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3. Sonntag nach Trinitatis / 13. Sonntag im Jahreskreis (28.06.20)

3. Sonntag nach Trinitatis / 13. Sonntag im Jahreskreis


ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Micha 7,18-20 2 Kön 4, 8-11.14-16a Röm 6, 3-4.8-11 Mt 10, 37-42

Insbesondere der ev. Predigttext in Micha 7,18-20 kann eine Antwort darauf geben, woher wir trotz aller Frustrationen die Energie nehmen können, uns für eine „Große Transformation“ unserer Gesellschaft im Sinne von Nachhaltigkeit einzusetzen. Zwei der drei weiteren Texte eignen sich ergänzend dazu mit jeweils anderen Schwerpunkten.

Zur Stellung im Kirchenjahr

„Gott nimmt das Verlorene an“. Die Predigttexte zum 3. Sonntag n.Tr. lassen sich in der Aussage zusammenfassen: Gott nimmt uns so an, wie wir sind, ungeschminkt, ungeschönt. Er errettet uns aus hoffnungslosen Situationen und führt uns zu Heil und neuem Leben. So könnte man im Rahmen einer sehr allgemeinen und traditionellen Frömmigkeit den liturgischen und theologischen Kern dieses Sonntags beschreiben.

Um den Sonntag auf seinen Beitrag zu einer Kultur der Nachhaltigkeit hin zu prüfen, muss man diese Grundaussage gar nicht gegen den Strich bürsten. Man muss sie nur so in den strukturell aktuellen Kontext stellen, dass für Hörerinnen erfahrbar wird: Das ist das aktuelle Wort zum Tage, das mich auf einen neuen Weg bringt!

Zur homiletischen Situation

Das strukturell Neue der gegenwärtigen Situation kann mit dem Stichwort „Anthropozän“ beschrieben werden. Mit diesem Stichwort wird deutlich, dass ein von Menschen gemachtes, neues erdgeschichtliches Zeitalter angebrochen ist[1]. Der Mensch ist mittels der technisch-industriellen Kultur zu einer Kraft geworden, die ein neues erdgeschichtliches Zeitalter bewirkt hat – er ist sozusagen zu einem erdgeschichtlichen Subjekt geworden, ohne ein wirkliches Bewusstsein von dieser Tätigkeit zu haben. Nicht nur die Veränderung des Klimas, auch das Artensterben, die Feinverteilung künstlich erzeugter Materialien bis in die hintersten Winkel der Erde zu Wasser, zu Lande und in der Luft und vieles mehr begründen diese Feststellung.

Jahrzehntelang wurde diese machtvolle Beeinflussung der Natur durch technisch-industrielle Prozesse jedoch geleugnet; die Botschaft der „Propheten“, die auf die Gefahren hinwiesen, wurde an den Rand gedrängt. Dass die Folgen unseres Tuns nun immer mehr an den Tag kommen, löst psychosoziale Vorgänge aus, die für ein proaktives Handeln in dieser Menschheitskrise durchaus gefährlich sein können. Durch die Art unseres Wirtschaftens und Lebens sind wir alle verstrickt in Schuldzusammenhänge im Blick auf den Umgang mit der Natur, nicht erst durch den scheinbar harmlosen Urlaubsflug, sondern schon durch die Art, wie wir wohnen, wie wir arbeiten, durch die Benutzung des Geldes – alles verbindet uns unentrinnbar mit der in unseren Gesellschaften üblichen Arten des Wirtschaftens.

Wenn wir predigen, haben wir es in unseren Gemeinden mit – mindestens – zwei Gruppen zu tun:

-      da sind die Hochengagierten, die lange schon auf diese Entwicklungen hingewiesen und sich für ein Umsteuern in unseren Gesellschaften eingesetzt hatten; sie könnten depressiv reagieren, weil ihr jahrelanges Engagement wenig genutzt zu haben scheint;

-       und da sind diejenigen, die diese Entwicklungen nicht gesehen haben oder nicht sehen wollten und nun immer deutlicher und nicht mehr widerlegbar (Klimawandel, Gletscherschmelze, Anstieg des Meeresspiegels, Artensterben, Auftauen der Permafrostböden…) mit ihnen konfrontiert werden. M.E. bildete auch für diese Gruppe die heraufziehende Krise lange schon so etwas wie ein Hintergrundrauschen, das teils verdrängt, teils am Rande wahrgenommen wurde und nun, an die Oberfläche des Bewusstseins gespült, die unterschiedlichsten Reaktionen auslösen kann. Eine tiefe Depression über das „zu Spät“ kann auch hier eine mögliche Folge sein.

Die Gefahr, in eine kollektive Depression zu fallen, ist für alle gemeinsam gegeben. Für alle gilt: Die Größe der Herausforderung und das Zutrauen, dem zureichend begegnen zu können, verhalten sich umgekehrt proportional zueinander.

