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3. Sonntag nach Epiphanias / 3. Sonntag im Jahreskreis (24.01.21)

3. Sonntag nach Epiphanias / 3. Sonntag im Jahreskreis

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Rut 1, 1-19a Jona 3, 1-5.10 1 Kor 7, 29-31 Mk 1, 14-20

 

Rut 1, 1-19a: Zwei Frauen sprengen alle Konventionen

Ausgangspunkt der Erzählung ist die Erfahrung von Flucht und Migration einer Familie aufgrund einer Hungersnot. Es ist die Geschichte des Überlebenskampfes zweier bzw. zunächst noch dreier Frauen in einer patriarchalen Welt, in der vor allem arme und kinderlose Witwen schutzlos waren. Eine Frau ohne Mann und Söhne war ein soziales Nichts.

Die Greisin Naomi und ihre junge Schwiegertochter Rut fallen aus dem familiären und sozialen Normsystem ihrer Zeit. „In unkonventioneller Eigenregie erwirken diese Frauen ihre gesellschaftliche Reintegration“ (Petermann, 104). Drei Frauen flüchten ohne Schutz und Begleitung. Damals so lebensgefährlich, wie heute. Naomi bittet ihre Schwiegertöchter aus tiefer Sorge um deren Zukunft umzukehren, um im alten Familiensystem „Ruhe zu finden, jede im Haus ihres Mannes“ (V 9).

Es offenbart sich eine tiefe emotionale Bindung zwischen den drei Frauen. Sie weinen zusammen, Naomi argumentiert mit den sozialen Gegebenheiten jener Zeit, um vor den Gefahren der gemeinsamen Flucht zu bewahren. Ihre Schwiegertochter Orpa lässt sich überzeugen, ein letzter Kuss und sie kehrt um. Rut (hebräisch = Freundin oder Erquickung) lässt sich nicht überreden.

Sie bleibt und bekundet ihre grenzenlose Verbundenheit mit ihrer Schwiegermutter in einem hoch emotionalen Treuegelöbnis (V 16-17). Die Verse sind heute zu einem beliebten Trauspruch geworden. Ursprünglich ist es eine Frau gewesen, die sich hier einer anderen, älteren Frau bedingungslos anvertraut und damit in unerhörter Weise mit allen Konventionen und Sicherheiten jener Zeit bricht. Die Flucht gelingt und beide Frauen beginnen, sich ein neues Leben in Bethlehem aufzubauen.

Am Ende des Buches wird Naomi Ruts Sohn, einen Stammhalter auf ihrem Schoß halten (4,16).

Das Überleben nicht nur der beiden Frauen, sondern auch das des Stammes ist gesichert. Auf Gott zu vertrauen, den Ausbruch aus vorgegebenen Normen und Verhaltensmustern zu wagen, sich einander anzuvertrauen und ihre bedingungslose Solidarität führen am Ende in eine gesegnete Zukunft.

Ina Johanna Petermann, Das Buch Rut. Grenzgänge zweier Frauen im Patriachat,
in: Luise Schottroff, Marie-Theres Wacker (Hg.), Kompendium Feministische Bibelauslegung, Gütersloh 1998, S. 104 – 113

Jona 3, 1-5.10: Du, lass dich nicht verhärten

Es bietet sich an, die Perikope aus der Perspektive einer „Kommunikation und einer Bildung für nachhaltige Entwicklung“ zu lesen. Denn die Dramatik unseres Textausschnittes entfaltet sich nur im Kontext der gesamten Jonaerzählung. Diese märchenhafte Erzählung führt hinein in die Spannung zwischen Liebe und Gerechtigkeit, und sie weist einen Weg, wie Wahrheit und Hoffnung, Erkenntnis und Leben zusammengehen können“ (Ebach, 9). Vielleicht „märchenhafter“ noch als die Erzählung vom Walfisch in Kapitel 2 ist die von der Umkehr der Stadt Ninive. Wie kann es geschehen und was ist passiert, dass Ninive wirklich umkehrt und die Mächtigen ihre Schuld und Bösartigkeit einsehen, nur aufgrund der Prophezeiung, die Stadt wird in 40 Tagen untergehen? Für Jona gab es ja in seiner Prophezeiung kein Zurück, keine Vergebung, keinen Ausweg.

Die Menschen in Ninive halten das Wort Jona für wahr. Ansonsten hätten sie ja keinen Grund gehabt, von der Gewalt untereinander abzulassen. Aber zugleich halten sie Jonas Ankündigung nicht für das letzte Wort Gottes. Ansonsten hätten sie ja keine Rettung erhoffen können. Auch wir wissen heute, dass diese Welt, so wie wir sie kennen, untergehen kann. Die planetaren Grenzen sind vielfach überschritten. Was bleibt, ist die Hoffnung, dass Gott Rettung will und dass Rettung durch radikale Umkehr sowohl der Mächtigen wie auch jedes und jeder Einzelnen möglich ist.

Welcher nachhaltigkeitsbewegte Mensch heute wünscht sich nicht auch, dass die warnenden Stimmen heute solch einen Erfolg haben, wie Jonas Worte damals. Jona hat diese Hoffnung nicht.

