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Osternacht / Ostersonntag (04.04.21)

Osternacht / Ostersonntag


ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Osternacht: Mt 28,1-10
Ostersonntag: 2 Mose 14,8-14.19-23.28-30a; 15,20f.
Nacht (1. Les.): Gen 1, 1 - 2, 2
N. (2. Lesung): Gen 22, 1-18
N. (3. Lesung): Ex 14, 15 - 15, 1
N. (4. Lesung): Jes 54, 5-14
Tag: Apg 10, 34a.37-43
N. (5. Les.): Jes 55, 1-11
(6.): Bar 3, 9-15.32 - 4, 4
(7.): Ez 36, 16-17a.18-28
(Epistel): Röm 6, 3-11
T.: Kol 3, 1-4 od.:
1 Kor 5, 6b-8
Nacht: Lk 24, 1-12

Tag: Joh 20, 1-18

1. Zum Predigt-Text Ex 14

Die Erzählung vom Rettung am Schilfmeer ist die Gründungsakte des Gottesvolkes. Die Befreiung aus der Sklaverei und die Rettung vor der übermächtigen Streitkraft des Pharao zeigt den Gott Israels als den Befreier der Unterdrückten.
In Ex 14 sind zwei Varianten dieses Ereignisses ineinander verwoben. So geschieht die Rettung einmal durch eine Teilung des Wassers, der zweite Erzählstrang berichtet über einen starken Ostwind, der das Wasser zurücktreibt. Die historisch-kritische Exegese hat diesen scheinbaren Widerspruch versucht durch unterschiedliche Quellen zu erklären und hat mögliche naturwissenschaftliche Erklärungen an verschiedene Orten und Naturphänomene festzumachen versucht. Doch ist ein Wunder per Definition etwas, was sich außerhalb der Naturgesetze ereignet? Läge darin seine Beweiskraft für Gottes Handeln? Die Tatsache, dass die Bibel beide Perspektiven offenhält, ist eine Stärke. So sind in der rabbinischen Diskussion sowohl Positionen vertreten, die ein Wunder darin sehen, dass etwas entgegen der Naturgesetze geschieht, andere sehen gerade darin das Wunder, dass die Natur zur richtigen Zeit an richtigen Ort so funktioniert, dass ein Wunder geschehen kann (Sacks S. 108).

Das Evangelium in Mk 16, 1-8 berichtet über die Frauen am leeren Grab. Ein Jüngling im weißen Gewand begegnet ihnen dort und schickt sie und die Jünger nach Galiläa. Dort wird ihnen der Auferstandene begegnen. Doch ihre erste Reaktion ist Furcht und Entsetzen und „sie sagten niemandem etwas".Das leere Grab schafft noch keinen Glauben, es geht auch hier nicht um die Überzeugungskraft eines Wunders durch die Überwindung der Naturgesetze. Glaube, die Verkündigung dieses Glaubens und damit die Gewinnung von Handlungsfähigkeit entsteht allein durch die Begegnung mit dem Auferstandenen, wie sie z.B. im Zeugnis des Paulus in der Epistel in 1. Kor 5 berichtet wird. In der Katholischen Leseordnung steht hier die Predigt des Petrus in Apg 10, in der genau das geschieht: Die Verkündigung der Auferstehung an das Volk. Wie gehen Menschen mit der Erfahrung des großen Umschwungs, des alles verändernden Ereignisses um? Sie können es nicht für sich behalten, sie werden aktiv.

Psalm 118 als Wochenpsalm beschreibt eine erfahrene Rettung, die ganze Gemeinde stimmt immer wieder ein mit dem Vers: Seine Güte währet ewiglich. Dieser Lobpreis Gottes ist gleichzeitig die unverbrüchliche Hoffnung, dass seine Taten nicht einmalig und unwiederbringlich geschehen sind, sondern Unterpfand der Hoffnung auch in jeder weiteren Notlage. Auf ihn und nicht auf menschliche Macht vertraut der Beter in Bedrohung durch eine scheinbar unüberwindbare Übermacht.

Zum Ostersonntag: Pessah und Ostern

Ex 14 als Predigttext stellt den Bezug zwischen dem Befreiungserlebnis Israels und dem damit verbundenen Pessahfest und der Auferstehung Jesu Christi, dem Osterfest her. Beide Ereignisse sind die jeweiligen Gründungsnarrative des Judentums und des Christentums und stehen inhaltlich in einem engen Zusammenhang. Gott zeigt sich als derjenige, der sich an die Seite der Schwachen und Leidenden stellt, er belässt Menschen nicht im Elend, ja nicht einmal im Tod. Selbst die scheinbar unüberwindbare Macht des Todes ist ihm unterworfen. Dabei geht es nicht um die Erinnerung einer einmaligen Wundertat allein, sondern die Geschichte der Befreiung und Auferstehung wird an diesen Festtagen zu einer fortlaufenden Vergegenwärtigung. Es ist eine mitlaufende Geschichte, sie ist einmal, damals geschehen, aber sie gilt uns jetzt und heute. Sie spricht hinein in unsere Krisen, in unsere Verzweiflung und unsere Ohnmacht.

