wieviel

15. Sonntag nach Trinitatis / 24. Sonntag im Jahreskreis (12.09.21)

15. Sonntag nach Trinitatis / 24. Sonntag im Jahreskreis

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Lk 17,5-6 Jes 50, 5-9a Jak 2, 14-18 Mk 8, 27-35

Lukas 17, 5 – 6

Die Grundthematik des 15. Sonntags nach Trinitatis ist das Überwinden von Sorgen. Ist es doch ein inniger Wunsch fast aller Menschen, weniger Sorgen haben zu müssen, ja, nach Möglichkeit frei von Sorge zu sein und damit befreiter leben zu können. Als König Friedrich II. sein berühmtes Potsdamer Schloss plan-te, träumte er bereits 1744 vor dessen Baubeginn: „Quand je serais là, je serais sans souci“: Wenn ich dort sein werde, werde ich ohne Sorge sein.

Ein religiöses Angebot-, eine Möglichkeit, sich von seinen Sorgen zu befreien, wird auch im Wochenspruch für den 15. Sonntag nach Trinitatis genannt: „Alle eure Sorge werft auf ihn“ (1. Petrus 5,7). Diese Thematik wird im Wochenlied reflektiert „Wer nur den lieben Gott lässt walten“ (EG 369) und ebenso in den zugeordneten Predigttexten der Perikopenordnung. Im Kontext des die Sorge abgeben Könnens ist auch die Perikope der III. Reihe aus dem Lukasevangelium zu sehen, in der Glaube mit einem Senfkorn verglichen wird, das Großes bewirken kann:

Es fällt nicht schwer, den Predigttext auf unsere Zeit und Gesellschaft hin auszulegen. Schon beim Betrachten der Verse fällt auf, dass hier nicht etwa von Jesus und seinen Jüngern die Rede ist, sondern von den Aposteln (die nicht ohne weiteres mit den Jüngern in Lukas 17,1 identisch sind) und dem Kyrios. Hier begegnen wir einer nachösterlichen Situation in der Gemeinde, deren Fragen oft auch unsere Fragen sind, und ihrem nachösterlichen „Herrn“ (zum Sprachgebrauch „Kyrios“ vgl. bei Lukas Acta 2,36). Hier wird bereits, was auch einige Ausleger benennen, Kirchensprache gesprochen: Die Gemeinde muss einen Weg finden, damals wie heute, mit ihrem Kleinglauben umzugehen, sich den Glauben stärken bzw. mehren zu lassen, wenn sie leben will; wenn sie lebendig sein will. Die Perikope schließt direkt an Jesu Wort über die Vergebung an und seine Aussage, dass dem sündigen (Glaubens-) Bruder „siebenmal am Tag“ zu vergeben wäre, was ja in der Konsequenz 49 mal pro Woche bedeutet, gut 200 mal in einem Monat! Einem schier unmöglich zu befriedigenden Anspruch, der fragen lässt, ob für derartige (oder andere) Kraftanstrengungen denn der bereits schon vorhandene Glaube noch ausreichen kann, langmütig und stark genug sein kann.

Obwohl die meisten bekannten Übersetzungen hinsichtlich des Glaubens von der Größe eines Senfkorns den Irrealis wählen „wenn ihr Glauben hättet so groß wie ein Senfkorn“ legt doch der Zusammenhang den Indikativ nahe „wenn ihr Glauben habt wie ein Senfkorn und sagt dann zu diesem Maulbeerbaum: Entwurzele dich und pflanze dich ins Meer, wird er euch gehorchen“. So die Übersetzung von Fritz Tillmann und Standpunkt verschiedener Exegeten; ein irrationaler Unterton würde hier – zumal nachösterlich – keinen Sinn machen; der Glaube ist ja bereits vorhanden und soll „vermehrt“ werden. Fritz Tillmann stellt der Lutherübersetzung „Stärke unseren Glauben“ das „Mehre unseren Glauben“ gegenüber, so auch die Zürcher Bibel.

