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Judika / 5. Fastensonntag (21.03.21)

Judika / 5. Fastensonntag

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Hiob 19,19-27 Jer 31, 31-34 Hebr 5, 7-9 Joh 12, 20-33

 

Der Sonntag Judika ist ein ernster Sonntag. Seinen Namen hat er aus der lateinischen Fassung von Ps 43,1: „Gott, schaffe mir Recht und führe meine Sache wider das unheilige Volk und errette mich von den falschen und bösen Leuten!“ Damit ist das unvermeidliche Dreiecksverhältnis genannt, das unser aller Leben bestimmt, nämlich „Ich“ – „die Anderen“ – „Gott“. Alle drei können zuweilen ins Schwanken geraten und unsichere Gesellen werden, so dass man kaum weiß, woran man ist. Wenn es jedenfalls gerecht zuginge, würde es wohl helfen! Aber selbst das will nicht wirklich klappen, wenn man erleben muss, dass man sich vom Schicksal grundlos ungerecht behandelt fühlt, die Anderen, die doch die Nächsten sein sollten, das Recht verdrehen, und Gott trotz solcher Not nebulös und schweigsam bleibt. Unsere Lebenskonstruktionen, selbst in elementarsten Lebensbedürfnissen, funktionieren nicht mehr.

Daher ist es nötig, auf den neuen Grund zu verweisen, der gelegt ist. Der Wochenspruch der Woche in der evangelischen Kirche heißt folgerichtig: „Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben als Lösegeld für viele“ (Mt 20,28). Als hartgesottene*r Christ*in mag man schnell sagen „Klingt komisch, aber ist so!“. An diesem Sonntag, gerade angesichts der himmelschreienden Ungerechtigkeiten dieser Welt, ist der Satz immer noch komisch, aber wichtig und nicht kleinzureden, sondern in unser Leben hineinzusprechen, so dass man ihn hören kann, er uns Erleichterung verschafft und Hoffnung weckt.

Hi 19,19-27

Ich sehe drei Abschnitte in diesem Text:

V.19-22: Hiob beschreibt sein Elend in drastischer Weise. Man könnte das für eine sonntägliche Gemeinde für etwas zu stark halten, aber es können viele solcher Lebensgeschichten erzählt werden: von den Wanderarbeiter*innen in China, den Näher*innen in Bangladesh, den Kindern, die in den Goldminen von Burkina Faso schuften ... Es gibt keinen Mangel an Informationen, denn wir wissen ja, auf wessen Rücken unser Reichtum beruht, welche Länder als erste schutzlos dem Klimawandel ausgeliefert sind, woher die Metalle für die Handys kommen, mit denen wir so gern spaßige Nachrichten an unsere Liebsten versenden. Und als reichte dieses Elend nicht, kommen herzlose oder zynische Sprüche obenauf: „Warum verfolgt ihr mich wie Gott?“. Unerreichbar im reichen Norden, ungestört beim Tanz um das Goldene Kalb der sozial unbekümmerten Globalisierung. Nicht nur uninteressiert, sondern unersättlich.

V.23-24: Ja, man müsste das alles aufschreiben, seine Memoiren zu Papier bringen, nicht nur die Lebensgeschichte mit dem eigenen Blut schreiben, sondern unverbrüchlich in die Felswände schlagen sollte man sie, dauerhaft, so wie die Potentaten des Vorderen Orients es im Altertum mit ihren oftmals erlogenen Heldengeschichten getan haben. Aber Menschen haben die Geschichte des Hiob immerhin zu Pergament und Papyrus gebracht, sie dauert bis heute und ist uns ein literarischer Stachel im Fleisch. Es ist gut, dass wir in unseren Kirchen die Geschichten erzählen, die keiner gern hören will.

