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5. Sonntag nach Trinitatis / 14. Sonntag im Jahreskreis (04.07.21)

5. Sonntag nach Trinitatis / 14. Sonntag im Jahreskreis

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
1. Kor 1,18-25 Ez 1, 28b - 2, 5 2 Kor 12, 7-10 Mk 6, 1b-6

 

Der Verfasser betrachtet schwerpunktartig den evangelischen Predigttext aus 1 Korinther und die katholische 1. Lesung aus Ezechiel. Die Perikope aus 2 Korinther und der Text aus dem Markus-Evangelium sind für ihn nicht signifikant für Betrachtungen unter Aspekten der Nachhaltigkeit; hier beschränkt er sich auf Hinweise, wo nachhaltige Bezüge verborgen sein könnten.

1 Kor 1, 18-25: Gottes Aufstand gegen den Tod

Exegetische Hinweise

1 Kor ist nach 1 Thess der zweitälteste „echte“ Paulusbrief. Paulus verfasste ihn um 55 n. Chr. in Ephesus. Unser Text steht im Zusammenhang einer leidenschaftlichen Antwort des Apostels auf „Spaltungen“ in der Gemeinde, die er um 50 / 51 n. Chr. selbst gegründet hatte. Die Streitigkeiten in Korinth sind verursacht durch konkurrierende Gruppen, die sich auf verschiedene Autoritäten berufen, z.B. Apollos. Offenbar wurde dabei auch das Evangelium, wie es Paulus verkündete, in zentralen Punkten angegriffen oder relativiert. Paulus kommt in unserem Predigttext sofort und kompromisslos zum Kern seiner Verkündigung …

Theologische Impulse

… und das ist die Botschaft von Christus als dem Gekreuzigten und Auferstandenen. Juden ist das theologisch ein Skandalon, denn nach Dtn 21, 22f ist ein „Aufgehenkter verflucht bei Gott.“ Und für die Griechen ist die Verehrung eines am Schandpfahl des Kreuzes Gescheiterten einfach Unfug. Paulus aber resümiert: „… denen aber, die berufen sind, Juden und Griechen, predigen wir Christus als Gottes Kraft und Weisheit.“ (V 24). Und die sind zu einer mutigen Entscheidung herausgefordert, zum Ja zu einem Gott, der anders ist, der nicht nach den Regeln gängiger menschlicher Philosophie und dogmatisch festgezurrter theologischer Lehrsätze funktioniert. Da gehört schon etwas dazu, denn Paulus nennt seine Gottesverkündigung „Torheit der Predigt“. Darauf muss man sich einlassen: Auf einen Gott, der mit seiner ganzen Fülle in einem Menschen wohnen wollte, der sich in die Grenzen und Unvollkommenheiten menschlichen Daseins herab- und hineinbegibt, der sich aussetzt und verletzlich macht und in der Ohnmacht des Kreuzes qualvoll verendet. Und von diesem Gott bekennt Paulus leidenschaftlich und ohne Zweifel: Dieser Gehenkte lebt, Gott ist in ihm ganz präsent, er hat sich mir gezeigt und mich, der ihn verfolgt hat, in Dienst genommen. Dieser Gott solidarisiert sich mit den Menschen und ihrer Todverfallenheit, das Kreuz wird zum einzigartigen göttlichen Protest gegen das Böse und den Tod. Das Kreuz ist Gottes Aufstand gegen den Tod! Und er ist erfolgreich. Wer sich von Paulus anstecken lässt und glaubt, nimmt teil an diesem Aufstand gegen jede Art des Sterbens und kämpft für das Leben in dieser Welt heute, für sein Gelingen und Wachsen.

Nachhaltigkeitsaspekte

Die Kritik des Apostels an menschlicher Weisheit und Klugheit (V 19), die er mit einem Zitat aus Jes 29, 14 unterstreicht, macht deutlich, dass der Glaube an Gott eine persönliche Verantwortung verlangt. Der ursprüngliche Ort des Zitats meint eine prophetische Kritik am vermeintlichen Sachverstand der politischen Autoritäten und am grassierenden heidnischen Götterglauben. Der Prophet und auch Paulus intendieren ethische Konsequenzen der Ablehnung bzw. Zustimmung zum Gottesglauben. Es geht um soziale Gerechtigkeit damals – und heute. Und wie heidnischer Aberglaube heute aussieht, wäre ein eigenes Thema.

