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Invokavit / 1. Fastensonntag (21.02.21)

Invokavit / 1. Fastensonntag

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Joh 13, 20-21 Gen 9, 8-15 1 Petr 3, 18-22 Mk 1, 12-15

 

Der erste Sonntag in der Passionszeit hat den Namen „Invokavit“. Wörtlich übersetzt heißt das: „Er hat gerufen.“ Das bezieht sich auf Gottes Zusage in Psalm 91,15: „Er ruft mich an, darum will ich ihn erhören; ich bin bei ihm in der Not, ich will ihn herausreißen und zu Ehren bringen“.

Der Ruf nach Umkehr und Buße prägt die Fastenzeit oder Bußzeit als Vorbereitung auf das Osterfest. Auch wenn für viele der Begriff „Buße“ altmodisch und sinnesfeindlich gedeutet wird, so hat er eine große gesellschaftliche Relevanz – schließt er doch Sinneswandel und eine Änderung des eigenen Verhaltens mit ein. Der im Neuen Testament verwendete griechische Begriff „metanoia“ macht das noch deutlicher: Er heißt übersetzt „Umkehr“. Ein „weiter so“ gibt es nicht – in allen Bereichen unseres Lebens wird das deutlich, sei es die Auswirkungen der Coronakrise auf unser Wirtschafssystem, die Frage nach einem nachhaltigen und gerechten Umgang mit den Ressourcen weltweit, oder die aufkommenden Zweifel an einem Lebens – und Wirtschaftsmodell, das Wachstum als Priorität ansieht.

Eine wichtige ökumenische Initiative der christlichen Kirchen in Deutschland heißt „Umkehr zum Leben – den Wandel gestalten“. Seit 2013 gibt es den ökumenischen Prozess für eine zukunftsfähige, sozial und klimagerechte Welt. 30 Kirchen, kirchliche Werke, Dienste und Organisationen unterstützen ihn auf dem Hintergrund eines gemeinsamen Wunsches, sich als Christinnen und Christen gegen ein „weiter so“ und für einen Wandel einzusetzen.

Buße und Umkehr sind Prozesse – sie gehen nicht auf Knopfdruck, sondern brauchen Zeit, Geduld und den Willen, immer wieder genau hinzusehen. In den Schrifttexten des heutigen Sonntags begegnet uns die Schmerzhaftigkeit der Umkehr: Im ersten Petrusbrief hören wir: „Aber auch wenn ihr um der Gerechtigkeit willen leidet, seid ihr seligzupreisen. Fürchtet euch nicht vor ihnen und lasst euch nicht erschrecken“. Im Evangelium lesen wir bei Markus, ganz kurz und knapp: „Jesus blieb vierzig Tage in der Wüste und wurde vom Satan in Versuchung geführt“. Und bei Johannes hören wir, dass Jesus „im Geiste erschüttert“ war, als er ausrief: „Einer von euch wird mich ausliefern.“ Die Herausforderungen, vor denen wir als Menschen heute stehen, und auch immer standen, sind groß und scheinen manchmal erdrückend oder fast lähmend. Der Beginn der Bußzeit kann uns vielleicht daran erinnern, dass die Umkehr zum Leben ein Prozess ist und wir nicht alleine gelassen sind damit. Das Einsehen, dass Dinge falsch laufen – im eigenen Leben, in der Gemeinschaft, in der Gesellschaft – ist der erste Schritt und die Erkenntnis, dass Fehler, Scheitern und Versuchung zu unserem Leben dazugehören, ist wichtig und zentral: Das Versprechen Jesu ist kein Erfolgsrezept, auch wenn es oft so interpretiert wurde. Es ist die Zusage, dass es möglich ist für uns Menschen, das zu überwinden, was nicht richtig ist, falsch oder gar zerstörerisch. „Seid alle eines Sinnes, voll Mitgefühl und Liebe zueinander, seid barmherzig und demütig!“, so hören wir im Petrusbrief. Ein Hinterfragen des Ist-Zustandes, ein genauer Blick auf den Nächsten, ein mutiges Ausprobieren von neuen Formen des Zusammenlebens und Zusammenbetens – das sind Zeichen der Umkehr und des fruchtbaren Wandels, der nicht wirklich zum „Himmel auf Erden“ führt, der aber vielleicht wie der Bundesbogen, der Noah und seinen Nachkommen versprochen wird, daran erinnert, dass Schuld überwunden und gutes Leben für alle möglich gemacht werden kann.

Der Start der österlichen Bußzeit gibt die Möglichkeit, sich ganz persönlich oder auch in Gemeinschaft mit anderen mit dem Thema Umkehr zu beschäftigen, eingefahrene Verhaltensmuster zu überdenken und Schädliches über Bord zu werfen. „Er hat gerufen“ – und fordert uns auf, Antworten zu finden, die ein gutes Leben für alle ermöglichen. Amen – so sei es.

Dr. Eva Baillie, Mainz

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