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Allerheiligen (01.11.22)

Allerheiligen

Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Offb 7, 9-12 Offb 7, 2-4.9-14 1 Joh 3, 1-3 Mt 5, 1-12a

 

Zum Text aus der Offenbarung

Der Text aus der Offenbarung des Johannes ist in seiner Bildsprache Inspiration für Kunstwerke und Lieder. Der Text wird auch als Apokalypse bezeichnet – hierbei handelt es sich um eine religiöse Literaturgattung, die Gottes Gericht, Weltuntergang, Zeitenwende und die Enthüllung göttlichen Wissens in den Mittelpunkt stellt. Der Text der Johannesoffenbarung wurde im Laufe der Geschichte wieder im Kontext von aktuellen Ereignissen interpretiert. Aus der historisch-kritischen Wissenschaft wissen wir, dass es um die „letzten Dinge“ geht: Es ist das einzige prophetische Buch des Neuen Testaments und es entstand höchstwahrscheinlich im 1. Jahrhundert nach Christus. Es spricht vom „Ende der Geschichte“ und vom Kommen des Reichs Gottes. Die Schrift ist in der Form eines Briefs verfasst, der sich an die 7 Gemeinden Ephesus, Smyrna, Pergamon, Thyatira, Sardes, Philadelphia und Laodizea, wobei die Zahl 7 für Vollkommenheit steht und damit ein weiterer Adressatenkreis anzunehmen ist.

Heute hören wir aus dem Kapitel 7, das eine Zäsur darstellt, ein Atemholen zwischen den Etappen des Endgerichts. Wir hören, wie ein Engel auftaucht, der durch das Siegel des lebendigen Gottes gekennzeichnet ist, und die anderen Engel in ihrem Tun aufhält: „Tut der Erde und dem Meer und den Bäumen keinen Schaden, bis wir versiegeln die Knechte unseres Gottes an ihren Stirnen“, so ruft er den Engeln zu, die an den vier Ecken der Erde stehen und die Winde festhalten. Im letzten Kapitel haben wir gehört, wie das Lamm Gottes die ersten vier Siegel geöffnet und damit die 4 apokalyptischen Reiter mit dem Wort „Komm“ gerufen hat, die die Menschheit mit ihren Geißeln heimsuchten: Blut und Tod durch Krieg, Hunger und Krankheit. Die ersten sechs Siegel sind geöffnet, und die Zerstörung ist furchtbar. Aber das 7. Siegel steht noch bevor. Und in dieser Situation nun fragen sich die Hörer: „Wer kann bestehen?“ Die Antwort kommt nun, es sind 12 mal 12000 Menschen, die das Siegel Gottes erhalten und damit gerettet werden sollen. Über die Zahlensymbolik der Texte in der Offenbarung lässt sich viel sagen; klar ist: Die Zahl 12 steht für Vollständigkeit und wir müssen davon ausgehen, dass es sich um die symbolische Zahl derer handelt, die zum Glauben gefunden haben und damit errettet sind.

Mich erinnert diese Ruhe vor dem Sturm an die Situation, in der wir uns den Aussagen der Klimaforscher gemäß befinden: Wenn wir jetzt nicht handeln, droht die Zerstörung von Lebensraum und Lebewesen, der Klimawandel wird irreversibel und wir werden die Auswirkungen unseres ausbeuterischen Umgangs mit der Umwelt schmerzhaft spüren. Eine Umfrage des Eurobarometers im Juli 2021 hat gezeigt, dass 9 von 10 europäischen BürgerInnen den Klimawandel als die aktuellste und größte Bedrohung einschätzen. Wie in der Offenbarungserzählung wird die Zerstörung kurz aufgehalten, und wir bekommen die Möglichkeit, zu handeln, um zu retten, was zu retten ist. In ihrem Lied „Galaktika“ ruft Sängerin und Liedermacherin Dota Kehr nach der rosa Fee, die uns retten soll aus unserer Verstrickung in Gier, Ohnmacht und Zerstörung. „So viele falsche Infos /Und so viel Augenwischerei / Ich weiß noch, wenn alle sich stritten/Dann kamst du vorbei/Stiftest Frieden, bringst die Lösung/ Oh, du säkularer Engel/Wann kommst du/Bitte verzeih', dass ich drängel'“. Diese Fee wird nicht kommen, sondern es liegt an uns, ob und wie die Zerstörung angehalten wird. Eine radikale Antwort auf die Herausforderungen des Klimawandels ist die Bewegung der Xtinction Rebellion, was etwa so viel heißt wie der Aufstand gegen das Aussterben. Nicht alle von uns stellen sich den Engeln der Zerstörung gleich mutig entgegen, vielleicht ist es auch in Ordnung, sich zu fürchten vor den Bildern der Apokalypse, die wir im biblischen Text lesen oder in den Nachrichten sehen. Aber vielleicht können wir das Siegel, das der Engel auf die Stirn zeichnen will, als ein Zeichen der Bestärkung und der Zuversicht sehen, dass auch inmitten von Chaos und Zerstörung Zuversicht bestehen kann, sowohl in persönlichen als auch im gemeinschaftlichen Kontext.