Die Botschaft von Kreuz und Auferstehung Jesu ist eine Botschaft von Befreiung und Heilung. Befreiung von Leid und Tod, Heilung von jeglicher Krankheit, Zerbrochenheit, Verwundung - heute. Das im Sinne des Wortes, das Jahweh an Abraham richtet: „Geh vor mir her und sei ganz!“ (Gen 17, 1). Dieses Ganzsein meint etwas Umfassendes, ein vollständiges Heilsein, Selbstsein, Identität im Kontext der gesamten Lebenswirklichkeit. Das meint letztlich auch die ganze Schöpfung, die leidet, stöhnt und seufzt wie in Wehen (Röm 8, 22). Nicht nur der Mensch, sondern alles Leben, die Natur, der Kosmos sind verletzlich und sind verletzt. Vulnerabilität ist geradezu Identifikationszeichen unserer Welt. An Christus als den Gekreuzigten und Auferstandenen glauben, heißt eine Aufgabe in dieser Welt übernehmen, heißt teilnehmen am Kampf für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung, heißt Leben bewahren und Räume für sein Wachstum schaffen.

Ein guter Leitfaden für diese Aufgabe ist die Enzyklika „Laudato si“ von Papst Franziskus. Er ermutigt zum Widerstand gegen alles Lebensfeindliche, z.B. gegen eine „Wirtschaft, die tötet“. Seine Botschaft des Lebens setzt ganz „unten“ an oder, wie er sagt, „an den Rändern“ unserer Gesellschaft, dort, wo die Schwachen, Hilflosen, Verwundeten, die Gescheiterten und Verlorenen angesiedelt sind, Menschen, die keinen Anwalt für ihr Leben haben. Die Corona-Pandemie macht dies gerade wieder deutlich: Zur Armut kommt nun noch die Bedrohung durch das Virus hinzu. Solidarität der Reichen mit den Armen, auch über die Kontinente hinweg, ist gefordert. Im Bundesstaat Tocantins (Nordbrasilien) wurden die Menschen zu Armut und Virus noch zusätzlich von einer Flutkatastrophe heimgesucht. Das Kolpingwerk der Diözese Speyer konnte innerhalb kurzer Zeit einen erheblichen finanziellen Betrag zur Verfügung stellen, damit die brasilianischen Kolpingsfamilien vor Ort dringend benötigte Hilfe, vor allem Verpflegung, gesundheitliche Versorgung und neuen Wohnraum für Menschen, die alles verloren haben, schaffen konnten. Vielleicht hat die Pandemie gezeigt, dass man weltweit nur gemeinsam und in Solidarität mit den Schwachen, den „Risikogruppen“, den Alten, Kranken, Armen, der Gefahr begegnen kann, wenn man Menschlichkeit und Menschenwürde, eine Kultur der Menschenrechte auch für die Zukunft will.

Zu den weiter aktuellen Themen Klimawandel, Krieg, Migration, gesellschaftlicher Ausschluss von Menschen, Bedrohung von Freiheit und Demokratie tritt wieder ganz stark das Thema Rassismus und menschenverachtender Nationalismus in den Vordergrund. Auch bei uns gibt es wachsenden Rassismus und Antisemitismus (in Kirche und Theologie immer noch, oft versteckt und unbewusst, eine seiner Wurzeln: der Antijudaismus).

