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Kantate / 5. Sonntag der Osterzeit (02.05.21)

Kantate / 5. Sonntag der Osterzeit

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Lk 19,37-40 Apg 9, 26-31 1 Joh 3, 18-24 Joh 15, 1-8

 

Die drei katholischen Lesungstexte und der Text der evangelischen Perikopenordnung lassen sich unter einer Klammer vereinigen: Christus ist im Wirken der Gemeinde greifbar präsent. Gottes Wirklichkeit und die irdische Realität der Gemeinde, ihr Tun und Lassen, sind unauflösbar ineinander verschränkt (Immanenzformel). Dieses Grundthema, dass sich Christus im Handeln der Gemeinde vergegenwärtigt, lässt sich in der Predigt mit aktuellen Fragestellungen zu nachhaltiger und sozialethischer Lebens­führung vertiefen. Die konkrete Gestalt christlicher Lebensführung kann an der konkreten Gestalt von Christus gespiegelt werden: So wie sich die johanneischen Texte, wenn sie vom erhöhten Christus, von Gottes Glanz oder von der Liebe reden, auf das Wirken des irdischen Jesus und seine Ich-bin-Worte zurückbeziehen, so ist auch der in Lk 19 ausgerufene König (basileus) kein absolutistischer Herrscher, sondern der König über jenes Königreich (basileia), das er in seinem Wirken nahe in die Welt gebracht hat und das im Tun der Gemeinde von neuem Raum ergreift.

Das von den vier Texten aus dem Neuen Testament thematisierte Moment der Wirkkraft christlichen Glaubens kann im Fokus des Predigens stehen. Was die von der Heiligen Geistkraft bewegte Gemeinde in der Welt tut, ist nicht einfach die tatkräftige Folge eines intellektuellen Glaubens, sondern ihr Tun ist der Glaube und ihre Arbeit am Königreich Gottes ist die Erkenntnis einer neuen Wirklichkeit. In welcher nachhaltigen Lebensweise konkretisiert sich die von Christus gebotene Liebe zueinander (1. Joh 3,23) und wird Christus selbst für andere erfahrbar? Wie lassen sich aktuell diskutierte Themen sozialethi­schen Handelns auf die Präsenz von Gottes Königreich beziehen?

Joh 15

Das Joh thematisiert in den Abschiedsreden die Frage, wie Jesus nach seiner Rückkehr zu Gott weiterhin in der Gemeinde präsent bleibt und in der Welt wirkt. Joh 15 bezieht sich auf die Immanenz­formel zurück, die Jesus in Joh 14,10.20 ausspricht: Ich im Vater, der Vater in mir, ihr in mir, ich in euch. Die Reben sind unauflösbar mit dem Weinstock Jesu verbunden. Ihre Früchte sind es, die den Glanz (V 8: doxa) Gottes in der Welt ausbreiten. Im Handeln der Gemeinde gewinnt die Wirklichkeit, die Christus in die Welt getragen hat, erneut Gestalt.

Konkretisierung: Das Ich-bin-Wort in Joh 15,1 bezieht sich auf die anderen Ich-bin-Worte des Evangeliums zurück, in denen sich Jesus als Handelnder und zugleich als Gabe offenbart, z.B. im Wort «Ich bin das Brot des Lebens» (Joh 6,35): Wer sich in Jesu Geste des Brotausteilens involvieren lässt, macht die Erfahrung, dass Christus das Brot ist und dass das Brot etwas über das Geheimnis aussagt, dass der Hunger nach Leben Nahrung erhält. Im täglichen Brot, das den Hunger stillt, wird jenes Wort greifbar und körperlich spürbar, das im Anfang war und durch das alles geworden ist (Joh 1). Das Irdische wird transparent für das Göttliche. Und wer kein Brot zu essen hat, vermisst diese Begegnung mit der göttlichen Wirklichkeit. Und wer anderen das Brot vorenthält, schliesst diese eigenmächtig von Gottes Wirklichkeit aus.

