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Quinquagesimae - Estomihi / 6. Sonntag im Jahreskreis (14.02.21)

Quinquagesimae - Estomihi / 6. Sonntag im Jahreskreis

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Jes 58,1-9a Lev 13, 1-2.43ac.44ab.45-46 1 Kor 10, 31 - 11, 1 Mk 1, 40-45

 

Der Autor betrachtet den Jesajatext der evangelischen Perikopenreihe etwas gründlicher und gibt dann noch einige Hinweise auf die katholischen Sonntagslesungen. Der Bezug zu sozioökonomischem Handeln steht bei dem Jesajatext im Vordergrund. Aber abgesehen davon, dass man diesen Zusammenhang auf viele weitere Themen der Nachhaltigkeit ausziehen kann, erscheint es dem Autor wichtiger, das theologische Gefälle des Textes zu klären und so eine grundsätzliche Perspektive für die verschiedensten Themen im Kontext Nachhaltigkeit zu geben.

Der Sonntag Estomihi bzw. der 8. Fastensonntag ist der Tag unmittelbar vor Rosenmontag und damit auch wenige Tage vor Beginn der Fastenzeit. Ausgelassenes Feiern – in vielen Regionen und in „normalen“ Jahren – und eine Zeit der inneren Einkehr folgen aufeinander. Alle Texte können für Aspekte der Nachhaltigkeit genutzt werden. Die Stichworte „Nachfolge“ und „Übernahme von Verantwortung“, die diesen Sonntag prägen, spiegeln sich mit unterschiedlichen Akzenten in allen Texten des Tages. Welches Thema der / die Prediger*in aufgreift, hängt in besonderer Weise von der Situation vor Ort und zu dieser Zeit ab. Sicher wäre es gut, ein Thema aufzugreifen, zu dem es ohnehin schon ein Engagement in der Gemeinde gibt.

Wie wird die „homiletische Großwetterlage“ am Sonntag Estomihi 2021 sein? Sicher scheint mir zu sein: Die Menschen werden empfinden, in einer Krise zu leben, weil die „Krise“ die Signatur unseres Zeitalters ist. Seit Jahrzehnten erleben wir Krisen in unterschiedlichen sich überlagernden Bereichen, die sich in ihrer Bedeutung und Vehemenz eher steigern. Die Texte des Sonntags können dazu anzuleiten, mit analytischem Ernst auf die Problemlage zu blicken und zugleich Hoffnung in die Zukunft Gottes mit seinem Volk zu vermitteln.

Jesaja 58,1-9a

Der Text gehört zum sog. Tritojesaja. Über die Datierung und Entstehungsgeschichte ist die Forschung ziemlich uneinig. Vieles spricht für eine nachexilische Entstehung. Wichtig für Auslegung und Predigt ist, dass man für das Verständnis des Textes auf das ganze Jesajabuch Bezug nehmen kann, dessen Themen auch bei Tritojesaja eine wichtige Rolle spielen. Und aller Schärfe der Verurteilung falscher religiöser, sozialer und wirtschaftlicher Praxis zum Trotz sieht der Prophet von Gott her Heil für das Volk Gottes kommen, darin anknüpfend an die tröstende Botschaft Deuterojesajas.

Das Kapitel setzt mit einem Wort JHWEs an seinen Propheten ein, der seine Botschaft an das Volk weitergeben soll (v 1). JHWE wirft seinem Volk vor, Recht und Gerechtigkeit nicht zu beachten und im Modus des „als ob“ zu leben. Das Volk lügt sich selbst in die Tasche, indem es sich einbildet, Gott zu suchen und zu folgen, aber den Weg der Gerechtigkeit längst verlassen hat (v 2). In den folgenden Versen wird deutlich, dass Fasten als l’art pour l’art mit der von JHWE geforderten Praxis nichts zu tun hat. Ja, ein solches letztlich sinnfreies Fasten, das nicht über sich hinausweist, ist ein groteskes Missverständnis des Willens Gottes. Während das Volk eine solche Praxis offensichtlich für „fromm“ hält, richtet der Prophet im Namen JHWEs aus, dass die sozioökonomische Praxis und alltägliche Gewalt jegliche Bemühung um die Anerkennung Gottes zerstören (vv 3-4). „In Sack und Asche gehen“ und den Kopf hängen lassen ist nicht die Lösung (v 5), sondern, so kann man schon hier im Gegenteil vermuten, wird zum aufrechten Gang voller Hoffnung ermutigt. Die nahende Fastenzeit lässt es sehr sinnvoll erscheinen, diese Thematik aufzugreifen.

In Anknüpfung an prophetische Botschaft (Jesaja, Jeremia, Hesekiel, Amos) wird eine Sabbattheologie beschrieben, die später auch Jesus aufgreifen wird: Befreiung der Gefangenen und Unterdrückten – man kann hier getrost an Schuldknechtschaft denken – und Erfüllung der Grundbedürfnisse. Ein solches Handeln wird als die eigentlich gewünschte Praxis vorgestellt (vv 6-7).

