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11. Sonntag nach Trinitatis / 20. Sonntag im Jahreskreis (15.08.21)

11. Sonntag nach Trinitatis / 20. Sonntag im Jahreskreis

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Eph 2,4-10 Spr 9, 1-6 Eph 5, 15-20 Joh 6, 51-58

Anm. d. Red.: Die Autorin nimmt mit dem Begriff "Abgebrannt?!" Bezug auf den ergänzenden Themenschwerpunkt, der das aktuelle Kirchenjahr auf "nachhaltig predigen" begleitet.

 

Akzent „Abgebrannt?!“

Wir sind nicht mehr abgebrannt

Eph 2,4-10

Wer „abgebrannt“ ist, ist nicht reich, sondern arm. Da ist kein Geld, nichts Materielles, man hat nichts vorzuweisen. Der Besitz ist unrettbar verloren. Es ist nichts mehr da von dem, was angeschafft, was gekauft wurde.

Aber das letzte Hemd hat keine Taschen. Erlösung. Menschen. Schöpfung – alles für Geld nicht zu haben.[1] Gottes Gnade befreit. Gottes Reichtum ist anders. Gott ist reich an Barmherzigkeit, reich an Liebe. Und damit rettet Gott.

Nicht sauve qui peut, rette sich, wer kann, sondern Gott rettet. Der Bibeltext Eph 2,4-10 ist ein Stück konsequente Rechtfertigungstheologie. Es ist ein Geschenk Gottes, dass die Epheser*innen gerettet, lebendig gemacht wurden. Denn Gott ist reich an Erbarmen und liebt uns mit großer Liebe. Er adressiert die, die noch nicht lebten, als Jesus starb. Der oder die Verfasser*in des Briefes an die Epheser*innen – es ist sicher nicht Paulus – liebt Schachtelsätze. Aber die Verse des Briefes verpacken darin eine klare Botschaft. Der/die Schüler*in des Paulus übersetzt seine Botschaft in eine einfache Sprache. Sie muss in der neuen Zeit verständlich sein.

Wir werden wie die Epheser*innen angesprochen: Wir sind jetzt schon nicht mehr tot. Wir sind raus aus der Sphäre der Sünde. Wir müssen nichts mehr abbrennen. Wir sind nicht mehr abgebrannt. Wir sind mit Christus auferweckt. Wir sind jetzt schon mit ihm im Himmel (auf Erden). Das gilt für Zeitalter. Das ist so, ohne dass wir etwas dafür tun müssen. Gott hat uns so gemacht, dass wir Gutes tun. Und das ist das Gute: Gott hält das Gute bei sich schon bereit. In diesem Guten leben und bewegen wir schon.

Zu vollmundig? Arrogant? Wo bleibt die paulinische Hoffnung? Und vor allem, was ist mit all dem Abgebrannten in der Welt? Überzieht der Text das nicht mit einer zuckersüßen Schicht an Liebe und Erbarmen?

Lesen wir den Kolosserbrief als Hintergrundfolie, den der Epheserbrief ausdeutet:

Mit der Taufe sind wir ganz nah an Jesus Christus dran – no physical and social distancing!, kein Abstandsgebot, sondern wir sind bereits gestorben, und wir sind mit ihm auferstanden. Das lässt der Epheserbrief kurzerhand einmal weg und geht gleich über zur Erlösung.

„Was Paulus im Römerbrief zeitlich unterschieden hatte, nämlich das Leiden mit Christus jetzt in dieser Welt und die Teilhabe an der Herrlichkeit in der künftigen Welt, das wird im Epheserbrief räumlich ausgedrückt: Die Teilhabe an der Herrlichkeit liegt in den Himmeln bereit.“[2]

Der Raum von Leben und Tod wird fluide. Die Grenze verschiebt sich. Das ist die Erfahrung der frühen Märtyrerkirche. Und es prägt meine christliche Haltung in brandgefährlichen Corona-, Existenz-, Klimakrisen-, Rassismus usw. Angst - Zeiten.

Da ist das Davor und Danach nicht mehr so wichtig. Es ist zumindest nicht das, was ich hoffe. Wichtig ist nicht die Trennung zwischen heute und morgen, sondern das Leben in der Gegenwart und die Hoffnung, dass jeder Mensch an jedem Ort, in jedem Welten-Raum mit Christus gerettet ist.

Die Corona – Angst hat geschäftig gemacht. In Deutschland hat menschliche Leistung Leben für das Diesseits gerettet. In den diesseitigen Räumen des globalen Südens droht Menschen Gefahr durch diese und noch ganz andere Krankheiten, Hunger, Einschränken der Meinungsfreiheit, kurz Armut statt Reichtum.

Vertrösten wir sie mit unserer menschlichen Leistung aufs Jenseits, weil unsere „Werke“ nicht reichen, Gott aber in den Himmeln uns bereits jetzt reich beschenkt, auch, wenn wir das in der Gegenwart nicht überall wahrnehmen? Nein, die „Werke“, die guten Taten, sind schon zuvor bei Gott da und gewusst. Es ist durchaus möglich, alles in meinem Leben dahingehend zu ändern, allein dadurch, dass ich mich in das reiche Erbarmen und die Liebe Gottes hineinfallen lasse. Sobald ich allerdings anfange mich dessen „zu rühmen“, - und wer kann eigentlich wirklich darauf verzichten -sobald ich heldenhaft zu handeln meine und Helden kreieren muss-, sei es Trump, sei es Prof. Dr. Christian Drosten, läuft etwas verkehrt. Christ*innen handeln anders: „Sie bereichern sich gegenseitig. Sie sind Gottes Werkzeuge füreinander und gleichsam Kanäle für Gottes Güte und Barmherzigkeit.“[3]