Gleichwohl bedarf es einer ungeheuren kollektiven Anstrengung, einer „Großen Transformation“[2] der gesamten Gesellschaft, ihrer Art des Wirtschaftens, Produzierens und Verbrauchens (das zu einem Nutzen statt einem Verbrauchen werden muss), einer Veränderung der gesamten Kultur im breiten Sinne einer Alltagskultur. Mit rein technisch-ingenieurmäßigen Maßnahmen ist der Problematik nicht beizukommen. Der 2013 begonnene ökumenische Prozess „Umkehr zum Leben – den Wandel gestalten“ eröffnet Raum für Diskussionen und experimentelles Handeln in Kirchen, Gemeinden und weiteren kirchlichen Organisationen wie z.B. Nachfolgegruppen, das zu einem umfassenden kulturellen Wandel beiträgt [3].

Mit der Gewissheit, dass eine „Große Transformation“ in die Wege geleitet werden muss, stellt sich die Frage, woher Gesellschaften die psychosoziale Energie hernehmen können, diese Herausforderung anzunehmen und die Probleme wenigstens ansatzweise zu bewältigen, statt daran zu verzweifeln.

Zu Micha 7,18-20

Der evangelische Predigttext nach der neuen Perikopenordnung kann dann aussagekräftig in der oben beschriebenen homiletischen Situation werden, wenn man ihn in den Kontext der vorhergehenden Kapitel des Michabuches stellt und wenn man seine Aussagen strukturell und nicht nur individuell deutet und zugleich auf die Situation des angebrochenen Anthropozäns bezieht, in der wir leben.

Das über mehrere Jahrhunderte entstandene und redigierte Michabuch[4] ist voller Unheilsprophetie. Jahwe bringt Unheil über das Volk wegen der Verehrung von Fremdgöttern, wegen des ungesühnten Unrechts der Mächtigen und wegen Kriegstreiberei. Es gibt schier keinen Ausweg, noch der letzte Teil des Volkes soll ausgelöscht werden. Eine brutalere Gerichtsbotschaft ist kaum vorstellbar.

In der Predigt könnte die Situation massenhaften und strukturellen Unrechts, auf die sich Jahwes Gerichtsansage bezieht, mit Papst Franziskus in der Tradition der Theologie der Befreiung als „strukturelle Sünde“ gebrandmarkt[5] und so mit der gegenwärtigen, oben geschilderten Situation im Anthropozän zusammengesprochen werden. Es ginge darum, eine grundsätzliche strukturelle Parallele zwischen dem Fehlverhalten Israels, das von Micha als schier unentrinnbar gekennzeichnet wird, und unserer Situation im Anthropozän zu verdeutlichen.

Zentrum und Mitte der Predigt sollte, wie bei Micha, Gott als Subjekt des Handelns sein. Denn es ist Gott, der gemäß der Gerichtsansage Michas Unheil über das Volk bringt, und es ist Gott allein, der diese Perspektive umkehrt und Unheil in Heil verwandelt. Es ist nicht etwa neues Wohlverhalten Israels, das dazu führt, dass „Gott es sich noch einmal überlegt“, sondern es ist allein die Güte und Gnade Gottes (hbr. Chässäd), die das Michabuch in einer psalmodierenden Heilszusage enden lässt. Wichtig ist, dass hier nicht menschliche Umkehr als Voraussetzung des Heils gedacht wird, nicht unser Tun, sondern die Gottes Güte, die das Schicksal wendet. Es ist Gottes Güte, auf die schon Mi 7,8 ff. hofft. Insofern steht Theo-logie hier im Zentrum. Angesichts der schuldhaften Verstrickungen, in denen wir uns befinden, macht nur Vergebung noch handlungsfähig, nicht die eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten. Natürlich ist diese Botschaft auch anschlussfähig an die protestantische Rechtfertigungslehre.

Statt Verzweiflung und Depression wächst aus der Vergebungsbereitschaft Gottes neues Vertrauen, dass Zukunft möglich ist: Dieses Ziel, diese neue Möglichkeit sollte in der Predigt eröffnet und vielleicht sogar ausgemalt werden. Denn was dem Diskurs um die Nachhaltigkeit schmerzlich fehlt, ist ein Narrativ, sind große stories, welche die Hoffnung bebildern. Der Prediger / die Predigerin könnte eine konkrete Utopie des Gelingens vor Augen stellen, die zur homiletischen Situation im Sommer 2020 passt.

Bei Micha wird nicht optativisch von eventuellen Möglichkeiten geredet, sondern festes Vertrauen und Zuversicht prägen die Hoffnung der – vermutlich nachexilischen – Gemeinde, deren „Schlusspsalm“ an das Ende des Michabuches gesetzt wurde. Es ist wie das große „Tröstet, tröstet mein Volk“ des Deuterojesaja eine neue, von Gott herkommende Befreiungshoffnung, die der exilisch-nachexilischen Gemeinde neue Kraft zur Zukunftsbewältigung schenkt.

