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Pfingstmontag (24.05.21)

Pfingstmontag

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
1. Kor 12,4-11 Apg 8, 1b.4.14-17 oder:
Ez 37, 1-14
Eph 1, 3a.4a.13-19a Lk 10, 21-24

 

1. Kor 12, 4-11

Kirche wird oft als Organisation gesehen und verstanden. Da geht es um Strukturen, um Mitgliedschaft, um Mitarbeit und um den eigenen Nutzen. Manche sagen: „Ich bin religiös unmusikalisch. Das geht mich nichts an.“ Andere bringen sich ein und merken, dass ihnen gerade dieses Mitwirken und Für- Andere- Dasein gut tut. Dann ist Kirche eine Wirklichkeit, in der ich lebe, ein Ort, an dem ich gebraucht werde und wo ich zuhause bin.

Paulus spricht von seiner Erfahrung: Menschen werden vom Geist begabt – jede und jeder auf ihre/seine eigene Weise. Eine bunte Vielfalt an Leben entsteht – das könnte eine tolle Sache sein, aber Vielfalt leben ist nicht einfach! Menschen sind kompliziert. Sie versuchen zu unterscheiden, zu sortieren, zu begreifen. Sie haben gern einen einzigen Weg, der als Gesetz oder Richtlinie für alle gelten kann. Aber das ist nicht die Art und Weise, wie der Geist Gottes wirkt. Paulus spricht von ‚vielen Gaben‘ und ‚vielen Gliedern‘, die sich in der Gemeinde entfalten können. Je unterschiedlicher die Menschen und ihre Lebensauffassungen, um so besser können wir lernen, dass Gemeinschaft aus der Vielfalt lebt. Neue Aufgaben, neue Beziehungen, neue Möglichkeiten – das gelingt umso eher, als wir möglichst viele an den Prozessen und Entwicklungen in Gemeinde und Kirche beteiligen. Es geht nicht darum, dass möglichst viele hauptamtlich in der Kirche tätig sind. Wir brauchen nicht mehr Expert*innen und Manager*innen: jede und jeder in der Gemeinde hat eine Begabung. Unsere Aufgabe ist es, herauszufinden, wozu die Einzelnen begabt sind und was sie zum Wohl der Gemeinschaft einbringen können. Wenn wir einander mit dieser Haltung begegnen und unsere Gabe, unser Können in den Dienst des Ganzen stellen, wenn wir in Achtung vor dem/der anderen leben und vor der Gabe, die Gottes Geist ihr/ihm geschenkt hat, wird das vermutlich mehr als nur jede einzelne Gemeinde verändern.

Apg 8, 1b.4.14-17

Auffallend scheint, dass sich die Menschen der Jerusalemer Gemeinde trotz der Gefahr, die ihnen durch die Verfolgung droht, und trotz der Zerstreuung nicht davon abhalten lassen, umherzuziehen und das Wort Gottes zu verkünden. Mut oder Leichtsinn könnte dahinterstecken – auf alle Fälle müssen sie sehr überzeugend gewesen sein, wenn die Menschen in Samarien durch die Begegnung zum Glauben gekommen sind und sich haben taufen lassen. Merkwürdig, wie beschrieben wird, dass sie „nur“ getauft waren, aber noch nicht den Heiligen Geist empfangen haben. In unserer heutigen kirchlichen Hierarchie sind wir versucht zu denken, dass es da eben doch den Amtsträger, den Apostel, die Ordinierte braucht, damit alles seine Ordnung hat und die Taufe vollendet wird. Oder vielleicht das Gebet und die Handauflegung, die Berührung, die später zu einem „Sakrament“ geworden ist.

In einer Zeit, in der eine Pandemie Kontakt und Berührung über Monate verboten hat, wissen wir um die Bedeutung und die Kraft einer Berührung, und mit Sicherheit hat die Handauflegung eine besondere Wirkung auf den Menschen, dem/der diese Berührung zuteil wird. Die Frage bleibt aber: hängt Gottes Wirken und Gottes Gabe an einer menschlichen Geste? Macht Gott sein Geschenk des Heiligen Geistes davon abhängig, dass der richtige Mensch die richtigen Worte und Rituale zur richtigen Zeit vollzieht? Oder ist Gottes Gabe nicht schlicht allen gewidmet- die glauben und guten Willens sind – bis an die Enden der Erde?

Eine mögliche Idee zum Lesen des Textes
(nach einer Idee von Bettina Eltrop/ Kath.Bibelwerk):
Eine zweite Person hält während der Lesung deutlich sichtbar Symbole in die Höhe.