Abschließen könnte man die Predigt z.B. mit dem „Gebet für unsere Erde“ von Papst Franziskus:

Allmächtiger Gott,
der du in der Weite des Alls gegenwärtig bist
und im kleinsten deiner Geschöpfe,
der du alles, was existiert,
mit deiner Zärtlichkeit umschließt,
gieße uns die Kraft deiner Liebe ein,
damit wir das Leben und die Schönheit hüten.
Überflute uns mit Frieden,
damit wir als Brüder und Schwestern leben
und niemandem schaden.
Gott der Armen,
hilf uns,
die Verlassenen und Vergessenen dieser Erde,
die so wertvoll sind in deinen Augen,
zu retten.
Heile unser Leben,
damit wir Beschützer der Welt sind
und nicht Räuber,
damit wir Schönheit säen
und nicht Verseuchung und Zerstörung.
Rühre die Herzen derer an,
die nur Gewinn suchen
auf Kosten der Armen und der Erde.
Lehre uns,
den Wert von allen Dingen zu entdecken
und voll Bewunderung zu betrachten;
zu erkennen, dass wir zutiefst verbunden sind
mit allen Geschöpfen
auf unserem Weg zu deinem unendlichen Licht.
Danke, dass du alle Tage bei uns bist.
Ermutige uns bitte in unserem Kampf
für Gerechtigkeit, Liebe und Frieden.

Ez 1, 28b - 2, 5: Aufgerichtet vor Gott – der gelingende Mensch

Exegetische Hinweise

Der Prophet Ezechiel wirkte von 592 bis 571 v. Chr. im babylonischen Exil. Er war ein Visionär. Seine Aufgabe war es, die mit ihm bei der ersten Deportation 592 v. Chr. Verschleppten zu ent-täuschen, die auf eine schnelle Rückkehr nach Jerusalem hofften. Nach der Zerstörung des Tempels 586 v. Chr. und der weiteren Deportation machte er den Verbannten Mut auf Gottes rettendes Eingreifen und die Wiederherstellung Israels. Die Erneuerung des Bundes mit einem erneuerten Volk ist Horizont der prophetischen Botschaft.

Unsere Perikope gehört in den Rahmen der Berufungsvision (Ez 1-3). Ezechiel schaut den „Thronwagen Gottes“ und wird von einer Stimme direkt angesprochen. Unsere Verse eröffnen die Vision von der Buchrolle (Ez 2, 1 – 3, 11).

Theologische Impulse

„Menschensohn, stell dich auf deine Füße; ich will mit dir reden“, spricht die Stimme zum Propheten. Göttlicher Geist stellt Ezechiel auf seine Füße, der zu den „abtrünnigen Söhnen Israels“ gesandt wird, die von Jahweh abgefallen sind, „bis zum heutigen Tag“, „Söhne mit trotzigem Gesicht und hartem Herzen“, ein „Haus der Widerspenstigkeit“. Eine harte Rede. In den nachfolgenden Versen werden die Klagen Gottes über sein Volk sogar noch weitergeführt. In Ez 3, 7 kündigt die Stimme dem Propheten an: „Doch das Haus Israel will nicht auf dich hören, es fehlt ihnen der Wille, auf mich zu hören; denn jeder vom Haus Israel hat eine harte Stirn und ein trotziges Herz.“ Wir begegnen hier dem Phänomen der Verstockung. Jahweh rüstet aber seinen Propheten zu, er macht ihn stark, dass er jeder Härte der Ablehnung durch das Volk, zu dem er gesandt wird, widerstehen kann: „Du aber, Menschensohn, fürchte dich nicht vor ihnen, vor ihren Worten fürchte dich nicht! Wenn dich auch Disteln und Dornen umgeben und du auf Skorpionen sitzt, vor ihren Worten fürchte dich nicht und vor ihrem Blick erschrick nicht; denn sie sind ein Haus der Widerspenstigkeit!“ (Ez 2, 6f). Jahweh unternimmt alles, damit sein Volk sieht und hört und versteht. Er lässt Ezechiel seine Worte, geschrieben in einem Buch, essen, Worte, die „Klagen, Seufzer und Weherufe“ sind, aber in seinem Mund „süß wie Honig“ werden. Er wird nicht anders können, als diese Worte zu verkünden. Wer hört und die Botschaft nicht annimmt, der ist letztlich selbst dafür verantwortlich. Gott nimmt sein Volk ernst, er nimmt die einzelnen Menschen ernst und weist ihnen Eigenverantwortung für ihr Leben zu.

