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1. Sonntag nach Trinitatis / 11. Sonntag im Jahreskreis (14.06.20)

1. Sonntag nach Trinitatis / 11. Sonntag im Jahreskreis

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Apg 4,32-37 Ex 19, 2-6a Röm 5, 6-11 Mt 9, 36 - 10, 8

Apg 4, 32-37

Besitz als gemeinsame Sache – Gerechtigkeit und Freiheit im Loslassen

Ein Herz und eine Seele - ein Ideal für das christliche Miteinander. Ein hoher Anspruch, der kaum umsetzbar scheint. Man kann aber auch übersetzen: „eines Herzens und eines Sinnes". Die ersten Christinnen und Christen lebten aus der Erfahrung, dass Jesus ihr Leben auf den Kopf gestellt hatte. Neben der Auferstehung als einer Wirklichkeit traten für sie alle anderen Streitigkeiten, Alltagssorgen, Arbeit und Vergnügen in den Hintergrund. Sie hatten eine gemeinsame Mitte und ein Ziel: Jesus und seinen Auftrag, Menschen für ihn zu begeistern.

Für den anderen sorgen – hier wird das ziemlich radikal verstanden. Menschen geben ihr Eigentum ab und damit ihre Sicherheit auf, um anderen in der Gemeinschaft zu helfen. Sie stellten ihre Güter der ganzen Gemeinde zur Verfügung, damit es für diejenigen von Nutzen war, die es gerade am nötigsten hatten. Ganz anders als die Haltung, die wir öfter erleben: „Meins, meins..." Sicher hat das Gebot der Nächstenliebe dabei eine Rolle gespielt, vielleicht aber auch die Erkenntnis, dass materielle Werte an Bedeutung verlieren, wenn es ums Eigentliche geht.

Hier wird Gerechtigkeit im Idealzustand beschrieben. In dem alten „Neuen Geistlichen Lied" mit dem Titel „Wir spinnen, knüpfen weben" heißt es: „... Wenn jeder gibt, was er hat, dann werden alle satt." Dieses Ideal haben wir noch längst nicht umgesetzt. Interessant die Frage, ob ich für meine Gabe eine Rück-Gabe erwarte, für mein Geschenk ein Gegengeschenk? Und ist es dann nicht viel eher ein Tauschen als ein „Geben"??? Die andere Frage stellt sich: wer alles gibt, was er hat – an Materiellem oder auch an Kraft, der verhungert, brennt aus...

Die Urgemeinde hat es anders erlebt: sie konnten von der Erfahrung der „reichen Gnade" sprechen. Sie haben es versucht und alles gegeben. Sie haben es gewagt, alles gemeinsam zu haben. Es braucht eine Menge Mut, um alles zu geben, um alles los – zu – lassen - und auch Gottvertrauen. Aber wie viel Freiheit könnte das auch bedeuten – für alle Menschen!

Ex 19, 2-6a

Die Erde und das Volk gehören Gott und sind heilig – ein besonderes Selbstverständnis und eine besondere Verantwortung

Die Wüste ist in der Bibel ein Ort der besonderen Nähe Gottes – aber auch ein Ort der Versuchung und der Lebensgefahr. Auch der Berg ist ein Ort der besonderen Nähe Gottes – hoch oben in den Wolken, wo es nur Stille und Einsamkeit gibt, kann der Mensch leer werden und offen für Gott. In diese besondere Nähe zu Gott begibt sich Mose und hört den Auftrag, dem Volk Gottes Worte zu vermitteln.

In den erzählenden Texten des Alten Testaments beginnen die Sätze oft mit einem „und". Was im Deutschen eher plump klingt, bedeutet im Hebräischen Kontinuität in der Erzählung. An dieser Stelle fehlt dieses einleitende „und". Zusammen mit der genauen Angabe von Ort und Zeit (auch Vers 1) wird auf diese Weise markiert, dass jetzt etwas Neues, Außergewöhnliches berichtet wird. Es ist das Bundesangebot Gottes, das nun nicht mehr an einen Einzelnen gerichtet ist, sondern an das ganze Volk. Gott erinnert daran, dass er das Volk aus Ägypten gerettet hat. Gott lässt sein Volk nicht fallen – wie der Adler, der sein Junges aus dem Nest wirft und es dann von unten sicher auffängt, bis es das Fliegen gelernt hat. Dann folgt das Angebot Gottes: „Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern." Schließlich sind es drei Zusagen oder Verheißungen, die Gott seinem Volk gibt: „ihr sollt mein besonderes Eigentum sein; ihr sollt mir ein Königreich von Priestern sein, und ihr sollt ein heiliges Volk sein."

Auf Gottes Stimme hören und den Bund mit Gott halten – das ist die Voraussetzung, um Gottes besonderes Eigentum zu sein. Ein heiliges Volk – das Gott gehört, wie die Erde, die Gott gehört und heilig ist. Daraus ergibt sich ein besonderer Auftrag, die Schöpfung zu bewahren und zu schützen.

Wortspiel und Liedidee: Jeder Teil dieser Erde ist meinem Volk heilig (Kanon)

Röm 5, 6-11

Versöhnung ist anstrengend, aber sie weitet unseren Blick – und sie verändert die Welt

Die Liebe Gottes ist größer als die der Menschen. Wir stehen für einen guten Menschen ein, wagen unser Leben, setzen uns für ihn ein. Was ist mit denen, die nicht so „gut" sind? Und wer entscheidet darüber, wer gut und wer weniger gut ist? Wie sehen die Kriterien aus???

Gottes Liebe und Christi Tod gelten nach Röm 5 gerade den Sündern, den Schwachen, den Ungerechten – das macht vielleicht ein bisschen Mut, wenn wir das Gefühl haben, völlig versagt zu haben. Versöhnt sind wir durch seinen Tod, gerettet durch sein Leben.

