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16. Sonntag nach Trinitatis / 26. Sonntag im Jahreskreis (27.09.20)

16. Sonntag nach Trinitatis / 26. Sonntag im Jahreskreis


ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
2 Tim 1,7-10 Ez 18, 25-28 Phil 2, 1-11 Mt 21, 28-32

Vorbemerkung

Ich beschränke mich auf den evangelischen Predigttext 2. Tim 1,7-10 und den zweiten katholischen Lesungstext Phil 2, 1-11.

Das Verbindende: Paulus wie auch ein Paulusschüler (Autor des Timotheusbriefs) blicken auf Konflikte, welche die Zukunft massiv in Frage stellen. Ihre Sorge ist, dass durch Zusammenstöße mit Irrlehrern und leidensvolle äußere Bedrohungen der Glaube erlahmen und die Gemeinden zerfallen könnten. Beide ermahnen die Gemeinden und Gemeindeleitenden. Sie wollen damit auch Trost, Kraft und Hoffnung in der Bedrängnis spenden, neue Orientierung geben und Wege in die Zukunft öffnen. Die befreiende Botschaft des Evangeliums stellen beide in den Mittelpunkt.

Ich frage nach der visionären, Hoffnung stiftenden und zukunftsöffnenden Kraft der evangelischen Botschaft und damit nach ihrer Bedeutung für das aktuelle gesellschaftliche Engagement von Christ*innen und der Kirche. Welche (Aufbruchs-)Impulse gibt der Glaube an den vom Tod auferstandenen Christus heute, angesichts bedrückender Zukunftsperspektiven, angesichts des hohen Zeit– und Handlungsdrucks, vor denen uns gesellschaftlichen „Mega-Aufgaben“ stellen?


Weitergehende Assoziation

„Die Dinge nicht nur so zu sehen, wie sie sind, sondern sie zu sehen, wie sie in jener Zukunft sein können und dieses Seinkönnen jetzt zu realisieren, heißt, der Zukunft gerecht zu werden.“ (Ethik der Hoffnung, Gütersloh 2010, S. 26).

Was tragen die Texte zu einer „Ethik der Hoffnung“ bei, die Kraft gibt nicht nur das Schlimmste zu verhindern sondern mutig das Lebensdienliche zu tun?


2. Tim 1,7-10

Strittig ist die Autorenschaft des Briefes. Vieles spricht für einen Paulusmitarbeiter, der sich mit seinem Schreiben exemplarisch an Gemeindeleitende wendet. Das zentrale Thema ist die rechte Ordnung des Gemeindelebens in Lehre, Lebensweise und Organisationsform.

Im Vordergrund steht das wahrhaftige, unverstellte Glaubenszeugnis unter den Bedingungen der Welt (Martyria) als wichtiges Kennzeichen des Gemeindeseins.

Bezug zur Nachhaltigkeit

Die Umsetzung der UN-Nachhaltigkeitsziele, das Erreichen der Pariser Klimaziele, der ökologisch konsequente, sozialgerechte Umbau der deutschen Volkswirtschaft, um Klimaneutralität deutlich vor 2050 zu erreichen, stellt die Gesellschaft vor massive Herausforderungen. 2020 wird Deutschland seine eigenen Klimaziele krachend verfehlen.

Wir wissen, was zu tun ist. Aber vielfach tun wir geradezu das Gegenteil von dem, was wir wissen! Der Prozess der gesellschaftlichen Transformation kommt nur schleppend voran. Jahrzehnte wurden durch Interessenskonflikte und Blockaden vertan. Nur noch ein kleines Zeitfenster bleibt für „radikale“, d.h. an die Wurzeln gehende, Veränderungen. Die junge Generation (F4F) ruft – nachvollziehbar und unterstützenswert - zum massiven Protest gegen eine Politik auf, die das Versprechen der Zukunftssicherung und Daseinsvorsorge nicht mehr glaubwürdig vertritt.

2. Tim 1,7-10 wirft (selbst-)kritische Fragen auf und setzt gleichzeitig „erneuerbare“ Energien unseres Glaubens frei für das gesellschaftliche Engagement der Kirche wie von Christ*innen.

Welches gesellschaftliche und persönliche Zeugnis gibt die Kirche, geben wir Christ*innen ab? Ist es eine Haltung, die geprägt ist von Furcht und Verzagtheit? Eine Haltung des „da kann man doch nichts mehr tun!“ oder ist es eine Haltung, die mit „Kraft“ und „Besonnenheit“ auf konsequente Veränderungen drängt und dazu einen mutigen Beitrag leistet?

