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15. Sonntag nach Trinitatis / 25. Sonntag im Jahreskreis (20.09.20)

15. Sonntag nach Trinitatis / 25. Sonntag im Jahreskreis


ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
1 Mose 2,4b-9(10-14)15 (18-25) Jes 55, 6-9 Phil 1, 20ad-24.27a Mt 20, 1-16a

Grundtenor: Der Geschenkcharakter des Lebens und das Verdanktwissen in der Liebe Gottes zeigt sich christlich antwortend in einem verantwortlichen Umgang mit den Menschen und mit den Gütern dieser Erde.

Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg (Matthäus-Evangelium) lässt sich sowohl sozialkritisch als auch spirituell lesen und interpretieren. Eine sozialkritische Lesart greift die Gerechtigkeitsfrage auf und betrachtet die Entlohnung. Normalerweise gilt das Prinzip: je mehr gearbeitet, desto mehr Lohn. Gerecht ist eine Bezahlung, die sich an der Arbeitszeit bemisst. Im Gleichnis bekommt der Tagelöhner 1 Denar, was einer Summe entspricht, von der er einen Tag leben kann. Sozialkritisch bedeutet dies, dass jeder so viel verdienen sollte, dass er davon leben kann. In unserer Zeit konkretisiert sich dies in der Frage der Höhe des Mindestlohns. Wie hoch muss er sein, um ohne zusätzliche staatliche Unterstützung leben zu können? Im Sinne der Nachhaltigkeit wäre zu fragen, wie hoch der Lohn sein muss, damit es nicht nur zum Überleben reicht, sondern auch noch zur Absicherung im Alter. Zudem die Frage, was derjenige bekommen soll, der keine Arbeit findet? Unter sozialkritischer Perspektive lassen sich Anfragen an unser kapitalistisches Wirtschaftssystem generell stellen. Was ist zu halten von dem marxschen Diktum: „Jedem nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen“? Oder wie steht es um ein bedingungsloses Grundeinkommen, dass jede/r unabhängig von einer Tätigkeit erhält? Welche Vor- und Nachteile bietet es? In Bezug auf die Wirtschaft schwingen Aspekte von Armut und Ausbeutung mit, von Gleichbehandlung und gerechter Entlohnung.

Eine religiös-spirituelle Lesart wird den Akzent auf das Handeln Gottes legen. Es geht dann weniger um die Frage der Gerechtigkeit, sondern mehr um die Frage der Liebe. Gott schenkt auf seine Gutsherrenart seine Liebe unbegrenzt. Ihr bekommt den Lohn ausgezahlt, den ihr vor Gott verdient. „Was der Mensch vor Gott ist, das ist er“, sagt der hl. Franziskus. Es ist eine Umsonst-Erfahrung. Gottes Lohn gibt es umsonst. Gratis sozusagen. Gratis ist fast dasselbe lateinische Wort wie Gratia = Gnade. Gnade meint Gottes frei geschenkte Liebe zu uns Menschen. Und die ist unendlich und somit nachhaltig. Gottes “Ungerechtigkeit“ zeigt sich als Liebe und Freigiebigkeit, die er religiösen Frühaufstehern wie religiösen Spätzündern gleichermaßen gewährt.

All denen, die es für ungerecht halten, dass den religiösen Spätaufstehern derselbe Lohn gewährt wird, hält der Prophet Jesaja entgegen, dass Gottes Wege nicht unsere menschlichen Wege sind und Gottes Gedanken ganz andere als unsere Gedanken. Unser Leistungsdenken ist eben nicht Gottes Maßstab, unser religiöser Hochleistungssport keine Gewähr für eine himmlische Entlohnung. Gott ist größer als unsere Gerechtigkeit.

Die Perikope, die im evangelischen Gottesdienst vorgetragen wird, schildert in der Paradieserzählung, wie Gott den Menschen schuf und ihn in den Garten Eden setzt. Wichtig ist der Zielsatz: „damit er ihn bebaue und hüte“ (1 Mose / Gen 2,15). Über die richtige Interpretation des Menschen im Verhältnis zu seiner Umwelt ist immer wieder gerungen worden. Inwieweit eine christliche Theologie die Ausbeutungsmechanismen gefördert hat, ist umstritten. Wenn es in der Schöpfungsgeschichte heißt: „Macht euch die Erde untertan“, dann kann das als eine anthropozentrische Sichtweise (der Mensch als Krone der Schöpfung) und als ein Freibrief zur Ausbeutung verstanden werden. Papst Franziskus sagt in aller Deutlichkeit, dass es in den Schöpfungsgeschichten nicht um historische Sachverhalte geht, sondern um theologische, wo uns in symbolischer und erzählender Sprache etwas nahegebracht wird. In seiner Interpretation geht es darum, dass wir Hüter der Schöpfung sind, nicht Herrscher; dass wir die Erde als einen Garten zu pflegen haben, um Lebensraum für alle sicherzustellen und dies auch langfristig. Die Schöpfungsgeschichte beinhaltet den Auftrag, „den Garten der Welt zu „bebauen“ und zu „hüten“ (vgl. Gen 2,15). Während „bebauen“ kultivieren, pflügen oder bewirtschaften bedeutet, ist mit „hüten“ schützen, beaufsichtigen, bewahren, erhalten, bewachen gemeint. Das schließt eine Beziehung verantwortlicher Wechselseitigkeit zwischen dem Menschen und der Natur ein.“ [Laudato si 67]Konkret bedeutet dies für Papst Franziskus:die Verbundenheit von allem zu erspüren, die Gesetze der Natur und die empfindlichen Gleichgewichte unter den Geschöpfen auf dieser Welt zu respektieren, den Eigenwert alles Geschaffenen anzuerkennen, die Dinge nicht gegen ihre Ordnung zu gebrauchen und so den Fortbestand der Erde zu sichern. Nachhaltigkeit bedeutet, die Umwelt als Mitwelt zu verstehen und uns Menschen als Teil des Ganzen zu begreifen.

Nachhaltigkeit ist der Dreiklang aus Ökonomie, Ökologie und sozialer Gerechtigkeit. Angesichts der Herausforderungen des Klimawandels, der Biodiversität (Artensterben) und des Bodenverlusts verbinden sich die ökologischen Themen aus der Schöpfungsgeschichte mit den ökonomischen und sozialethischen Fragen aus dem Matthäusevangelium. Theologisch gesprochen erweist Gott seine Nachhaltigkeit im Geschenkcharakter unseres Lebens, der sich antwortend in einem verantwortlichen Umgang mit den Menschen und mit den Gütern dieser Erde zeigt.

Stefan Federbusch, Hofheim

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