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Exaudi / 7. Sonntag der Osterzeit (24.05.20)

Exaudi / 7. Sonntag der Osterzeit


ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Jer 31,31-34 Apg 1, 12-14 1 Petr 4, 13-16 Joh 17, 1-11a

Jeremia 31, 31 – 34

„Abermalens hatte das halsstarrige und wetterwendische Volk zu Jerusalem des geschworenen Bundes vergessen, abermalens hatten sie den erzenen Götzen von Tyr und Ammon blutige Gabe gebracht. Und nicht genug des Frevels, dass sie jenen räucherten auf Höhen und auf steinernen Altären – auch in Gottes leibeigenes Haus, das Salomo, sein Knecht, ihm erbaut, stellten sie Bildnis des Baal und schwemmten die Fliesen mit Schlachtwerk, bis die heilige Stätte stank von Räucher und Blut.“ (Stefan Zweig, Rahel rechtet mit Gott)

Die Perspektiven aus der Dichtung der deutschen Exilliteratur – hier zitiert aus einer Legende des Schriftstellers Stefan Zweig – und aus der Predigtperikope der Zweiten Reihe im Jeremia- Buch für den Sonntag Exaudi gleichen sich: Menschen sind in ihrem Alltag gefangen, gehen täglich und ständig Kompromisse ein, verhalten sich opportun zur Mehrheitsmeinung. Um von dem Neuen zu reden, den Veränderungen, deren es bedarf, scheint es notwendig auf das hinzuweisen, was zur Katastrophe führt-, was in der Vergangenheit zur Katastrophe geführt hatte, nämlich menschliches Fehlverhalten; Vergehen in sozialen- und religiösen Belangen. Dabei werden in der Predigtperikope, die auf dem Hintergrund des babylonischen Exils zu verstehen ist, in feiner, deuteronomistischer Sprache Möglichkeiten des Lebens aufgezeigt, ein Blick in die Zukunft gewagt, auf einen neuen Bund hin, der umfassendes Heil-, umfassende Harmonie verspricht. Die Perikope steht im Spannungsfeld zwischen dem Hergebrachten, das sich überlebt hat und unweigerlich keine Zukunft mehr haben konnte und dem Neuen, das grundlegende Veränderungen mit sich bringt und dessen Gestaltung möglich scheint. Dabei bleibt die Kontinuität zwischen dem Alten und dem Neuen gewahrt; der Alte Bund wird – anders als die politischen Bündnisse unserer Zeit (etwa das Atomabkommen mit dem Iran) – nicht einfach einseitig aufgekündigt, sondern grundlegend erneuert. Die Differenz in der angesagten Zeit zeigt, „dass die Verwirklichung des Heils eine Geschichte hat“ (H. J. Hermisson). Stand im Alten Bund Befreiung aus der Gefangenschaft im Vorder-grund, konzentriert sich der in Aussicht stehende Neue Bund auf die Weisung Gottes, wie sie in den Herzen der Menschen zum Leben erwacht. Dabei bedurfte es des tiefen Einschnittes des babylonischen Exils um letztlich zu erfahren, ob eine Assimilation erfolgen würde und damit das Ende des Volkes Israel und seiner religiösen Identität, die sich doch so sehr vom Glauben der anderen Völkern unterschied, oder eben eine Neuorientierung. Die Stimmung, die in der Gefangenschaft vorherrschend gewesen sein mochte, wird im Pop- Song der Gruppe Boney M. in den 1970er Jahren beschrieben: „By the rivers of Babylon, there we sat down, yeeah we wept, when we remembered Zion“ und mündet in einem Gebet: „Let the words of our mouth and the meditation of our hearts be acceptable in thy sight here tonight.“