  • Bei V.1 ein großer Stein und/ Seile/Fesseln
  • Bei den V. 4 und V. 14 eine Bibel
  • Bei den V. 15-17 eine Feuerzunge

Ez 37, 1-14

Der Prophet Ezechiel lebt im 6. Jahrhundert v. Chr. unter den Judäern, die ins Exil nach Babylon verbannt worden sind. Er kennt die Hoffnungslosigkeit, die Verzweiflung, die sich unter den Menschen ausbreiten – und verkündet dagegen in starken Bildern die Kraft und das Wirken Gottes. In den gelesenen Versen kommt das hebräische Wort „ruach“ besonders häufig vor. Es bedeutet „Geist“, „Geistkraft Gottes“. Alles Leblose, jede noch so hoffnungslose Situation kann die „ruach“ zu neuem Leben führen. Mitten in die grundlegenden Fragen, ob Gott das Elend nicht sieht oder nicht sehen will – oder ob Gott sie vergessen hat (vgl. Jes 40,27 oder Jes 49,14), spricht die Vision des Ezechiel von der Auferweckung der toten Gebeine.

Die Stimmungslage im Exil ist unserer heutigen gar nicht so unähnlich. Ernüchterung und Besorgnis bestimmen die Gesellschaften weltweit. Fragen nach der Auswirkung von wirtschaftlich begründeten Entscheidungen ohne jedes Interesse an Verantwortbarkeit, Klimaschutz und Ethik beschäftigen und belasten Menschen in allen Ländern. Warnungen werden überhört, Sorgen breiten sich aus.

Und nicht nur im globalen Zusammenhang wird die Frage drängend, auch im persönlichen Leben kann es durch Schicksalsschläge, durch Krankheit oder das Scheitern von Beziehungen zu ähnlich verzweifelten und hoffnungslosen Situationen kommen.

Insofern kann der Text in viele Erfahrungen Einzelner und ganzer Gesellschaften hinein sprechen und ein Bild voller Hoffnung und Leben malen – und neue Hoffnung schenken, selbst wenn diese Hoffnung „nur“ in der Tatsache besteht, dass Menschen vor unserer Zeit in ähnlicher Weise wie wir heute am Boden waren und dass sie – auch aus diesen Bildern - neue Hoffnung schöpfen konnten, die sie am Leben hielt.

Eine mögliche Idee zum Lesen des Textes:
Die Steigerung von Bildern der Hoffnungslosigkeit und des Todes hin zu Bildern der Kraft und Lebendigkeit, lassen sich durch Stimmlage und ein sich steigerndes Tempo ausdrücken. Denkbar wäre auch eine musikalische Untermalung/ Begleitung der Lesung durch ein (professionell und einfühlsam gespieltes) Instrument.

Eph 1, 3a.4a.13-19a

Großartige Worte sind es, mit denen der Epheserbrief seine Adressat*innen beschreibt und zugleich ermutigt, in den Lobpreis und Dank einzustimmen, die in den Versen ausgedrückt werden. Lobpreis und Dank richten sich an Gott, aber die Menschen in der Gemeinde von Ephesus werden auch als reich beschenkte Gläubige bezeichnet, für die der Verfasser seinen Dank vor Gott bringt. Wahrheit ist einer der bedeutenden Begriffe, die verwendet werden, das Siegel des Heiligen Geistes als Bekräftigung („Konfirmation“/“Firmung“), der Anteil am Erbe, die Erlösung, Gottes Eigentum.

Ganz klar bezieht der Autor alles Geschehene auf Jesus Christus: durch ihn ist alles geschehen, die Erwählung, das Evangelium, die Gabe des Geistes, die Erlösung. Und ganz selbstverständlich formuliert er seine tiefe Dankbarkeit für die Gemeinde in Ephesus und für jedes ihrer Mitglieder. Ihr Glaube und ihre Liebe haben sich herumgesprochen – und es bleibt nur noch die Bitte, Gott möge sie weiterhin erleuchten und den Reichtum, die Fülle ihrer Berufung und ihres Beschenktseins erkennen lassen.

Spannend wäre die Frage, wie eine solche Einschätzung einer Gemeinde oder Gemeinschaft von außen sich auf die Haltung der Mitglieder auswirken würde – auch und gerade in der heutigen Zeit. Wie würden Menschen reagieren, wenn ihnen ihre Befähigung, ihre Kompetenz in solch klaren und eindeutigen Worten zugesagt würde? Ihr habt so vieles empfangen – von eurem Glauben, von eurer Liebe wird gesprochen. Ich bin froh und dankbar, dass es euch gibt. Vielleicht wäre eine moderne Formulierung auch: Ihr seid eine coole Truppe – beeindruckend, wie ihr miteinander umgeht. Oder auch: „voll krass“ – was Gott an euch und mit euch bewirken will/kann…

