Probleme?
Da ist der Johannes, der recht deutliche Worte spricht, der kein Blatt vor den Mund nimmt. Und da ist der andere Johannes, der seinen Zuhörern ganz konkrete Wege aufzeigt, wenn Menschen in Krisenzeiten geholfen werden soll. Einerseits gilt es, den Ernst der Lage wahrzunehmen, damit wir nicht die Augen vor der Realität verschließen. Andererseits brauchen wir Ansatzpunkte, die unsere Lage zum Besseren wenden können. Johannes fordert ganz konkret: Wer zwei Gewänder hat, gebe eines davon dem, der keines hat (Lk 3, 11).

Hier bietet sich ein Brückenschlag zum Thema Nachhaltigkeit an: Für unsere heutige Zeit stellt sich dabei vor allem die Frage nach sozialer Gerechtigkeit, inwieweit wir auf Kosten der wirtschaftlich unterentwickelten Länder leben. Besonders im Bereich der Klimagerechtigkeit, der z.B. anhand des CO2–Ausstoßes oder des sogenannten ökologischen Fußabdruckes (Fläche auf der Erde, die notwendig ist, um den Lebensstandard eines Menschen dauerhaft zu ermöglichen) ermittelt werden kann, zeigt sich, wie die Armen am meisten an den Folgen des Klimawandels zu leiden haben (Frank).

Dabei können sowohl die Ursachen (Verbrennen fossiler Brennstoffe und die daraus resultierenden Emissionen von CO2 sowie die Freisetzung weiterer Treibhausgase - u.a. durch die Abholzung des Regenwaldes und die Anlage von riesigen Palmölplantagen) als auch die Folgen des Klimawandels angesprochen werden: So werden international steigende Meeresspiegel beobachtet, Wetterextreme wie Überschwemmungen und Dürren, die sich z.B. in der Austrocknung großer Landstriche und Überflutung von Reisfeldern zeigen, nehmen zu. Die Veränderungen sind aber auch bereits lokal nachweisbar („Die Folgen des Klimawandels sind am Bodensee bereits spürbar" berichtete die Schwäbische Zeitung am 13.6.2012).
Bei der Frage: „Was sollen wir tun?" bieten sich z.B. folgende Handlungsmöglichkeiten für „klimagerechtes Handeln" an: Einkauf saisonaler, regionaler und fair gehandelter Produkte - Reduktion des (eigenen) Fleischkonsums – Einkauf und Verwendung elektrischer Geräte mit hohen Energiestandards – Einsparung von Wasser und Energie – Verstärkte Benützung öffentlicher Verkehrsmittel und „energieeinsparender" Fortbewegungsmittel (z. B. Fahrrad) – Einflussnahme auf den Ausbau erneuerbarer Energien (z.B. durch Einkauf von „Ökostrom") etc.

Ein Aspekt, der noch vertieft werden kann, ist die Frage nach dem Ursprung dieser „guten Werke". All die guten Werke können oberflächlich verpuffen, wenn sie nicht aus der Tiefe des Herzens kommen, sondern aus purem Aktionismus oder im Sinn eines religiösen „Leistungssports" geschehen.
„Einer wird kommen, der stärker ist als ich. Er wird euch taufen mit Heiligem Geist und mit Feuer" bekennt Johannes. Die Taufe ist ein Geschenk der Freude an uns Menschen.
Bedeutet dies nicht, dass wir durch die Taufe „weihnachtliche" Menschen werden, die darauf vertrauen, dass sich Gottes Nähe und Liebe in Jesus Christus gezeigt hat und noch irgendwie im mitmenschlichen und wertschätzenden Umgang miteinander spürbar und erfahrbar werden. Weihnachtliche Menschen überlassen die Welt nicht sich selbst, sondern handeln im Geiste Jesu.

So verkündet Jesus selbst in der Synagoge von Kafarnaum: „Der Geist des Herrn ruht auf mir, denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht und den Blinden das Augenlicht bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde, die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe (Lk 7,22; Jes 35,5f; Jes 61,1).

Wahre Freude und Gottes Geist befähigen zu nachhaltigem Handeln!

Ein letzter Hinweis für die Predigt betrifft den adventlichen Charakter aller Perikopen: Ausgehend von den vielfältigen Warteerfahrungen kann „Warten-Müssen" wenigstens hin und wieder als Chance zu einer Denkpause und produktiven Unterbrechungen der üblichen Jagd nach eingesparter Zeit begriffen werden und zugleich eine adventliche Warte-Kultur (Warten auf das Kommen Gottes in unserer Zeit und Welt) im Sinne einer veränderten, nachhaltigen Lebenshaltung angeregt werden.

Insgesamt zeigen die Perikopen, dass die im Advent gestärkte Hoffnung auf das Reich Gottes uns lehren kann, uns nicht einfach abzufinden und anzupassen. Jesaja und Zefanja ebenso wie Paulus und Johannes bezeugen, dass die Welt nicht so bleiben muss, wie sie ist [Böttcher 2007].

Gottes Wort kann uns trösten und bestärken und wird zur Quelle von Hoffnung, Freude und guten Werken, die nachhaltiges Handeln beinhalten!

 

Dr. Marcel Görres

Quellen:
Böttcher, Herbert: nachhaltig predigen: Kirchenjahr 2006/2007, Darmstadt, S. 39-41
Frank, Wolfgang: Wir leben auf Kosten der wirtschaftlich unterentwickelten Länder. www.pfarre-dechantskirchen.at
Müller, Gottfried: nachhaltig predigen: Kirchenjahr 2008/2009, Darmstadt, S. 15-18
Panning, Gabriele: nachhaltig predigen: Kirchenjahr 2009/2010, Darmstadt, S. 18-21
Schwäbische Zeitung: Die Folgen des Klimawandels sind am Bodensee bereits spürbar. 13.6.2012

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