Während die Pop- Gruppe in ihrem Song noch die Verhaftung im Bund der Väter beschreibt („now how shall we sing the lord’s song in a strange land?“), jenem Bund, der gebunden war an Raum und Zeit, an die Stadt Jerusalem, herrscht in der spätexilischen-, früh nachexilischen Zeit Hoffnung und Aufbruchsstimmung: Der Glaube des Volkes hat sich durch die schrecklichen Erfahrungen verändert, ist reifer geworden. Anstelle von lethargischer Untätigkeit herrscht Hoffnung darauf, dass Veränderungen möglich sind; dass ein – vielleicht banger – Ausblick gewagt werden darf, dass die Katastrophe nicht als unabänderlicher Schlussstrich hingenommen werden muss. Diese Stimmung mag vergleichbar sein mit der vielleicht wagen Hoffnung auf eine bessere Zukunft, dem Träumen von einer guten und erfüllten Zeit, wie sie in den Flüchtlingslagern oder Ghettos unserer Zeit auf dieser Erde bestehen mag. Verbesserungen und nachhaltige Veränderungen sind aber nicht möglich ohne die Bereitschaft zur Erneuerung und des Abwerfens von unnötigem Ballast. Ein Generationenkonflikt mag mitgedacht werden! Von nun an gilt für die Enkelgeneration des vormals aus Israel deportierten „Väter“ die neue Devise: „Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft“ (5. Mose 6,5), eine Aussage, die in ihrer Entstehung und Ausrichtung in direkter Nähe steht zum vorliegenden Predigttext. Dabei steht – damals wie heute – in der Analyse die Halbherzigkeit der etablierten Elterngeneration dem Erfüllt- sein des ganzen Herzens der nachfolgenden Generation gegenüber.

Generationenkonflikte dieser Art liegen uns nämlich auch am Ende des Zweiten Jahrzehnts im Dritten Jahrtausend nicht fern. Denken wir an Greta Thunberg, einer Schülerin mit Asperger-Syndrom, die bereits als eine der einflussreichsten Persönlichkeiten des Jahres 2019 weltweit genannt wurde und auf deren Wirken die Friday for Future- Demonstrationen zurückzuführen sind. Jene Mahnwachen, die zunächst – ähnlich vielleicht wie im Alten Israel – von den Vätern (sprich Politikern) als „Schule schwänzen wollen“ abgetan wurden, denen man anfangs mit Häme begegnet war und die dann doch so kraftvoll wurden, dass sie innerhalb atemberaubend kurzer Zeit die politische Landschaft verändert haben und dazu beigetragen haben, dass sich die Gesellschaft hierzulande samt ihren Politikern, ihrer Wirtschaft und ihren Konzernen neu orientiert dahingehend, dem Anliegen der Jugend zu entsprechen und zukunftsorientiert zu handeln. Ähnlich hatte sich ja das Judentum nach der zunächst aussichtslos erscheinenden Lage der knapp siebzigjährigen Gefangenschaft neu orientieren und neu ausrichten müssen.

Das Neue, was in der Predigtperikope angekündigt wird, der Neue Bund, spielt in der Rezeption des späteren rabbinischen Judentums und in der Christenheit eine entscheidende Rolle für das religiöse Selbstverständnis; auf die Stichwortanknüpfung in der Abendmahlsliturgie sei hingewiesen sowie auf die Betonung der diametralen Verschiedenheit beider Bünde seitens des Apostels Paulus und des Verfassers des Hebräerbriefes. Die prophetische Verheißung der geheilten Zeit ist bisher aber an noch keinem erfüllt, weder am Judentum noch an der Christenheit. Im Glauben beider bleibt dennoch alles gebunden an Gottes Verheißung „ich vergebe“; „auch die Sehnsucht nach der Erneuerung des Menschen und damit die nach einer besseren Welt- und Lebensordnung“. (Burk-hard Berg)

