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Reformationstag (31.10.22)

Reformationstag

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. Evangelium
Ps 46 Phil 2, 1-4 Lk 14, 12-14

 

Psalm 46

Was tun wir gegen unsere Angst? Die Angst um uns selbst, die Angst um andere, die Angst vor anderen, die Angst vor der Zukunft? Glaubende Menschen beten, oder - wenn Ihnen das leichter fällt – singen sie ein Lied. Der 46. Psalm ist ein Lied und soll gesungen werden, so steht es im ersten Vers. Beim Schreiben dieser Auslegung habe ich die Erfahrung hinter mir, über ein Jahr nicht laut und öffentlich singen zu können. Das fiel mir schwer. Ich singe lieber als dass ich ein Gebet spreche. Da kommt bei mir mehr in Bewegung, da ist der ganze Körper und der Atem in Bewegung.

Dieses Lied beginnt mit einer Aussage über den, an den sich alle unsere Gebete und Lieder richten dürfen: Gott ist unsere Zuflucht und ein starker und mächtiger Helfer in allen Nöten. Deshalb fürchten wir uns nicht!

Singen macht die Bedrohung durch das, was wir fürchten, nicht kleiner, aber es löst uns aus unserer Angststarre vor der Gefahr. Es passieren gewaltige und furchtbare Unglücke: der Text erinnert an einen Tsunami der eine gigantische Flut auslöst. Von Erdbeben ist die Rede, und vielleicht müssen wir da nicht nur an reale Erdbeben denken sondern auch an soziale Erdbeben oder politische Erdbeben. Flutwellen, Unwetter gehören zu den Wetterextremen, die die Klimakrise charakterisieren. Menschen die durch solche Extreme getötet, verletzt oder heimatlos werden stehen vor unserem inneren Auge.

Wenn die Kirchen von Klimagerechtigkeit sprechen meinen sie genau die Sorge um diese Menschen. Sie müssen von den Folgen Klimaveränderungen beschützt werden. Zugleich geht es weltweit darum, die Ursachen, d.h. den Ausstoß von Treibhausgasen zu beenden.

Aber das Lied spricht nicht nur von Katastrophen sondern auch von einer Stadt am Fluss. In dieser Stadt lässt es sich gut leben. Gott ist in der Mitte der Stadt und deshalb sind die Menschen geschützt. Das bedeutet Sicherheit die Mauern der Stadt, In der Gott wohnt, geben Sicherheit und Schutz.

Danach schlägt das Lied wieder um: es gibt nicht nur die Bedrohung durch große Naturkatastrophen sondern auch durch Krieg. Ja, der Dichter weiß Gott auch im Krieg an seiner Seite. Das ist ein Gedanke, den wir nach katastrophalen Weltkriegen so nicht denken können. Aber dieser Gott will den Krieg nicht, er soll ein Ende haben. Das Motiv „Schwerter zu Pflugscharen“ klingt hier an. Die Waffen werden zerstört und Gott wird erkannt als der, der Frieden bringt und den Schutz für die Stadt.

Martin Luther machte aus diesem Psalm das Reformationslied: Ein feste Burg ist unser Gott. Es wurde das protestantische Kampflied und als „Marseillaise“ der Reformation (H.Heine) oder der Bauernkriege (F.Engels) gekennzeichnet. Vor allem im 19. und 20. Jahrhundert wurde das Lied in Zeiten äußerer Bedrängnis oder zum Bekenntnis des eigenen Glaubens von Protestanten gesungen. Es gab Zeiten, in denen es nicht nur konfessionell sondern auch nationalistisch und militaristisch gedeutet wurde. In Zeiten der wachsenden Ökumene verbietet sich das natürlich. Die Rückbeziehung auf dem Psalm 46 kann zu einem gemeinsamen Verständnis Gottes als einer „festen Burg“ betragen.

