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Gründonnerstag (09.04.20)

Gründonnerstag


ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
2 Mose 12,1-4(5)6-8(9) Abendmahl-M.: Ex 12, 1-8.11-14 1 Kor 11, 23-26 Joh 13, 1-15

Joh 13,1-15

Johannes lässt den Bericht vom Abendmahl weg und erzählt von der Fußwaschung Jesu, einem neuen Zeichen für seine Hingabe und einer symbolischen Handlung, mit der er den Sieg der Ohnmächtigen am Ende verdeutlicht.

Revolution im Geiste Jesu

Oben und unten. Unsere Welt wird bestimmt von denen „da oben“. Sie haben Geld, sie haben Macht und die „da unten“, sie haben kein Geld und sie haben keine Macht.

So einfach kann man die Welt erklären, doch so einfach ist sie heute nicht. Die alten Autoritäten wanken, sie büßen ihre Macht ein zugunsten von populistischen Sprücheklopfern und medientauglichen Influencern. Die Volksparteien verlieren Wahlen, die Gewerkschaften Mitglieder und die Kirchen ihre Gläubigen. Die Macht im 21. Jahrhundert scheint ein Spielball derer zu sein, die sie ergreifen, die mit ihr umgehen und sie ausnutzen können, zu ihren Zwecken.

Jesus beugt sich im Evangelium von der Fußwaschung ganz weit nach unten, dahin, wo es staubig und schmutzig ist. Er, der Retter der Welt, steht nicht über seinen Jüngern, er fordert noch nicht einmal die Augenhöhe ein, nein, er beugt sich weit hinab und wäscht den Jüngern die Füße.

Mit dieser Geste macht er deutlich, wo die eigentliche Macht in dieser Welt liegt: Sie liegt bei den Ohnmächtigen, denn am Ende werden sie das Himmelreich besitzen. Sie liegt bei den Schwachen, die am Ende offen sind für die Stärke Gottes und bei den Verletzten, deren Wunden durch Gott heilen.

Mein Königtum ist nicht von dieser Welt, sagt Jesus zu Pilatus kurz vor seiner Kreuzigung. Seine Macht ist die Macht, die am Ende Macht und Ohnmacht umkrempelt.

Mit dieser Hoffnung rücken die heute Mächtigen in ein neues Licht. Ihre Macht erscheint ziemlich vergänglich und wir können uns mit all den Ohnmächtigen freuen, dass die Verletzungen unsere eigentliche Stärke ausmachen, denn Gott steht uns bei. Er stärkt uns dabei, für andere stark zu sein, die Mächtigen „vom Thron zu stürzen“ und den Ohnmächtigen eine Stimme zu geben. Revolution im Geiste Jesu – in der Fußwaschung am heutigen Gründonnerstag hat er sie uns vorgemacht, friedlich, demütig und entschlossen.

Egal, wer heute die Macht in Händen hält, wer herrscht und wie er oder sie Menschen klein macht – der Erniedrigung folgt der Aufstand, der Fußwaschung folgt das Aufstehen Jesu, der sein Kreuz auf sich nimmt und uns mit seinem Tod den Weg zum Heil eröffnet hat, für die unten und die oben, denn vor Gott sind sie alle gleich, Gott sei Dank.

1.Korinther 11,23-26

Kommunion mit Jesus Christus als größtmögliche Nähe zwischen Gott und Mensch und Stärkung für missionarische Ausstrahlung.

Wer heute zur Kommunion geht, der sieht sich sicher nicht als Missionar. Dennoch sagt Jesus in der heutigen Lesung: „sooft ihr von diesem Brot esst und aus dem Kelch trinkt, verkündet ihr den Tod des Herrn, bis er kommt.“

Mit dem Leib und dem Blut Christi nehmen wir Jesus Christus selbst in uns auf. Wir werden eins mit ihm. Das ist wohl das stärkste Zeichen der Nähe Gottes zu uns Menschen, das die christliche Religion zu bieten hat. So anschaulich und spürbar ist diese Nähe in keinem anderen Sakrament. Das sich Einverleiben des Heilands ist ein einmaliger Akt der Begegnung von Göttlichem und Menschlichem, von Stärke und Schwäche, von Heil und Verwundung.