Die Predigtperikope spricht in die Situation der wartenden Gemeinde des Sonntags Exaudi, dessen Name abgeleitet ist vom Beginn der lateinischen Antiphon aus dem Wochenpsalm (Psalm 27): Exaudi, Domine, vocem meam, qua clamavi ad te“: Herr, erhöre meine Stimme, wenn ich zu dir rufe! Dabei befinden wir uns auf dem Weg von der Thronbesteigung Christi (Himmelfahrt) mit dem Tageslied „Jesus Christus herrscht als König“ hin zum Pfingstfest, an dem die Gemeinde ihres Urdatums als Christenheit, nämlich der Ausschüttung des Heiliges Geistes „auf alles Fleisch“ gedenkt und dabei das Wochenlied „Komm, Gott Schöpfer, Heiliger Geist, besuch das Herz der Menschen dein“ des Hrabanus Maurus anstimmt. Noch ist die Erwartung nicht erfüllt-, noch steht die Ausschüttung des Heiligen Geistes bevor, so dass der Charakter des Sonntags bestimmt ist von einer vielleicht etwas bangen-, aber gleichzeitig auch einer ganz und gar hoffnungsfrohen Erwartung dessen, was kommt; die Stimmung gleicht ganz und gar der, die wir in der Predigtperikope wieder finden und mag manche Predigerin/ manchen Prediger vielleicht auch an die selbe euphorische Stimmung erinnern, wie sie in dem 2019 von Wincent Weiss in seinem Lied „Ich kann es kaum erwarten“ vermittelt wird, das von sprudelnder Hoffnung geprägt ist. Im Refrain heißt es: „Ich kann es kaum erwarten, mit dir die Schritte zu gehen, ich kann es kaum erwarten, kann unsre Zukunft schon sehnen“.


Entwurf zu Johannes 17, 1 – 11a

Nur auf einen ersten Blick lässt sich in der vorliegenden Perikope, dem Hohepriesterlichen Gebet Jesu, das die Abschiedsreden an die Jünger abschließt, wenig erkennen, was mit Nachhaltigkeit oder nachhaltigen Entwicklungen im Zusammenhang gesehen werden könnte. Im Gegenteil: Darin vorkommende Aussagen wie: „Ich bitte für sie und bitte nicht für die Welt, sondern für die, die du mir gegeben hast“ oder … „und die Welt hat sie gehasst: denn sie sind nicht von der Welt, wie auch ich nicht von der Welt bin.“ (Johannes 17,9.14) scheinen die Perikope in eine gefährliche Nähe zur Gnosis zu rücken, jener Konkurrenzreligion zum christlichen Glauben, damals wie in ihren heutigen Ausformungen, der es um die Erkenntnis dessen geht, dass diese Welt schlecht sei und die Auserwählten als Kinder des Lichts dieses lediglich erkennen müssen, um erlöst zu sein. Ein Einsatz für das Fortbestehen dieser Welt, ihrer Vielfalt, dem Wohlergehen aller Menschen wäre aus Sicht der Gnosis sinnlos und geradezu absurd. Prägend für diese Weltanschauung ist das Streben nach der Erkenntnis, dass diese Welt grundsätzlich schlecht sei und ein Einsatz für sie sich keineswegs lohne. Die Christenheit hat – auch in der Festlegung des Kanons der neutestamentlichen Schriften – schroffe Gegenposition zu diesen Aussagen bezogen; christlich betrachtet ist diese Welt die gute Schöpfung Gottes und es liegt an uns Christen, Generation für Generation, den jeweiligen Anfor-derungen auf der Grundlage des Glaubens zu begegnen. Und so war gerade das Evangelium nach Johannes in den Verdacht geraten, der Gnostik nahe zu stehen, allein schon wegen seines Sprachgebrauchs (Kinder des Lichts, Johannes 12,36). Allein aber die Aussage des Prologs „Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, die Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit“ (Johannes 1, 14) oder die Auferweckung des Lazarus von den Toten (Johannes 11) zeigen deutlich, dass dieses Evangelium trotz einzelnen Aussagen und seiner Formulierungen nicht in die Nähe der Gnostik zu stellen ist und von daher stellt sich die Frage nach Nachhaltigkeit im hohepriesterlichen Gebet Jesu erneut.

