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2. Sonntag nach Trinitatis / 12. Sonntag im Jahreskreis (21.06.20)

2. Sonntag nach Trinitatis / 12. Sonntag im Jahreskreis


ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Mt 11,25-30 Jer 20, 10-13 Röm 5, 12-15 Mt 10, 26-33

21. Juni 2020, Sommersonnenwende und Sommeranfang. In drei Tagen ist Johannis und in fünf Tagen beginnen die Schulferien (jedenfalls in NRW). Die Luft schmeckt nach frischem Heu und reifen Erdbeeren, die Zeit duftet nach Urlaub und Freizeit. Da passen die Evangelientexte des Matthäus goldrichtig: der „Lobpreis und Heilandsruf Jesu“ lädt die Mühseligen und Beladenen ein zu Ruhe und Erholung und die Worte über das Sorgen machen frei - frei von der Sorge um sich selbst, frei zum Bekennen des Einen und Lebendigen. Doch die beiden anderen Texte der Leseordnung sperren sich gegen die Sommerfrische: Jeremia hadert mit seinem Gott und rechnet mit seinen Feinden ab, während Paulus sich theologisch (wieder einmal) an der Sünde abarbeitet –Schwarzbrot statt Softeis! Doch eins nach dem anderen …

Matthäus 11, 25-30

Als „Lobpreis Jesu“ ist dieser Abschnitt in der Einheitsübersetzung überschrieben, als „Heilandsruf“ in der Lutherbibel, „Einladung zu erfülltem Leben“ titelt die Gute Nachricht. Alles richtig, doch leider greifen die Titel zu kurz! Denn im Kern geht es um einen radikalen Perspektiv- und Paradigmenwechsel: Nicht die Weisen und Klugen, die Immer-Schon-Durchblicker und erfahrenen Weitseher erfahren das Geheimnis Gottes, sondern die Unmündigen und Mundtoten, denen man das Wort streitig macht und die Stimme nicht gönnt. Nicht zum ersten und - Gott sei Dank - nicht zum letzten Mal stellt Jesus sich hier eindeutig auf die Seite der angeblichen Verlierer, die von den Großen dieser Welt eins ums andere Mal übersehen und überrumpelt, beschämt und beschädigt werden. Die „Mühseligen und Beladenen“ dieser Welt hat Jesus im Blick und gibt Acht auf die, die unter der Last ihres Lebens leiden und am harten Joch ihrer Jahre zu zerbrechen drohen.

Ja, es gibt sie, die Mühseligen und Mühsamen, Beladenen und Ausgelaugten mitten unter uns, in unserem reichen Land: die in der Suppenküche für ein heißes Essen und ein warmes Wort anstehen, als bitterarme Rentnerin verschämt zur Tafel gehen oder als junge unbegleitete Geflüchtete sich nach der Nestwärme der Familie sehnen. Doch seit einer Reise in die DR Kongo im Frühjahr 2019 sehe ich bei diesen Worten die wortwörtlich beladenen Frauen und Männer im Equateur vor mir: Die tragen alles, aber auch wirklich alles - Holz, Maniok und Wasser, Kinder und Kanister - auf dem Rücken, auf den Schultern, auf dem Kopf. Die sind wirklich schwer belastet mit der Mühsal, in einem fruchtbaren Land ihre Kinder nicht ausreichend versorgen und nur mangelhaft ernähren zu können. Diesen abgekämpften und von Weltwirtschaft wie Wissenskraft abgeschriebenen Existenzen gilt Jesu Einladung „Heran zu mir alle, die ihr euch abmüht und Lasten tragt! Ich werde euch zur Ruhe bringen.“ (Walter Grundmann, Das Evangelium nach Matthäus, 51981; S. 314)

Sicher gilt Jesu Einladung allen Mühseligen und Beladenen, den durch Gewalt Verkrümmten und den sich nach Anerkennung selbst Verbiegenden. Die schuldlos unter die Räder des Profit gekommen sind und die sich aus Raffsucht selbst verschuldet haben. Die Geliebt- und Geachtetwerden schmerzlich vermissen und die dasselbe anderen versagen. Doch Jesu Blick und besondere Vorliebe gilt zuallererst den Schwachen und Verlorenen, den Ausgebeuteten und Ausgegrenzten, den Armen, Darbenden und Fliehenden.

