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Judika / 5. Fastensonntag (29.03.20)

Judika / 5. Fastensonntag


ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Hebr 13,12-14 Ez 37, 12b-14 Röm 8, 8-11 Joh 11, 1-45

Totenfelder des Lebens

Alle vier Texte kreisen um Todeszustände mitten im Leben. Die Erfahrungen spannen sich vom Exil in Babylon (Ezechiel mit dem Gräberfeld) bis hin zur Erstarrung des judäischen Volkes nach dem römisch-jüdischen Krieg (Lazaruserzählung). Paulus thematisiert in Röm 8 eine Lebenspraxis des Todes. Totenfelder sind nicht nur Kriegsfelder. Auch ökologische Wüsten, das Aussterben von Arten, die Vertreibung indigener Völker oder gar ein selbstzufriedener Lebensstil schaffen Totenfelder und Totenhäuser des Lebens.

Ich werde dich nirgendwo schonen,

und dein Herz wird ein Brachfeld sein,

mit Totenvögeln bestückt.[1]

Hebr 13,12-14

Einordnung des Textes

Der oder die unbekannte, gebildete Autor*in schreibt in der zweiten Hälfte des ersten Jahrhunderts nach Christus. Der Text ist als Predigt verfasst und mündet in einen brieflichen Abschluss. Das Schreiben richtet sich an griechisch sprechende Adressat*innen. Der/die Autor*in hält nüchtern fest: Wir haben keine bleibende Stadt. Die Angesprochenen werden aufgefordert, sich vor das Tor der Stadt zu begeben. Jesus wurde vor den Toren der Stadt hingerichtet. Die Metapher bloss als Ausdruck individueller Sterbe- und Auferstehungshoffnung zu sehen, geht am Text vorbei. Die messianische Gemeinde ist auf dem Weg, sich vom Judentum zu entfremden. Der/die Autor*in spricht an, auf welche Weise der alte und der neue Glaube Israels verbunden werden können. Er/Sie greift deshalb verbindend zurück auf Vergleiche mit Mose, auf den Exodus, die Wüstenzeit und die Landnahme. Auffallend ist die kultische Sprache. Darin spielt ein Hauptgedanke eine Rolle: Jesus Christus wird als der neue Hohe Priester nach der Weise Melchisedeks (Hebr 6,20) dargestellt, der sich ein für alle Mal als Opfer dargebracht habe.

Aspekte der Nachhaltigkeit

1. Die erstarrte Bleibe

Die meisten Menschen wünschen sich eine eigene „Bleibe“. Auf der Wunschliste vieler Menschen steht ganz oben das Eigenheim. Viele sind bereit, für diesen Traum mehr und länger zu arbeiten. Manche verschulden sich dabei weit über ihre Möglichkeiten. Nicht selten beginnt ein Eigenheim das Leben seiner Besitzer*innen zu dominieren. Seine Instandhaltung und das Aufbringen der Kosten halten auf Trab. Dies geht auf Kosten von Freizeit und Lebenszeit mit andern Menschen. Was als Lebenshaus gedacht war, kann sich mitunter als soziales Totenhaus erweisen, das dem lebendigen und auch gemeinschaftlichen Leben keinen Raum bietet. Dies ist oft an der Gartenarchitektur sehr deutlich erkennbar: Hecken und Zäune werden zu einer Art Burgmauer, die jedes andere Lebewesen als Eindringling erscheinen lässt. Bäume weichen Parkplätzen und Garagen. Tote Steingärten, stets frisch geschnittener Rasen, Einsatz von Chemikalien, nicht einheimische Prestigepflanzen halten auch Insekten, Igel, Maulwürfe und Vögel draussen. Menschen, die so leben, haben sich in ihrer „Bleibe“ eingerichtet. Was als Lebenshaus gedacht war, kann schnell einmal wie ein Totenhaus werden. Eine Predigt über dieses Thema braucht Sensibilität und sollte den Fokus auf die befreienden Aspekte legen. Was kann jemand gewinnen, wenn er/sie diese Lebensart durchbricht? Wenn die Umgebung auch wilder Natur Raum bietet oder nicht jeder Mensch als Störenfried betrachtet wird?

