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Buß- und Bettag (17.11.21)

Buß- und Bettag

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. Evangelium
Mt 7,12-20 2 Makk 7, 1.20-31 Lk 19, 11-28

 

„Wir haben gegen dich gesündigt in Gedanken, Worten und Werken durch das, was wir getan, und durch das, was wir unterlassen haben.“ (EG 707.1), so oder ähnlich bekennen wir es in der öffentlichen Beichte, die an den meisten Orten zu den Bußtagsgottesdiensten gehört.

Tun UND Unterlassen können dazu führen, sich gegenüber Gott und den Mitgeschöpfen zu versündigen, das rufen uns die Worte des Beichtbekenntnisses in Erinnerung. Der Bußtag ist daher der im Kirchenjahr verankerte und ritualisierte Moment, um über die eigenen Wege nachzudenken, Fehler zu erkennen und den Neuanfang zu wagen.

Die Art und Weise, wie die Menschen in vielen Teilen der globalisierten Welt leben und wirtschaften, ist nicht nachhaltig. Wir leben, als hätten wir eine zweite Erde in Reserve – oder mehr als das, denn der Welterschöpfungstag (Earth Overshoot Day), von dem an das natürliche Gleichgewicht der Ressourcen gestört ist, rückt inzwischen immer weiter in die erste Jahreshälfte (s. z.B. https://www.germanwatch.org/de/overshoot). Einen „Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation“ forderte der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) daher bereits schon vor zehn Jahren. Umkehr tut Not, wenn diese Erde auch für zukünftige Generationen lebenswert bleiben soll!

Der Predigttext (Mt 7,12-20) benennt zunächst die sogenannte „Goldene Regel“ (v. 12) und mahnt dazu, zu bedenken, dass der breite Weg in die Verdammnis führen kann, bevor im zweiten Abschnitt dann die Mahnung vor falschen Propheten zu hören ist.

DASS wir eine Transformation unserer Gesellschaften benötigen, um die Herausforderungen des Klimawandels und andere Krisen der Zukunft zu meistern, wird unter vielen Gottesdienstbesucher*innen unumstritten sein – auch gesellschaftlich ist hier der Konsens gewachsen. Diskussion und Streit um die „richtigen“ Wege dieser Transformation sind allerdings nach wie vor in vollem Gange. Wahre und falsche (Untergangs-)Propheten auseinander zu halten, ist dabei nicht immer einfach.

Ziel der Predigt könnte sein, die Hörenden zu ermutigen, eigene wie andere Wege zunächst einmal genau und kritisch zu betrachten: Was sind breite, bequeme Wege, wo sind Engstellen und Schwierigkeiten auf dem Weg? Welche Wege haben in die Irre geführt, welche führen vielleicht in der Zukunft in die Verdammnis? Welche Verheißungen verbinden sich mit anderen Wegen?

In einem zweiten Schritt kann die Predigt danach fragen, wovon es abhängt, für welche Wege wir uns entscheiden. Um im Bild zu bleiben: Welches Schuhwerk, welche Landkarten brauchen wir? Welche Ausrüstung und wie viel Proviant müssen wir mitnehmen? Bin ich jemand, der gerne der Masse auf dem breiten Weg hinterherläuft oder probiere ich gerne eigene Pfade? Nehme ich Herausforderungen an und halte Unsicherheiten aus oder will ich gewohnte Routinen möglichst lange beibehalten? Alle diese Fragen spielen eine Rolle, wenn es darum geht, wie die Transformation unserer Gesellschaft gelingen kann.

Umweltpsycholog*innen erinnern uns daran, dass Handlungs- und Verhaltensentscheidungen immer auch von der Selbstwirksamkeitserwartung abhängen: Kann ich durch mein (verändertes) Handeln etwas bewirken, werde ich Erfolg haben? Einen neuen (womöglich auch noch schmalen) Weg alleine auszuprobieren, ist mit der Gefahr des Scheiterns verbunden. Diesen neuen Weg gemeinsam zu erkunden, erhöht die Chance ans Ziel zu gelangen. Kirchengemeinden können zu Akteuren der Transformation werden, indem Menschen aus der Gemeinde gemeinsam den Mut finden, den neuen, schmalen Weg zu gehen. Repair-Cafés sind auf diese Weise in Kirchengemeinden heimisch geworden, andernorts ist die Kirchengemeinde Partnerin einer Solidarischen Landwirtschaft oder Gruppen der Gemeinde beteiligen sich an urban gardening Projekten. Fair-Handels-Verkäufe nach dem Gottesdienst sind in vielen Kirchengemeinden seit Jahrzehnten Zeichen für weltweite Solidarität der Christinnen und Christen und eine gerechtere Weltwirtschaft.

Wolfgang Schürger, München

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