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2. Sonntag nach Trinitatis / 11. Sonntag im Jahreskreis (13.06.21)

2. Sonntag nach Trinitatis / 11. Sonntag im Jahreskreis

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
1. Kor 14,1-12(23-25) Ez 17, 22-24 2 Kor 5, 6-10 Mk 4, 26-34

 

„Es kommt auf dich an, aber es hängt nicht von dir ab.“ Die Texte für diesen 2. Sonntag nach Trinitatis legen den Fokus auf zwei Aspekte des christlichen Glaubens, die notwendig zusammengehören. Glaube will nicht bei sich bleiben, er äußert sich in Verhalten, er verwirklicht sich im Tun, zielt auf Gemeinschaft. Insofern hat Glaube immer zugleich eine ethische Dimension. Aber der Effekt und die Wirkmacht dessen, was wir tun, liegen nicht in unserer Hand und werden auch nicht von uns beurteilt. Das ist allein Gottes Sache. Unsere Aufgabe ist, unser Tun auf Nachhaltigkeit im Sinne von Gottes Vision einer neuen Erde und eines neuen Himmels hin auszurichten und zu überprüfen. Insofern kommt es sehr wohl auf uns an. Ob sich aber Nachhaltigkeit einstellt, hängt von Gott ab, ist seine Entscheidung. Damit haben wir hohe Verantwortung, aber letzte Verantwortung nicht. Alles Handeln nimmt so gesehen seinen Anfang im Gebet und mündet im Gebet.

1. Korinther 14, 1 – 12 (23 – 25)

Der Herr Professor rückt zufrieden seine Brille zurecht, ist mit seinem Vortrag am Ende. Ehrfurchtsvolles Schweigen im Raum unter all denen, die eine Stunde lang aufmerksam gelauscht haben. Der Sitzungsleiter räuspert sich und ermuntert zu Rückfragen an den Referenten. Nur zögerlich kommt ein Gespräch in Gang. Und schnell ist klar: Eigentlich hat keiner verstanden, was er da gehört hat. Es waren zweifelsfrei intelligente Gedanken, wunderbare Formulierungen, treffsichere Pointen. Aber was der Herr Professor nun eigentlich sagen wollte, ist nicht angekommen. Das ist allen ein bisschen peinlich, weil ja keiner dumm sein will. Aber ist tatsächlich der dumm, der nicht versteht, oder ist es eine eigene Art von Dummheit so zu reden, dass es keiner versteht?

Der Apostel Paulus bezieht sich in seinen Worten an die Gemeinde in Korinth auf eine ganz eigene Art des Redens, die Zungenrede. In unseren Gemeinden, in unserer volkskirchlichen Frömmigkeit spielt die keine Rolle. Dass der Geist so von einem Menschen Besitz ergreift, dass er durch ihn spricht, lallt, stammelt, kennen wir in aller Regel nicht. Damals in Korinth war das anders. Da gab es Menschen, die der Zungenrede eine große Bedeutung beimaßen, sie über das „normale Reden“ stellten, hier Gottes Anwesenheit in besonderer Weise vermuteten. Wer in Zungen sprach, war der bessere Christ, näher bei Gott. Auch wenn kein Mensch verstehen konnte, was da einer stammelte.

Das ist nicht Sinn der Sache, sagt der Apostel Paulus. Wenn ihr redet, sollen die anderen verstehen, was ihr redet. Es ist nicht klug oder gut oder besonders fromm, in Zungen zu reden, unverständlich zu sein. Der Sender der Botschaft spielt eine Rolle, die Botschaft spielt eine Rolle, aber eben auch der Empfänger. Im Prinzip benennt der Apostel also ein Grundprinzip von Kommunikation, das bis heute gilt. Der Vortrag des Herrn Professor war eigentlich für die Katz, weil hinterher keiner schlauer war als vorher. Die beste Predigt taugt nichts, wenn sie nur kluges Wortgeklingel in den Ohren der Zuhörenden ist. Die Botschaft mag noch so wahr und richtig sein, um nachhaltig zu sein, braucht sie einen Empfänger, der sie verstehen kann. Ganz besonders die christliche Botschaft, das Wort Gottes an die Welt und die Menschen. Und womöglich erweist uns Gottes Geist nun eben nicht dort die Ehre, wo wir als Kirche „in Zungen“ reden, sondern dort, wo wir mit Gottes Hilfe klar und verständlich und deutlich von dem reden, was ihm wichtig ist. Wo wir liebe-voll reden, im Blick auf den, der hört. Zur Erbauung, zur Ermahnung, zur Tröstung.