In wundervoll poetischer Dichte (vgl. Ps. 37,6) wird das Unfassbare beschrieben: Dann wird das Volk des Heils teilhaftig und die verzweifelt vermisste Nähe Gottes erfahren, „dann wir dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte“ (vv 8-9a).

Überfällt uns hier nicht wieder der alte Adam, der mit seinem – gerechten – Handeln das Heil der Welt zu schaffen meint? Sozialethische Predigt wird sich immer auf dem schmalen Grat zum Abgrund dieses Missverständnisses hin bewegen, weil auch das „richtige“ Handeln thematisiert wird. Umso deutlicher muss der / die Prediger*in machen, dass Gott das Subjekt dieses Handelns ist. Das Jesajabuch unterscheidet deutlich die Heilsinitiative JHWEs von der Heilsteilhabe des Menschen. JHWE hat die Initiative zum Heil längst ergriffen (vgl. u.a. Jes 57, 15 ff. oder die präterialen Formulierungen in 59,15b ff.). Nicht das Verdienst des Menschen, sondern Gottes Gerechtigkeit, die sich als Barmherzigkeit und Gnade äußert, um diesen paulinisch geprägten Begriff zu benutzen, ermöglichen die Teilhabe des Menschen am Heil Gottes.

Ziel der Predigt wie auch der Liturgie müsste also auch ein seelsorgerisches sein, indem die Gemeinde vergewissert wird, dass sie in das Heils- und Gnadenhandeln Gottes eingewoben ist. Wer könnte denn „das Richtige“ tun in den multiplen Krisen unserer Zeit? Oder gar immer das Richtige? Auch die „ganz Schlauen“ und die „ganz Guten“ sind immer angewiesen auf Gottes Gnadenhandeln in einer Welt, in der wir auch in strukturelle Gewaltzusammenhänge eingebunden sind, die wir nicht aufheben können. Sich in das „Dennoch“ Gottes einschwingen zu lassen kann zur notwendigen Resilienz verhelfen, die wir alle so dringend brauchen. Leben im Kraftfeld Gottes erneuert uns und verhilft zu aufrechtem Gang und klarer Analyse in der Hoffnung auf Gottes Gnade.

Die katholischen Lesungen wirken vor allem im Zusammenhang und der Abfolge in die Richtung genau einer solchen theologischen Kritik und Erbauung: Der Text Lev 13,1-2.43ac.44ab.45-46 handelt vom Umgang mit Aussätzigen nach dem Gesetz. Mag man sich darüber erheben? Kennen wir das jetzt nicht wieder besser, nachdem es nicht nur Ebola und Malaria für die anderen gibt, sondern auch Covid-19 für uns? Wer krank ist, wird exkludiert, um die anderen nicht anzustecken. Eine durchaus „vernünftige“ Handlungsweise…

Es folgt 1. Kor 10,31 – 11,1, wo Paulus das Handeln „zu Gottes Ehre“ als Überschrift unseres Tuns wählt, das uns in den Dienst der Mitmenschen stellt. Paulus beendet diesen Abschnitt mit dem doppelten Hinweis auf die Nachfolge, nämlich seine eigene Nachfolge gegenüber Jesus dem Christus und in diesem – und zwar nur in diesem – Sinne eine Nachfolge, die seinem Beispiel folgt, sich Christus zum Beispiel zu nehmen.

Schließlich wird in Mk 1,40-45 explizit, dass Nachfolge bedeutet, zu dem Kranken hinzugehen statt ihn auszuschließen, Inklusion statt Exklusion. Es ist Jesus und in Jesus Gott selbst, der sich den Kranken zuwendet so wie allen anderen, die der Zuwendung bedürfen und der uns in seine Nachfolge beruft. In dieser Abfolge wird deutlich, dass die Entwicklungsbewegung der biblischen Theologie auf eine Ermutigung der rundum in Zwänge eingebundenen Menschen zielt, ein Leben in Beziehung führen.

Themen der Nachhaltigkeit? Unter den oben beschriebenen theologischen Vorzeichen muss eruiert werden, welches der vielen Themen in der jeweiligen Gemeinde „dran“ sein kann. Man kann die großen strukturellen Fragen mit den eher individualethischen und seelsorgerischen verbinden, aber tunlichst sollte man das eine mindestens stärker akzentuieren als das andere. Und schließlich ist nichts so erfolgreich wie das Gelingen: Statt Sack und Asche sollten Geschichten des Gelingens aus dem jeweiligen Handlungsfeld erzählt werden, und seien es auch nur kleine Schritte, die gelungen sind.

Dr. Thomas Posern, Mainz

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