Es wäre doch mal einen Versuch wert, die Perspektive auf Fehler, Konflikte und gescheiterte Projekte umzukehren und auf die Möglichkeiten zu schauen, auf Gelungenes und auf den Reichtum, der in den Einzelnen und in der Gemeinschaft liegt – verborgen oder auch ganz offensichtlich…

Eine mögliche Idee zum Lesen/ Gestalten des Textes:
(nach einer Idee von Bettina Eltrop/Kath.Bibelwerk - denkbar für Familiengottesdienste und mehr)
Nach dem Lesen des gesamten Textes können einige der vielen Begriffe verdeutlicht werden, die das Beschenktsein durch Jesus Christus ausdrücken: Eine Person legt einer anderen Person einen farbigen Schal um und nennt das Wort dabei jeweils laut, z.B. erwählt, berufen, besiegelt, erlöst... Bei jedem Wort kommt eine neue Farbe dazu, so dass das überreiche Beschenktsein in Farben sichtbar wird.

Lk 10, 21-24

In diesem Lobgebet richtet sich Jesus an Gott als seinen Vater, den Herrn des Himmels und der Erde. In ähnlichen Worten betet auch die urchristliche Gemeinde zu Gott als „Herrscher, der den Himmel und die Erde ... gemacht hat“ (Apg 4,24). Doch obwohl in dieser Anrede gerade die Größe und Allmacht Gottes deutlich benannt wird, erweist sich der angesprochene Gott als der „ganz Andere“. Was ihm „gefällt“, sein „Wohlwollen“ (vgl. Lk 2,14) gilt nicht in erster Linie den Mächtigen dieser Welt, sondern vor allem den Kleinen, Ungebildeten.
Ganz anders als unter Menschen üblich, wo doch Weisheit, Erfahrung, Ausbildung und kluge Worte zählen, selbst wenn die Worte nur klug klingen, es aber gar nicht wirklich sind. Die Erfahrung mit Gott ist anders: sie bleibt den Weisen und Klugen verborgen, den Unmündigen aber offenbart er sich und verändert ihr Leben. Dabei geht es nicht so sehr um ein Wissen, das wissenschaftlich belegt und weitergegeben werden kann, sondern viel mehr um eine Erfahrung, eine Begegnung mit Gott, die anrührt und in Bewegung bringt.
Die Jünger sehen und hören Jesus und seine Botschaft. Sie erleben eine besondere Situation, die viele sich manchmal wünschen würden: den direkten Kontakt mit Jesus, seine Weise, das Leben zu gestalten und zu verstehen. Und trotzdem sind auch heute noch Menschen fasziniert von diesem Gott, der uns nah sein will, von diesem Menschen, der Bruder ist, Sohn, Freund und Erlöser, von dieser Kraft, die alles mit Leben erfüllt, auch wenn es weder vorstellbar noch menschenmöglich ist.

Könnte es sein, dass in der Umkehrung unseres Weltbilds von groß und klein, von wichtig und wertlos, gerade die Chance liegt, unsere Welt neu zu begreifen und zu gestalten? Könnte es uns weiterbringen, den Maßstab bei den Kleinsten und Schwächsten anzusetzen und sie als erstes in den Blick zu nehmen? Ganz ehrlich und wertschätzend – nicht wie bei der Gefahr durch einen Virus, die z.B. dazu führte, dass alte Menschen von ihrer Umwelt abgeschottet und quasi in ihren Zimmern eingesperrt wurden. Nicht in erster Linie zu ihrem Wohl, sondern um schlicht und einfach die Zahl der Toten nicht nach oben schnellen zu lassen. Anders wäre es, wenn ihr Wohl im Blick stünde und zu ihrem Wohl und ihrer Zufriedenheit Besuche und Spaziergänge möglich gemacht worden wären, wenn sie den Wunsch dazu geäußert hätten. Die Schwachen schützen, nicht weil es der einfachste und billigste Weg ist, sie abzuschotten, sondern weil sie etwas gelten, weil sie unsere Gegenwart durch ihre Arbeit ermöglicht haben und wir ihnen deshalb etwas schuldig sind.
Genauso könnte der Blick auch den Kindern und Jugendlichen gelten – ihrem Wohl, nicht nur im technischen oder medizinischen Sinn, sondern auch in den sozialen Fähigkeiten, ihrem emotionalen IQ, ihren Möglichkeiten, Kontakte und Beziehungen aktiv und positiv zu gestalten.

Manches an diesem Text klingt fremd – aber vielleicht drückt das, was sich fremd anhört, auch aus, dass Gott anders ist und dass es unsere Aufgabe ist, anders zu sehen, zu denken, zu urteilen, zu handeln und zu leben. Einen Versuch ist es wert, den Blick von den Weisen und Klugen hin zu den Unmündigen zu lenken – und vielleicht auch mal uns selber als unklug oder unmündig zu sehen…

Annette Schulze, Frankenthal

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