wieviel

17. Sonntag nach Trinitatis / 26. Sonntag im Jahreskreis (26.09.21)

17. Sonntag nach Trinitatis / 26. Sonntag im Jahreskreis

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Röm 10,9-17(18) Num 11, 25-29 Jak 5, 1-6 Mk 9, 38-43.45.47-48

 

Röm 10, 9-17(18)

Paulus stellt die Frage: „Haben sie es nicht gehört?“ und meint damit das Wort Christi, das zum Glauben führt, zum bekennenden Glauben, der alle errettet – Juden wie Nichtjuden. Die Antwort darauf gibt er selbst: „Doch, es ist ja »in alle Lande ausgegangen ihr Schall und ihr Wort bis an die Enden der Welt«. (Psalm 19,5) Paulus bezieht sich damit auf die Möglichkeiten des jüdischen Volkes, den Glauben an Jesus Christus zumindest erfahren zu haben. In unserer Zeit, in der wohl tatsächlich ein Großteil der Weltbevölkerung zumindest die Möglichkeit hat, vom Glauben an Jesus Christus zu erfahren, können wir die direkte Frage Paulus auch anders zuspitzen:

„Haben Sie es nicht gehört? Das Wort, das zur Rettung führt?“ Haben Sie nichts von der Lage dieser Welt gehört – von den katastrophalen Folgen der Klimaveränderungen, von der Plastikverschmutzung der Weltmeere, von den unwürdigen Bedingungen in der Fleischindustrie, von den lebensfeindlichen Arbeitsumständen in der Textilherstellung? Diese Frage richtet sich bereits an alle Menschen, die selbst mit ihrem Konsumverhalten Verantwortung übernehmen müssen: „Sie“ sind wir alle, denn mittlerweile kann kaum einer noch sagen, er/sie wüsste nichts von den klimatischen Zusammenhängen oder den Gründen für unsere billigen Preise in der Fleisch- oder Textilindustrie. Die rasante Verbreitung von Corona-Infektionen in der Fleischindustrie (Sommer 2020) hatte die Zustände in vielen Fabriken neu aufgedeckt, neu waren die Hintergründe aber nicht.

„Haben Sie es nicht gewusst?“ Diese Frage kann heute kaum jemand verneinen. Wissen aber begründet Verantwortung. Bei dieser Deutung der paulinischen Frage geht es auch um unsere Rettung – diesmal aber nicht um unsere persönliche, sondern um die Rettung der Welt im ökologischen und sozialen Sinne.

Num 11, 25-29

In diesem Auszug aus dem Buch Numeri geht es um die prophetische Geistbegabung, die 70 Ältesten zuteilwurde, als sie mit Mose um das Offenbarungszelt versammelt waren und Gottes Geist auf sie herabkam. Nicht nur sie, auch zwei der Ältesten, die im Lager geblieben waren, begannen, prophetisch zu reden. Als sie daran gehindert werden sollten, ergriff Mose das Wort: „Wenn nur das ganze Volk des HERRN zu Propheten würde, wenn nur der HERR seinen Geist auf sie alle legte!“

Bei der prophetischen Rede geht es also nicht um eine elitäre Gruppe, auf denen der Geist Gottes temporär herabkam. Der Geist Gottes befähigt in seiner Freiheit, wen er will. Spätestens nach dem Pfingstereignis wissen wir, dass der Geist Gottes immer wieder neu erfüllt, verbindet und verstehen lässt. Prophetie ist nicht in erster Linie die Fähigkeit, in die Zukunft zu schauen. Die späteren Propheten des Alten Testamentes zeichnen sich stärker durch ihre mahnende Botschaft an das Volk aus, durch die sie die negativen Folgen des schlechten Handelns des Volkes abzuwehren versuchten.

Prophetisches Reden heißt auch: ungeliebte Wahrheiten ansprechen, auf Missstände hinweisen, Ungerechtigkeiten aufdecken – heute wie damals. Auch heute ist diese „Prophetie“ nicht auf einzelne politische oder gesellschaftliche Gruppen bezogen. Wir alle sind als geistbegabte Menschen in der Lage, in dieser Weise prophetisch zu reden: am Arbeitsplatz, im Freundeskreis, innerhalb der Familie. Wir können Stellung beziehen und auf ungerechte Umstände hinweisen, die geändert werden sollten oder zumindest mit eigenem Beispiel vorangehen und versuchen, andere damit zu überzeugen.