Dafür steht das Bild vom „Aufrichten des Menschensohnes“. Gott selbst richtet den Menschen auf und stellt ihn aufrecht vor sich hin. Er schaut ihn an, gibt ihm Ansehen, Würde, Persönlichkeit. Er macht ihn zu seinem Dialogpartner, schließlich ist er von ihm geschaffen: „Gott erschuf den Menschen als sein Bild, als Bild Gottes erschuf er ihn. Männlich und weiblich erschuf er sie.“ (Gen 1, 27). Der Mensch, ein Wesen mit einzigartiger Würde, die aus Gott stammt. Auch Jesus zeigt dies bei seinen Heilungen: Er richtet die Menschen auf, stellt sie in die Mitte und schaut ihnen in die Augen; er begegnet ihnen auf Augenhöhe. So heilt er diese Menschen, macht sie „ganz“. Darin liegt ein Auftrag, und das ist auch der Auftrag Ezechiels: Mensch, werde Mensch! Ich habe Dich nach meinem Bild geschaffen. Du bist mir ähnlich, forme diese Ähnlichkeit aus Dir heraus. Ich will, dass Du gelingst, dass Dein Leben gelingt. Irenäus von Lyon hat das so gesagt: Gloria Dei homo vivens – Gottes Glorie ist der gelingende Mensch. Ausdruck dieses Aufgerichtetseins vor Gott ist die abendländische Idee von Menschenwürde und Menschenrechten: „Die Würde des Menschen in unantastbar“, heißt es im Artikel 1 des Grundgesetzes.

Nachhaltigkeitsaspekte

Wie kann der prophetische Dienst des Ezechiel heute aussehen? Freiheit, Menschenwürde und Menschenrechte sind bedroht, unsere Lebenswelt, unsere Lebensressourcen sind weiter hemmungsloser Ausbeutung ausgeliefert. Stichworte: totalitäre Tendenzen, selbst in Staaten Mitteleuropas, Zerfall der demokratischen politischen Kultur, wachsende Spannungen in Staaten durch Spaltungen und Hass, Rassismus, Antisemitismus, Ausschluss ganzer Menschengruppen von der Teilhabe an den Gütern der Welt, politischer Mitgestaltung und Kultur, die Unerbittlichkeit des kapitalistischen Wirtschaftssystems in seiner menschenvernichtenden Härte ist ungebrochen, Solidarität mit Flüchtenden wird diffamiert. In Brasilien wird der Raubbau am Regenwald brutal vorangetrieben, den indigenen Völkern am Amazonas wird der Lebensraum genommen. Die Ursachen für den Klimawandel werden nach wie vor von vielen Staaten nicht mit Ernst und Konsequenz angegangen. Die Corona-Pandemie hat zum einen eine Vielzahl solidarischen Engagements gezeigt, zum anderen aber auch, wie schnell Mauern, auch in den Köpfen, wieder errichtet sind und alte Vorurteile gegen andere Menschen – „Ausländer!“ – wieder aufbrechen, Vorurteile, hinter denen existenzielle Ängste stehen. Zum Wiederaufbau der Wirtschaft wird mit Abermilliarden Euro der Konsum befeuert, Klimaschutzgesetzgebung soll dafür aufgeweicht werden, Abwrackprämien für fahrtüchtige Autos zum Kauf neuer Autos mit Verbrennungsmotoren werden gefordert. Der Aberwitz kennt keine Grenzen. Was hätte man mit den Corona-Billionen für die Klimarettung tun können? Immerhin wissen wir heute: Wir könnten es schaffen, wenn …

Christinnen und Christen haben heute den prophetischen Dienst des Ezechiel. Auch ihnen ist zugesagt, dass sie sich vor „Skorpionen“ und den Worten der Mächtigen nicht fürchten sollen. Papst Franziskus ist ein Prophet, ihm geht es um die Zukunft dieses Planeten und des Lebens auf ihm, das vielleicht einzigartig oder doch sehr selten, jedenfalls ein unfassbares Wunder und Geheimnis in unserem Universum ist. Auch er ist wie der Prophet Ezechiel ein Visionär. Einer, der unermüdlich für das Leben auf der Erde, auch mit harten Worten, eintritt. Auch ihn wollen viele nicht (mehr) hören. Wird sein Prophetenwort, wie z.B. in der Enzyklika „Laudato si“, auf lange Sicht erfolgreich sein? Oder wird es von ihm einmal wie von Ezechiel heißen: „Doch das Haus Israel will nicht auf dich hören, es fehlt ihnen der Wille, auf mich zu hören; denn jeder vom Haus Israel hat eine harte Stirn und ein trotziges Herz.“

