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Jubilate / 4. Sonntag der Osterzeit (25.04.21)

Jubilate / 4. Sonntag der Osterzeit

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Apg 17,22-34 Apg 4, 8-12 1 Joh 3, 1-2 Joh 10, 11-18

Zum Sonntag Jubilate scheint der Predigttext der ev. Reihe mit seinem vernünftigen Räsonieren und Argumentieren wenig zu passen. Der kurze Psalm 100, der dem Sonntag seinen Namen gab (Jubilate Deo, omnis terra!) krönt die intellektuelle Betrachtung zum Thema Gotteserkenntnis/Glauben mit dem Jubel über die Schöpfung. Er vereint trotz seiner Kürze die Themen und Bilder aller vier Texte.

Die Texte im Überblick

Apg 17, 22-34 – Paulus spricht auf dem Athener Areopag vom Schöpfergott, durch den alle mit allen und allem verbunden sind. Freiheit und Lebensraum, aber auch die Grenzen für alle und alles sind von Gott gegeben. Die Sehnsucht nach Gott ist allen ins Herz gelegt; Gottesnähe ist allen gegeben. Die Rede endet mit Hoffnung auf globale Gerechtigkeit durch den Weltenrichter.

Apg 4, 8-12 – Petrus und Johannes vor dem Hohen Rat: Auch hier eine Rede, aber im jüdischen Kontext. Vor dem in Religionsfragen höchsten Gremium stehen die Apostel zu ihrer Überzeugung, dass sich an Christus alles entscheidet: „Das ist der Stein, von euch Bauleuten verworfen, der zum Eckstein geworden ist.“

1. Joh 3, 1-2 dagegen sind Sätze aus einem Trostschreiben an eine christliche Gemeinde. Sie vergewissern die Empfänger ihrer durch Christus vermittelten Gotteskindschaft.

Joh 10, 11 – 18 ist ebenfalls an die Gemeinde gerichtet und vergleicht die Glaubenden mit einer Schafherde und Jesus, den guten Hirten, mit einem, der sich nicht persönlich ganz und gar einsetzt („Mietling“, Luther). Der Satz „Ich habe noch andere Schafe“ weitet den Blick: Die Herde ist noch nicht vollzählig. Wer noch alles dazu gehört, geht über den aktuellen eigenen Horizont hinaus; die Zeilen lassen es offen.

Allen Texten gemeinsam ist die herausragende Bedeutung des Auferstandenen. An ihm scheiden sich die Geister:

Aus kluger Auseinandersetzung oder auch Zusammensitzen am runden Tisch entsteht entweder Glauben oder aber die Haltung „Da kann ich nicht mit“ (Spott oder gelangweiltes Vertagen) – Apg 17.
In ihm ist unser Verhältnis zu Gott gegründet – 1. Joh 3.
In ihm zeigt sich Gottes Verhältnis zu uns. Er ist unter allen Führungspersonen der einzige gute Hirte, dem es nicht um Macht oder Geld geht, sondern um das Leben und das Wohl der ihm Anvertrauten – Joh 10.

Fokussierung auf Apg 17 (in der Übersetzung von Klaus Wengst, BigS)

Im Kontext von Nachhaltigkeit für Mensch und Umwelt halte ich Apg 17 für den ergiebigsten Text. Mit der allen verständlichen Rede vom Schöpfergott nimmt er eine globale Perspektive ein, und wir erleben Paulus in der Kommunikation der christlichen Botschaft in einer multireligiösen Welt

Ort: Der Areopag war einst Gericht, zurzeit des Paulus und auch des Autors der Apostelgeschichte eher ein philosophisches Forum in der „Kulturhauptstadt“ (Backhaus), ein urbanes, weltgewandtes Pflaster, auf dem Paulus wie ein Tourist zwischen den Götterstatuen und Altären umher schlendert. Apg 17 stellt wohl eine Podiumsdiskussion auf dem Markt der religiösen und kulturellen Möglichkeiten dar, vergleichbar mit einer TV-Talkrunde mit intelligenten Gästen.

