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Letzter Sonntag nach Epiphanias / 4. Sonntag im Jahreskreis (31.01.21)

Letzter Sonntag nach Epiphanias / 4. Sonntag im Jahreskreis

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
2. Petr 1,16-19(20-21) Dtn 18, 15-20 1 Kor 7, 32-35 Mk 1, 21-28

 „Abgebrannt“

Vorbemerkung:
ich habe die vier biblischen Texte in den nachfolgenden Anregungen zu einer Predigt auch unter der Betrachtung des Stichwortes ‚abgebrannt‘ gesehen. Beim Wort abgebrannt tauchen bei mir Bilder aus der eigenen Lebensgeschichte auf, die im Verständnis der Texte mitschwingen.

Nach einem Brand eines geliebten Wäldchens sehe ich unzählig viele rußschwarze Baumstämme und -stümpfe und über allem flirrt ein kohliger Staub. Es vergehen Wochen, bis nach einigen Regengüssen aus dem Grauschwarz sich dann doch hier und da Grünes durch das Verkohlte schiebt und Hoffnung aufkeimt.

Eine andere Erfahrung hat sich im sprichwörtlichen Sinn ins Gedächtnis eingebrannt, als in der Nachbarschaft ein großes Anwesen, dessen Fundamente schon im 16. Jahrhundert gelegt wurden, nach einem nächtlichen Blitzschlag bis auf die Grundmauern abbrennt. Verkohlte gebrochene Dachbalken, zersplittertes Fensterglas, feuergeschwärztes Mauerwerk offenbaren am Morgen eine Brandruine. Während die materiellen Schäden nach wenigen Jahren hinter einem neuen Mauerwerk und unter einem neuen Dach verschwunden sind, ist ein wichtiges Zeugnis unserer dörflichen Kultur endgültig verloren. Als Brandruine war das Gebäude nicht nur unbewohnbar, sondern war auch von einer unheimlichen Atmosphäre umgeben, die für mich selbst heute beim Betreten des Neuen noch immer in mir nachwirkt.

Diese Bilder aus dem natürlichen wie kulturellen Erfahrungsraum verbinden sich für mich mit starken emotionalen Berührungen, ein Durchzittern angesichts der Gewalt des Abbrennens und einer Sprachlosigkeit vor der Trümmerlandschaft. Hier erfahre ich, was krisenhafte Lebenserfahrungen sein können, wenn der Eindruck erweckt wird, es gebe kein Morgen mehr, auf das ich bauen könnte. Ich sehe mich vor einem Desaster stehen, traue mich keinen Schritt zu tun und bin so gebannt vom Schaden und Verlust, dass ich allein nicht weiterkomme. Hier ist guter Rat und sind gute Begleiter*innen gefragt.

Bei der Lektüre der vier biblischen Texte finde ich verbindende Aspekte, die sich mehr oder weniger deutlich zeigt: zum einen leben die Texte aus der Wahrnehmung, dass auch das Leben der Glaubenden von krisenhaften Infragestellungen bestimmt ist oder sein kann. Entweder ist ein Lösungsweg für den konkreten Augenblick gefragt (Mk; 1 Kor) oder aber gemachte Erfahrungen mit Krisen und ihren Auswegen werden für potenzielle Gefährdungen als Orientierung gegeben (Dtn; 2 Petr). Ebenso gilt für die vier Bibeltexte, dass sie der Prophetie als Deutungsmöglichkeit der Wirklichkeit für eine Zukunft in der Perspektive des Glaubens eine eminent hohe Bedeutung zumessen, gerade weil sie um die Wandlungen der Zeit und die Zeiten der Krise wissen.

2 Petr 1

In krisenhaften Zeiten nimmt die Frage der Glaubwürdigkeit von Aussagen eine große Relevanz ein. Entscheidungen in Normal- wie Krisenzeiten müssen sich auf verlässliche Aussagen und Zeugnisse verlassen können. Nicht nur der gefühlten Sicherheit wegen, sondern auch um sachgerecht entscheiden und handeln zu können. Gut erfundene Stories (selbst wenn sie Tiefgang haben) reichen nicht und auf fake news will kein Mensch setzen. Einer Aussage glaube ich umso eher, je mehr ich der aussagenden Person vertrauen kann. Kann sie das, was sie sagt, als Augen- und Ohrenzeug*in von sich geben – und lässt sie sich auch hinterfragen nach dem, was sie sagt, d.h. ist sie glaubwürdig und lebt das selbst, was sie bekundet?