Jesus tut das, was ein weiser Mensch tut, wenn er für immer Abschied nehmen muss: er bestellt sein Haus und hält Fürbitte. Er macht seine Jünger, seine Kirche, zukunftsfähig in einer als lebensfeindlich wahrgenommenen Umgebung. Er gibt sich nicht dem Selbstmitleid hin, sondern denkt – voller Verantwortung – an die, die bleiben werden. Im beruflichen Alltag von Seelsorgern mögen Gespräche mit Sterbenden an das Abschiednehmen Jesu von seinen Jüngern erinnern. Der Verfasser erinnert sich an das Gespräch mit einer 85jährigen an deren Sterbebett. Sie stand dem Sterben offen gegenüber und wartete darauf. Ihre letzten Worte waren: „Es geht ja alles weiter“. Damit meinte sie das Leben ihrer Kinder und Enkelkinder, das sie beim Abschiednehmen im Rahmen einer gemeinsamen Abendmahlsfeier am Sterbebett segnete. Das gab ihr Trost: Sie würde gehen dürfen und konnte – voller Vertrauen und Zuversicht – die Menschen, die ihr nahe standen, Gott und dem Leben selbst anvertrauen. Denken wir auch an manchen Unternehmer in Landwirtschaft oder Handwerk, der mit viel Engagement und Liebe einen Betrieb aufgebaut hatte und am Ende seines Lebens hofft, dass sein Werk weitergeführt wird; dass sein Einsatz in all den Jahren und Jahrzehnten nicht vergebens war. Dem Verfasser dieser Betrachtung stellte sich seinerseits während eines längeren Krankenhausaufenthaltes und nach einer schweren Operation die Frage, was denn überhaupt uns Menschen an dieses Leben bindet. Eine Antwort auf diese Frage findet sich im indischen Nationalepos „Mahabharata“, in dem der sterbende Held Bischma anhand einer Metapher eine Antwort auf diese Frage gibt: Es seien unsere Wünsche, die uns an dieses Leben binden. (Übrigens sehr schön ins Deutsche übertragen im Gedicht des Orientalisten Friedrich Rückert „Es ging ein Mann im Syrerland“). Diese Antwort mag für junge Menschen stimmig sein und deren Wahrnehmung-, deren Empfinden gänzlich entsprechen. Für ältere Menschen, wie für den Verfasser selbst, mag diese Aussage aber unbefriedigend klingen und eine andere Antwort an deren Stelle treten: Es ist die Verantwortung, die wir tragen, die uns Menschen an dieses Leben bindet. Liebende Fürsorge-, liebende Fürbitte für die Menschen – oder auch für Projekte, für die Natur, für die Zukunft dieser Welt – die uns das Abschiednehmen möglich und erträglich machen. Die Notwendigkeit, Verantwortung abgeben zu müssen, und sei es durch den eigenen Tod und das, was unser Leben erfüllt hat, einerseits voller Sorge, andererseits aber auch voller Vertrauen in die Hände Gottes legen zu können. Das ist es, was Jesus Christus in seinem hohepriesterlichen Gebet tut. Damit es ihm möglich wird, voller Gottvertrauen die Verantwortung in andere-, in Gottes Hände legen zu können, um innerlich gefasst – wie die oben erwähnte Sterbende – abschließend sagen zu können: Es geht ja alles weiter. Für ihn, Jesus Christus selbst, werden es im Johannesevangelium schließlich die erlösenden Worte sein: „Es ist vollbracht!“

Diese Betrachtung mag schließen mit den letzten Worten, dem letzten Gebet, des Bischofs Martin von Tours, der in seiner Jugend Soldat war und sein Bischofsamt so verstanden hatte, wie ein Soldat seinen gehorsamen Dienst im Auftrag seines Dienstherrn versteht. Er war am 8. November 397 verstorben. Sein letztes Gebet – hier hinsichtlich des von herzlichem Vertrauen geprägten Abschieds in Relation zu Jesu hohepriesterlichem Gebet zu betrachten – ist überliefert:

„Mein Herr, es ist ein harter Kampf, den wir in deinem Dienste in diesem Dasein führen. Nun aber habe ich genug gestritten. Wenn du aber gebietest, weiterhin für deine Sache im Felde zu stehen, so soll die nachlassende Kraft des Alters kein Hindernis sein. Ich werde die Mission, die du mir anvertraust, getreu erfüllen. Solange du befielst, werde ich streiten. Und so willkommen dem Veteranen nach erfüllter Dienstzeit die Entlassung ist, so bleibt mein Geist doch Sieger über die Jahre, unnachgiebig gegenüber dem Alter.“

Uwe Hesse, Löhlbach

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