Stil: Paulus gerät in Zorn über die Götterbilder , lässt ihn sich aber nicht anmerken und geht in seiner Rede auf die Zuhörer ein. Er will „den Juden ein Jude, den Heiden ein Heide“ (1.Kor.9) sein. Es geht ihm um homiletische Sorgfalt: Wer ist mein Gegenüber? Wie erreiche ich meine Zuhörer*innen? Es geht um das Ernstnehmen ihrer Erfahrungswelten. „Die erste Predigt, die erkennbar und mutig in den Dialog mit der Kultur ihrer eigenen Zeit eintritt.“ (Wolfgang Huber in einer Bibelarbeit auf dem Kirchentag 2007) Auch wenn Paulus der Polytheismus irritiert, ja erzürnt, gibt es hier keine Provokation, keine Abgrenzung, keine Belehrung von oben herab, aber auch keine gleich-gültig machende Toleranz. Aus der Altarinschrift „Dem unbekannten Gott“ liest er die Befürchtung heraus, dass es zwischen Himmel und Erde mehr gibt, als wir wissen (können), und begegnet ihr mit Respekt.

Anlass der Szene ist der Wunsch der Athener, die schon von Paulus Auftreten in anderen Kontexten (Apg 17,17f) gehört haben: „Können wir erfahren, was das für eine neue Lehre ist?“ (V. 19) D.h. es gibt ein klares Interesse. Paulus liefert keine unerbetene Verkündigung. Er lässt sich darauf ein, auch wenn es „nur“ die anscheinend sprichwörtliche Neu-Gier der Hauptstädter ist.

Paulus nutzt philosophische Vorstellungen und Zitate bekannter Dichter und Denker als Anknüpfungspunkt: Alle Menschen haben denselben Ursprung, allen ist die Suche nach Gott ein Herzensanliegen, alle hängen mit allen und mit allem zusammen. Kritisch (krinein: entscheiden, urteilen; scheiden, trennen) wird es erst, als Paulus für die Athener völlig unverständlich von Einem spricht, dem Einzigen, der auferstanden sei, dem Hinweis auf einen menschlichen, lebendigen Gott. Von einem, der den Unterschied macht. Sein gerechtes Urteil ist global; ihm kann sich niemand entziehen. Starker Tobak für die Zuhörenden! Ein Angebot (V.31); denn Paulus insistiert nicht, er geht (V.33).

Wirkung: Unmittelbar auf dem Markt der Meinungen schälen sich zwei Gruppen heraus: Die einen finden Paulus Angebot völlig irrelevant. Sie gießen Spott über ihn aus. Andere verlieren das Interesse. Sie verhalten sich höflicher, aber zeigen, dass ihre Neugier der Langeweile gewichen ist.

Aber es gibt noch andere, darunter zwei, die namentlich genannt werden. Sie stehen für zwei sehr unterschiedliche Gruppen, die in diesem Setting Anschluss an die christliche Gemeinde finden: Dionysos und Damaris, ein gebildeter Mann mit Einfluss (Mitglied des Rates/Gerichts) und eine nirgends sonst erwähnte, aber wohl später noch bekannte Frau.

Was heißt das für die Prediger*in? Homiletische Vorüberlegungen

Es lohnt sich, dem Vorbild des Paulus zu folgen, und die Adressat*innen einer Predigt genauestens zu analysieren. Was sind an Jubilate 2021 die Sorgen und Sehnsüchte der Menschen - persönlich, sozial, kulturell, religiös? Es wäre vermessen und bleibt Spekulation, als Verfasserin dieses Predigtimpulses darauf konkrete Antworten zu geben, jetzt im Juni 2020, mitten in der Corona-Pandemie (davon geprägt ist der Entwurf unten). Ich verstehe den Text als Hilfestellung nicht nur für den interreligiösen Dialog, sondern auch für die Kommunikation mit Entscheidern in Politik und Wirtschaft, mit Vordenkern und Meinungsmachern oder im Diskurs mit Menschen, die vermeintlich keiner Religion angehören, aber starke Götter haben (s.u.). Themen und Ansichten aufnehmen, das Eigene nicht verleugnen, auch wenn es unverständlich, anstößig, gefährlich ist: Was heißt das in Bezug auf Nachhaltigkeit? Viele Analysen und Stellungnahmen in Bezug auf Klimawandel und Menschenrechte werden von kirchlichen und nicht-kirchlichen Akteur*innen geteilt wie damals die philosophischen Vorstellungen in Athen. Als Christusnachfolger*in habe ich über den gesunden Menschenverstand hinaus von der Auferstehung her zu denken, die Schöpfung, den Zusammenhang von allen und allem und – entscheidend – die Erwartung göttlichen Urteils und Zurechtbringens (Reich Gottes) ins Gespräch zu bringen.