Vf. des 2 Petr-Textes – für uns ein Pseudonym und doch von den Angeschriebenen der Gemeinde nicht als Fake wahrgenommen, sondern als Autorität, die nicht auf sich, sondern auf jemand anderem sich begründet weiß – erinnert an die Glaubwürdigkeit des verkündeten Glaubens – und sieht die Infragestellungen durch abweichende Positionen (die aus dem Text nicht klar benannt werden können, aber den Briefadressat*innen bekannt sind) als Gefährdung und Zerstörungspotential für die angeschriebenen Christen. Vf. ist sich zugleich bewusst, dass die Möglichkeiten seiner eigenen physischen Präsenz, durch die er Zeugnis vom Glauben geben und die Verinnerlichung des Glaubens fördern kann, sich durch biologische Umstände einschränkt. Daher wird die Verschriftlichung dieses Glaubens gegen das Vergessen und die Erschlaffung der Erinnerung helfen. Was so Schrift geworden ist unterscheidet sich dann aber doch von klugen Erzählungen darin, dass das dem Erzählten Zugrundeliegende Erfahrungen sind, die das Leben wirksam durchdrungen und existentiell neu ausgerichtet haben. Auch wenn wir heute die Verklärungsgeschichte der Evangelien exegetisch als vorösterlich positionierte Ostererfahrung bewerten, so erstaunt es doch, dass trotz des Pseudonyms Petrus nicht eine der Ostererzählungen herangezogen wird, sondern diese Erzählung aufgegriffen wird, von der her die Glaubwürdigkeit der Überlieferung des Evangeliums damit unterstricht wird, dass der anwesende Petrus zum (Augen-/Ohren-)Zeugen wurde für die relevante Beziehungsaussage Gottes zu Jesus von Nazareth („mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe“ 2 Petr 1,17). Die angeschriebene Gemeinde wird mit dieser Assoziation aber nicht allein auf den hervorgehobenen Satz verwiesen, in dem Beziehung zwischen dem himmlischen Vater und dem menschgewordenen Sohn geklärt wird. Die Adressaten hören mit diesem Hinweis auch das mit, was sich aus der Verklärungserzählung als nachfolgende Erfahrungsgeschichte des Augen-/Ohren-Zeugen Petrus ergibt. Denn dieser folgte nicht einer weltenthobenen Lichtgestalt, sondern dem konsequent für seine Brüdern und Schwestern sich einsetzenden Menschensohn. Die wirkliche Heilsbedeutung seines Herrn erschloss sich ihm im eigenen Glaubensweg durch das mitgehende und teilhabende Wahrnehmen des ganzen Wirkens Jesu, einschließlich seines Sterbens, Todes und der Auferweckung. Und um diese letzten Erfahrungen mit Jesus in die Heilsgeschichte einordnen zu können, wurde die leuchtende Erfahrung am „heiligen Berg“ für Petrus zum Schlüssel. Diesem ganzen Blick auf den Herrn entspricht daher auch das von Gott („Himmel“) inspirierte Potential des „prophetischen Wort[es]“ (2 Petr 1,19)‚ mit dem Vf. auf die Heilige Schrift als Deutequelle für Gottes Sohn verweist. Die Glaubwürdigkeit der Augen- und Ohrenzeugenschaft ist also nicht einfach bei den Haaren herbeigezogen, sondern findet ihre wechselseitigen Prüfsteine in der Schrift und Jesus Christus - beide sind verbunden durch den Geist Gottes, der auch in den Menschen das Schreiben wirkt und den Deutehorizont umreißt. Die Schrift ist in Zeiten der Verunsicherung für Vf. „ein Licht, das da scheint an einem dunklen Ort, bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in euren Herzen“ (2 Petr 1,19; dies erinnert an Ps 119,105) – angesichts der Einordnung in der Leseordnung für die Zeit nach Epiphanias und vor dem Fest der Darstellung des Herrn eine tröstliche Hoffnungsansage in einer auch naturhaft noch dunklen Zeit.

Dtn 18

Auch wenn alles geregelt erscheint, es muss immer mit dem Fall gerechnet werden, dass das Berechenbare nicht mehr ausreicht, um aus dem Geregelten sein Leben zu gestalten.