Natürlich muss man mit Bonhoeffers Mahnung im Ohr darauf achten, keine „billige Gnade“ zu verkünden. Ein belangloses „alles wird gut“ ist kein Evangelium. Wir müssen mit der Möglichkeit rechnen, dass nicht alles gut wird. Zum Evangelium gehört die gewisse Hoffnung auf Gottes Gnade und dass ich mich von dieser Gnade neu ausrichten lasse. Menschliches Handeln bedingt nicht Gottes Vergebung, aber Gottes Vergebung richtet unser Handeln neu aus. Die bildliche Vorstellung, dass die Gesamtheit der Verbrechen im Meer versenkt wird (Mi 7,19), erleichtert unmittelbar physisch.

Insofern muss man den Hoffnungstext des Michabuches strukturell und individuell verstehen: Wir sind hineingewoben in Strukturen des Unrechts und des Verderbens, aber neue Energie gewinnen wir aus der gewissen Hoffnung, dass Gottes Güte will, dass wir leben.

Der Schlussvers des Michabuches ist nach vorne und hinten in der Bibel verknüpft: „Du wirst Jakob die Treue halten und Abraham Gnade erweisen, wie du unsern Vätern vorzeiten geschworen hast“ (Mi 7,20) verbindet die abschließende Botschaft des Buches mit Abraham, dem Urbild des Glaubens – und wird bei Lukas im Magnifikat (Lk 1,55) aufgegriffen und auf die Erscheinung des Messias Jesus bezogen. Dieses Evangelium erleuchtet eine hoffnungslos gewordene Welt.

2 Kön 4, 8-11.14-16a

Mir scheint dieser Text für das Thema Nachhaltigkeit nicht sonderlich geeignet, es sei denn, man wollte die Botschaft „bei Gott ist alles möglich“, die in allen biblischen Geschichten mit unwahrscheinlichen Schwangerschaften, von Sarah bis Maria, Hoffnung wecken im Sinne des Michatextes.


Röm 6, 3-4.8-11

Dieses Zentralstück paulinischer Tauflehre eignet sich hervorragend, um die ethische Begründung neuen Handelns vom Handeln Gottes her aufzuzeigen, wie eben kurz im Blick auf die Rechtfertigungslehre am Beispiel des Michatextes verdeutlicht. Auch die Mahnung vor „billiger Gnade“ könnte hier ihren Ort haben, wie bei jeder Taufpredigt, nämlich durch die doppelte Perspektive der Taufe in Tod und Auferstehung Jesu Christi hinein. So wie die Taufe keine Versicherung gegen allerlei Unbill ist, ist die Hoffnung auf Rettung der Welt kein „Alles wird gut“ und kein „Heile, heile Gänssche“. Hier wie schon bei Micha ist von einer neuen Perspektive auf das Leben die Rede, von einem neuen Framing, das unser Handeln dadurch verändert, dass es unsere Sicht auf die Dinge verändert.


Mt 10, 37-42

In diesem Matthäustext geht es um die Wirkungen, die Jesu Botschaft auslöst. Die Orientierung an Jesus dem Christus verändert das Leben. Den entscheidenden „Mutmachsatz“ finde ich in einer vielleicht i.d.R. überlesenen Bemerkung: „Und wer einem dieser Kleinen auch nur einen Becher kalten Wassers zu trinken gibt, weil es ein Jünger ist, wahrlich, ich sage euch: Er wird nicht um seinen Lohn kommen“ (Mt. 10,42). Es müssen nicht immer die riesigen Aktionen sein, nicht immer die Überwindung bis hin zur Selbstaufgabe oder zum Heldentum, sondern mitten im Alltag können wir das Richtige tun und einen Engel beherbergen – oder einem Durstigen etwas zu trinken geben.

Dr. Thomas Posern, Mainz

Literatur

[1] Vgl. Heidel, Klaus; Bertelmann, Brigitte (Hg.): Leben im Anthropozän. Christliche Perspektiven für eine Kultur der Nachhaltigkeit, München 2018
[2] Der wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) hat diesen Begriff mit dem Titel seines Jahresgutachtens 2011 in Deutschland popularisiert: WBGU (2011): Welt im Wandel. Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation. Hauptgutachten, Berlin
[3] http://www.umkehr-zum-leben.de/de/startseite/; hier zahlreiche weitere Materialien
[4] Man nimmt an, dass das Buch von der zweiten Hälfte des achten bis in die erste Hälfte des fünften Jahrhunderts entstanden ist.
[5] Franziskus, Papst: Laudato sí. Über die Sorge für das gemeinsame Haus, Freiburg i.Br.

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