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4. Sonntag nach Trinitatis / 15. Sonntag im Jahreskreis (10.07.22)

4. Sonntag nach Trinitatis / 15. Sonntag im Jahreskreis

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Joh 8,3-11 Dtn 30, 10-14 Kol 1, 15-20 Lk 10, 25-37

 

Johannes 8, 3 – 11

Der vierte Sonntag nach Trinitatis beschäftigt sich mit dem Grundthema der christlichen Verkündigung, nämlich der kompletten Vergebung aller Schuld. Kein anderes Thema des christlichen Glaubens, das mehr Gewicht hätte, denn die Vergebung der Schuld, die Gnade Gottes, steht im unmittelbaren Zusammenhang zur Erlösung aller Menschen, die bereit sind, sich beschenken zu lassen. Sie ist das Thema, das an zentraler Stelle die Verkündigung und Liturgie, die Heilszeichen der Kirche in den evangelischen Gottesdiensten insgesamt bestimmt. Die Perikopentexte für diesen Sonntag, so das Finale der Josefs- Novelle in der dritten Reihe und die Verschonung Sauls durch David in der sechsten Reihe sind auf dieses zentrale Thema christlicher Verkündigung abgestimmt, genauso wie die Perikope aus dem Johannesevangelium, über die in der vierten Reihe, am 10. Juli 2022, gepredigt wird: Jesus, der von der Menge zu einer Aussage über das Gesetz provoziert wird, die ihn schließlich der Blasphemie überführen soll, entwaffnet eben diese Menge mit seinen wenigen Worten; er beeindruckt seine Zuhörer und hält ihnen einen Spiegel vor. Obwohl die Menge die „Ehebrecherin“ eigentlich steinigen wollte, beginnt sie nachzudenken, beginnt sich zu schämen und löst sich schweigend vollständig auf. Keiner bleibt mehr übrig, der verurteilen würde. Dabei provoziert Jesus sein Gegenüber nicht durch seine bessere Argumentation; zeigt nicht seine Überlegenheit, sieht seinem Gegenüber nicht einmal in die Augen sondern gibt sich beinahe unbeteiligt, ruhig und gelassen und schreibt nur auf den Boden. Alles, was denen, die richten wollen, zu sagen ist, wird zusammengefasst mit den wenigen Worten: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie“ und spielt auf ihr Gottesverhältnis an. Ähnlich argumentiert Josef in der alttestamentlichen Lesung für diesen selben Tag, als seine Brüder befürchten, für alles angerichtete Unheil ganz zu Recht bestraft zu werden. Er sagt: „Fürchtet euch nicht. Stehe ich denn an Gottes statt?!“ Das Vergeben jeglicher Schuld seitens des Menschen seinem Mitmenschen gegenüber oder seitens Gottes dem einzelnen Menschen oder dem ganzen Volk gegenüber war gerade im Alten Israel gut bekannt. Die Schärfe des Gesetzes muss nicht gehandhabt werden, sondern kann ausgesetzt werden. Jesus gibt seinen Zuhörern die Möglichkeit der freien Entscheidung und lässt die Vergebung auch an zentraler Stelle in sein Gebet einfließen: „und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“. Im Wissen um die Gnade Gottes schleichen sich zunächst die Alten, die die heiligen Schriften nur allzu gut kennen, beschämt davon, gefolgt von den Jungen. Strafe wird erlassen, weil Gott selbst Strafe erlässt. Auf Nachhaltigkeit befragt, erhält dieser Begriff an diesem Sonntag eine andere Bedeutung als die, die üblicherweise nahe liegt: Nachhaltig ist nicht, die bisherige Verurteilungspraxis an zuwenden, sondern umgekehrt, sie zu überdenken, Gesetze der Situation anzupassen, im Einzelfall zu entscheiden. Den selbstverständlichen Abläufen ihre Dynamik zu nehmen. Eine solche Praxis mag man aus dem Blickwinkel eines Gesetzesgelehrten auch in unserer Zeit verwerfen und als zu willkürlich betrachten, aber wir reden hier nicht über die Maßstäbe des üblichen gesellschaftlichen Handelns, sondern darüber, wie eine andere Gesellschaft aussehen könnte, die sich an den Maßstäben Gottes orientiert, die Jesus seiner Gemeinde nahe bringen will, am Himmelreich, das sich unterscheidet. An der entwaffneten Antwort Jesu der Menge gegenüber und den Folgen stellen wir fest, dass er einer üblichen Handhabung des Gesetzes Verzicht auf Recht und Rechtsausübung entgegenstellt, um des leidenden Menschen willen. Sein Richtmaß ist die mitleidvolle Liebe. Bedeutet das vielleicht, dass der Begriff Nachhaltigkeit, der bisher mit Kontinuität, kontinuierlichen Entwicklungen, „Enkeltauglichkeit“ einhergeht an dieser Stelle eine Umdeutung erfahren muss?! Ob nicht auch das Bewährte immer wieder hinterfragt werden muss. In einer naturgemäßen Forstwirtschaft mit intaktem Ökosystem bedeutet nachhaltiges Handeln, dieses System aufrecht zu erhalten und immer wieder anzustreben, weil es optimal ist. In der christlichen Gesellschaft mag nachhaltiges Handeln genau das Gegenteil bedeuten: Nämlich zu hinter-fragen, zu experimentieren, neue Wege zu gehen; situationsbezogen stets neu zu entscheiden und sicher geglaubte Maßstäbe und Richtlinien in Frage zu stellen und gar preiszugeben: Ecclesia semper reformanda est!

