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Drittl. Sonntag i. Kirchenjahr / 32. Sonntag im Jahreskreis (06.11.22)

Drittletzter Sonntag im Kirchenjahr / 32. Sonntag im Jahreskreis

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Lk 17,20-24(25-30) 2 Makk 7, 1-2.7a.9-14 2 Thess 2, 16 - 3, 5 Lk 20, 27-38


Lk 17, 20-24 (25-30) & Lk 20, 27.34-38

In Memoriam – zur Nachhaltigkeit des Wortes

Die Frage nach dem „Wo“ und „Wann“ des Reiches Gottes führt mich gedanklich über 20 Jahre zurück: Am 9. Februar 2000 hält Meinrad Limbeck, Akademischer Oberrat für Alte Sprachen, am Theologicum in Tübingen seine Abschiedsvorlesung. Worüber, ist jedem der Anwesenden klar: „Das Reich Gottes ist da“ – „aeggiken“ (gr.), als sogenanntes „resultatives Perfekt, „also kein Aorist“, wie in den allermeisten Übersetzungen zu finden. Generationen von Theologiestudierenden haben dies – nicht nur dies – bei Meinrad Limbeck gelernt, von ihm im Ohr. Das „Reich Gottes“ war sein Herzensthema. Limbeck starb am 15.06.2021, in seinem 87. Lebensjahr. 10 davon war er als Priester tätig, eine Universitätskarriere blieb ihm nach Laisierung und Heirat verwehrt. In meiner Zeit als Diakon in Tübingen-Lustnau traf ich Meinrad Limbeck wieder. Er hatte gerade einen Krankenhausaufenthalt hinter sich und arbeitete an seinem Buch „Abschied vom Opfertod“. Ich war begeistert, wie dieser Vollbluttheologe bis ins Alter an seinem Thema zutiefst festhielt: „Das Reich Gottes ist da!“ Aus dieser Haltung heraus hatte er auch das Manuskript seines aktuellen Buches geschrieben. Und ich freute mich, als er mich fragte, ob ich es gegenlesen könne. Bei Tee und Keksen oder leckerem Dessert seiner Frau besprachen wir seine Texte in der Lustnauer Wohnung, die die beiden bewohnten. Die Art, wie der Pensionär von dem sprach, was er theologisch erschlossen hatte, die Begeisterung für die neue Botschaft eines Jesus von Nazareth und das Verbindende zwischen Judentum und Christentum, das er sah, all das entfachte von Mal zu Mal ein Leuchten in den Augen des Pensionärs. So müssen sie ausgesehen haben, die frühen Zeugen des Herrn, dachte ich oft. Durch eine solche „ansteckende“ Art erschließt sich das Wort Nachhaltigkeit von selbst. Wer jemand so authentisch, von innen heraus reden hört und an seinen Texten feilen sieht, wer diese Ergriffenheit am Urtext sieht, der spürt, was eine Nachhaltigkeit des Wortes bedeutet: Meinrad Limbeck hatte die Gabe, Zusammenhänge und sprachliche Tiefenschichten lebendig werden zu lassen.

Apokalypse oder Frohe Botschaft? – Lk 17, 20-24 (25-30)