Jak 5, 1-6

Der Jakobusbrief klagt in deutlicher und mahnender Sprache Missstände an, die sich in der jungen Gemeinde gebildet haben und ruft zur Glaubenstreue auf. Dabei geht es um konkrete Lebensvollzüge, vor allem um das Verhalten der Reichen. Nicht der Reichtum selbst, sondern ihr Umgang und ihr Stolz bzw. ihre Selbstgewissheit seien das Problem. Ihr Reichtum werde verkommen und ihnen genommen werden. Wie sind christliche Nachfolge und Wohlstand zu vereinbaren? Ein Thema, das auch heute aktuell ist, gerade in einem Land, in dem ein Großteil der Bevölkerung einen hohen relativen Wohlstand genießt, in dem aber gerade dieser Wohlstand sehr ungleich verteilt ist:

Nach Daten der Bundesbank besitzen die reichsten zehn Prozent der Deutschen 55 Prozent des Vermögens. In kaum einem anderen Mitgliedsland der europäischen Währungsunion sind die Privatvermögen so ungleich verteilt wie hierzulande. (Nähere Zahlen und Fakten unter www.reichtum-umverteilen.de)

Die Ausbeutung der Angestellten und Arbeiter, hier im Besonderen der Erntehelfer, wird angemahnt: „Siehe, der Lohn der Arbeiter, die eure Felder abgemäht haben, der Lohn, den ihr ihnen vorenthalten habt, schreit zum Himmel.“ Heute verweisen diese Klageworte auf die Rechte der Menschen weltweit, die als Arbeitssklaven arbeiten müssen – auch in Europa und selbst in Deutschland. Oft ist der Lohn der Arbeiter nicht hoch genug, um sich frei zu kaufen, um wieder ins Herkunftsland zurückzukommen, um einen frei gewählten Job zu suchen. Die prekären Lebensumstände und die Arbeitsbedingungen der Unternehmen hindern sie an einer freien Wahl und der Lohn ist zu gering, um aus dieser Spirale auszusteigen.

Mk 9, 38-43.45.47-48

Deutliche und oft schwer verdauliche Worte Jesu, die zur Entscheidung auffordern: der ganze Mensch ist gefragt! Wenn ein Teil des Körpers (Arm, Bein, Auge) Ärgernis hervorruft, solle man sich lieber von ihm trennen. Wir selbst sind auch Teil von größeren Zusammenhängen.

Wir sind Teil eines wirtschaftlichen Systems, aus dem schwer auszusteigen ist. Auch wenn es für die meisten nachgefragten Waren (Kaffee, Kleidung, Handys, …) inzwischen eine angemessene nachhaltige Alternative gibt, ist deren Beschaffung oft noch mit höherem finanziellen oder organisatorischen Aufwand verbunden. Wer diesen Aufwand nicht scheut, erkennt womöglich bald die Herausforderung, im eigenen Lebenswandel konsequent zu bleiben.

Vielleicht kann man die Worte Jesu im nachhaltigen Sinne so übersetzen: Wenn du deinen Kaffee schon fair trade kaufst, warum muss es dann dazu die Billig-Milch sein? Denk an die Milchbauern und der Kaffee-Genuss ist umso größer! Wenn du schon vermeidest, Kleidung aus unsicheren Herkunftsländern zu kaufen, dann frag dich doch auch einmal, unter welchen Bedingungen dein Smartphone hergestellt wurde. Keiner von uns ist perfekt, das kann auch nicht verlangt sein. Auch Jesus wusste von den Schwachstellen und menschlichen Fehlern jedes Einzelnen. Und doch hat vielleicht jeder von uns seinen „blinden Fleck“ im eigenen Konsumverhalten – vielleicht ganz unbewusst, auf den man gar nicht achtet, ohne den man aber ganzheitlicher handeln würde.

Stefanie Priester, Mainz

Nach oben