2 Kor 12, 7-10: „… denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark.“

Exegetische Hinweise

Auch 2 Kor gehört zu den „echten“ Paulusbriefen. Entstehungszeit dürfte um 55 n. Chr. sein. Unser Lesungstext ist Teil der sog. Narrenrede, in der Paulus einmal „wie ein Narr prahlt“ und zeigt, was er um des Evangeliums willen auf sich genommen und welche Leiden er erduldet hat.

Theologische Impulse

Höhepunkt der „Narrenrede“ ist des Apostels Bejahung der eigenen „Ohnmacht, alle(r) Misshandlungen und Nöte, Verfolgungen und Ängste, die ich für Christus ertrage; denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark“ (V 10). Dies ist ihm möglich, weil der Herr ihm zugesichert hat: „Meine Gnade genügt dir; denn die Kraft wird in der Schwachheit vollendet“ (V 9). Die eigene Ohnmacht bejahen, heißt sich selbst in seiner Vulnerabilität, seinen Grenzen und seiner Enge bejahen. Gott ist es, der diese Enge und Schwäche überwindet, sie zum Raum der Entfaltung seiner Kraft macht. Die menschliche Ohnmacht ist geradezu die Voraussetzung, dass Gottes Kraft herabkommt und durch den Apostel in der Welt befreiend und heilend wirkt.

Nachhaltigkeitsaspekte

So werden Ohnmacht und Schwachheit geradezu zum Ort Gottes in der Welt. Von dort aus wirkt seine Kraft verändernd in unsere Lebenswirklichkeit hinein. Mit einer einmaligen Würde stattet er die Schwachen und Ohnmächtigen aus, die Verlorenen, Ausgestoßenen, Verachteten, die Kranken, Leidenden und Alten, die Armen, Ausgebeuteten und Hungernden – sie alle sind Orte der Präsenz Gottes. Mit ihnen hat er sich aus seinem innersten Wesen heraus solidarisiert. Aus ihnen schaut er uns an. Sich diesem Blick zu öffnen, ihm standzuhalten und sich von ihm durchdringen zu lassen, vermag uns zu verändern und zu solidarischen Menschen zu machen, die sich auf ihre Seite stellen, für ihr Lebensrecht und menschenwürdige Lebensbedingungen eintreten. Gottes Lebenswille umfasst Mensch und Welt. Vulnerabilität ist auch Teil der natürlichen Lebensordnung und ruft nach unserer Solidarität mit der Natur, nach unserem Einsatz gegen die Ausplünderung der Lebensressourcen, für Klimaschutz, für den Lebensraum von Flora und Fauna. Wir sind Teil dieser einen lebendigen Welt Gottes. Nur mit ihr können wir (über-)leben.

Mk 6, 1b-6: „Und er wunderte sich über ihren Unglauben“

Theologische Impulse

Jesus lehrt in der Synagoge von Nazareth. Die Menschen sind erstaunt über seine Weisheit, seine „Machttaten“. „Woher hat er das?“ fragen sie. Da sie ihn kennen als einen der ihren und damit glauben zu wissen, wer er ist und wer er nicht sein kann, nehmen sie Anstoß an ihm. Und so antwortet Jesus: „Nirgends ist ein Prophet ohne Ansehen außer in seiner Heimat, bei seinen Verwandten und in seiner Familie.“ Und er konnte keine „Machttat“ tun. Was immer darunter zu verstehen ist – vielleicht eine „Dämonenaustreibung“ –, Jesu Machttaten sprengen den engen Horizont der Menschen auf, die sie staunend wahrnehmen. Staunen kann die Menschen öffnen für die Botschaft. In Nazareth fehlt hierzu aber die Bereitschaft. Die Einheimischen sind „verstockt“ (vgl. Ausführungen zu Ez 1). Jesus selbst wundert sich über ihren Unglauben. Anderswo öffnen seine Zeichen die Herzen der Menschen, in seiner Heimatstadt verschließen sie sich. Aber eins geht doch: Einige Krankenheilungen. Selbst in dieser Situation der Ablehnung lässt sich Jesus berühren von der Not der Menschen, er heilt sie, macht zu „ganz“.

