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4. Sonntag nach Trinitatis / 14. Sonntag im Jahreskreis (05.07.20)

4. Sonntag nach Trinitatis / 14. Sonntag im Jahreskreis


ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Röm 12,17-21 Sach 9, 9-10 Röm 8, 9.11-13 Mt 11, 25-30

Römer 12, 17-21

Die Predigttexte ab den Sonntagen nach Trinitatis geben Hinweise, wie christliches Leben gelingen kann.

In meiner Kirchenjahrsapp[1] lese ich zum 4. Sonntag nach Trinitatis ein Thema, das nichts an Aktualität gegenüber der Entstehungszeit des Römerbriefs des Apostel Paulus verloren hat. Dort heißt es: „Wie kann ein friedliches Zusammenleben gelingen?“ Die kleine christliche Gemeinde in Rom konnte sich nur durchsetzen und überleben, in dem sie ganz anders agierte als es der Mainstream lebte. „Wenn möglich, sollte mit allen Menschen in Frieden gelebt werden, „ diese Formulierung zeigt schon die Schwierigkeit, das zu leben. „ Wenn möglich!“ Friedrich Schiller formuliert das dann so: „Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt.“[2]

Dennoch sollen sich Christen sich nicht auf die Stufe der anderen stellen. Keine Rache soll auf Ungerechtigkeit folgen. Anderssein ist angesagt: Nicht die Suppe, sondern das Salz sein, das in der Gesellschaft für den nötigen Drive in die richtige Richtung sorgt.

Was ein Text für unsere heutige Zeit, wo wir schnell dabei sind eine Retourkutsche des Hasses per Internet zu verbreiten und dem politischen Gegner/ der politischen Gegnerin verbal an die Gurgel zu gehen. Das Ergebnis sehen wir dieser Tage mit dem Mord an den CDU-Politiker Walter Lübcke, der sich für Flüchtlinge eingesetzt hat. Laut Paulus, der hier ganz im Sinne Christi[3] schreibt, sind für Christen Hass und Rache keine Optionen. Auch wenn das die Christen der ersten Stunde mühsam lernen mussten angesichts von Brutalität und Feindlichkeit, und wenn wir es 2000 Jahre später genauso einstudieren und üben müssen, weil uns dieses Verhalten nicht in die Wiege gelegt wird.

Für Paulus spielt das Gottvertrauen eine große Rolle. Manche Dinge können auf Erden nicht gelöst werden, die kann man getrost Gott überlassen, weil jede weitere Eskalation eine Stufe tiefer in den Abgrund wäre.

Was wir können ist, aufgrund unseres Vertrauensvorschusses von Gottes Gnade, anders zu handeln: „ Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem“. Dieser Vers ist die uneingeschränkte Nummer 1 der selbstgewählten Konfirmationssprüche. Als hätten Konfirmanden und Konfirmandinnen ein Gespür für die Ungerechtigkeiten und wüssten ganz genau, im tiefsten Inneren ihrer Seele was das Geheimrezept gegen Ungerechtigkeit ist: Dem Gegner mit viel Fantasie, Barmherzigkeit und Schläue in die Schranken zu weisen.

Ich denke oft im Sommer 2019 an die jungen Menschen, die sich in vielfältigen Gebieten engagieren und mit ihrem Einsatz, viele andere zum Nachdenken bringen. „ Friday for future“, „Jugend rettet“, als zwei Beispiele. Die einen führen uns die Folgen unseres Handelns mit sanfter Macht der Straße vor Augen. Die anderen retten Menschen aus Seenot, helfen mit, dass die christliche Seefahrt noch lange nicht ausgedient hat, wo es oberste Maxime war, einen Menschen aus Seenot zu retten, gleich welcher Nationalität und Herkunft er / sie hatte.

Mit ihrem Handeln zeigen sie den Verantwortlichen in der europäischen Politik die rote Karte der Mitmenschlichkeit und der Gerechtigkeit für Mensch, Tier und Umwelt. Ohne Gewalt und Hass.

„ Überwinde das Böse mit Gutem, “ das ist Paulus Aufforderung an uns: Handelt!

Sacharja 9, 9-10

Es wird weihnachtlich mitten im Sommer. Ein Text, auf dem das Lied im „Tochter Zion“[4] gründet. Alle haben die Assoziation des Einzug Jesu in Jerusalem am Palmsonntag oder das Warten auf den Erlöser im Advent. Der Prophet Sacharja lebte um 520 v. Chr. Er hatte ein Thema: die Menschen dazu zu bringen, den von Nebukadnezar zerstörten Tempel in Jerusalem wieder aufzubauen. Nur: Die Rückkehrer aus dem babylonischen Exil hatten erst einmal andere Sorgen als den Tempel wieder aufzubauen.