Zum Text aus dem 1. Johannesbrief

Die Worte aus dem 1. Johannesbrief lesen sich wie ein Trost nach den Worten der Offenbarung und es wirkt fast so, als würden wir hier mehr erfahren über das Siegel, das die Knechte (und Mädge) Gottes auf ihre Stirn erhalten sollen. „Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch!“ ruft uns der Verfasser des 1. Johannesbriefes zu. In der Tradition der Kirche sind Evangelium und Briefe einem Verfasser zugeschrieben, aber die Exegese weiß, dass die Briefe in jedem Fall nach dem Evangelium und damit gegen Ende des 1. Jahrhunderts oder zu Beginn des 2. Jahrhunderts verfasst wurden. Um den Kontext der Schriftstelle zu verstehen, muss man wissen, dass der Verfasser mit seinem ersten Brief auf Spaltungen und Konflikte in seiner Gemeinde reagiert. Es geht um die wahre Menschgestalt Jesu, aber auch um die Erfahrung, dass auch Christen schuldig werden können, und wie mit dieser Erfahrung umgegangen werden kann. Der Verfasser betont die Liebe Gottes, die sich in der Menschwerdung gezeigt hat. Als Geschenk. Der Verweis auf die Gotteskindschaft ist ein Versprechen und gleichzeitig eine Aufforderung, denn in der Gottähnlichkeit liegt auch eine Verantwortung den Mitmenschen und der Umwelt gegenüber. Trost und Ermahnung erhalten die Leser des 1. Johannesbriefes, beides können auch wir in unserem Kontext gebrauchen: Die Gewissheit, dass wir als Kinder Gottes geliebt und angenommen sind, aber das daraus auch eine Verantwortung erwächst für die Welt, in der wir leben und die Menschen, mit denen wir in Beziehung stehen. 

Zum Text aus dem Matthäusevangelium

Die Worte des heutigen Evangeliums stammen aus der Bergpredigt, so bezeichnet, da Jesus in dem Text den ihm auf den Berg gefolgten Jüngern den in der Tora offenbarten Willen Gottes neu auslegt. Bewusst wird hier eine Parallele gezogen zu dem Berg Sinai, von dem aus Mose seinem Volk die Tora mündlich weitergab. Die Bergpredigt beginnt mit den 8Seligpreisungen oder Makarismen (Glückszusage, Heilszusage), die sich an die geistlich Armen, die Leidtragenden, die Sanftmütigen, Menschen, die nach Gerechtigkeit hungern, die Barmherzigen, die Menschen reinen Herzens, die Friedensstifter, die um der Gerechtigkeit willen Verfolgten richten. Es ist kein Zufall, dass die Bergpredigt am Beginn des Neuen Testaments steht: wir finden in den Worten Jesu eine Heilszusage. Trotz der Anlegung an das Gesetz, sind die Sätze nicht legalistisch formuliert, sondern kommen daher als Preisung. Es sind vertrauensvolle Sätze, die davon ausgehen, dass wir Menschen das können – selig werden im Tun am Nächsten. Für mich sind die Seligpreisungen Balsam für die Seele und sind fast wie ein Ort der Ruhe inmitten der Anforderungen unserer Welt. Oft genug fühlen wir uns als Kämpferinnen im Angesicht all dessen, was falsch läuft in dieser Welt oder aber wir fühlen uns wie Versagerinnen, wenn wir die immer gleichen Herausforderungen nicht bewältigen können - die Reiter der Apokalypse, von denen wir in der Offenbarung des Johannes gehört haben, bringen weiterhin Krieg, Tod, Krankheit und Zerstörung. Da kommen die klaren, schlichten Worte, die uns Matthäus von Jesus überliefert, gerade recht. Sie erinnern daran, dass die Lösung für vieles in uns selbst liegt: gewaltfreie Kommunikation, Nachsicht mit eigenen Fehlern und denen der anderen, ein achtsamer Umgang mit unserer Umwelt, ein kritischer Blick auf den Konsum und eine Unnachgiebigkeit, wenn es um die Menschenrechte geht – das können wir uns zutrauen, denn das ist uns zugesagt. „Seid fröhlich und jubelt“ – steht in Vers 12a. Das geht sicher nicht immer, wenn wir wach durch die Welt gehen – zu vieles läuft falsch. Aber wir haben die Zusage, dass wir es nicht nur dürfen oder sollen, sondern dass wir es können – Segen sein für andere.

Eva Baillie, Mainz

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