Nachhaltigkeitsaspekte

Das Problem der „Verstocktheit“ können wir auch in unserer Zeit beobachten. In der Corona-Pandemie flüchten Menschen vor der Wahrheit in Verschwörungstheorien oder glauben geistigen Rattenfängern und „Abergeistern“. Ganze politische Parteien verweigern sich kollektiv den wissenschaftlich gesicherten Daten zum Klimawandel. Seit dem Club of Rome 1972 ist das Thema Grenzen des Wachstums, Grenzen unserer natürlichen Lebenswelt und Schutz von Natur und Klima im öffentlichen Diskurs. Und immer noch ist der Ernst der Lage offenbar nicht erkannt oder verstanden: Der Physiker und Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber spricht von einer „Selbstverbrennung“ und vergleicht den Klimawandel mit einem Asteroideneinschlag: „Der Klimawandel ist wie ein Asteroideneinschlag in Superzeitlupe. Und deshalb ist er eine riesige psychologische Herausforderung: Wir verdrängen ihn wegen seiner Langsamkeit“. Auch wir können uns über den „Unglauben“ vieler unserer Zeitgenossen nur wundern. Jesus hat aber nicht resigniert, selbst in Nazareth hat er „nur einige“ Kranke geheilt, damit aber seine Botschaft beglaubigt. Vielleicht haben gerade diese Betroffenen ihm geglaubt und sind ihm nachgefolgt. Jesus zeigt uns, dass wir nicht resignieren dürfen. Wir können auch aus dem Boot nicht aussteigen, wir können aber immer noch was tun. Schellnhuber sagte einmal in einem Interview: „Aber jeder sollte verdammt noch mal tatsächlich etwas beitragen. Wir haben uns alle viel zu lange aus der Verantwortung gestohlen. Ja, wir müssen alle Kohlekraftwerke schließen, ja, Deutschland muss auf 100 Prozent erneuerbare Energien gehen, aber Sie und ich können von heute auf morgen beschließen, kein Fleisch mehr zu essen und keine Langstreckenflüge mehr zu machen.“ Immer mehr Menschen tun das.

Thomas Bettinger, Speyer

Literatur

1)Stuttgarter Altes und Neues Testament, Kommentierte Studienausgabe der Einheitsübersetzung 2016, Kath. Bibelwerk, Stuttgart 2017

2)Neue Jerusalemer Bibel. Neu bearbeitete und erweiterte Ausgabe, hrsg. von Alfons Deissler und Anton Vögtle in Verbindung mit Johannes Nützel, Freiburg 1985

3)K. Kertelge: Markusevangelium, in: Die neue Echter Bibel. Kommentar zum Neuen Testament mit der Einheitsübersetzung, Würzburg, 2. Auflage 2000

4)H.-J. Klauck: 1. Korintherbrief, in: Die neue Echter Bibel. Kommentar zum Neuen Testament mit der Einheitsübersetzung, Würzburg, 3. Auflage 1992

5)Enzyklika LAUDATO SI´ von Papst Franziskus über die Sorge für das gemeinsame Haus, Rom / Vatikan, 24. Mai 2015

6)Hans Joachim Schellnhuber: Selbstverbrennung - Die fatale Dreiecksbeziehung zwischen Klima, Mensch und Kohlenstoff, Gütersloh 2015

7)Klimawandel ist Asteroideneinschlag in Zeitlupe, in: WELT, 29. Nov. 2015

8)Interview mit Hans Joachim Schellnhuber: Gleicht einem kollektiven Suizidversuch, Süddeutsche Zeitung, 14. Mai 2018

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