Ez. 17, 22 - 24

Gott wirkt in der Geschichte – zum Guten wie zum Schlechten. Dieser Überzeugung folgt die Botschaft des Propheten Ezechiel. Er predigt zur Zeit des babylonischen Exils, für das Volk Israel ein existentielles Trauma in seiner Geschichte. In der Eroberung Israels durch das Großreich zwischen Euphrat und Tigris und der Deportation der Oberschicht an die „Wasser zu Babel“ (Psalm 137) sehen die Damaligen nicht nur eine politische Niederlage, sondern Gottes Strafgericht. Und die Propheten werden nicht müde, darauf hinzuweisen und eindringlich zur Umkehr aufzurufen: Nicht in politischen oder diplomatischen Winkelzügen, sondern in der konkurrenzlosen, kompromisslosen und konsequenten Zuwendung zu dem einen und wahren Gott Israels, wird Rettung und Heil zu finden sein.

Auf diesem Hintergrund wird der babylonische Herrscher zum Werkzeug Gottes, mit dessen Hilfe er das Strafgericht vollzieht. Und der von den Fremdherrschern in Jerusalem eingesetzte Marionettenkönig, der aus eigener Vollmacht versucht, mit Hilfe der Ägypter wieder militärische Oberhand zu gewinnen, unterläuft Gottes Willen, der letztlich Heil im Sinn hat – aber erst, wenn sein Volk seine Lektion gelernt hat. Das ist der Ausgangspunkt für Ezechiels Wort vom blühenden Zedernbaum, der in irgendeiner Zukunft weithin sichtbar eine Art Happy End signalisiert, wo alle den Platz haben, der ihnen nach Gottes Willen zusteht. In aller Klarheit hören wir in diesem Wort, dass unsere Aufgabe die Hinwendung zu Gott, die Orientierung an Gott ist. In Wort und Tat. Und wo das geschieht, zeichnet sich Friede im Sinne von Schalom ab. Gleichgewicht zwischen Gott und Mensch, zwischen Mensch und Mensch, zwischen Mensch und Natur. Leben, wie Gott es gemeint hat und für diese Welt im Sinn hat.

Gott handelt nach wie vor in der Geschichte. Davon bin ich fest überzeugt. Aber anders als die Damaligen sehe ich ihn nicht als Urheber von Katastrophen am Werk. Eine Interpretation von all dem, was auf Erden den Schalom raubt, als Strafgericht Gottes zu verstehen, verbietet sich nach allem, was wir aus dem Neuen Testament wissen. Da erfahren wir von einem Gott, der nicht Katastrophen schickt, sondern in Katastrophen an der Seite derjenigen ist, die sie erleiden. Ein Gott in liebevoller und mitleidender Zuwendung zu den Menschen. Voller Sehnsucht, dass diese Zuwendung erwidert wird. Konkurrenzlos, kompromisslos, konsequent. Auf dass Friede wachse und Schalom blühe.

2. Kor. 5, 6 - 10

Schwer verdauliche Kost für Menschen unserer Zeit. Kaum noch einer teilt die Sehnsucht des Apostels, das irdische Jammertal zu verlassen und das himmlische Jerusalem zu schauen. Wir lieben unseren Leib und hängen an unserem Leben im Diesseits. Wir tun, was wir können, um diesen Leib zu erhalten und das Jenseits möglichst auf den Sankt-Nimmerleins-Tag zu verschieben. Und irgendwie ist der Trost, der vielen Generationen vor uns viel bedeutet hat, in unseren Ohren eine schale Vertröstung. Das Diesseits zählt. „Ja, Zuckererbsen für jedermann, sobald die Schoten platzen. Den Himmel überlassen wir den Engeln und den Spatzen.“ (Heinrich Heine)

Trotzdem soll Gott uns nahe sein, bei uns sein, spürbar sein. Jetzt und hier, nicht dort und irgendwann. Aber so läuft das nicht, sagt der Apostel. Echte und unmittelbare Nähe, die keine Zweifel offenlässt, die so klar ist wie das Ich und Du im selben Raum, haben diese Welt und dieses Leben nicht vorgesehen. Nähe gibt es. Im Glauben. Aber das Schauen kommt erst zu seiner Zeit. Und dieser Moment wird in jeder Hinsicht gewaltig sein. Und gar nicht ohne. Denn dann wird auf Herz und Nieren geprüft, wie man seine Tage zugebracht hat. Und es wird nicht egal sein, woran man sein Herz gehängt hat, auf welche Werte man gesetzt hat, was einem im Leben heilig war.