Was heißt das für die Predigt? Anregungen

Ein menschlicher Gott: Paulus stellt Gott als Gegenbild zu den starren, menschengemachten und doch gefürchteten Göttern der Zeit dar. Im Rang solcher Götter stehen heute Wirtschaft, Fortschritt, Arbeit, Leistung. Ihre Relevanz wird nicht angezweifelt. Auf ihren Altären wird geopfert: Gesundheit, Klima, Menschenwürde, Menschenrechte, Frieden, Zukunft…

Gericht und Hoffnung: Gerechtigkeit ist die Zukunftsperspektive! Pauls predigt nicht drohend („Kehrt um, sonst…“), sondern ermutigend: Kehrt um zu dem, der die Hoffnung dieser verkehrten Welt ist, von starren Göttern zum lebendigen Gott. Christlicher Glaube zeichnet sich aus durch ein Handeln „als sei Rettung möglich. Hoffnung garantiert keinen guten Ausgang der Dinge. Hoffen heißt darauf vertrauen, dass es sinnvoll ist, was wir tun. Hoffnung ist der Widerstand gegen Resignation, Mutlosigkeit und Zynismus.“ (Fulbert Steffensky)

Gerechtigkeit ist letztlich Gottes Sache, soll aber schon hier und jetzt in der Gesellschaft gelebt werden. Das Besondere der Jesusnachfolger*innen ist: kritische Distanz zur Welt, Vorbehalte gegenüber Besitz, Macht und Reichtum, die Option für die Armen, Gedemütigten und Randständigen, d.h. für diejenigen, die von der Teilhabe am gesellschaftlichen Reichtum ausgeschlossen sind. Jesu Option für die Armen zieht sich als Leitgedanke durch das lukanische Doppelwerk. U.a. in seiner Fassung des Vaterunsers und der Seligpreisungen stellt er Reiche und Arme, Besitzende und Besitzlose, Geachtete und Verachtete, Mächtige und Machtlose gegenüber.

Predigtskizze

Ich schlendere über den Areopag, den großen Platz in Athen, Treffpunkt kluger Köpfe und weltgewandter Menschen. Viele gut gekleidete Leute sind in angeregtem Gespräch zwischen zahlreichen strahlenden, marmornen Götterstandbildern. Zeugnisse großer Kunstfertigkeit – und der Sehnsucht der Menschen nach Gerechtigkeit, Liebe, Familie, Wohlstand, Erfolg, Gesundheit … Sie spiegeln die Sehnsucht nach dem, was die Welt im Innersten zusammenhält und am Laufen hält, was mir ganz persönlich Sicherheit gibt. Alle Menschen teilen diese Sehnsucht.

Aber dann steigt Ärger in mir hoch. Hier stimmt etwas nicht:
Da ist Justitia mit verbundenen Augen; ohne Ansehen der Person soll sie richten – aber in ihrer Waagschale liegt ein dickes Bündel Wertpapiere und Besitzurkunden. Einige wiegen schwerer als andere; das beeinflusst ihr Urteil.
Da ist Diana; statt ihrer Jagdwaffe trägt sie ein Schlachterbeil und ein Bolzenschussgerät. Aus der Versorgung mit dem Lebensnotwendigen ist Versorgung mit Billigfleisch im Überfluss geworden.
Da ist Amor, der mit seinem Pfeil zwar mitten ins Herz trifft, aber ganz anders, als gedacht: statt Liebe zu bewirken, verletzt er und kassiert ab.
Und Hermes, der Götterbote – er trägt schwer an seinen Päckchen. Immer unter Zeitdruck hetzt er von Haus zu Haus, auch noch spät am Abend…

Die Götter auf hohem Sockel, die hier angebetet werden, stehen im krassen Widerspruch zu dem lebendigen Gott, meinem Gott, der ein menschliches Antlitz trägt und für Recht und Gerechtigkeit steht, der selbst leidensfähig ist und nicht von oben auf mich herabblickt. Und ich vermute: Wer diese Götter verehrt, handelt auch wie sie. Hier werden die Sehnsüchte und Bedürfnisse und Rechte der Menschen pervertiert und mit Füßen getreten.
Mich ärgert an diesen Göttern heute etwas anderes als den Paulus damals, aber ich kann etwas lernen von ihm, nämlich wie ich mit Menschen, die an die pervertierten Götter unserer Zeit glauben, ins Gespräch komme. Geht das überhaupt?

