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Erntedankfest / 17. Sonntag nach Trinitatis / 27. Sonntag im Jahreskreis (04.10.20)

Erntedankfest / 17. Sonntag nach Trinitatis / 27. Sonntag im Jahreskreis


ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Erntedank: Mk 8,1-9
17. So. n. Tr.: Mt 15,21-28
Jes 5, 1-7 Phil 4, 6-9 Mt 21, 33-44

Ich predige gerne an „Erntedank“. Gottesdienst an Erntedank – da stehen Sonnenblumen am Altar, Körbe voller Früchte und Gemüse. Äpfel und Birnen, Kartoffeln, Auberginen und Kürbisse leuchten und duften. Der Bäcker von nebenan stiftet meist ein großes Brot, dessen Kruste einem richtig Appetit macht. Segen liegt in der Luft, der alle Sinne anregt! Erntedank erinnert an die Gaben der Schöpfung, an die Gaben des Lebens selbst, an die Chancen und Möglichkeiten, die ganze Fülle, die wir empfangen. Danken macht Freude, lüftet die Denk- und Herzkammern und macht Lust, das Leben als Geschenk wahrzunehmen.

Ich predige gerne an „Erntedank“ – denn der Blick geht über das Danken hinaus. Kaum ein anderer Sonntag steht so im Zeichen von Nachhaltigkeit und Verantwortung für die Schöpfung. Zur Verantwortung gehört also ein wacher Blick, nicht bei den bunten Erntekörbchen stehen zu bleiben, sondern klar und kritisch die andauernde Zerstörung unseres Planeten anzuklagen. Die Bewegung „Friday for futue“ vieler Schülerinnen und Schüler seit Frühjahr 2019 markiert einen Stachel, der an einem Tag wie Erntedank erst recht schmerzen muss. Danken und weiterdenken könnten also zwei Bewegungen sein, zwei Leitlinien, auf die hin die Predigtimpulse zugehen sollten.

Markus 8, 1-9

Exegetische Beobachtungen

Die Perikope steht im ersten großen Abschnitt des Markus-Evangeliums, in dem es um Jesu Wirksamkeit in Galiäa geht – Jesus predigt, er heilt, er übt Wunder aus, er wird zunehmend bekannt, er eckt bei den Pharisäern und Schriftgelehrten an, und er wirkt unter anderem auch in Syrophönizien und dem Zehn-Städte-Gebiet östlich des Jordans. Die vorliegende Geschichte von der Speisung der Viertausend spielt in der Wüste (9,4) der Dekapolis, also außerhalb von Galiläa. Sie könnte eine Variante der Geschichte von der Speisung der Fünftausend (Mk 6,30 ff; Mt 14; Lk 9; Joh 6) sein. Vielleicht hat der Autor die zweite Geschichte bewusst als Dublette erzählt, um die Wirksamkeit Jesu über die Grenzen des Judentums hinaus zu verkündigen. Jesus geht der Hunger der Menschen zu Herzen, die schon drei Tage bei ihm sind und „nichts zu essen haben“.

Jesus fragt zuerst seine Jünger, was sie zu essen da haben. Sie zeigen ihm ihre sieben Brote und er lässt daraufhin die Menschen sich in Gruppen setzen. Er nimmt die Brote, er dankt und bricht sie und gibt sie weiter. Wie das Wunder der Brotvermehrung geschieht, wird nicht erklärt. Alle aber werden mehr als satt. Aus wenig wird jede Menge, denn aus sieben Broten werden sieben Körbe voller Brotbrocken, die übrig bleiben. Die Zahl sieben steht für die Vollkommenheit des Messias, dafür dass der Hunger, der die Menschen bedrohte, mehr als abgewendet ist.

Auffälliger Weise sind es dieselben Gesten Jesu, mit denen er beim Passamahl vor seinem Tod das Brot mit den Jüngern teilte: Nehmen – danken – brechen – teilen. In diesen Gesten Jesu spiegelt sich seine Sendung: Jesus ist der Messias, er gibt sich ganz und gar an die Menschen hin, seine Verkündigung und sein Leben sättigen über alle Fülle und über alle Grenzen hinaus.

