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Okuli / 3. Fastensonntag (07.03.21)

Okuli / 3. Fastensonntag

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Eph 5,1-2(3-7)8-9 Ex 20, 1-17 1 Kor 1, 22-25 Joh 2, 13-25

Es muss eine ungeheure Provokation gewesen sein, was Jesus im Tempel zu Jerusalem tat. In der Passionsgeschichte wird erzählt, wie Jesus ausrastet. Kurz nach seinem Einzug in Jerusalem sei er zum Tempel gegangen und habe angefangen zu randalieren. Ohne Rücksicht auf Verluste habe er die Tische der Händler umgestossen, das Geld der Wechsler verschüttet und die Kaufleute und Händler aus dem Tempelbezirk hinausgejagt. Als Räuberhöhle habe er die heiligen Tempelhallen bezeichnet und seine Razzia mit den Schriftworten begründet: «Mein Haus soll ein Haus des Gebetes für alle Völker sein.»

Die Szene von der Tempelreinigung hatte offensichtlich ein solches Aufsehen erregt, dass sie bei allen vier Evangelisten vorkommt und auch die Bildkunst nachhaltig beschäftigt hat. Das um 1600 gemalte Bild «Tempelreinigung» des spanischen Malers El Greco zeigt, wie ein fuchsteufelswilder Jesus die Händler und Wechsler mit einer aus Stricken verfertigten Geissel aus dem Tempel vertreibt. Die Angst steht den Leuten ins Gesicht geschrieben, die sich unter den angedeuteten Schlägen ducken.

Die Säuberungsaktion des Mannes aus Galiläa verstört. Der wutentbrannte Jesus der Tempelszene und der sanftmütige Jesus der Bergpredigt, der Randalierer und der stumm leidende Gefolterte, der lautstarke Konflikt im Tempelbezirk und die lammfromme Krippenidylle scheinen auf den ersten Blick nicht so recht zueinander passen. Indessen steht Jesus mit seinem heiligen Zorn ganz in der biblischen Tradition der Propheten: Von Jesaja bis Malechai haben sie alle die Schein-Heiligkeiten dieser Welt angeprangert. Vom heiligen Zorn ergriffen war auch Moses, als er den Tanz um das goldene Kalb sah, oder Elija, als er den Kampf mit dem Götzen Baal und seinen Propheten aufnahm.

Die Tempelreinigung richtet sich denn nur vorderhand gegen ein paar kleine Händler, Krämer und Geldwechsler, die ihren Geschäften nachkamen. Das Bild, das sich Jesu bot, war für keinen Juden besonders anstössig. Es ging dort, in einem kleinen Teilbereich des Tempels, genauso zu und her wie an unseren Wallfahrtsorten.

Und ebenso wie den Propheten ging es auch Jesus nicht um eine vordergründige, sondern um eine nachhaltige Reinigung, nämlich um die Reinigung des eigenen, inneren Tempels. Wie die Propheten wusste auch Jesus darum, dass auf Missstände einfach Draufschlagen zu billig ist und die Ursachen tiefer liegen: Jesu Forderung nach radikaler Umkehr hiess, bei sich selber anzufangen, auf dass die Welt verändert würde. Oder, um mit den Worten von Meister Eckhart, des Dominikaners aus dem 14. Jahrhundert, zu sprechen: "Der Tempel, den Jesus reinigt, das ist unser Herz. Dort gibt es alles: die Angst und die Antwort darauf."

Eine gründliche Reinigung bedingt, die verborgensten Winkel des eigenen Hauses auszuleuchten und genau hinzuschauen, was sich dort an Unrat von Schein-Heiligkeiten und Selbstüberschätzungen verbirgt. Eine "nachhaltige Reinigung", mit der die Welt verändert werden soll, muss zuerst beim "inneren Tempel" ansetzen. Allein diese "Entrümpelung" ermöglicht ein anderes Verhältnis zu den andern und zur Schöpfung. Erst wenn wir zulassen, dass dem Unrat in uns der Garaus gemacht und der Tempel des Herzens freigeräumt wird, gibt es Platz für DEN, mit dem es keinen Handel und kein Geschäften gibt, weil wir alles, was wir sind und haben, nur durch IHN sind und haben.

Dr. habil. Béatrice Acklin Zimmermann, Paulus Akademie, Zürich

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