1. Joh 3, 18–24

«Lasst uns nicht mit Wort und Zunge lieben, sondern in Tat und Wahrheit!» Die Tat verschafft Gottes Wirklichkeit in der Welt Raum. Die ausschliessende Alternative zwischen Wort und Tat in diesem Vers erstaunt (kein konsekutives Verhältnis von Wort und Tat). Wort und Tat sind auf die Liebe bezogen, ein Hauptbegriff im 1. Joh (4,7–21). Die Liebe ist Tat. Gottes Liebestat besteht darin, seinen Sohn in die Welt gesandt zu haben (4,10). Gottes logos, sein schöpferisches Wort, durch das die Welt entstanden ist, kam in die Welt und wurde in der Welt sichtbar, hörbar, greifbar. Diese Geschichte berichtet das Joh und auf sie bezieht sich der 1. Joh zurück. Die Liebe redet nicht, sondern sie ereignet sich in Christus, seinem Sein und Wirken. Die Liebe ist schöpferisch und schafft neue Wirklichkeiten in einer alten Welt. In 1. Joh 3,24 begegnet wiederum die joh Immanenzformel, die das Ineinander von Gemeinde und Christus beschreibt. Im Liebeswirken der Gemeinde verschafft Gott sich Präsenz in der Welt.

Konkretisierung: Wo Menschen miteinander das Brot teilen, wo der Reichtum der Schöpfung gerecht verteilt wird, wird das Brot des Lebens zur Erfahrung und ist Christus leibhaftig in der Welt präsent.

Apg 9

Die Erzählung über die Ankunft von Paulus in Jerusalem mündet in die Aussage, dass die Gemeinde Frieden hat und auferbaut wird, ihren Weg in Gottesfurcht geht und durch den Beistand der Heiligen Geistkraft wächst. Der summarische Vers skizziert in wenigen Strichen, wie die Präsenz der Heiligen Geistkraft die Gemeinde auferbaut. In johanneischer Sprache: Der gottesfürchtige Weg, den die Gemeinde beschreitet, ist Christus selbst: «Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben» (Joh 14,6).

Lk 19

Im Lk gehen der Erzählung vom Einzug in Jerusalem zwei Geldgeschichten voraus. Zum einen die Geschichte des reichen Zöllners Zachäus, bei dem Jesus einkehrt und der in Reue über sein erpresserisches Handeln bekennt, seinen Reichtum nun mit den Armen zu teilen. Zum andern die Parabel vom anvertrauten Geld, die erzählt, wie ein neu mit Königswürde ausgestatteter Herr jenen Untergebenen Anteil an seinem Königreich gibt, die das ihnen anvertraute Geld vermehrt und Wucher damit getrieben haben.

An diese beiden Erzählungen reiht sich die Geschichte von Jesu Einzug in Jerusalem, die davon berichtet, wie Jesus als König (basileus) ausgerufen wird. Die Jüngerinnen und Jünger loben Gott um all der Wunder willen, die sie gesehen haben. Sie sind Zeuginnen und Zeugen des nahen Königreichs (basileia), das Jesus in der Welt errichtet hat. Menschen kehren in der Gegenwart dieses Königreichs um und teilen mit den Armen ihren Reichtum und ihr Brot, kranke Menschen erfahren Heilung, Ausgestossene finden in die Gemeinschaft zurück. Der Friede des Himmels und der Glanz der Höhe erfüllen die Erde (V 38b).

Doch diejenigen, die diese neue Wirklichkeit nicht in der Welt haben wollen, fordern Jesus auf, seine Jüngerinnen und Jünger zum Schweigen zu bringen. Und Jesus antwortet: «Wenn diese schweigen, schreien die Steine» (V 40). Die neue Wirklichkeit von Gottes nahem Reich lässt sich nicht totschweigen. Sie hat die Kraft, sich selbst durch totes Material Gehör zu verschaffen. Die Geistkraft Gottes verleiht der nachösterlichen Gemeinde Schwung und Elan, am nahen Reich zu arbeiten und Christus in der Welt zu leben.

Dr. Esther Straub, Zürich

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