V.25-27: Da wohnt ein Sehnen tief in uns! Hiobs Trost ist nicht „Wer schreibt, der bleibt!“. Die das Herz zerreißende Geschichte zu erzählen ist das eine, aber dabei kann es nicht bleiben. In aller Verlassenheit von sich selbst, von den Anderen, von Gott spannt Hiob sich ein in eine schier unfassliche Zuversicht von „es ist“ und „es wird sein“: mein Erlöser lebt – er wird sich über den Staub erheben. Meine Haut ist zer­schla­gen – ich werde Gott sehen. Dieses sehnen ist keine bloße Durchhalte-Parole, sondern der ist lebendig, der mich hier herauslöst aus dem gemachten Schmerz und der weggelachten Erniedrigung. Teil der Existenz ist nicht nur Leid und Elend, sondern die feste Zuversicht, dass ich gemeint bin mit meinem Leben, es so richtig und wertvoll ist. Möge ich mir oft fremd sein und mich verlieren, mögen die Anderen Wichte sein, möge Gott sich zuweilen verbergen im Wortlosen: ER* gilt doch allein mir. Nicht Fremde oder Nachrichten aus zweiter Hand wissen davon zu berichten, diese Botschaft ist mein wahres Wissen, ich höre sie, ich werde Gott sehen, denn mein Erlöser lebt!

Jer 31,31-34

Es gibt seit langem viele gute Konzepte und durchgeführte Projekte zur „Bildung für nachhaltige Entwicklung“. Sie befördern das notwendige Wissen über die Zusammenhänge unserer Welt und vermitteln Umsetzungskompetenzen. Denn wir brauchen Menschen, die die Miseren dieser Welt erkennen und die Fähigkeit haben, so zu handeln, dass ein gutes Leben auch für die Kinder von heute und die noch nicht Geborenen denkbar bleibt.

Manches kirchliche Projekt hat sich bewusst daran beteiligt: von den Kitas angefangen bis in den kirchlichen Unterricht, Jugendprojekte, die Gestaltung des kirchlichen Wirtschaftens – und auch diese Predigt-Plattform, www.nachhaltig-predigen.de. Aber die Erfahrung zeigt und die Kirche weiß: Wissen ist das eine, Handeln etwas anderes. Was nottut, ist nicht allein das bloße Wissen, sondern auch die Veränderung, die Umkehr des Herzens. Für den Einsatz für andere Menschen und die Gestaltung einer lebenswerten Zukunft sind auch Tugenden wie Hingabe und eine maßvolle Selbstlosigkeit wichtig . Dazu gehört, sich nicht einnehmen zu lassen von der Düsternis all dessen, was schon falsch gelaufen ist und noch falsch läuft. Es hat ja Gott in der Taufe unser Herz mit allerlei bunten, frechen und liebevollen Worten bekritzelt! Es steht ja alles da! Also nehmen wir uns unser Herz und laufen fröhlich los!

Heb 5,7-9

Aber hört man gern jemandem zu, der unter lautem Schreien und unter Tränen betet? Vielleicht würde man lieber einen Schönwetter-Gott haben. Vielleicht fühlt man sich zu sehr erinnert an das eigene Greinen und Schreien, das man gern loswerden möchte. Und möglicherweise wird man sich selbst gegenüber taub und hört auch die anderen nicht mehr, die mir zu Nächsten werden könnten.

Das „fromme Leben“ hat daher wohl gerade etwas mit offenen Ohren zu tun, für die Schreie und Tränen, aber viel stärker noch für die Gebete, die wir vor den bringen, der uns aus dem Tod retten kann. Denn wir willigen nicht ein in die Schreie und Tränen, sondern dem stimmen wir zu, der uns zum Leben bringt und erhält. In all dem, was wir schmerzlich wahrhaben müssen, können wir hören und Ja sagen zu dem Leben, das uns gilt.

Joh 12,20-33

Nachhaltigkeit zu leben ist ein schwieriges Geschäft, denn die Weisheit hat ja keiner von uns mit Löffeln gefressen. Die Geringachtung des eigenen Lebens, von der Jesus spricht, hat vielleicht etwas zu tun mit solcher Relativierung der eigenen Erkenntnis und der eigenen Fähigkeiten. Manchmal erreichen wir nur kleine Ziele. Aber wir sollten damit rechnen, dass sogar ein Scheitern reiche Frucht bringen kann. Trotz allem Engagement für die gute Sache warnt das jesuanische Kontrastprogramm vor zuweilen egomanisch anmutender Besserwisserei, die dem anderen jeden Funken Gewissen und Verstand abspricht. Es mögen andere erwarten, dass die Sätze, von denen Christ*innen leben, wie Donnerworte hallen müssen – und wir ebenso reden. Aber in allem unseren Tun können wir ja ganz ruhig und gelassen bleiben: es ist ja schon das Gericht gehalten und der Herrscher dieser Welt hinausgeworfen!

Dr. Thomas Schaack, Kiel

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