Diese Lektion habe ich zu lernen für mein Leben und den Blick von mir und meinem Nabel weg zu lenken, hin auf die Mühseligen und Beladenen in dieser Welt. Solidarität einüben und für Gerechtigkeit einstehen, den Seufzenden mein Ohr leihen, den mundtot Gemachten meine Stimme geben und mit meiner „kleinen Kraft suchen, was den Frieden schafft“ (Sonne der Gerechtigkeit, Vers 6). Und wenn ich am Ende dieses Halb- und Schuljahres das Ende meiner eigenen Kraft spüre, mich selber be- oder überladen habe mit Ansprüchen und Anforderungen und oder von anderen belastet bin mit Termindruck und Arbeitsfülle, dann will ich Jesu Einladung ganz neu auch für mich hören und einfach annehmen: So werde ich Ruhe finden für meine Seele, denn Christi Joch ist sanft und seine Last ist leicht! Ein wunderbares Wort für diesen Sommer!

Jeremia 20, 10-13

Völlig anders hingegen die Klage des Jeremia, die letzte und radikalste seiner fünf „Konfessionen“, in denen der Prophet bitter seinen Auftrag beklagt und Gott seine Berufung vor die Füße wirft. (Karin Finsterbusch, Konfessionen Jeremias; 2015; www.bibelwissenschaft.de/stichwort/23904/). In den Versen vor und nach der angegebenen Perikope (7-9; 14-18) bricht sich der ganze aufgestaute Frust in Jeremia Bahn und bricht in ungehobelten Gottesanklagen und martialischen Selbstverfluchungen aus ihm heraus. Es ist das auch heute sattsam bekannte Gefühl, dass alles zu viel, zu schwer und immer unlösbarer wird. Dass der Druck im Kessel stetig steigt und die Arbeit nicht nur zunimmt, sondern sich verdichtet, zu einem schweren, undurchdringlichen Berg anschwillt, der die Menschen an die Wand drückt, ihnen alle Luft und Lust am Leben raubt.

Doch im Unterschied zu heute und den immer häufigeren Krankheitsbildern von Erschöpfung und Burnout klagt Jeremia nicht über Terminstress und Arbeitsdruck, sondern zweifelt an der Gewissheit seines Gottes und damit an der Richtigkeit seines Lebens. Denn in Gottes Namen hat der Prophet den Mächtigen die Stirn geboten, die unbequeme Wahrheit des Einen und Lebendigen angesagt - und ist damit krachend gescheitert. Um Gottes willen ist der Prophet verlacht und verhöhnt worden, um Gottes willen zum Gespött der Leute verkommen. Sein Name verbrannt und sein Ruf ruiniert, sein Glaube erschüttert und sein Leben bedroht.

So steht er da mit leeren Händen und wird gewahr, wie wenig seine Botschaft ausrichtet, wie wenig Verlass ist auf den Allmächtigen. Doch obschon er sich abwenden will von diesem Gott, weglaufen vor dem Auftrag und wegstehlen aus der Verantwortung – allein, er kann es nicht! Er schafft es nicht, nicht von diesem Gott zu reden, gegen den doch alles in ihm aufbegehrt und rebelliert. Was ist das für ein verrückter Glaube, sich an einen Gott zu klammern, den man nicht sieht, den man nicht greifen und begreifen kann, von dem man nur sein Wort hat! Was für ein Vertrauen: das Motto des gerade zu Ende gegangenen Kirchentages 2019 klingt ganz neu in dieser beklemmenden „Konfession Jeremias“, dem Bekenntnis des Propheten an.