Als Rede des Moses an die Israeliten begegnet uns das Buch Deuteronomium und zentraler Bestand ist die Wiederholung der Weisungen, die schon von Exodus bis Numeri entrollt wurden. Doch mitten in die Anweisungen für die kultische und soziale Lebens-Gestaltung ist ein Abschnitt gesetzt, der über die institutionalisierte Rolle der Prophetie reflektiert. Denn offensichtlich lässt sich nicht alles zu jeder Zeit einfach aus den Weisungen ableiten. Die Perikope führt uns strukturell ins Zentrum der Kapitel 12 bis 25 mit dem Gesetzeskorpus für Israel und literarisch bildet dieser Abschnitt sogar die Buchmitte des Deuteronomiums. Hingeführt wird die Einführung des kommenden Propheten wie Mose durch den Blick auf die möglichen Gefahren für das Volk: es soll sich davor hüten, sich von Zeichendeutern, Wahrsagern und auf magische Kräfte bauenden und Orientierung versprechenden Menschen verführen zu lassen. Die Findung existentieller Entscheidungen soll sich unterscheiden von denen, die dazu nicht allein auf Gottes Geist setzen, der sich mitteilt, wo es nötig wird. Es kann also keine Fragen und Entscheidungen im Leben Israels geben, die nicht das Verhältnis zu Gott berühren. Damit es in seiner Beziehung zu seinem Gott bleibt hat Gott seine Lösung quasi in die Weisungen integriert. Es wird einen Propheten wie Mose haben. Es braucht also (immer wieder) einen prophetisch wirkenden, von Gott in Anspruch genommenen Menschen, der wie Mose die Begegnung (am Sinai) mit Gott aushält und das Volk vor der erschütternden Begegnung bewahrt. Moses ist der Prototyp eines solchen Propheten – von Gott gewollt, kein menschlicher Superheld, sondern einer, der sich in das Spannungsfeld von Gott und erwähltem Volk einspannen lässt – zum Sprecher für Gott und zum Fürsprecher für das Volk. Einer der hört und gehorcht, nicht den eigenen menschlichen Interessen folgt, auch dann, wenn das murrende Volk ihn ‚nervt‘. Dass das Buch Deuteronomium an dieser zentralen Stelle diese Vermittlerrolle einbringt, verdankt es einer langen Erfahrungsgeschichte, auch der bitteren Erfahrung des Abgebranntseins aller Sicherheiten – und der Wirksamkeit jener Prophetie, die genau in diesen Situationen, wo das geregelte Leben aus dem Takt kommt (selbstverschuldet wie durch äußere Faktoren ins Ungleichgewicht und zum Fall gebracht) Rettung verheißt, indem sie den Geist der Weisungen Gottes den Menschen vor Augen und Ohren führt. „Mose bringt die Geschichte Israels auf den Punkt: Er schlägt die Brücke zwischen den grundlegendsten Erfahrungen Israels, zwischen Exodus und Exil […] indem er in der Rede aus der Wüstenperspektive auf das Exil und die Rettung daraus vorausblickt“[1]. Sowohl im Exodus wie im Exil kommt Israel immer wieder zu Erfahrungen, in denen es am Ende scheint, die Hoffnung abgebrannt scheint und es weder ein Vor noch ein Zurück gibt. In diesen Momenten wird die Qualität der von Gott prophetisch wirkenden Menschen entscheidend: sie harren auf der Ausrichtung der Orientierung an Gott aus und geben sein lebenspendendes Wort den Menschen, statt sich aus weltimmanenten Deutungen auf irgendwelche riskanten Abenteuer einzulassen. Wenn sich die ‚gebrannten Kinder Israels‘ daran orientieren, was diese lebensweisenden Worte beinhalten, dann bleibt ihr Leben nicht mehr im Missverhältnis – und solange es Propheten Gottes gibt, gibt es Heilshoffnung, die sich auch erfüllen wird, allerdings nicht wie ein diffuses Spektakel noch wie ein Zaubertrick.

In der Tradition wurde in Verbindung mit Dtn 34,10-12 an einen endzeitlichen Propheten gedacht, den die christliche Perspektive in Jesus Christus gekommen sieht. Denn auch er erfüllt als Prophet wie Mose die Grunderfahrung der Vertrautheit mit Gott (Augen- und Ohrenzeuge) und der Rolle zwischen Gott und den Menschen und den Menschen zu Gott zu vermitteln und Künder des Heilswillens wie Fürsprecher der Schwestern und Brüder zu sein.