Spr 9,1-6

Das Haus ist die Kirche. Die sieben Säulen erinnern an die sieben Gemeinden der Offenbarung des Johannes, die paradigmatisch für die Gesamtchristenheit stehen mögen. Wenn nun die Weisheit im Haus und in den Gemeinden wohnen soll, ist die Frage, was dann aufgetischt wird. Billigfleisch kann es nicht sein, wenn wir nachhaltig handeln wollen. Und wenn wir das Abendmahl virtuell vorbereiten, macht es einen Unterschied, wenn die einen Weißwein, die anderen roten Traubensaft vor sich hin stellen?[4] Und was tischen wir den Menschen auf, wenn wir es immer noch nicht schaffen, ökumenisch Eucharistie zu feiern? Ist das weise? „Abendmahlsgemeinschaft ist möglich, wenn sie ernsthaft gewollt wird. Ihre Verwirklichung setzt die geduldige Klärung und Überwindung der Hindernisse voraus, die ihr entgegenstehen: Sie bedarf der Darlegung einer gemeinsamen Sicht auf das Abendmahl und der verbleibenden, aber für tragbar gehaltenen Differenzen.“[5]

Eph 5, 15-20

Konsequenzen, wie es richtig laufen kann, finden sich für die praktische Lebensführung in einer sogenannten „Haustafel“. Es ist gut, einen bestimmten Lebensstil als Christ*in zu pflegen, d.h. weise und vernünftig zu handeln und statt mit geistigen Getränken sich geistlich mit Singen, Spielen und Danken aufzubauen. Das hat manchmal etwas moralinsaures. Aber das geht immer, gemeinsam mit Abstand oder vom Balkon aus mit anderen, in einer Videokonferenz oder allein. Der/die Verfasser*in des Briefes an die Gemeinde in Ephesus lebt noch in der nahen Erwartung, dass Christus wiederkehrt. („Denn die Tage sind böse.“) Und doch ist noch Zeit da, gottesdienstliche Spiritualität zu leben und das Leben auf eine gute Gottesbeziehung auszurichten. „Der Blick ist weniger auf den Reichtum des Wortes Christi gerichtet, der sich der Gemeinde in Belehrung und Weisung mitteilen (Kol 3, 16b) und in ihrem Loben und Danken eine Resonanz finden soll (16c), als auf das Verhalten der Christen, die inmitten einer andersartigen Umwelt ihrem Herrn dienen und sich in ihrer Gemeinschaft von der Freude des Heiligen Geistes erfüllen und leiten lassen sollen.“[6]

Joh 6,60-69

„Unerträglich ist diese Rede. Wer kann sie hören.“ (V 60) Jesus hat keine bequeme Botschaft verkündet. Er hält eine Selbstoffenbarungsrede über den wichtigen Geist und das nutzlose Fleisch. Darüber ärgert sich ein Teil seiner Nachfolgegemeinschaft. Sie gehen weg. Jesus fragt bei den Zwölf nach. Ihr Sprecher Petrus lässt keinen Zweifel aufkommen: „Und wir haben geglaubt und erkannt, dass Du der Heilige Gottes bist.“[7]

Predigtidee: Umweltpsycholog*innen konstatieren, dass für eine Verhaltensänderung es nicht sonderlich wichtig ist, dass ich weiß, dass Billigfleisch essen schlecht ist. Viel wichtiger ist es, dass die Menschen in meiner Nähe, die ich kenne und schätze, das ächten. Wenn die Menschen um mich herum, Familie, Freunde, Lehrerinnen, Pfarrer usw., kein solches Fleisch kaufen, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass ich das auch nicht tue. Mein Wissen um die Bedingungen der Fleischproduktion, der Tierhaltung und der Arbeitsbedingungen, können das nicht einholen. Da kann ich abstrahieren und weg gehen. Bei den Menschen, die mir lieb und teuer sind, bleibe ich dran und handele auch so wie sie.[8]

Anja Vollendorf, Düsseldorf

Literatur

[1] Die drei Unterthemen während der Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes in Namibia 2017 zum Thema „Befreit aus Gottes Gnade“.
[2] Michael Gese, Der Epheserbrief. Die Botschaft des Neuen Testaments, hg. v. Walter Klaiber, Neukirchen – Vluyn, 2013, 51
[3] Aus dem Einladungsschreiben zur Emder Synode vor 450 Jahren, www.emder-synode-1571.de
[4] Mehr dazu von Frank Vogelsang, in: 2komma42.ekir.de/inhalt/abendmahl-digital/ (zugegriffen am 22.06.2020)
[5] www.ekd.de/ekd_de/ds_doc/200228_pm_24_Gemeinsam_am_Tisch_des_Herrn_Votum_ÖAK.pdf, 32 (zugegriffen am 22.06.2020)
[6] Rudolph Schnackenburg. Der Brief an die Epheser. Evangelisch-katholischer Kommentar zum Neuen Testament, hg. v. Josef Blank u.a., Band X., Neukirchen – Vluyn, 1982, 239
[7] Siehe www.perikopen.de/Lesejahr_B/21_iJ_B_Joh6_60-69_Diefenbach.pdf zugegriffen am 22.06.2020
[8] Handbuch zur Umweltpsychologie kostenlos downzuloaden bei www.wandel-werk.org/Handbuch.html

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