Viele in unseren Gemeinden versuchen tapfer und beharrlich gegen ungerechte Zustände einzuschreiten, oft erfolglos. Doch es gibt krisenhafte Momente, wo sich auch Chancen auftun. (Im Folgenden beziehe ich tagesaktuell die Predigt auf den Billigfleischskandal….) Ich denke an Pater Kossen, Sozialpfarrer in Lengerich. Er kämpfte jahrelang gegen die unwürdigen Wohn- und Arbeitsverhältnisse der meist osteuropäischen Werkvertragsarbeiter in der deutschen Fleischindustrie. Einzelne Gruppen protestierten vor den Werkstoren von Tönnies; einzelne Medien berichteten. Wie in Athen gibt es Momente, da kommt man nicht weiter. Aber dann im Mai und im Juni 2020, als erst Coesfeld und dann der Kreis Gütersloh zum Corona-Hotspot wurden, fanden sie Gehör – und man rief auch nach einem Wort der Kirchen. Diese befanden sich auf einer Linie mit vielen Menschenrechtsgruppen, Gewerkschaften, Umwelt- und Tierschützern.

Als Christen können und sollten wir die Gerechtigkeit Gottes betonen, die sich in Jesus Christus zeigt: uns an ihr orientieren im Hier und Jetzt und darauf vertrauen, dass es einst Gerechtigkeit für alle gibt. Das kann nur bedeuten, die Götter zu entzaubern, die von Menschen gemacht sind, die nur einige bevorzugen und die Schwachen versklaven und ausbeuten.

Alles hängt mit allem zusammen. Wir sind Teil der Schöpfung, und wenn ein Teil betroffen ist, leiden alle anderen mit. Auf Kosten anderer Geschöpfe profitieren zu wollen, ist eine sehr kurze Sicht, die sich rächt. Jesus sagte: Was ihr getan habt einem meiner geringsten Brüder, das habt ihr mir getan. Die Welt ist uns anvertraut, und wir haben Verantwortung dafür. ….

Der Erfolg? Beim Verfassen dieser Predigtgedanken stecke ich mitten in der Gütersloher Corona-Katastrophe. Werden es nur/immerhin wenige einflussreiche Menschen sein wie Dionisos, einzelne Frauen wie Damaris, die sich ändern, oder wird unsere Gesellschaft es schaffen umzuschwenken? Werden wir Jubilate 2021 neue Wege eingeschlagen haben, z.B. für mehr Klimagerechtigkeit, unseren Konsum geändert, dem Abholzen der Wälder für Futtermittel Einhalt geboten, den Tierschutz und die Arbeitsbedingungen verbessert?
Der Erfolg unseres christlichen Zeugnisses liegt nicht in unserer Hand. Das Reden von der Gerechtigkeit Gottes und das spürbare Hoffen auf sein Zurechtrücken, Zurechtbringen und Heilen schon.

Kirsten Potz, Bielefeld

Anregende Lektüre:
Mission Respekt. Das christliche Zeugnis in einer multireligiösen Welt, insbesondere die Punkte 8-10, Empfehlung Nr. 4, https://missionrespekt.de/fix/files/Christliches-Zeugnis-Original.pdf
Knut Backhaus, WiBiLex, zum Areopag: https://www.bibelwissenschaft.de/wibilex/das-bibellexikon/lexikon/sachwort/anzeigen/details/areopag-2/ch/6105d3b60af05f993696953616ec89ee/ und zur Areopagrede: https://www.bibelwissenschaft.de/wibilex/das-bibellexikon/lexikon/sachwort/anzeigen/details/areopagrede/ch/856b39cbc9753e2951f0df3fd42c24ff/
Lukas Bormann, Recht, Gerechtigkeit und Religion im Lukasevangelium, 2001
Lukas Bormann, Soziale Gerechtigkeit und ihre politische Verwirklichung im Neuen Testament, in: Christof Landmesser und Doris Hiller, Gerechtigkeit leben, 2018.

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