1 Kor 7

„Korinth brennt!“ - vielleicht klingt das etwas reißerisch und erinnert an die Regenbogenpresse. Aber es steckt eine Wahrheit darin: die Begegnung mit dem Evangelium hat in Korinth mit dem Geist Gottes entzündet. Und da ist, schaue ich mir die Kapitel der Korintherkorrespondenz etwas genauer an, nicht nur ein Strohfeuer, sondern es sind brennende Fragen entstanden in dieser griechischen Hafenstadt, die der Bote des Evangeliums mit manchmal kühlem, manchmal heißem Kopf beantwortet. Das Evangelium wirkt bei denen, die sich davon selbst treffen ließen, aber auch in ihrem Umfeld. Veränderungen in den Haltungen und Lebensweisen sind nicht nur wärmendes Feuer, sondern tragen auch eine solche Hitze in sich, dass sie mehr verbrennen als wärmen.

Auch im Blick auf die Frage nach ehelicher Partnerschaft – soll man, soll man nicht, was ist besser für den Glauben – gilt das. Denn für manche wird bisheriger sozialer Usus grundsätzlich in Frage gestellt. Ist die Ehelosigkeit grundsätzlich zu leben, zu empfehlen und Ausweis der Nachfolge – oder schafft diese neue Probleme (mit wem alles?) und ruft Krisen bei denen hervor, die doch noch in der Ehe leben?[2] Paulus weiß, dass es dafür nicht einfach eine Weisung Jesu, des Herrn, gibt. Aber seine Antwort liest er auch nicht einfach aus seiner eigenen Lebensweise als Single ab, wenngleich er diese Erfahrungen auch ins Spiel bringt. Wichtig ist ihm zum einen – und das erinnert hier daran, dass Paulus darin die prophetische Dimension seines Apostelseins auch verwirklicht - die eigene barmherzige Gotteserfahrung schenkt ihm dazu die Vertrauensbasis und –würdigkeit.

Paulus agiert als seelsorglich Beratender und kümmert sich um die – brennenden - Sorgen, indem er einlädt, mit ihm zu differenzieren und so einen Entscheidungsweg selbst gehen zu können, durch den die Angesprochenen zu einer Entscheidung gelangen, die für ihre Lebensentscheidung tragfähig wird. Hier wird nicht gegeneinander ausgespielt, sondern es ist abzuwägen, wozu die Entscheidung hinführt: welche Entscheidung, die die individuelle Konstitution aufmerksam wahrnimmt, führt mehr dazu, „dem Herrn zu gefallen“ und sich ihm ungeteilt anzueignen, um heilig zu sein an Leib und Geist? Fühlt sich jemand in der Ehe überfordert, dem Herrn zu dienen, weil die Sorgen um die Dinge der Welt ihn in seinen Fähigkeiten zerreißen? Oder können sich die Ehepartner in der Ehe ungeteilt Christus zuwenden, ohne dabei sich gegenseitig das Notwendige an Liebe und Beziehung zu entziehen? Paulus erklärt nicht einfach den Stand der Ehelosigkeit als das Bessere gegenüber der Ehe. Er will, dass jeder sich fragt, was ihm vom Evangelium her in seiner konkreten Lebenssituation möglich ist – und dass dabei nicht allein die individuelle Seite gesehen wird. Auch die Folgen für diejenigen als Partner*in oder Angehörige sind mit zu bedenken, denn wenn die Grundorientierung am Herrn zielführend ist, kann die sich entscheidende Person ihre Verantwortung für andere nicht einfach ablösen. Dann könnten die brennenden Sorgen Einzelner möglicherweise mehr Brandorte von Beziehungen und verbrannte Lebenslandschaften zurücklassen als Ausdruckformen, dass das Evangelium zu brennender Liebe führt.

Mk 1

Vielleicht ist es guter Zufall, dass diese Perikope vom 4. Sonntag im Jahreskreis an dem Sonntag verkündet wird, auf den in Deutschland zeitgleich der ökumenisch begangene Bibelsonntag und der Sonntag der Bibel fallen. Wenn ich an manchen Gottesdienst und die Predigt darin denke, beschleicht mich, auch weil mitfeiernde Menschen das ebenso zu erkennen geben, die Befürchtung, dass die Verkündigung der Heiligen Schrift, obwohl sie selbst doch von der verändernden Kraft der Worte spricht, nicht über das hinaus kommt, was die Synagogenbesuchern von der Wirkung der Schriftgelehrten sagten. Es bleibt irgendwie in gewöhnlichen, gut erträglichen Bahnen, so dass ich mich mit meinem Leben gut einpasse. Da springt kein Funke mehr aus der Glut der Verkündigung über, die noch einen Flächenbrand des Neuen entzünden könnte. Ist mehr noch da, als die Restwärme der Asche?