Philipperbrief 2,1-4

Die katholische Lesung für diesen Tag ist die Einleitung für den berühmten Christushymnus ab Vers 5. Dieser beschreibt poetisch die Menschwerdung, den Tod, die Auferstehung und die Verherrlichung Jesu Christi. Die Verse 5-11 sind ein gemeinsames urchristliches Bekenntnis. Paulus zitiert es hier, um der Gemeinde in Philippi deutlich zu machen, was ihre Gemeinschaft mit Christus bedeutet.

In dieser Einleitung beschreibt Paulus das urchristliche Gemeindeideal, das wir aus der Apostelgeschichte kennen: Liebe, Gemeinschaft, Erbarmen und Mitgefühl. Er hat aber Anlass daran zu erinnern, dass es in einer Gemeinde vor allem darauf ankommt einmütig zu sein und sich nicht auf Kosten anderer zu profilieren.

Überall da, wo es auf den gemeinsamen Erfolg ankommt - so auffällig oft im Profifußballsport - wird wieder von „Demut“ geredet. Nicht „Selbstdarsteller“ sind gefragt sondern Sportler, die sich „in den Dienst der Mannschaft“ stellen. Paulus sagt das so: Einer schätze den anderen höher als sich selbst.

Überall dort, wo Konkurrenzdenken, Gier und unbegrenztes Wachstum den Ton angeben, wird irgendwann deutlich, dass dies nicht die Maßstäbe für gelingendes Leben sind. Die Menschen entdecken, dass man nur gut leben kann, wenn es eine „Orientierung am Gemeinwohl“ gibt. Diese Orientierung brauchen wir aber nicht nur aber nicht nur im öffentlichen Bereich sondern auch in der Privatwirtschaft. Eine „Gemeinwohlökonomie“ bemisst den Erfolg eines Unternehmens daran, was er der Gemeinschaft bietet und nicht danach, wie hoch die Kapitalrendite des Eigentümers ist. Eine nachhaltige Entwicklung muss die Gemeinwohlorientierung immer mitdenken. Gemeinschaften, die auseinander driften in einen Teil, der erfolgreich ist und an der Spitze steht während andere abgehängt sind, führen ins gesellschaftliche Chaos.

Dies kann man nach wie vor von den urchristlichen Gemeinden lernen und auch in Stadt und Land versuchen anzuwenden.

Lukas 14, 12-14

Die Verse stehen im Zusammenhang des Rangstreits unter Jesu Jüngern: Wer darf in der Nähe des Meisters und Rabbis sitzen? Jesus antwortet darauf mit einem Gleichnis, wie man sich bei einem Gastmahl verhält und steigert diese Verhaltensregel noch als er sich unmittelbar an den Gastgeber wendet, der Jesus und seine Jünger offenbar eingeladen hatte. Er konfrontiert ihn mit der Aufforderung nicht Freunde Verwandte und Nachbarn einzuladen sondern Arme, Verkrüppelte, Lahme und Blinde.

Ich liege bestimmt nicht falsch mit der Vermutung, dass es damals wie heute wohl nur wenige gibt, die dies auch in ihrem persönlichen Leben tun. Und ein entsprechender Appell von der Kanzel wird daran wenig ändern. Aber eine christliche Gemeinde hat diese Möglichkeit und es geschieht ja an ganz vielen Stellen, dass benachteiligte Menschen zu gemeinsamen Mahlzeiten in ihrer Gemeinde oder diakonischen Einrichtung eingeladen werden.

Am Reformationstag möchte ich von einer Aktion zum Reformationsjubiläum 2015- 2017 berichten. Wir haben in diesen drei Jahren am 31.10. um 15.17h eine „Tafel der Toleranz“ in unserer Stadt organisiert. Der Ev. Kirchenkreis hat mitten in der Altstadt eine über 100 m lange Tafel aufgestellt. Es wurde eingeladen einfach zu kommen, Mitgebrachtes zu teilen, miteinander zu reden und sich kennen zu lernen. Diese lange Tafel mit unterschiedlichen Menschen erinnerte an ein Gastmahl im biblischen Sinne und ging weit über das christliche Milieu der Stadt hinaus.

Stefan Weiß, Kassel

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