Und da ist er wieder, dieser Satz: Lukas lässt in seinem Evangelium die Pharisäer die Frage stellen, wann das Reich Gottes komme. Seine „kleine Apokalypse“ kann als „leichtes Donnern“ vor der eigentlichen Endzeitrede im 21. Kapitel (V. 5-36) gelesen werden. Der Evangelist hat diesen Abschnitt vor allem aus der Logienquelle Q, während er seine eigentliche „Apokalypse“ nach Markus (Kap. 13) gestaltet. Die Hauptaussagen, da war sich Meinrad Limbeck seiner Zeit sicher, könnten daher auf den irdischen Jesus zurückgehen. Und er konkretisierte, dass es wörtlich nicht „unter euch“, sondern „innerhalb von euch“ (V. 21) hieße. Die Nachhaltigkeit des Wortes, das habe ich bei ihm gelernt, hängt mit einer präzisen Übersetzung zusammen. Denn nur dann lässt sich die eigentliche Bedeutung erschließen: Der Satz „Das Reich Gottes ist da!“ entstammt zunächst dem 1. Kapitel des ältesten Evangeliums (Mk 1, 15). Lukas baut ihn hier zur Frage und leicht veränderten Antwort Jesu um. Das „da“ als auch das „mitten unter euch“ bedeutet für den gläubigen Juden: Die Gottesherrschaft ist eine weltimmanente Realität. Wer das jüdische Glaubensbekenntnis („Schma Jisrael“) betet, realisiert bereits die Zeitenwende, geht von einem neuen Äon aus. Damit hatte die Herrschaft Gottes bereits begonnen, war schon „da“. Jeder Jude und jede Jüdin zur Zeit Jesu erwartete folglich nicht den Anbruch des Gottesreiches, sondern in dieser Frage – bei Lukas den Pharisäern in den Mund gelegt – geht es um den Zeitpunkt der Vollendung: um das Kommen des ersehnten Reiches Gottes, das alles „voll“, „endgültig“ macht. Dabei geht die Parusie quer durch die Gesellschaft, wie die Verse 34-36, die Lukas aus Mt 24 übernommen hat (was aber in den handschriftlichen Überlieferungen nicht bestätigt wird, weshalb V. 36 in der Einheitsübersetzung geklammert ist), verdeutlichen. Nachhaltiges Handeln bedeutet demnach nicht, sich auf die eine oder andere Seite zu schlagen. Auch nicht, in einfachen Dualismen („die Guten“ vs. „die Bösen“) zu denken.

Das neue Äon – Lk 20, 27.34-38

Zwischen den Evangelisten Markus und Lukas liegt ein nicht geringer zeitlicher Abstand, der für die Entwicklungen in den christlichen Gemeinden bedeutend war. Insofern bearbeitet Lukas die Vorlage des Älteren (Mk 22, 23-33) erheblich. Meinrad Limbeck sah den Hauptgrund in der stärker gewordenen Partei der Sadduzäer. Denn diese bestritten, im Gegensatz zu den Pharisäern, ein Leben nach dem Tod. Mit einem extremen Fallbeispiel wollen sie, nach der Lesart des Lukas, Jesus in die Aporie führen: Die Tora (Dtn / 5. Buch Mose, Kap. 25) sieht die Leviratsehe („Schwagerehe“) für eine kinderlose Frau vor, deren Mann stirbt. Die Sadduzäer konstruieren das Beispiel einer sechsfachen Wiederheirat, sodass die Frau mit sieben Männern (erneut eine Zahl, die Vollkommenheit symbolisiert) verheiratet gewesen wäre – mit der Fangfrage, wessen Frau sie denn nun bei der Auferstehung der Toten sei. Zunächst ist bemerkenswert, dass sich Jesus nicht auf eine Schriftdiskussion einlässt. Er verweist vielmehr darauf, dass es im neuen Äon keine Heirat gibt. Wie auch keinen Tod mehr: „Sie können nicht mehr sterben“ (V. 36). Während Markus einen vorsichtig umschreibenden Vergleich mit dem engelsgleichen Sein gebracht hatte, wird Lukas konkreter – und lässt Jesus eine klare Aussage zur Unsterblichkeit treffen. Erst jetzt rekurriert dieser auch auf die Überlieferung der Schrift, die Gott in der Dornbuscherzählung (Ex / 2. Buch Mose, Kap. 3) als „Gott der Lebenden“ bezeugt. Was im Lichte der Schrift bedeutet: Kontinuität gewährt Nachhaltigkeit im Glauben. Kernaussagen der biblischen Tradition hängen mit der Ewigkeit zusammen. Durch diesen Zusammenhang sind die irdischen Existenziale von Raum und Zeit im neuen Äon aufgehoben.

Dr. Thomas Hanstein, Erbach/Donau

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