Jesus Christus zeigt den Jüngern und der Gemeinde durch seinen Lebensvollzug und durch seine Gleichnisse, dass sich das Reich Gottes, das mit seinem Kommen bereits begonnen hat und innerhalb seiner Gemeinde auf dieser Welt und in diesem Leben bereits Gestalt gewinnt, anders ist als die Reiche dieser Welt; sich unterscheidet, nicht nur das Große und Ganze im Blick hat sondern auch das Kleine und das Unscheinbare, und seien es die zwei Scherflein, die eine Witwe in den Opferkasten legt und damit alles gibt, was sie an Geld besitzt. Oder denken wir an die seelische Not und die Angst eines Schafes, das den Anschluss an die Herde verloren hat und jetzt, alleingelassen, um sein Leben fürchtet. Oder eben an die Not einer Ehebrecherin, die nur darauf wartet, jetzt gleich den grausamen Steinigungstod sterben zu müssen. Das Reich Gottes ist großmütig. Es schenkt. Es erlässt Schulden. Es vergibt Schuld. Es befreit Sklaven. Es sieht in den Menschen Schwestern und Brüder. Wer die Reformen in den Gesetzen der Thora (der fünf Bücher Mose) kennt, erkennt, dass Jesus ganz im Geiste dieser Traditionen und der Tradierungen Israels empfindet und handelt. Sein Gegenüber und Gegenspieler ist immer der Satan, der Ankläger, ja, der Staatsanwalt, der den Menschen verklagen möchte, der Gerechtigkeit und Bestrafung fordert. Der nach Verfehlungen des Menschen sucht. Der den Finger in die Wunde legt. Der nach menschlichem Recht, nach bestehenden Gesetzen urteilt. Der das Strafmaß so hoch ansetzen möchte, wie möglich. Der keine Gnade kennt.

Dabei ist die Vergebung Gottes ein durchgehendes Motiv in den Heiligen Schriften. Beginnend mit dem Sündenfall im Paradies, worauf die Todesstrafe hätte erfolgen müssen. Aber Gott erlässt die Todesstrafe. Er vertreibt Adam und Eva zwar aus dem Paradies. Aber er hilft ihnen, kleidet sie mit Schurzen. Und kurze Zeit später der Brudermord des Kain. Das ist zwar eine Straftat, die nicht zu entschuldigen ist. Aber Gott schützt Kain, gibt ihm ein Zeichen, sichert sein Leben. Oder die Vergehen der Könige und des jüdischen Volkes. Gott sucht Wege, durch die Schuld hindurch neues Leben zu gewährleisten, Ausblicke zu schaffen, Hoffnung zu schenken. Sein Volk Israel und seine Christenheit sollen sich daran orientieren, im Gegenüber zu dieser Welt und auch im Widerspruch zu dieser Welt und ihren Gesetzmäßigkeiten. Die Christenheit hat gefälligst anders zu sein: mitfühlender, gnädiger, selbstkritischer.


Lukas 10, 25 – 37

Jesus erzählt seinen Zuhörern eine Geschichte, die man wohl nicht wieder vergisst, wenn man sie einmal gehört hat. Auch Kindern und Jugendlichen wird diese Geschichte schon nahe gebracht und erzählt. Und wäre dem noch nicht genug, benennen sich sogar Hilfsdienste, die Kranke pflegen, nach dem Barmherzigen Samariter. Jesus erzählt diese Beispielgeschichte in einer Art Gesprächsrunde, in der man ihn auf die Probe stellen möchte mit der Frage, wer denn „mein“ Nächster sei.

Dabei klingt der Name des barmherzigen Samariters damals gar nicht so gut, wie er das heute in unseren christlichen Ohren tut. Für das etablierte Judentum seiner Zeit waren Samariter Menschen zweiter Klasse, eine Art Abschaum der Gesellschaft, die ganz im Norden Israels wohnten, wo man nicht zum Main Stream des Judentums gehörte, anderen Bräuchen folgte und sich mit den Juden gegenseitig feindlich gesonnen war. Samariter, das waren Menschen, von denen man nichts Gutes erwartete. Das Skandalöse an unserer Geschichte ist, dass gerade solch ein Samariter einem hilfsbedürftigen Menschen zum Nächsten wird, während die eigenen Leute, zumal die Vertreter der jüdischen Religion, sich nicht kümmern, den hilfsbedürftigen Menschen halbtot am Strassenrand liegen lassen und ihn seinem Schicksal überlassen. Die, von denen man es erwarten sollte, kümmern sich nicht. Und der, von dem man das zuletzt erwartet hätte, der kümmert sich, wird zum Nächsten. Ja, er unterbricht sogar sein Tagewerk, um umfänglich Hilfe zu leisten, lässt es nicht bei Erster Hilfe bewenden und hinterlässt dem Gewaltopfer sogar noch Geld für die weitere Pflege. Er will nicht nur sein Gewissen beruhigen, sondern nachhaltig Liebe üben.

