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Trinitatis / Dreifaltigkeitssonntag (30.05.21)

Trinitatis / Dreifaltigkeitssonntag

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Joh 3,1-8(9-13) Dtn 4, 32-34.39-40 Röm 8, 14-17 Mt 28, 16-20

Es geht am Tag der Heiligen Dreifaltigkeit, dem Sonntag Trinitatis, eine Woche nach Pfingsten, um Geistesgegenwart. Nach der "Ausgießung" des Heiligen Geistes ist nun die Zukunft eines Lebens in, mit und unter der Inspiration relevant. Wahrlich ein Kristallisationspunkt der Nachhaltigkeit!


Zunächst zu Joh 3,1-8:

Einige Merkmale des Geistes seien genannt:
1. Der Geist ist unverfügbar.
Im Gespräch mit Nikodemus verweist Jesus darauf, dass wir das Wehen des Windes wohl wahrnehmen, nicht aber Herkunft und Ursache erklären können. (Wir nehmen diese Bildsprache ernst, auch wenn wir heute sehr viel mehr über die Entstehung von Wind wissen.)
2. Der Geist ist wirksam.
Seine Wirkung ist Leben: er schafft und fördert Lebendigkeit. Dabei geht es nicht um die Vitalität unserer Organe, sondern um das Lebendigsein selbst. Auch für heutige Naturwissenschaftler ist das Leben ein Wunder.
3. Der Geist ist das Fluidum des Lebens.
Wir kennen den Zusammenhang, der sich sprachlich ausdrückt: spirare und spiritus, animus und anima, pneuma, pneu und pneumatisch.
Der Atmungsvorgang ist eines der sicheren Kennzeichen, dass ein Mensch am Leben ist.
Schopenhauer nannte seinen geliebten Pudel Atman, weil er in ihm (und allen Tieren) ein beseeltes Lebewesen sah.
Auch Gandhis "Große Seele" zeigt es: Mah-Atma.

Ein Pneumatiker kann, von des Wortes Bedeutung her, ein Luftdruckspezialist, ein Geistheiler oder ein Lungenfachmann sein. Das konkret Materielle und das ungreifbar Mystische oszillieren sichtlich.
Diese Nähe zweier Sphären, die wir begrifflich sonst trennen, wird auch durch den Ausspruch Jesu belegt, der im Gespräch mit Nikodemus Wasser und Geist zu engen Partnern erklärt. Darin ist ein Hinweis auf die Praxis des Taufens versteckt, bei der ja auch mit Wasser gehandelt, aber auf das Wirken des Geistes gehofft wird. Nach antiker Tradition muss das Taufwasser "lebendiges" Wasser sein, also fließen. Darum haben die Essener in Qumran für ihr rituelles Tauchbad mit gewissem Aufwand Zisternenwasser zum Fließen gebracht.

Die Taufe ist zum Eintrittsmerkmal des Christentums geworden, und zwar um dieser lebenschaffenden Wirkung willen. Einem allgemeinen Missionsbefehl stehen wir heute nach 2000 Jahren Christentumsgeschichte zu Recht vorsichtig bis skeptisch gegenüber. Aber für das Leben einzutreten und lebendige und lebensförderliche Wirkung zu entfalten, das ist im Sinne des Taufbefehls (Mt 28, 16-20). Darin liegt das Vermögen der Christen. Hierin erweist sich die Nachhaltigkeit des Glaubens.
Und wirksam wird dieser Glaube nur im Modus des absoluten Vertrauens. Paulus beschreibt dies im Brief an die Gemeinde zu Rom mit dem Vater-Kind-Verhältnis, das dem gläubigen Christen zu eigen ist (Röm 8, 14-17).

Wenn wir also für die (Bewahrung der) Schöpfung eintreten, so können wir, auch bei unterschiedlicher Motivationslage beim einzelnen Menschen, auf die lebenschaffende Kraft des Geistes vertrauen. Ein großes Missverständnis vieler Christen ist es, unter Schöpfung lediglich die Entstehung der Welt, also das Anfangsschaffen des Schöpfers zu verstehen. Der erweiterte Blick gilt dem ständigen Prozess des Werdens, einschließlich des Vergehens, der Differenzierungen und Varianten des Lebens, kurz: der creatio continua. Hier ist der Geist des Lebens am Wirken! Auf dessen Seite ist der Platz des Christen. Albert Schweitzer nennt diesen ethischen Ansatz "Ehrfurcht vor dem Leben". Er ist nicht an ein Bekenntnis gebunden, sondern ist universell zugänglich.

Vielleicht muss auch der Terminus der Wiedergeburt unter diesem Gesichtspunkt anders gedeutet werden: nicht das einmalige Geschehen, sondern die ständige Erneuerung aus dem Geist könnte die Meinung Jesu angemessen beschreiben. Was für ein Missverständnis bei gewissen evangelikalen Christengruppen in den USA (und anderswo): Sich selbst als einen wiedergeborenen Christen zu bezeichnen ist so was von überheblich! Da wird der unverfügbare Geist zum Manipulationsmechanismus degradiert . . .

Eine andere Lösung bieten unsere orthodoxen Mitchristen an: um Gott näher zu kommen, empfehlen und praktizieren sie klingende Atemübungen: das Singen! Alles, was Odem hat, lobe den Herrn. Im Atmen kann das Wehen des Geistes empfunden werden. Der bibelsprachliche Odem meint auch nichts anderes als das lebenserhaltende Atmen.
Darum zum Abschluss ein Blick auf den Psalm 113, den Psalm des Sonntags: Dieser Psalm gibt das Muster für das Magnifikat der Maria, die Vision einer gelingenden Zukunft, für Menschen, denen nicht an der Wiege gesungen wurde, dass sie ein gelingendes Leben führen könnten.
Und als Anregung für den Schlussteil des Gottesdienstes erlaube ich mir, einen Vorschlag für das Fürbittengebet anzufügen.

Fürbitte

Mit unseren Bitten kommen wir, Gott, zu dir:

Schenk uns deinen Geist, den langen Atem,
dass wir geduldig weiterbauen am Haus der Schöpfung,
dass wir mit dem Geduldsfaden weiterweben
am Band des Friedens.

Schenk uns deinen Geist, den Mutmacher,
dass wir Zivilcourage zeigen, wo es nötig ist,
dass wir in einer verängstigten Umgebung
das weiterführende Wort finden.

Schenk uns deinen Geist, den Schrittmacher,
dass wir in einer erstarrten Welt den ersten Schritt tun,
dass unsere Füße auf dem Weg des Friedens
Raum gewinnen.

Schenk uns deinen Geist, den Tröster,
dass wir Halt finden, wo Orientierung fehlt,
dass wir Schmerz und Trauer aushalten,
weil du uns hältst.

Schenk uns deinen Geist den Schöpfer,
dass wir neue Ideen für alte Probleme finden
und alte Wahrheiten in neuen Fragen entdecken,
dass wir kreativ für das Wunder des Lebens eintreten.

Schenk uns deinen Geist, den Spaßmacher,
dass wir wieder mit Lust Spielräume gewinnen,
dass wir mit Lebensfreude
die Zwischenräume füllen.

Schenk uns deinen Geist, die unermessliche Weite,
dass wir deine Größe im Kleinen wahrnehmen,
dass wir lernen, uns aus der Grenzenlosigkeit
deiner Liebe zu nähren.

Wilhelm Wegner, Frankfurt am Main

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