Auch das Gericht spielt in unserem Leben, sogar in unserem Glaubensleben kaum noch eine Rolle. Es ist eine leise Hoffnung, dass besonders die Superschurken am Ende die Zeche dann doch zahlen müssen, wenn die irdische Gerechtigkeit versagt. Aber davon redet der Apostel nicht. Er redet von uns allen, von Dir und mir. Wir werden für das Diesseits in die Verantwortung genommen werden. Nicht nur von unseren Kindern und Enkeln, sondern vom Herrn des Lebens selbst. Das Leben nimmt uns in die Verantwortung. Jetzt und in Ewigkeit.

„Sie sang das alte Entsagungslied, das Eiapopeia vom Himmel, womit man einlullt, wenn es greint, das Volk, den großen Lümmel.“ So dichtet Heinrich Heine weiter. Von einem Verständnis der letzten Dinge, in dem das irdische Jammertal kultiviert wird und die ewigen Wonnen im Jenseits verklärt werden. Gegen das Elend der Welt können wir gar nichts machen, das ist gottgegeben. Und gottergeben erdulden wir die Zeit und bauen auf eine bessere Ewigkeit. So ist das nicht gemeint, sagt der Apostel. Die Ewigkeit wird besser sein, aber das Elend der Welt ist nicht gottgegeben. Und wer gottergeben ist, wird sein Teil dagegen tun. Und Nähe spüren. Gott in seiner Nähe spüren. Schon jetzt, schon hier. Und erst recht dann und dort.

Mk. 4, 26 - 34

Hinter unserem Haus gibt es einen kleinen Garten. Nach dem Umbau eine einzige Baustelle. Mühsam haben wir den Bauschutt weggeräumt, Unkraut gejätet, den Boden umgegraben, schließlich Gras gesät. Am Anfang lag da für Wochen nur eine braune Fläche mit winzigen Samenkörnern. Mittlerweile sind aus vielen kräftige Grashalme geworden. Und das war ganz sicher nicht unser Verdienst. Ein kleines Wunder, das man gerne für selbstverständlich hält. Gras – ist doch nichts Besonderes. Ach ja? Täglich bin ich umgeben von Werden und Wachstum. Von Bäumen, die Schatten spenden. Von Blumen, die Bienen locken. Von Gras, das meinen Füßen schmeichelt. Ohne dass ich auch nur das Geringste dafür tun muss. Es geschieht einfach. Ausfluss unendlichen Schöpferwillens. Der Achtung und Respekt verdient. Weil er meine Lebensgrundlage ist.

In jedem winzigen Samenkorn steckt das Leben an sich. Hut ab vor meinem Rasen. Aber mit seinem Gleichnis will Jesus ja keine Gebrauchsanweisung für Gärtner geben. Er nutzt meine Gras-Erfahrung, er nutzt unser aller Naturerfahrung als Bild. Für mich. Für uns. Für Gott. Meine kleine Wiese ist Reich Gottes im Hosentaschenformat. Vor Monaten eine brache Fläche, heute blühendes Grün. Und dennoch langsam, sehr langsam. Die Grashalme ließen sich nicht aus der Erde ziehen, sie wollten in Ruhe wachsen. Und so tut das auch das Reich Gottes. Sagt Jesus. So tut das auch eine Welt, in der das Leben grünt und blüht. Wart’s ab.

Abwarten ist nicht meine starke Seite. Muss ich auch nicht. Sagt Jesus an anderer Stelle. Sagt Jesus mit seinem Leben. Ich kann etwas tun. Ich kann Gott unterstützen bei seinem Wachstumswerk, statt ihm ins Handwerk zu pfuschen. Das tue ich bei meinem Rasen, das soll ich tun in der Welt. Wissen, wo es auf mich ankommt. Und wissen, wo ich besser die Füße still halte und Gott machen lasse. In seinem Tempo machen lasse. Kein schneller, höher, weiter. Kein Überlisten der Natur. Kein menschengemachter Machbarkeitswahn. Sondern ein gottgewolltes Bündnis zwischen allem, was lebt. Für das Leben. Mehr nicht? Mehr nicht. Und da kommt es auf mich an. Aber es hängt eben nicht von mir ab.

Dorothee Wüst, Speyer

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