Was der Priester und der Levit tun, nämlich den vor Schmerzen verkrümmten Mann halbtot liegen zu lassen und sich so zu verhalten, als ginge der Hilfsbedürftige sie nichts an, wäre in unserer Zeit unterlassene Hilfeleistung; man würde sich strafbar machen, wenn man nicht hilft. Zur Zeit Jesu und auch heutzutage mag dieses Verhalten die Norm gewesen sein; jedenfalls nichts Ungewöhnliches. Ungewöhnlich ist, dass der Außenseiter hilft, der, der nicht zum Auserwählten Volk dazu gehört, der, der kein Volksgenosse ist. Man stelle sich vor, in der eigenen Umgebung würde ein ausgeraubter, entkleideter Mensch halb erschlagen am Wegesrand liegen, ein Mann oder eine Frau, und die Frommen in der Gemeinde würden vorübergehen und nicht reagieren; sich nicht um Hilfe kümmern. Und dann käme jemand, von dem wir eine so schlechte Meinung haben, dass wir es vor diesem Menschen am allerletzten erwarten würden, dass ausgerechnet er hilft. Dass ausgerechnet so Jemand sich einsetzt und von Jesus als Maßstab dargestellt wird, an dem die Gläubigen Orientierung finden können, ist skandalös.

Nächster sein; unerwartet zum Nächsten werden: Darüber, dass es so etwas auch in unserer Zeit und in unserem Land gibt, erfahren wir teils in monatlicher Frequenz Mittwochabends in der Sendung Aktenzeichen XY, in der Beispiele von Zivilcourage aufgezeigt werden. Wo unbeteiligte Menschen ganz plötzlich und mitten im Leben Zeuge eines Verbrechens werden und sogar ohne Rücksicht auf die eigene Gesundheit, die eigene Unversehrtheit eingreifen und fremden Menschen helfen, die zu Opfern zu werden drohen. In manchen Fällen, so erfahren wir in der Sendung, entwickelt sich zwischen den Opfern und denen, die ihnen zu Nächsten wurden, sogar eine lebenslange Freundschaft.

Für uns Christen ist die Geschichte, die Jesus in seiner Gesprächsrunde erzählt, ein Beispiel für eigenes Verhalten, wie es der Glaube von uns fordert. Den Nächsten lieben wie sich selbst, das höchste Gebot, das war als Solches schon im Judentum bekannt, wie der Eingang der Perikope zeigt. Aber wer ist denn mein Nächster? Kann auch mein Feind zu meinem Nächsten werden? Christliches Leben, christliche Existenz verwirklicht sich auch hier situationsbezogen: Die Situation gibt vor, wo ich als Christ gefragt bin; ich selbst und kein anderer. Das ist der Anspruch unseres Glaubens, jenseits von allen Konventionen.

Erinnern wir uns doch daran, dass der Glaube an Jesus Christus eine völlig andere Weltsicht zur Folge hat als die, die den Menschen – damals wie heute – so selbstverständlich war und ist. Da sind die Reichen arm dran und die Armen sind reich. Da sollen die Ersten Letzte, und die Letzten Erste sein. Da lernen die Christen, ihre Mitmenschen aus einem völlig anderen Blickwinkel zu sehen. Da wird Jesus Christus, in den Augen der Welt lediglich Emigrantenkind und Folteropfer, zum Herrn der Herrlichkeit, zum Pantokrator, zum Herrscher des Universums. Und da wird das Große klein und das Kleine groß. Da wird der Herr der Herrlichkeit zu unserem Bruder und der scheinbar Fernste zum Nächsten.

Da leuchtet die „Doxa“ Gottes auf, wie es in der griechischen Sprache heißt. Martin Luther spricht in seiner Übertragung dieses Wortes an einer Stelle von der „Klarheit des Herrn.“ Das ist der helle Glanz über unserer dunklen Erde, den die Hirten in der Weihnachtsnacht gesehen haben. Die Klarheit des Herren, in der auf einmal Ursprung und Ziel unserer Welt sichtbar- und verständlich werden, und zwar für jeden, den diese Klarheit ergreift. Da wird deutlich, dass wir alle ohne Unterschied Kinder des einen Schöpfers sind, dass durch Jesus Christus, unseren Herrn, alles neu geworden ist, und dass die Gemeinschaft der Heiligen, wir, die wir getauft sind, wir Christen also, unter dem Gesetz der Freiheit leben dürfen. Diese Freiheit ist uns gegeben, damit wir auf dieser Welt jeden Tag von neuem wirken können und unserem Nächsten zum Nächsten werden. Denn so verwirklicht sich das Reich Gottes, in dem wir Christen heute schon Leben, hier und jetzt in unserem Dasein: hier und jetzt auf unserer Welt. Amen.

 Uwe G. W. Hesse, Haina

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