Er kennt zwar die gütige Seite Gottes (Kap. 4,2), lehnt sie aber einerseits für Ninive ab und nimmt sie zugleich für sich selbst in Anspruch (Kap.2,3. 7b, 10b). Jona erscheint rechthaberisch (4.2), erbarmungslos den Menschen von Ninive gegenüber und zugleich voller Selbstmitleid und Selbstzweifel. Der „heilige Zorn“ des Jona ist ja auch heute angebracht. Aber ohne die Hoffnung, dass Gott etwas ganz anderes für diese Welt will und Umkehr und Rettung – trotz alledem – möglich bleibt, ist die Flucht vor der Verantwortung, persönliche Verhärtung oder Resignation naheliegend . Das Hoffnungsvolle in diesem Text ist: Das Bewusstsein, von dem was richtig und gut ist, ist von Gott eingepflanzt in die Herzen der Menschen, wenn auch bisweilen tief vergraben, wie bei den Menschen in Ninive. Die Predigt führt uns vielleicht auf die Spur unserer unangenehmen „Jona-Seite“ und kann so unsere Hoffnung erneuern – trotz alledem. In Wolf Biermanns Worten:

„Du, lass dich nicht verhärten
In dieser harten Zeit.
Die allzu hart sind, brechen,
Die allzu spitz sind, stechen
Und brechen ab sogleich.“

Jürgen Ebach, Kassandra und Jona. Gegen die Macht des Schicksals, Frankfurt/ M. 1987

1.Kor.7,29-31: Haben, als hätte man nicht

Die Predigtstelle sollte im Kontext der sozialgeschichtlichen Situation der Gemeinde in Korinth ausgelegt werden. Die multiethnisch und multireligiös geprägte Hafenstadt war ein Banken- und Finanzzentrum jener Zeit mit einer kleinen reichen Oberschicht. 90% der Bewohner*innen lebten hingegen am Existenzminimum und noch darunter. Es waren überwiegend Migranten und Migrantinnen aus der Klasse der Freigelassenen, die Caesar im Jahr 44 v. Chr. dort hat ansiedeln lassen. Diese sozialen Spannungen prägten auch die junge Christengemeinde. Paulus erinnert die Gemeinde daran, dass für Christen der Reichtum in den geistlichen Gaben besteht und in der Gewissheit des nahen Gottesreichs, in dem Gerechtigkeit herrschen wird. Nur dieser Reichtum zählt. Deshalb komme es darauf an, untereinander soziale Ungleichheits- und Konkurrenzstrukturen abzubauen, den materiellen Ausgleich zu suchen, die Gemeinschaft zu stärken und eine an der Tora orientierte Lebenspraxis einzuüben.

Im 7. Kapitel thematisiert Paulus eine gewaltförmige, menschenverachtende und missbrauchende Sexualität (griechisch: porneia) und bezieht das in unserem Textausschnitt auf die besondere Situation von „Jungfrauen“, also von heiratsfähigen Mädchen, die noch im Hause der Eltern leben (Schottroff). Im Hintergrund stehen vor allem ökonomische Fragen im Kontext des verlockenden Reichtums und des ausschweifenden Lebensstils der Oberschicht der Stadt, zu der auch einige Mitglieder der Gemeinde gehörten (vgl. Apg 18,8). Orientiert euch nicht an deren Lebensstil, ist seine grundsätzliche Mahnung und dazu gehört für ihn, in allen Bereichen des Lebens eine Haltung des "Haben, als hätte man nicht" einzuüben. Diese Haltung dem eigenen Besitz gegenüber und auch angesichts der ungleichen Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums, gilt es auch heute immer wieder neu einzuüben. Sie ist Grundvoraussetzung eines nachhaltigen Lebensstils.

Luise Schottroff, Der erste Brief an die Gemeinde in Korinth, 2013

Mk.1, 14-20: Kehrt um und vertraut der frohen Botschaft

Das Markusevangelium ist in einer Zeit großer Armut und verbreitetem Hunger in der Bevölkerung Palästinas entstanden. Jesus geht nach seiner Taufe zunächst in die Wüste, dem Ort der Wasser- und Nahrungslosigkeit, der Entbehrung und Reduktion auf das Minimale. Zu allen Zeiten ist die Wüste auch ein Ort der Selbsterkenntnis und Metapher für eine äußere und innere Leere. Anschließend begibt er sich an das galiläische Meer. Wasser ist der reale Ort des (Über)-lebens und des leiblichen Satt-Werdens und zugleich das Bild für innere Fülle und Erfüllung (vgl. z.B. Psalm 23). Am Wasser beruft er die ersten vier Männer, Fischer von Beruf, in seine Nachfolge. Fortan werden sie mit Jesus zusammen den Kernsatz seiner Botschaft „Kehrt zum Leben um und vertraut dem Evangelium“ (Übersetzung BIGS) verbreiten, entfalten und konkretisieren. Eine nachhaltige Predigt wird beide Ebenen – den realen Kampf der Menschen ums Überleben und die metaphorische Bedeutung der Rede vom Wasser und vom „Menschenfischen“ in den Blick nehmen und zur Umkehr zu einem lebenswürdigen und lebenswerten Leben für alle Lebewesen, einschließlich Tiere und Pflanzen, aufrufen.

Luiza Sutter Rehmann, Von Hunger und Überleben, in: Markus (hrsg. K. Butting u.a.), 2007, S. 73 - 83

Volker Rotthauwe, Schwerte

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