Paulus erinnert an die weltverändernde Kraft des Evangeliums und damit an den neuen Himmel und eine neue Erde. Daran, dass eine andere Welt möglich und uns verheißen ist und wir eingeladen und aufgefordert sind – nach unseren Möglichkeiten - daran mitzuwirken. Aus dieser Verheißung und aus der Hoffnung, die sie frei setzt, können und sollen wir leben und tun „was dran ist“. Gott gibt uns dafür einen Geist der Kraft und der Besonnenheit. Durch ihn werden wir ermutigt und bestärkt


Phil 2, 1-11

Paulus ermahnt die Philipper den Irrlehren zu widerstehen und einmütig in der Liebe zu sein. Sie sollen darauf vertrauen, dass sie schon jetzt durch ihre Zuwendung zu Christus zur Gemeinschaft der von Gott Geretteten gehören. Das konkrete Leben aus dieser Liebe (Phil 2,2) manifestiert sich in einem fundamentalen Perspektivwechsel, der das Wohl des und der anderen immer im Blick behält (Phil 2,3-4). Damit widerspricht Paulus diametral den Wertehierarchien der frühchristlichen Umwelt.

Bezug zur Nachhaltigkeit

Der Brief an die Philipper ist in Teilen eine Mahnrede, sich in schwieriger Zeit als Gemeinde zu bewähren. An Mahn- und Warnreden über den Klimawandel und über die Notwendigkeit nachhaltiger Entwicklung mangelt es auch heute (zu Recht!) nicht. Doch zu oft verhallen sie wirkungslos. Schlimmer noch: Sie hinterlassen Lähmung oder Verdrängung. Lösungsstrategien, wie die „große Transformation“ oder die „Dekarbonisierung der deutschen Volkswirtschaft“, kommen vielen als seelenloses, hochabstraktes technokratisches Manöver daher, das Angst erzeugt, weil individuelle Sorgen und Ängste, aber auch die ganz persönliche Vorstellung von Glück und gelingender Gemeinschaft sich nicht darin wiederfinden .

Paulus Mahnrede an die Philipper ist anders. Sie beschreibt sehr konkret die Grundlagen eines zukunftsfähigen Zusammenlebens, dessen Vorbild und Zentrum Christus ist.

Paulus wirbt für ein engagiertes, achtsames Leben im Hier und Jetzt, auch wenn er das eigentliche Gemeinwesen der Christ*innen im Himmel sieht. (Phil 3,20). Gerade nicht in der Weltflucht, sondern von einem achtsamen, solidarischen Miteinander im Lichte (nicht im Schatten!) der zukünftigen besseren Welt wird christliches Leben geprägt. Seine Kraft schöpft dieses Leben aus der Verheißung Christi, der den Tod schlechthin überwunden hat und mit ihm alles, was Menschen bereits vor dem Tode tötet.

Paulus fordert von der Gemeinde in Philippi diesem Vorbild und dieser Verheißung Jesu zu folgen. Seine Mahnrede ist daher keine Ermahnung im engeren Sinne, also kein Aufzählen von Verboten, Geboten, roten Linien etc. ,so wichtig diese auch in anderen Kontexten sind.

Seine Mahnung ist vielmehr eine Ermutigung, ein „Aufruf zur Befreiung“. Befreit euch von allem, was ein Menschenleben eng werden und verkümmern lässt. Streift die Fesseln von Eigennutz und Selbstfokussierung ab. „Tut nichts (…) um eitler Ehre willen, sondern in Demut achte einer den andern höher als sich selbst, und ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was dem andern dient“ (Phil 2, 3.4).

An vielen Orten brechen Menschen aus der Enge auf, nicht um des Eigennutzes Willen sondern in Verantwortung für ein menschwürdiges Zusammenleben, in Verantwortung für andere, für das (Über-)leben heutiger und nachfolgender Generationen. Sie setzen sich für den schnellen Kohleausstieg ein, für den Hambacher Forst und für die Menschen in den Dörfern, die noch von der Abbaggerung bedroht sind. Überall im Land - mehr als oft vermutet und von den Medien wahrgenommen - gibt es Initiativen der nachhaltigen Entwicklung im Großen wie im Kleinen. Menschen, die ihr Quartier lebenswerter gestalten, Geflüchteten tatkräftig beistehenden, mit Urban Gardening trostlose Plätze ergrünen lassen, gemeinsamen ressourcenleichten Lebensstil ausprobieren, Stadtteilläden betreiben oder mit der Solidarischen Landwirtschaft neue Modelle zukunftsfähiger Ernährung erproben. Das Projekt „Wege zur Nachhaltigkeit“ macht diese Vielfalt an Initiativen beispielhaft für Dortmund sichtbar.

Es ist wichtig, dass wir uns nicht nur an unsere Defizite, an mal wieder gerissene Klimaziele erinnern und erinnern lassen,  sondern auch an das, was uns schon jetzt gelingt und daran, welche Potenziale in uns stecken, die Welt zu einer besseren zu machen.

Gott traut uns viel zu! Zur Freiheit hat Christus uns befreit (Gal 5,1). Als im Glauben Befreite können und sollen wir nach unserem Vermögen Verantwortung übernehmen für unsere nahen und fernen Nächsten, für nachfolgende Generation und für den Erhalt der Schöpfung. Dies ist nicht nur Gottes Anspruch sondern auch sein großer Zuspruch an uns.

Klaus Breyer, Schwerte-Villigst

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