Die Geschichte selbst fängt zunächst gewohnheitsmäßig an. Nach den Berufungen der ersten Jünger geht der fromme Jude Jesus in die Synagoge. Und es ist nicht unüblich, dass aus der Mitte der Versammelten einer die Auslegung der Schrift übernimmt. Doch dieses Lehren Jesu ist anders. Es trichtert die Sätze nicht einfach durch Wiederholung nur ein oder erschließt die Bedeutung als gelehrte Darstellung. Seine Lehre, seine Verkündigung entwickelt sich aus einer inneren Kraft, die die Zuhörenden überwältigt, ich möchte sogar sagen, sie von „ihrem Hocker hochreißt“ wie eine Flamme, die auflodert. Dieser Jesus erschließt offensichtlich die Worte der Schrift in ihr Jetzt, so dass keiner davon unberührt bleibt und sich einfach so beruhigt nachhause begeben kann. Eine solche vollmächtige ins Präsens bringen der Schrift verweist auf eine Vollmacht, die voraussetzt, dass der so sprechende sich ganz von dem einnehmen lässt, was ihm gesagt ist, damit es anderen mitgeteilt wird. Darin spiegelt sich das wider, was die prophetische Umsetzung durch Gottes Beauftragte ausmacht. Das Buch Deuteronomium (s. erste Lesung) macht deutlich, dass diese Form der Erschließung der Lebensweisungen für Gottes Volk existentiell wichtig ist.

Damit nicht genug: Nicht nur die Herzen der Hörenden werden für die neue Wahrnehmung des Willens Gottes entzündet. Für einen Menschen unter ihnen brennt durch diese Worte die Lunte, die seinen Kerker der Verwicklungen in die Abergeister des Lebens in die Luft jagen kann. Die Verbindung der Erzählung des Exorzismus mit der Lehre Jesu unterstreicht, dass diese Verkündigung der Worte die Wirkmächtigkeit des Gotteswortes beinhaltet, wie es sich seit der Schöpfung bis hin zur Menschwerdung des Wortes Gottes als Wirklichkeit erweist. Es bedarf, wie es die Weise des Exorzismus beschreibt, keiner magischen Handlungen, sondern das Schweige-Gebot als Wortwirkung reicht.

Als Mensch mit meinen Verwicklungen in lebensfeindliche Haltungen und Verstrickungen in die strukturelle Sünde (z.B. Missbrauch von Menschen und Natur, soziale Ungerechtigkeit, Diskriminierung usw.) erlebe ich, dass je länger umso tiefer ich dadurch auch in eine persönliche Brüchigkeit der Lebensbeziehung, theologisch gesprochen Versündigung gegen die Nächsten, gegen Gott und mich selbst gelange. Dort heraus zu finden reichen gute Erklärungen oder kleine Anpassungen nicht aus. Es braucht dazu wirkliche eine voll-mächtige Stimme, die mich zu diesem neuen Schritt umstimmt und einstimmt, denn die gut eingehausten Abergeister wehren sich gegen das Abbrennen ihrer Verschlingungen um mich. Aus der geistlichen Tradition kennen wir diese Kämpfe wider die Abergeister des Lebens – und Widerstand gegen sie und Befürwortung wie Sichentflammenlassen vom neuen Leben brauchen die Begegnung mit einem verkündigenden Gegenüber, das selbst ganz aus dem lebt, was sie / er sagt. Eine solchermaßen an mich herangetragene Lehre lässt mich nicht nur nicht unberührt, sondern rührt in mir innerlich die noch vorhandene Glut auf, so dass neues Feuer für das Leben brennen kann, dass sich nicht mehr von Gefäßen (wie Konsumzwang, soziale (Un-)Ordnung, Hinnahme von Arm und Reich, Zulassen der Zerstörung der ökologischen Ressource für die Zukunft usw.) fesseln lässt, sondern für eine neue Welt, ein neues Leben grenzenlos aufleben lässt – damit nicht diese Schöpfung eine abgebrannte Ruine sein wird.

Christoph Schmitt, Rottenburg

Literatur

[1] E. Otto, Mose der Prophet. In: WuB 2013/3, S. 17-19, S. 17.

[2] Norbert Baumert, SORGEN DES SEELSORGERS. Übersetzung und Auslegung des ersten Korintherbriefes, Würzburg 2007, bietet hier basierend auf seiner Habilitation Ehelosigkeit und Ehe im Herrn. Eine Neuinterpretation von 1 Kor 7 (= Forschung zur Bibel. Band 47), Würzburg 1984, eine sehr überzeugende Differenzierung des Kapitels.

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