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Ein Tor in entscheidende Tage

Ein Tor in entscheidende Tage

Predigt zum Palmsonntag von Weihbischof em. Paul Wehrle

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben!

Man braucht nicht umständlich abzuklären: Die jetzigen Tage mit der vom Corona-Virus verursachten Krise sind uns fremd; bisherige Erfahrungen stehen nicht einfach abrufbar zur Verfügung, um heute angemessen und verantwortungsvoll handeln zu können. Die Bedrohung ist offenkundig und doch nicht konkret zu fassen. Viele beginnen zu ahnen, wie unwägbar und verletzlich doch unser Leben, ja das Menschsein ist. Eher verhalten und zunehmend eindringlich stellen sich Fragen nach den hintergründigen Zusammenhängen und nach einem Sinn, der gleichsam immun ist gegenüber bedrohlichen Viren unserer Lebenspraktiken ...

Inmitten dieses Erlebens (und nicht wie daneben) stehen die Feiern der Kartage, die Feier der Heiligen Woche an. Dazu gehört das Miterleben in der Gemeinschaft des Glaubens, was aber gerade jetzt nicht möglich ist und so ein zusätzliches Fragen auslöst ...

Was gibt Orientierung?

In den wenigen Tagen der Karwoche, nicht von ungefähr Heilige Woche genannt, wird das ganze Bekenntnis des christlichen Glaubens gebündelt: gestorben – begraben – auferweckt – erschienen! Dies sind die vom Apostel Paulus überlieferten Stichworte frühester Bekenntnisse zu Jesus als dem Christus. Aber wie soll dieses gebündelte Bekenntnis des christlichen Glaubens von uns Menschen mit unseren doch begrenzten Möglichkeiten gehört, erfasst und gar bezeugt werden? Dies geht nur in einzelnen Schritten, gleichsam pendelnd vom Einzelnen zum Ganzen und vom intuitiv erfassten Ganzen zum Einzelnen hin. Eine Hilfe ist dabei für uns Menschen immer schon die Praxis in Riten und Symbolen, die einen Überschuss an Sinn bergen. Denn im konkreten Vollzug können sich Impulse zu tieferem und umfassenderen Verstehen öffnen ...

Spannweiten gelebten Glaubens

So hat sich auch mit dem Palmsonntag seit langer Zeit und vielerorts ein Brauchtum in Riten und Symbolen entwickelt: Vor allem der lebhafte Einzug Jesu in Jerusalem wird in Teilen festlich mitvollzogen. Mit grünen, das heißt mit Hoffnungszweigen werden (je nach örtlicher Tradition) Palmen gestaltet und in einer Eröffnungsprozession zum Gottesdienst mitgeführt. Voraus wird das Kreuz getragen – schon festlich, österlich geschmückt, Symbol für die ganze Spannweite dieser Tage!

Oder – wie selbst erlebt – ein Mädchen, vielleicht in der ersten Klasse, fügt geradezu hingebungsvoll Palmzweige zusammen, mit Farbbändern geschmückt, und schaut unvermittelt auf: ja, warum musste Jesus dann doch sterben? – Prompt öffnet sich die ganze, für den Palmsonntag typische Spannweite, die schon hörbar wird in der Tatsache, dass in dieser Feier zwei(!) Evangelien als Botschaft des Lebens vorgetragen werden – der frohe, erwartungsvolle Einzug in Jerusalem und die Leidensgeschichte Jesu (in diesem Jahr nach dem Evangelisten Matthäus) – und die widersprüchlichen Rufe erklingen: „Hosianna" (= „hilf doch", du erwarteter Messias) und „ans Kreuz mit ihm!". Das Projekt des großen Hoffnungsträgers ist offensichtlich gescheitert, eine tiefe Genugtuung für die Einen, ein entsetzliches Desaster für die Anderen! Ein abrupter Umschwung ...

Dies ist schwer auszuhalten, damals in Jerusalem und heute in unserer Gesellschaft. Auch in unseren Tagen wird erlebbar, wie schnell sich der Wind drehen und Trends sich umkehren können; wie einflussreich, aber auch gefährlich, Meinungsmacher und gar Demagogen sind – und wie dies gar noch unter dem Schutzmantel der Demokratie geschieht!

Ein Schlüssel zum Verstehen?

Gibt es einen Schlüssel zum Verstehen der Spannweiten im Leben, am Palmsonntag schon offenkundig, prägend für die ganze Heilige Woche und erlebbar bis heute? Eine Verstehenshilfe ist uns gegeben im Text der heute, am Palmsonntag, vorgetragenen zweiten Lesung, ein Abschnitt aus dem Brief des Apostels Paulus, den er an seine Lieblingsgemeinde in Philippi geschrieben hat (Phil 2, 6–11). Es ist offensichtlich ein Text, den Paulus selbst schon kannte, ein überliefertes Lied, der „Christushymnus": Alles, die ganze Initiative, ging von Gott aus, und zwar um des Menschen willen, zu unserer Rettung. Gott, Schöpfer und Erhalter allen Lebens, litt (menschlich gesprochen) an den Irrwegen seines liebsten Geschöpfes. Und so entschloss er sich, in seiner Liebe dem Menschen entgegenzugehen; damit er aber vom Menschen auch gehört, wahrgenommen, verstanden werden konnte, musste er sich selbst „erniedrigen", Mensch werden – und tat dies in Jesus von Nazareth! – Das ist die „Konzeption" Gottes zu unserem Heil!

Deshalb gilt auch uns heute das Wort des Apostels Paulus: „Seid untereinander so gesinnt, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht" (Phil 2, 5). Wenn wir zu Jesus gehören wollen und in der Gemeinschaft dieses Glaubens seine Kirche in unseren Tagen sind, dann dürfen wir durchaus und herzhaft rufen: „Hosianna" („Hilf doch!"); freilich gilt es, dann auch bei ihm zu bleiben, auszuhalten und seine Treue zu unserer eigenen Haltung werden zu lassen – auch wenn unsere Wege und Pläne schlichtweg durchkreuzt werden sollten. Vermutlich geht es auch darum, das Scheitern im Leben nicht nur abwehren zu wollen, sondern mit dem Scheitern heilend umgehen zu lernen. Es ist eine spannungsreiche, solidarische Lebenspraxis mit Jesus, dem Gekreuzigten und Verherrlichten. Die Wunden des Kreuzes „bleiben" und sind auch beim Auferweckten erkennbar (zum Beispiel für den zweifelnden Thomas). Diese (Kreuzes)-Zeichen werden geradezu die entscheidende Hilfe zur Identifikation: Tatsächlich, dieser Jesus ist der Christus! – Aus diesem Bekenntnis erwächst dann durchaus die hoffnungsvolle Kraft, um inmitten der Ratlosigkeiten oder hinter vermeintlich missglückten Ereignissen, den weiter führenden Weg entdecken zu können ...

(erschienen im Konradsblatt 14/2020, Erzbistum Freiburg; Abdruck mit freundl. Genehmigung des Hg.)

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