Impuls für die Predigt

Die Gesten des Messias weisen die Richtung. Nehmen und danken – die Predigerin kann an diesem Sonntag mit ihren Hörerinnen und Hörern auf eine Entdeckungsreise gehen: Was habe ich in meinem Leben schon alles genommen, einfach so? Was wurde mir in die Hände gelegt? Was habe ich, was trage ich in mir, was hält mein Leben alles bereit, wenn ich mir den Blick öffnen lasse? Danken löst die Bitterstoffe auf, in die wir allzu leicht unseren Blick tauchen, wenn wir über das räsonieren, was uns im Leben alles versagt blieb. Jesus macht es also vor: nimm und danke! Erntedank mit all seinen Farben und dem Geschmack auf der Zunge! Nachhaltigkeit fängt mit dem Danken an, aus der Fülle schöpfen zu dürfen. Nachhaltigkeit wurzelt im Staunen über den Reichtum des geschenkten Lebens.

Die Gesten des Messias weisen darüber hinaus die Richtung, die nicht beim Danken stehen bleiben kann: Brechen und geben. Jesus bricht das Brot. Aus sieben Broten werden sieben Körbe. Jesus macht es vor und weist seine Jünger an. Wie anders kann nachhaltig dem Hunger und der Armut begegnet werden, als dass die vorhandenen Ressourcen geteilt werden? Brot und Reis, Zeit und Geld, medizinische Versorgung und technisches Knowhow, Wasser und Energie, Gelassenheit und Achtsamkeit, Ausdauer und Weisheit, aber auch politische und demokratische Erfahrung. Aus wenig wird jede Menge. Ob Jesus gezaubert hat? Oder alle anfingen zu teilen, was sie hatten? Das Wunder, dass die viertausend, angeregt von Jesus und den Jüngern ebenfalls das nahmen, was sie hatten, dankten, es brachen und teilten, ist immens. Ein Wunder ist es in der Tat, wenn wir teilen, was wir haben. Ob das also eine Idee wäre, gerade in diesem Gottesdienst Abendmahl zu feiern und anschließend zum Essen einzuladen? Und jeden zu bitten, etwas mitzubringen – Brot, Äpfel, Tomaten, Käse, oder einen Topf Kürbissuppe? Aus sieben Broten wird so eine wahre Fülle!

Jesaja 5, 1-7

Exegetische Betrachtung

Der Prophet Jesaja wirkte am Hof Jerusalems zwischen 739 und 701 v. Chr. In dieser Zeit begann das Assyrische Reich seine Macht im Westen und im Süden stetig auszudehnen. Vor diesem Hintergrund singt Jesaja sein Weinberglied.

Das Lied vom unfruchtbaren Weinberg ist eine der markantesten Perikopen im Ersten Testament und der ganzen Bibel überhaupt. Im Stil eines fahrenden Sängers hält der Prophet Jesaja seinem Volk in Form eines Liebesliedes den Spiegel vor. Der Weinberg ist zum einen das biblische Bild für die Geliebte (Hohes Lied 8, 12), zum anderen aber das Bild für das Volk Israel (Jes 27, 2ff; Ps 80,9ff; Mk 12, 1ff). Das Lied besingt das Verhältnis eines Freundes zu seinem Weinberg, der den Boden bebaut und kostbare Reben pflanzt, und mit einem Turm und einer Kelter alles für die Ernte vorbereitet. Nun wartet er nur noch auf die Ernte. Aber das Ergebnis der Ernte ist schlecht, die Trauben sind ungenießbar. Alle Mühe und Anstrengung, alles Tun für den Erfolg, ist umsonst.