Wie bekommt man die Menschen dazu, es trotzdem zu tun? Indem man ihnen erzählt, für wen dieser Tempel dient. Das wird mit einem starken Bild des Erlösers, des Messias, beschrieben. Der Friedefürst, der kein Streitross mehr nötig hat, der gerecht ist und ein Helfer der Menschen, dem es nicht gleichgültig ist, wie es einem geht. Der sogar die ganze militärische Maschinerie zerstört.

Immer wieder werden Diskussionen geführt, wie politisch darf Kirche sein? Wenn wir diese alten Texte lesen, dann springt doch diese Lebensnähe in die Augen, jeder hat sofort das Bild von den Schwertern zu Pflugscharen vor Augen. Das hat auch seine Berechtigung. Wenn Menschen neben ihrem eigenen schweren Leben noch für den Unterhalt des Heeres zu sorgen haben, wo einem noch eine Niederlage vergangener Kriegstage in den Knochen steckt, dann kann man keinen Tempel für einen Gott bauen, der einem fern ist. Wenn dieser Gott sich jedoch zu den Menschen begibt, arm und gerecht zu ihnen kommt, mit ihnen das Leben teilt, dann ist man eher bereit für diesen Gott, der einen dauerhaften Frieden bringt, etwas zu tun. Dieses Bild des friedfertigen Erlösers in die heutige Zeit zu übertragen und damit zu spielen und die Gemeinde einzuladen, sich das Kommen und die eigene Reaktion auszumalen.

Was wäre für uns anders, wenn dieser Gott, morgen eintreffen würde?

Hat Dostojewski[5] am Ende Recht?

Röm 8, 9.11-13

Ein spannender Text, der wie der erste Text aus Röm 12, das Leben als Christ/ Christin zum Thema hat. Die geistliche Existenz als Christ oder Christin, fordert das ganze Leben nach Christi Vorbild. Wenn es zu Paulus Zeiten schon ein Sonntagschristentum gegeben hätte, mit diesen Worten holt er alle Verfechter eines zu Schau getragenen Christseins auf den Boden der Realität zurück.

Wenn ihr aus Gottes Geist lebt, dann zeigt es dieser Welt, auch wenn euer Körper manchmal schwach ist, lasst nicht nach in dem ihr anders handelt. Bei euch soll es gerecht zugehen, die Kranken gepflegt, die Fremden beherbergt, die Hungrigen gespeist und Barmherzigkeit und Liebe gelebt werden, so wie Christus.

Wer kann von uns Christen die Augen vor der Welt verschließen? Dieser ganze Text ist eine Absage an alle Egoisten, die nur sich sehen und ihr Seelenheil. Beispiele gibt es genug, als Prediger und Predigerin genügt ein Blick an die morgendliche Zeitung.

EingangZionskircheMt 11, 25-30

Über dem Eingang der Zionskirche in Bethel, Bielefeld, steht dieser Spruch:

„ Kommt her zu mir, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken“.

Damals wurde die Kirche mit den Händen der Heimbewohner zuzeiten Pastor Bodelschwinghs gebaut, um den psychisch Erkrankten und den Menschen mit Behinderungen die Möglichkeit zu geben, die frohe Botschaft vom Reich Gottes zu hören.

Alle sind bei Jesus willkommen, auch wenn sie ganz andere Erfahrungen in ihrem Leben gemacht hatten. Gerade ist der Kirchentag vorbei und seit dem Abschlussgottesdienst macht ein Wort aus der Predigt von Dr. Sandra Bils[6] die Runde, wir Christen sind „Gottes Gurkentruppe, “ was so viel heißt, wir sind unvollkommen vollkommen in Gottes Augen.

Nehmen wir in unserem Leben diese Einladung Jesu an? Wo wird uns sichtbar und deutlich? Und was bedeutet, wenn Jesus davon spricht: „ Denn mein Joch ist sanft und mein Last ist leicht? “ Besonders dann, wenn wir es im Leben anders erfahren.

Wo ist die Tür, durch die wir gehen können uns so angenommen fühlen, wie Jesus es beschreibt.

Wo erfahren das Menschen heute?

Kann Kirche diesen Ort bieten?

Elke Wedler-Krüger, Freimersheim

Literatur

[1] Kirchenjahr evangelisch, www.kirchenjahr-evangelisch.de
[2] Wilhelm Tell IV, 3. (Tell), Friedrich Schiller
[3] vgl. Bergpredigt Mt 5
[4] EG 13
[5] Die Brüder Karamasow, von Fjodor Michailowitsch Dostojewski gemeint ist hier: die Anspielung auf „den Großinquisitor“
[6] Dr. Sandra Bils, Predigt zum Abschlussgottesdienst nachzulesen auf www.evangelisch.de

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