Die Wunden des Lebens – ab einem gewissen Alter spüren wir alle diese Wunden am ganzen Leib und fühlen sie im Herzen. Niemand kommt durchs Leben unverletzt. Da sind die körperlichen Beschwerden, die uns langsamer und vorsichtiger werden lassen. Da sind aber auch die kleinen Wunden des Alltags, die Verletzungen, mit denen die anderen uns treffen, die Missverständnisse, die Kommunikation blockieren, und die unzähligen Fehler im Umgang miteinander, die uns voneinander entfernen. Und da sind die Verletzungen, die wir der Menschheit insgesamt zufügen, indem wir Ungerechtigkeit und Krieg zulassen und das Klima für die nächsten Generationen zerstören.

Wer in der Kommunion mit Jesus Christus vereint ist, der geht gestärkt nach Hause, der trägt den Herrn in sich und hat an seiner Kraft Anteil. Resilienz heißt der moderne Begriff, der die nachhaltige Steigerung der Widerstandfähigkeit bei Verletzungen des Körpers wie der Psyche beschreibt und zwar nicht durch Steigerung der Abwehrkräfte, sondern als die Fähigkeit, mit den negativen, äußeren Faktoren geschmeidig umzugehen. Das Gegenteil davon ist die Vulnerabilität, die Verletzlichkeit, bei der äußere Einflüsse sofort auf die Physis und die Psyche durchschlagen. Diese Kraft in uns ist es, die die Wunden des Lebens heilt, die Menschen erstrahlen lässt und zu Missionaren macht.

Ex 12,1-8.11-14 (Kath 1. Lesg)

Ex 12,1-4.(5).6-8.(9).10-14 (EKD-Text)

Das Pessachfest als Ursprung der christlichen Überlieferung des universalen Heilwillens Gottes.

Für die Juden eine detailgenaue Ritualvorschrift ist der Text vom Pessach und dem Auszug aus Ägypten für uns Christen eine befremdliche Lektüre. Wann, wie, welches Lamm genau zu schlachten und zu verzehren ist, eine solche Vorstellung eines Gottesdienstes ist uns fremd. Das Osterfest hat das jüdische Pessachfest im Christentum ersetzt, aber immer noch feiern wir in der Osternacht den Auszug aus Ägypten als eine Heilstat Gottes. Gott hat sich in einem polytheistischen Himmel mit den Plagen und dem Auszug der Israeliten als der stärkere Gott erwiesen, als der Gott, der seine Macht schon auf Erden an seinem auserwählten Volk offenbart. Aber was ist das für eine archaische Stärke? Was ist das für ein Gott, der die Ägypter quält und ihre Erstgeborenen tötet zugunsten seines erwählten Volkes?

Im Evangelium von der Fußwaschung haben wir Jesus dabei zugeschaut, wie er sich herabbeugt vor seinen Jüngern, um ihnen als ganz starke Geste die Füße zu waschen. Ein fast zärtliches Bild, das der Evangelist Johannes beschreibt. Der Gott Israels und der Gott des neuen Testaments, zwei Götter zwischen Macht und Ohnmacht, zwischen Gewalt und Zärtlichkeit?

Nein, zwei Seiten Gottes, die sich im Lauf der Überlieferungsgeschichte des Alten und des Neuen Testaments deutlicher herausgeschält haben. Gott ist immer beides, stark und schwach zugleich. Seine Stärke ist die Macht, mit der er das Heil der Menschen durchsetzt, auch gewalttätig durchsetzt. Gott ist entschieden, er ist kein unentschlossener Softie, entschieden auf der Seite der Erlösten. Die Opfer dieser göttlichen Entschlossenheit interessieren die Autoren des Alten Testaments nicht oder nur als Feinde der Erlösung.

Aus christlicher Sicht ist es dann Jesus Christus, der den großen Schritt in der Heilgeschichte voranmacht. Er schaut auf die Schwachen, auf die Opfer und sprich auch ihnen die Erlösung zu. Er bezieht auch die mit ein, die von ihrer Nationalität und ihrem Status als vom Heil Ausgeschlossene gegolten haben. Auch Ihnen öffnet er die Pforten des Himmelreichs.

Gott bleibt der „Ich bin da“, kein Zweifel. Doch in christlicher Sicht zeigt sich erst in der Zusammenschau der beiden Testamente Gottes eigentliches Wesen: Er ist und bleibt der umfassende Retter, der alle Wunden heilt und keine neuen Wunden will. Sein Wille zum Heil der Menschen endet an keiner Staatsgrenze, an keiner Grenze zwischen den Hautfarben oder den Geschlechtern. Gottes Güte ist unerschöpflich. So beschreibt der alttestamentarische Text im Lichte des Neuen Testaments für uns Christen die ganze Fülle der Gnade Gottes.

Eckhard Raabe, Rottenburg

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