Lebendiges Leben und die Gestaltung lebenswerter Zukunft geschieht immer im Wandel und Austausch mit anderen. In den Gottesdienst eingebaute Kurzgeschichten oder populäre Fernsehserien (ev. mit Filmausschnitt im Gottesdienst), die solche Durchbrüche erzählen, könnten sanfte Impulse sein, die eigene Lebensart zu überdenken.

2. Das erstarrte Opfer

Auch die Kirchen haben sich mit theologischen Lehrgebäuden und ihren Bauwerken ihre Bleiben längst erbaut. Die Aussage des Hebräerbriefes, dass das Opfer Christi „ein für allemal“ ist, verführt zu einer musealen Auffassung des Opfers. Wird aber diese Aussage als ein kritischer Widerstand gegen alle weiteren, zukünftigen Opfer verstanden, wird die Sache nachhaltig und aktuell. Ein Blick auf den biblischen Opferkult ist aufschlussreich: Gemäss Schilderung 1 Kön wurden für den Bau des ersten Tempels unter Salomo ungeheure Ressourcen verschwendet. Dreissigtausend Zwangsarbeiter*innen wurden eingesetzt (1 Kön 5,27), der Libanon wurde in grossem Mass abgeholzt (1 Kön 5, 22f. 28). Zweiundzwanzigtausend Rinder und hundertzwanzigtausend Schafe wurden allein bei der Tempeleinweihung geopfert (1 Kön 8,63). Das ist eine soziale und ökologische Katastrophe. Es stellt sich hier grundsätzlich die Frage, warum Tiere für das Glaubensleben von Menschen geopfert werden sollen. Christi Opfer ein für allemal räumt mit diesem Blutzoll für Gott auf der ganzen Linie ein für allemal auf. Allerdings ist es heute vorwiegend unser säkulares Leben, das solche Opfer fordert. Dabei erzeugt die Fleischindustrie mit der Tiermast für unsere unersättlichen Gaumengelüste eine gigantische Anzahl Opfer. Mit der Tiermast und dem Anbau von Tierfutter gehen auch ökologische Verwüstungen einher. Der Weltbiodiversitätsrat (IPBES) warnt davor, dass eine Million Arten in den kommenden Jahren und Jahrzehnten aussterben könnten, wenn nicht eine Umkehr stattfindet. Vor allem die Bestäubung und die reine Luft sind durch das Aussterben der Arten massiv bedroht.[2]

Röm 8,8-11

Einordnung des Textes

Paulus stellt in seinem Brief an die Römer*innen das Leben nach dem Fleisch (σάρξ sarx) und nach dem Geist (πνεύμων pneumon) als zwei Arten der Lebenspraxis dar. Die Lebenspraxis aus dem Geist richtet sich nach der Tora. Es geht dabei nicht darum, sich selber zu retten, sondern dem andern Menschen zu einem Leben zu verhelfen, das aus ihm das Edelste hervorlockt. Wer nach dem Fleisch lebt, übt hingegen eine Lebenspraxis des Todes aus. Falschheit, Verrohung, Verfehlung, Lug und Trug sind die Funktionen der Sünde, die ein Totenfeld anrichten. Die Lebenspraxis der messianischen Leute soll eine des Lebens sein, die der Gerechtigkeit dient.

Aspekte der Nachhaltigkeit

Folgendes Beispiel zeigt auf, was Leben nach dem Fleisch und nach dem Geist bedeuten kann. Die Indigenen in Brasilien werden seit dem Amtsantritt des Präsidenten Jair Messias Bolsonaro stark bedrängt. Die indigenen Gebiete und Naturparks werden für den Rohstoffabbau geöffnet. Das Streben jedes Einzelnen nach Wohlstand ist von der neuen Regierung zum Credo erhoben worden. Tausende von Goldsuchern dringen in die Gebiete ein. Flüsse werden mit riesigen Schläuchen am Grund abgesaugt. Quecksilber vergiftet das Wasser. Sojafarmer brennen die uralten Bäume ab und durchwühlen mit Baggern die verbrannte Erde. Die indigene Bevölkerung wird dabei Stück um Stück ihres Landes beraubt. Einst zugestandene Rechte werden mit Füssen getreten. Alles gerät aus dem Gleichgewicht. Tiere werden verrückt, seltsame Krankheiten breiten sich aus. Leute, die sich für die Rechte der Einheimischen stark machen, werden ermordet.[3]