Nur zwei Sätze sind in diesem Abschnitt und in dieser Klage enthalten, die Gutes sagen - benedicere, segnen - und gut tun: „Doch der HERR steht mir bei wie ein gewaltiger Held.“ Und: „Singt dem HERRN, rühmt den HERRN, denn er rettet das Leben des Armen aus der Hand der Übeltäter!“ (V. 11.13 nach der Einheitsübersetzung). Alle übrigen Verse atmen nur Tod und Verderben, wünschen das eigene Leben in den Abgrund und den Gegnern die Pest an den Hals. Nur zwei gute Nachrichten, umgeben und schier erdrückt von der Übermacht der allgegenwärtigen Bad News. Nur zwei Sätze, die aber richtig in den Mund genommen und ausgesprochen gegen all das Widerwärtige, gegen die bösen Erfahrungen und ungezügelten Rachegelüste. Ist das die Nachhaltigkeit glaubenden Lebens und lebenden Glaubens, trotz aller Widernisse an der Gegenwart und Treue des unsichtbaren Gottes festzuhalten, seine Größe und Gnade zu rühmen und darauf zu setzen, dass der Eine und Lebendige das Leben der Armen rettet, birgt und trägt: Was für ein Vertrauen?!

Römer 5, 12-15

Was wirkt nachhaltiger, ist langlebiger und zäher, bin ich versucht zu fragen: die Sünde oder die Gnade? Wer hat den längeren Atem, den weiteren Schritt, die stärkeren Arme: Adam oder Christus? Wie in einem Wettstreit schickt Paulus in diesen vier Versen zwei Antipoden ins Rennen und weiß schon vorher, wer als Sieger durchs Ziel geht. Redlich müht sich Paulus um die immer wieder gestellte Frage nach dem Ursprung des Bösen: Ist sie ein Teil der guten Schöpfung Gottes, ohne den nichts geschaffen ist, was ist? Wer diese Frage bejaht, macht Gott (mit) verantwortlich für alles Übel in der Welt und den fortwährenden Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt. Wer die Frage allerdings mit Nein beantwortet, muss davon ausgehen, dass Gott bei der Schöpfung etwas aus dem Ruder gelaufen ist, was auf keinen Fall hätte geschehen dürfen. Doch ist Gott dann noch der Allmächtige, der diese Welt und unser Leben in seinen Händen halten sollte?

Und wie sieht es mit uns Menschen aus? Sind wir wirklich so frei, wie wir uns geben und sein möchten, das Böse zu hassen und zu lassen, stattdessen das Gute zu suchen und umzusetzen? Paulus ist davon überzeugt, dass der Kardinalfehler der Schöpfung im Menschen liegt. Kein Ausfall der Hardware, eher ein Steuerungsproblem, würden Computerfachleute diagnostizieren. Irgendetwas, was uns Menschen verlockt, eben nicht das anerkannt Richtige zu tun, sondern ziemlich genau das Gegenteil von dem, was hilfreich, förderlich und einfach gut wäre. Die dramatischen Klimaveränderungen bringen es unabweislich an den Tag, wie viel in unserer hochtechnisierten und permanent mobilen Welt schon schief gelaufen ist und dass die Menschheit besser heute als morgen beim Energieverbrauch und Schadstoffausstoß kräftig zurückrudern müsste. Müsste - denn passiert ist noch nicht entscheidend viel und viele ernsthafte Schritte sind angesichts der damit verbundenen Einschränkungen und mit Rücksicht auf die Wirtschaft im Globalen Norden eben nicht gewagt und getan worden. Bleibt das Böse also wieder Sieger und die Gnade auf der Strecke?