Der „Freund“, dessen Weinberg hier besungen wird, entpuppt sich im Lauf des Liedvortrags als Gott selbst, der die „Bürger zu Jerusalem und Männer Judas“ zur Rechenschaft zieht. Was soll ich tun? So die rhetorische Frage. Ich will es euch zeigen! Und dann bricht die Ankündigung des Unheils über den Weinberg herein – und über die Hörenden. Verwüstung und Zerstörung, der Weinberg wird seinem Schicksal überlassen. Denn der Weinberg entsprach in seiner Qualität nicht den Erwartungen Gottes. Die „Männer Judas, seine Pflanzung, an der sein Herz hing“, entsprachen eben nicht dem Bild, das Gott von ihnen hatte und hat. Statt Rechtsspruch ergab es als Ernte nur Rechtsbruch der Gerechtigkeit. Dem Wortspiel der deutschen Übersetzung liegt das hebräische Wortspiel von „Mischnath“ (Rechtssatz) und „Mispach“ (Rechtsbruch) zugrunde. Was in der Sprache ähnlich klingt, offenbart sich in der Sache als diametraler existentieller Gegensatz. Aus Recht wird Rechtsbruch, aus Gerechtigkeit wird Unrecht. Liest man die Verse 5,8ff weiter, versinkt das Land im sozialen Unrecht: Großgrundbesitzer enteignen kleine Bauern, sie reihen Besitz um Besitz, sie raffen Haus um Haus und alles Land an sich. Lüge, Alkoholismus und der alleinige Fokus auf dem eigenen Wohlleben rufen die Kritik Gottes hervor. „Wehe denen, die Böses gut und Gutes böse nennen…“ (5,20). Gott wird daher, so der Prophet, sein Volk, dem Machtstreben Assurs überlassen, und es dem Untergang preisgeben.

Impuls für die Predigt

Das Weinberglied an Erntedank? Welche Ernte, welcher Dank, so mag sich der Prediger fragen. Das Weinberglied lässt beides vermissen. Die Ernte, die Gott einfährt, ist alles anderes als eine Ernte im klassischen Sinn. Und sie regt alles andere als zu Dank an. Wer dieses Lied predigt, braucht einen langen Atem. Um die Wahrheit auszuhalten, um sie zu benennen, um ihr nicht auszuweichen. Beispiele für Enteignungen, Korruption und Gier, für einen um sich greifenden Kapitalismus, und einen Narzissmus, der nur sich selbst verpflichtet ist, lassen sich zur Genüge finden.

Und doch wäre eine Predigt schlecht beraten, sich nur dem Klagelied hinzugeben und all das einzufordern, was auch heute an Gerechtigkeit und sozialem Frieden fehlen. Eine Predigt über das Weinberglied an Erntedank wird versuchen, zunächst den Weinberg zu besingen. Das Gute, das Gott im Sinn hat, und die Güter, die er schenkt, an denen wir teilhaben und von denen wir leben. Was ist unser Weinberg, was sind unsere Kräfte und Chancen, was sind unsere unverzichtbaren Güter – wie Menschlichkeit, Hingabe und Achtsamkeit, Gerechtigkeit und Frieden, Schutz der Armen, Sorge für die, die auf der Schattenseite der Gesellschaft leben müssen? Was sind die Chancen, was ist der Reichtum unserer je eigenen Kirchengemeinde und Dekanate bzw. Bistümer? Hier könnte die Predigt ansetzen und die Augen öffnen für die Kräfte, die wir als Gesellschaft, als einzelne, aber auch als Kirche haben. Und dann kommt alles darauf an, was wir damit machen. Ob wir die Freiheit auch nutzen, Gerechtigkeit einzufordern und sie zu gestalten.

This land is my land, so besang der US-amerikanische Songwriter Woody Guthrie in dem gleichnamigen Song aus dem Jahr 1940 sein Land, eine Entdeckungsreise quer durch die USA, um die Schönheit und Weite des ganzen Landes in den Blick zu nehmen.

This land is your land This land is my land
From California to the New York island;
From the red wood forest to the Gulf Stream waters
This land was made for you and Me.

Aber in der vorletzen Strophe bekommt der hymnische Refrain eine sozialpolitische Schärfe:

In the shadow of the steeple I saw my people,
By the relief office I seen my people;
As they stood there hungry, I stood there asking
Is this land made for you and me?

Dieses Fragezeichen an Erntedank zu predigen, bleibt die Herausforderung.

Woody Guthrie, der fahrende Folksänger, gab seine Antwort auf dem freedom highway:

Nobody living can ever stop me,
As I go walking that freedom highway;
Nobody living can ever make me turn back
This land was made for you and me.