Bedeutsam ist die Versöhnung dann, wenn sie sich auf unser Leben auswirkt, wenn sich unser Umgang mit anderen Menschen verändert. Da wird Versöhnung greifbar und fassbar. Allerdings auch anstrengend. Versöhnung geht nicht bequem. Sie verlangt von uns, dass wir die Sache / die Welt aus der Perspektive einer / eines anderen betrachten, dass wir einsehen, dass unsere Sicht der Dinge nicht die einzige ist – vielleicht sogar, dass unsere Sicht der Dinge falsch war. Versöhnung weitet unseren Blick, lässt uns andere und ihre Perspektive ernstnehmen und neue Möglichkeiten entdecken – auch wenn das im ersten Moment unangenehm und schmerzhaft ist.

Bilder für Versöhnung finden sich in dem Lied: „Wie ein Fest nach langer Trauer... so ist Versöhnung": z.B: ein Brief nach langem Schweigen, ein Regen in der Wüste ...

Mt 9, 36- 10, 8

Zusammenrücken als Chance – Nationalstolz und die Weite des christlichen Glaubens – Reich Gottes: jetzt!

Schafe ohne einen Hirten rücken enger zusammen. Im Frühjahr und im Herbst lässt sich das immer wieder beobachten.

Viele Menschen in unseren Gemeinden fühlen sich heute wie Schafe ohne Hirten, wenn sie nach der Zukunft fragen: angesichts der schrumpfenden Zahlen von Theologiestudierenden und Kirchenmitglieder werden Befürchtungen und Ängste wach. „Wie soll das nur weitergehen? Wer ist für uns da?"

Viele Verantwortliche in den einzelnen Gemeinden kommen sich vor wie im Evangelium: müde und erschöpft, überfordert und besorgt.
Wir können von Schafen ohne Hirten lernen: Schafe, die sich allein fühlen, rücken enger zusammen, fast so, als wollten sie den Zusammenhalt und den gegenseitigen Schutz hautnah, körperlich spüren. Wäre das nicht eine Idee für unsere Gemeinden? Menschen, die in ihren Gemeinden enger zusammenrücken, nehmen andere intensiver wahr, entdecken die unterschiedlichen Begabungen in ihren Gemeinden und können sie gegenseitig nutzen, um die frohe Botschaft in ihrer Mitte lebendig zu erhalten. Da gibt es welche, die Traurige trösten können, die Kranke besuchen und aufmuntern, und andere, die ihre besondere Begabung im Organisieren und Planen haben. Zusammenrücken können auch die einzelnen Gemeinden – über die traditionellen Grenzen von Orten und Konfessionen hinweg – und sich als bunte und vielfältige Gemeinschaft verstehen. Darin liegt eine große Chance für die christlichen Kirchen heute.

Ganz anders der Auftrag Jesu an die Zwölf, die er mit Vollmachten ausstattet und losschickt: sie sollen heilen und Dämonen austreiben, aber sie sollen nicht zu den Heiden gehen, sondern nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel.

So viel Enge, so viel Angst in diesem Text... Ist das Matthäus zuzuschreiben, der Israel höher stellt als die restliche Welt? Ist da eine Abgrenzung von der Schrift notwendig???

Diese Engführung passt in unsere Zeit und Gesellschaft, in der die Sorge um die Nation Menschen neu beschäftigt und dazu verführt, Unterschiede zu machen zwischen Deutschen und Nichtdeutschen, zwischen Juden und Heiden, zwischen "Normalen" und "Anderen"... Nationalstolz ist ein weltweit verbreitetes Phänomen. In Israel gründet dieser Stolz in der Religion. Einen besonderen religiös-nationalen Stolz finden wir an vielen Stellen in der Bibel, wenn z.B. Gott sagt: "Ihr werdet mein besonderes Eigentum sein. Mir gehört die ganze Erde. Ihr aber sollt mir als heiliges Volk gehören." (vgl. 1. Lesung: Ex 19,5f.)

Dieser Nationalstolz passt aber nicht zu dem Jesus, der alle Menschen anspricht und einlädt, ihm zu folgen und sich als Kinder Gottes zu verstehen. In den Evangelien wird eine Entwicklung deutlich – Jesus verändert seine Position in dieser Frage. Er ist bereit, zu suchen und immer wieder neu zu fragen: Was ist meine Sendung? Was will Gott von mir? Denn er heilt die Tochter der heidnischen Frau. Er sagt über den heidnischen Hauptmann von Kapharnaum: "So einen Glauben habe ich in ganz Israel nicht gefunden." Beim Gleichnis vom Weltgericht zählt nicht die Nationalität, sondern allein die Barmherzigkeit eines Menschen. Am Ende des Matthäusevangeliums zerschlägt der Auferstandene jeden Nationalismus, wenn er sagt: "Geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern!" (Mt 28,19)

Das Kreuz kann ich nicht mit einer Landesflagge kombinieren – die christliche Botschaft sagt eindeutig, dass es nicht mehr Juden und Griechen, nicht mehr Sklaven und Freie, nicht mehr Mann und Frau gibt, weil alle einer sind in Christus. (Gal 3,28)

Wenn hier also von der Ernte gesprochen wird, könnte es darum gehen, dass das Reich Gottes nah ist und reif, um geerntet zu werden. Die Zeit ist reif – es ist fünf vor 12 – es ist an der Zeit, etwas zu verändern in unserem Leben – im Miteinander, in Gesellschaft, Politik, Klimaschutz. Und die Früchte sind längst gewachsen – wir könnten sie pflücken und miteinander teilen, damit das Leben für alle einen Sinn hat und Gottes Reich Wirklichkeit wird.

Annette Schulze, Frankenthal

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