Paulus setzt auf die andere Lösung und lockt zu einem Leben an der Seite Gottes. Die Schönheit der Erde möge Menschen empfindsamer machen für die Gefährdung der Schöpfung und couragierter im Einsatz für ihre Bewahrung. Die erlebte Liebe Christi möge seine Nachfolger*innen verwandeln und Solidarität wie Erbarmen lehren mit aller und jeder Kreatur. Und die Ansteckung des Heiligen Geistes mit Zuversicht und Tatendrang möge Kirchen und Gemeinden durch Mark und Bein gehen, sie inspirieren zu Friedensstiftern und Klimaschützern, sie stärken und begeistern in ihrem Engagement für die Eine Welt. Dann endlich wird das Rennen entschieden sein, wenn die Gnade ans Ziel kommt und das Böse auf der Strecke bleibt!

Matthäus 10, 26-33

Der dritte Text der katholischen Leseordnung war in der evangelischen Kirche bislang den Gedenktagen von Reformation und Confessio Augustana, dem Augsburger Bekenntnis von 1530 zugeordnet. Die Überschrift in der Lutherbibel 2017 „Menschenfurcht und Gottesfurcht“ lässt in der Tat an die bekenntnishafte Situation auf dem Reichstag zu Worms denken, auch wenn der Augustinermönch die berühmten Worte „Hier stehe ich, ich kann nicht anders!“ gar nicht so markig und selbstbewusst herausposaunt, sondern wahrscheinlich deutlich verhaltener gesprochen und geraunt hat.

Nichtsdestotrotz sind die Worte Jesu in diesem Abschnitt durchaus eine Ermutigung, zu dem eigenen Glauben und der persönlichen Überzeugung zu stehen. Im Licht und in der Öffentlichkeit sollen die Nachfolger*innen Jesu das bekanntmachen und weitergeben, was sie mit ihm erlebt, von ihm gehört, bei ihm gesehen haben. Ohne Angst vor Widerstand und ohne Furcht vor jedweden Autoritäten: Bange machen gilt nicht! Das Christsein im Alltag nicht ausblenden, vom eigenen Glauben erzählen und aus der Gemeinde berichten: das kann so normal sein wie das Gespräch über das Wetter oder die Neuigkeiten von der Arbeit. In Afrika und Asien sind Religion und Glaube weitaus präsenter als hierzulande, auch wenn bei uns in jedem Dorf mindestens ein Kirchturm den Weg zum Himmel weist.

Die Sprach- und Auskunftsfähigkeit über den Glauben neu oder wieder gewinnen, mit eigenen Worten meine Beziehung zu Gott beschreiben und die fest geprägten, oft floskelhaft empfundenen Bekenntnisse der Christenheit mit neuem Leben füllen: darum mühen sich die evangelischen und katholischen Kirchen in Deutschland schon seit Jahren. Doch noch steht ein tiefgreifendes Erwachen und Erwachsenwerden im Glauben vielerorts noch aus, verharren Gemeindeglieder und Pastor*innen allzu oft in den Sprachbildern und Melodien längst vergangener Zeiten. „Nimm dich selbst nicht so wichtig, liebe Kirche, und steh dir mit deinen liebgewordenen Traditionen und Abgrenzungen nicht länger selber im Weg!“ höre ich aus den Worten Jesu. „Wirf dein kleines Vertrauen nicht weg, sondern baue auf deinen Gott! Trau dich aus den dicken Kirchenmauern heraus und plane deine Zukunft nicht auf den Pfründen der Vergangenheit! Erlebe das Evangelium als Befreiung und sei gewiss: wer sich die Mühe gemacht hat, die Haare auf deinem Haupt und die Häupter in deiner Kirche zu zählen, der nimmt dich ganz gewiss wahr und ernst und in Schutz!“

21. Juni 2020, Sommersonnenwende und Sommeranfang. Die Luft schmeckt nach frischem Heu und reifen Erdbeeren, die Zeit duftet nach Urlaub und Freizeit. Mögen Sie in den Bibeltexten dieses Sonntags Hoffnung und Trost entdecken, Zumutung und Aufbruch erleben!

Martin Ahlhaus, Kierspe-Rönsahl

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