Bei der Wahl des Senfkorns als Metapher für den Glauben mag auch der Vergleich des Senfkorns als gleichzeitiger Metapher für das Himmelreich herangezogen werden, so in Lukas 13,19. An beiden Stellen steht ein winziges Senfkorn für das Potential, zu wachsen, für die Energie, die es enthält, für das Sichtbarwerden auf dieser Welt und in seiner Umgebung, denken wir an die Heilung der zehn Aussätzigen im selben, siebzehnten Kapitel des Lukasevangeliums, wodurch das zunächst noch senfkornkleine Himmelreich drastisch spürbar wird, eine starke Wirkung entfaltet und Lebensschicksale verändert, ja, umkehrt. In allem steht das winzige Senfkorn unter dem Schutz des himmlischen Vaters, wie auch die hinfälligen Lilien auf dem Felde und die Sperlinge, über die wir in der Evangelienlesung desselben 15. Sonntag nach Trinitatis (Matthäus 6, 25 – 34) hören, verbunden mit der Aufforderung, nicht zu sorgen, sondern Wachstum und Gottes Fürsorge in uns geschehen zu lassen.

Vielleicht sollten wir uns die frühen Apostel, die – nachösterlich und nach Pfingsten und eben in der Trinitatiszeit, in der Wachstum geschieht, worauf ja auch die gerade auf den Kanzeln und Altären liegenden grünen Paramente hinweisen – die also gerade jetzt um Mehrung ihres Glaubens bitten, so vorstellen: nicht altehrwürdig, wie in der abendländischen Kunst oft dargestellt mit langen, grauen und wallenden Bärten, sondern jung und dynamisch, ja, kraftvoll und schwer zu erschüttern; mit dem Potential eines Senfkorns, das, einmal gesät, seine Dynamik entfaltet. Wär’s zu weit hergeholt, wenn wir sie, die Apostel mit all ihrem jugendlichen Enthusiasmus, mit heutigen jungen Menschen vergleichen würden, denen, die antreten, um die festgefahrenen Strukturen und Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen, den Mächtigen in Wirtschaft und Politik die Stirn zu bieten um diese Welt zu verbessern mit der selbstsicheren Frage an die Machthaber dieser Welt auf den Lippen: „How you dare?“ – wie könnt ihr euch wagen?! Überall, in Wirtschaft, Politik und Kultur treffen wir, zumal zu Zeiten der Corona- Pandemie, die zur Zeit des Abfassens dieser Betrachtung das öffentliche Leben weitestgehend lahm gelegt hat und das Feiern von Gottesdiensten nur unter besonderen Sicherheitsauflagen und ohne Gemeindegesang zulässt, auf umfassende Besorgnis. Es, ist das Gebot der Situation und der Stunde, sich jetzt gerade eben doch Sorgen zu machen, Fürsorge zu leisten, aktiv zu werden, und zwar sowohl außerhalb der Christenheit, wie auch innerhalb. Angesichts der vor uns liegenden Aufgaben der Mensch-heit, denken wir an die Große Transformation, sind wir Christen im Sinne der Bewahrung der guten Schöpfung Gottes eingebunden, nicht als Mitläufer, sondern als Aktivisten an vorderster Front, als diejenigen, die auf der Grundlage ihres Glaubens Verantwortung wahrnehmen und – sozusagen als Bonus – einen Glauben in uns tragen, der uns – als Senfkornglaube – erfüllt, der auf Wachstum ausgelegt ist und untrennbar verbunden ist mit dem Kyrios, der die Belastung mit Sorgen und Ängsten vor einem Scheitern von uns nimmt und seiner Christenheit den Glauben schenkt, groß nur wie ein Senfkorn, der zur Weltentat befreit.