Ein Fokus des Textes: Der Wendepunkt

Der als Predigttext vorgeschlagene Textausschnitt schildert Momente höchster Dramatik: Die Israeliten sind wirklich aufgebrochen. Sie haben einen unerhörten Schritt gewagt, gegen alle Beharrungskräfte der Angst, der Unsicherheit und Ungewissheit, mit nichts in der Hand, außer den Versprechen des Mose, dass Gott mit ihnen ist. Und nun scheint dieser Mut der Verzweiflung zu einem Hassadeurstück zu werden. Die ägyptische Streitmacht mit ihrer hochgerüsteten Armee und einem Kriegswerkzeug, dass es in der damaligen Zeit nicht noch einmal gibt, ist ihnen auf den Fersen. Ihre Angst und Verzweiflung ist leicht zu verstehen: War es nicht ein gefährlicher Betrug, einer Illusion, der sie gefolgt sind? Biete ein „weiter so" in Ägypten nicht Sicherheit, wenn auch in Unterdrückung und Knechtschaft? Aber wäre es nicht das Leben, während sie hier nur der Tod erwartet? Der Blick auf das, was als Realität erscheint, lässt den Wunsch nach Veränderung und Befreiung als Wahn erscheinen, dem sie erlegen sind. Interessant ist hier die Reaktion Gottes, die Mose an das Volk weitergibt: keine Forderung, keine Versprechungen, keine Beschwörung einer großartigen Zukunft, der sie entgegensehen: „Fürchtet euch nicht, steht fest und seht zu, was für ein Heil der HERR heute an euch tun wird. Denn wie ihr die Ägypter heute seht, werdet ihr sie niemals wiedersehen.14 Der HERR wird für euch streiten, und ihr werdet stille sein." Sie sollen also nichts tun als zu vertrauen, dass Gott für sie kämpfen wird.

Der zweite entscheidende Satz: Denn wie ihr die Ägypter heute seht, werden ihr sie niemals wiedersehen. Das meint nicht nur, dass diese Streitmacht versinken wird, das meint auch: Es findet in diesem Moment ein fundamentaler Wechsel statt. Die Ägypter werden nicht mehr die übernächtigen Herren sein, das Volk wird nicht mehr das Volk der Sklaven sein, sondern frei. Sie werden Zeugen sein von dem, was Gott getan hat, wie er die Unterdrücker untergehen lässt und die Machtlosen rettet, wie er ihren Kampf führt. Die Erfahrung solch einer Befreiung lässt Menschen verändert daraus hervorgehen. Es findet ein Herrschaftswechsel statt: Aus den Dienern des Pharao werden Diener Gottes. Doch dies ist eine andere Qualität, denn der Sklave eines Menschen hat keine Freiheit, während Menschen als Diener Gottes zu Freiheit und Mitmenschlichkeit berufen sind (Sacks, S. 212).

Dieser Wendepunkt wird auch am Osterfest gefeiert. Die Verzweiflung der Jünger nach dem Tod Jesu, der Verlust eines Traums, der der Realität der Mächtigen nicht standhielt, ist selbst den Frauen am Grab in Mk 16 noch nachzuspüren. Die Verzweiflung der Emmausjünger auf ihrem Weg zurück in ihr Dorf, die Feigheit des Petrus im Wachhof: All das entspringt dem tiefen menschlichen Zweifel, dass die Welt nicht zu ändern ist, sich nicht ändern wird. Dass Hoffnung enttäuscht, verlacht und verspottet wird. Die alles umstürzende Nachricht der Auferstehung und die Begegnung mit dem Auferstandene ist solch ein Wendepunkt, der das Handeln Gottes bezeugt, der die Menschen still werden lässt und zusehen lässt, was Gott tut. Hier trifft sich die Botschaft von Ostern mit der Rettungserfahrung Israels am Schilfmeer.

Aktualisierung: Abgebrannt sind nicht nur die Regenwälder, abgebrannt sind nicht nur viele Menschen, deren Existenzgrundlage zerstört ist. Abgebrannt ist auch die bisherige Art des Wirtschaftens, Konsumierens und der Verteilung von Chancen und Ressourcen. Die Welt steht am Scheidepunkt, die Übermacht scheinbar „herrenloser Gewalten" kaum zu brechen. Doch gleichzeitig kommen an so vielen Orten Menschen in Bewegung. Viele junge Menschen sind unter denen, die sich der Gewalt und der Gier in den Weg stellen. Die nicht nur das System bekämpfen, nicht nur die Herrschaft auswechseln, sondern die anders leben wollen. Die Zeit und viele Menschen scheinen reif zu sein, für solch einen Wendepunkt. Da, wo nur noch Verwüstung und Verzweiflung herrschen, kann neues Leben entstehen. Der Ausgang ist offen, doch die Hoffnung ist uns durch die Geschichte des Exodus und die Geschichte von Ostern für immer und ewig eingepflanzt.

Dr. Beate Sträter, Bonn

Literatur

Rabbi Jonathan Sacks, Exodus: The Book of Redemption. Covenant & Conversation. A Weekly Reading oft he Jewish Bible, Maggid Books, London 2010

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