Philipper 4, 6-9

Exegetische Betrachtung

Es lohnt sich, die ersten Verse des Schlusskapitels des Philipperbriefes mitzulesen, weil sie die Haltung des Apostels offenbaren, sozusagen die Quelle, aus der er lebt. Paulus sehnt sich nach seiner Gemeinde, sie ist seine Freude und seine Krone (Vers 1). Paulus unterstreicht die Freude, die aus dem Glauben wächst: „Freut euch in dem Herrn“ (Vers 4). Der Apostel regt seine Gemeinde an, ohne Sorge zu leben (Vers 6). Ähnlich wie Jesus das in der Bergpredigt formuliert hat (Mt 6,25: „Sorgt euch nicht um essen und trinken…“ und Mt 6,34: „Sorgt euch nicht um euer Leben…“). Denn eine sorglose Existenz lebt aus der Haltung des Gebets, das in Bitten und Flehen mit Danksagung auf Gott ausgerichtet ist. Kein Gebet, keine Bitte, kein Flehen also ohne Dank! Dem schließt sich folgerichtig der Segenwunsch von Vers 7 an: „Und der Friede Gottes…bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.“ Wer so beten kann, wer das Danken als Lebenshaltung einübt – dessen Herz und alle Sinne mögen im Frieden Gottes bewahrt bleiben. Und zwar in Christus Jesus. In dieser Formel verdichtet sich die gesamte paulinische Theologie. In Christus Jesus wurzelt unser Sein als Christinnen und Christen. In Christus Jesus sind wir durch Gott versöhnt. In Christus Jesus erleben wir uns als Gemeinde derer, die beten, die glauben, hoffen und lieben. Vers 8, der für sich gelesen wie ein bloßer Tugendaufruf klingt, schließt sich als erneuter Aufruf an, aus diesem „in Christus Jesus“ zu leben: „Was wahrhaftig ist, was ehrbar, was gerecht…, darauf seid bedacht“. Aus dem „Sorgt euch um nichts“, das aus dem Gebet „mit Bitten und Flehen und Danksagung“ schöpft, und sich im Frieden Gottes in Christus Jesus verankert weiß, erwächst ein Leben, das wahrhaftig ist, gerecht und rein. Darauf seid bedacht!

Impuls für die Predigt

Erntedank – wie ein Erntekorb, so kommen mir diese Zeilen vor. Gefüllt mit Freude, mit Sorglosigkeit, mit Dank und mit einem Frieden, der höher ist als alle Vernunft. Und den man sich nur schenken lassen kann. In Christus, das ist die tiefe Lebensweisheit, in der sich Paulus gefunden hat. Wer an Erntedank predigt, möge also die Vielfalt der Früchte und ihre Farben und Düfte in den Blick nehmen und sie mit dem Erntekorb des Paulus in Beziehung setzen. Oder man stelle eine Vase auf den Altar und fülle sie mit den Astern der Freude, denn sie leuchten in einem wahren Farbenrausch von Orange, Rot und Violett, und mit den Sonnenblumen der Sorglosigkeit, denn ihre Kerne tragen jetzt schon ins nächste Jahr, und mit den Hortensien des Friedens, denn viele einzelne Blüten zusammen ergeben ein Ganzes – und mit Rosen, sie symbolisieren Christus, ihre Blüten und Dornen weisen auf ihn.

Vielleicht lässt sich eine Gärtnerin finden, die Lust hat, sich am Füllen der Vase zu beteiligen und sogar den Gottesdienst mitzugestalten. Darauf seid bedacht – vielleicht lassen sich Konfirmanden finden - die einen, die ein Dankgebet formulieren, und die anderen, die Lust haben, zwei drei Szenen zu spielen, in denen es um Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit geht, oder die von ihrem Einsatz für „Friday for future“ erzählen können. Und am Ende bekommt jeder Gottesdienstgast eine Sonnenblume, eine Rose, eine Aster oder eine Hortensie mit auf den Weg. Oder eine ganz andere Blume, die sich Predigerin und Gärtnerin überlegt haben. Blumen, die wir weiterschenken, die uns in Erinnerung rufen, dass unser Leben Geschenk ist – und Auftrag, es nachhaltig zu teilen.

Markus Stambke, Limburg

Literatur

Biblia Hebraica Stuttgartensia, 1984
Die Bibel nach Martin Luthers Übersetzung, rev. 2017
Ludwig Koehler, Lexicon in veteris testamenti libros, 1958
Nestle-Aland, Das Neue Testament – Griechisch und Deutsch, 4. Auflage 2003
https://www.woodyguthrie.org/Lyrics/This_Land.htm

 

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