Gleichzeitig liegt es an uns Christen, dem Aufruf des Sonntags zu folgen: Nicht ängstlich zu sorgen, weil ja der Glaube- oder sagen wir alternativ: das Vertrauen, bereits schon vorhanden ist, zur Zeit der frühen Kirche genauso, wie auch in unserer Zeit. Und weil ja bei denen, die glauben, die Größe eines Senfkorns vorerst vollauf genügt, damit eine die Entwicklung-, das Wachstum, einsetzt, so, wie auch beim Himmelreich, das im Kontext des selben Evangeliums selbst nur in Senfkorngröße begonnen hat und plötzlich für alle Welt sichtbar geworden ist. Es mag gestattet sein, an großartige Veränderungen zu erinnern, wie bei der Umstrukturierung der Gesellschaft in Südafrika im Zusammenhang der ersten demokratischen Wahlen 1994 (die der Verfasser vor Ort miterlebt hat), in deren Folge man Bürgerkrieg erwartet hatte. Die Umstrukturierung der Gesellschaft war dann wider allen Erwartens aber friedlich verlaufen, so dass die christlichen Gemeinden feststellen mussten, dass ihr Glaube so klein-, ihre Angst und Sorge so groß gewesen waren, dass sie nicht einmal den eigenen Gebeten geglaubt hatten. Oder denken wir an die Vereinigung von Ost- und Westdeutschland, die – wie durch ein Wunder – friedlich und ohne Blutvergießen verlaufen war. Oder an den Wiederaufbau der Dresdener Frauenkirche, der erst nur als unrealisierbar erscheinende Vision existiert hatte, der dann aber wider allen Erwartens schließlich doch verwirklicht wurde. Erinnert sein mag auch an die 1953 veröffentlichte Kurzgeschichte von Jean Giono „Der Mann, der Bäume pflanzte“, in der ein ganzes Leben voller langmütigem Einsatz beschrieben wird, das Früchte trägt. Ein Glaube, zunächst wie ein Senfkorn, der uns Christen begleitet und destruktive Sorgen hintanstellt, der fest gefügte Strukturen löst, tief verwurzelte Maulbeerbäume wie durch Zauberkraft in Bewegung versetzt (ja, der Glaube macht’s möglich!) und sich nicht scheut, auch unmöglich scheinende Ereignisse und Veränderungen zu wünschen und zu erträumen, um sie nach Möglichkeit ins Leben und ins Dasein zu rufen.


Jakobus 2, 14–18

An wohl keiner anderen Perikope der Heiligen Schrift Alten- und Neuen Testamentes haben sich die Geister der römisch katholischen- und der evangelischen Kirche des Augsburger Bekenntnisses mehr geschieden, als an diesem Text und seinem Umfeld. Martin Luther schien die Aussage in der vorliegenden Perikope Werkgerechtigkeit zu fordern, die im Widerspruch zu den Lehren des Apostels Paulus stehe, nämlich der Rechtfertigung aus Glauben (Römer 3,21 – 31; 4, 1 – 22), die Grundlage war für die lutherische Rechtfertigungslehre als dem Herzstück der lutherischen Theologie. Er wollte den Jakobusbrief deshalb auch gar nicht ins Deutsche übersetzen, tat das aber dann doch und stellte dieses Schreiben aber weit ans Ende des neutestamentlichen Kanons. In seiner Vorrede zum Jakobusbrief von 1522 schrieb er: „Das ist der rechte Prüfstein, alle Bücher zu tadeln, wenn man sieht, ob sie Christum treiben oder nicht. Sintemal alle Schrift Christum zeigt (Rö 3), und Paulus nichts denn Christum wissen will (1 Kor 2). Was Christum nicht lehrt, das ist nicht apostolisch, wenn gleich Petrus oder Paulus lehrt; wiederum was Christum predigt, das ist apostolisch, wenn’s gleich Judas, Hannas, Pilatus, Herodes täte.“ Der Jakobusbrief ist – laut Martin Luther – so ein Buch, das nicht Christum treibt, eine stroherne Epistel, wie er diesen Brief nannte und Jahrhunderte lang lag hier eines der Ärgernisse der lutherischen Christenheit. Die vorliegende Perikope kommt deshalb als Predigttext in den evangelischen Perikopenreihen selbstverständlich nicht vor (außer als Marginaltext am Aschermittwoch). Wie stehen wir mit unserer ökumenischen Orientierung heute dazu? Vieles Trennende scheint ja doch auf historischen Missverständnissen zu basieren:

Während man zur Zeit Luthers in der Theologie der Christenheit noch davon ausgegangen war, dass mit dem Verfasser des Jakobusbriefes der Herrenbruder Jakobus zu identifizieren sei (wir lernen ihn etwa in Acta 15 kennen), geht man heute von einer wesentlich späteren Entstehung aus, so dass die Aussagen des Predigttextes nicht mehr als Kritik an der Lehre des Apostels Paulus selbst zu lesen sind, sondern höchstens als Kritik an einer Lebenspraxis innerhalb der Christenheit, die den Apostel Paulus missverstanden hat. Demzufolge würde der Verfasser des Jakobusbriefes dem Missverständnis einer „billigen Gnade“ die volle Dimension dessen entgegensetzen, was für den Apostel Paulus „Glaube“ heißt. Dabei argumentiert „Jakobus“ allerdings mit einem verkürzten Glaubensbegriff, der wiederum ein Grund für Missverständnisse werden kann und – wie die Reformation gezeigt hat – zu den Missverständnissen geführt hat, die lange Zeit brauchten, um im Sinne eines angemessenen ökumenischen Einvernehmens aufgeklärt- und beseitigt zu werden.

Auch in unserer Zeit mit ihren großen Menschheitsaufgaben, nämlich der Bekämpfung von Hunger und Krankheit, politischem und religiösem Extremismus, sich ändernden Machtverhältnissen, dem Klimawandel mit seiner destruktiven Kraft, den Flüchtlingsproblemen und sozialen Problemen in unserem Land beobachten wir innerhalb der Christenheit, dass faktisch Polarisierungen- oder zumindest Schwerpunktsetzungen erfolgen und populär geworden sind, die dem Ganzen des christlichen Glaubens in seiner Ausgewogenheit und Komplexität nicht gerecht werden und damit in der Gefahr stehen, einseitig und kurzlebig zu sein: Auf der einen Seite die Werkgerechtigkeit, christlich-politischer Aktionismus ohne die grundlegende Spiritualität und ein exklusives Christentum teils christlich esoterischer Prägung auf der anderen Seite, wo der Wohlfühl-Faktor im Mittelpunkt steht. Nachhaltiges Christentum kann aber weder auf Werkgerechtigkeit, noch auf billiger Gnade beruhen, sondern in der Ausgewogenheit zwischen dem Glauben und den aus ihm entstehenden Früchten des Glaubens, der Vita contemplativa und der Vita activa.

So verstanden sagt die Perikope des Jakobusbriefes in einer Deutlichkeit aus, wie sie schwerlich an anderen Stellen in den Heiligen Schriften der Christenheit zu finden ist, was das Gebot der Stunde ist, je länger, desto dringlicher: Glauben zu leben mit den Konsequenzen, die der Glaube fordert. Ein Hinsehen auf Missstände und ein Nicht- Wegsehen, ein Agieren auf der Grundlage des Glaubens, ein Wirksamsein und stetes Wirksamwerden in dieser Welt und für diese Welt, die gute Schöpfung Gottes in ihrer Gesamtheit. Dabei denkt Jakobus an die sozialen Missstände, denen zu begegnen ist. Derselben Wertigkeit aller Menschen, dem Nicht-Ansehen der Person, Gerechtigkeit im umfassen-den Maße und sollten wir in unserer Zeit nicht sagen: Auch an die Intergenerative Gerechtigkeit, die die Jugend weltweit einfordert und wofür es auch seitens der Christenheit – die Predigtperikope aus dem Jakobusbrief im Rücken – zu kämpfen gilt.

Uwe G. W. Hesse, Haina-Löhlbach

Nach oben