Die grossen evangelikalen Freikirchen predigen ein Wohlstandsevangelium: Wer mehr besitze, komme der Gunst Gottes näher. Der Präsident wurde im Wahlkampf von evangelikalen Kirchen unterstützt. Er wird, gemäss einem seiner Vornamen, wie ein Messias gefeiert.[4]

Anfangs Mai 2019 streicht Bolsonaro fast alle Mittel für den Kampf gegen den Klimawandel. Damit stehen der indigenen Bevölkerung viel weniger Mittel zur Verfügung, um den Regenwald im Amazonasgebiet zu überwachen und sich für die wertvollsten Wälder der Erde wehren zu können. Die indigenen Stämme pflegen teils eine Kultur des Schenkens und sind auf diese speziell ausbeuterische Form des Kapitalismus nicht vorbereitet. Ihr Schicksal scheint vorgezeichnet zu sein: Abwanderung in Städte, wo ein Teil davon entwurzelt und verarmt in Drogen, Alkohol und Prostitution versinken wird.

Das Beispiel macht deutlich, wie das Leben nach dem Fleisch Ungerechtigkeit hervorbringt. Es hinterlässt ökologisch, sozial, religiös ein Totenfeld. In der Schenkkultur der Indigenen, im Umgang mit Ressourcen u.a. können wir eine Lebenspraxis erkennen, die vom Geist des Lebens geprägt ist wie ein Interview mit Txana Bane, einem Stammesführersohn der Huni Kuin, zeigt.[5]

Ez 37, 12b-14 und Joh 11,1-45

Einordnung der Texte

Der Prophet Ezechiel kam mit der ersten Deportation 597 nach Babylon. Dort wirkte er bis etwa 571 v. Chr. Ezechiel deutet die Katastrophe des Exils mit der Schuld des Volkes, verstockt zu sein und andern Gottheiten gehuldigt zu haben. Unter den Exilierten wird der Priester wahrscheinlich in Gottesdiensten geredet haben. Im Exil gibt es keinen Tempel mehr. Zudem wird dieser 586 v. Chr. in Jerusalem durch die Neubabylonier zerstört. Ezechiel beginnt schliesslich, den Menschen im Exil Hoffnungen zu machen. Der bildhafte Text vom Totenfeld gehört dazu. Die toten Gebeine werden zusammengefügt. Die Ruah – der göttliche Geist (als Femininum) – wird hier als die schöpferische Lebenskraft dargestellt, die belebt, verbindet und Zukunft eröffnet.[6] Das Erstarken eines Volkes wird geschildert. Gott ist auch im Exil belebend und ohne Tempel gegenwärtig.

Die Auferweckung des Lazarus sollte von diesem Ezechiel-Text her verstanden werden. Das Lazarusgrab repräsentiert den tödlichen Zustand Israels. Als Lukas den Text schreibt, ist Jerusalem und der Zweite Tempel zerstört. Unzählige des judäischen Volkes waren im jüdisch-römischen Krieg von den Römern ermordet worden. Das Grab des Lazarus ist das Grab eines ganzen Volkes, das erneut ohne Tempel existieren muss. Was kann da noch Hoffnung geben? Ein Leben jenseits der Todesfelder ist nicht realistisch. Es bleibt: Lediglich trotz der Gräber und Todesfelder der Welt zu leben und weiter im göttlichen Geist des Lebens zu handeln.

Aspekte der Nachhaltigkeit

Menschengemachte Totenfelder müssen zuerst als solche erkannt und anerkannt werden. Im Folgenden einige Zitate aus dem Interview mit dem Stammesführersohn Txana Bane der Huni Kuin im brasilianischen Amazonas im Bundesland Acre. 

„Wir müssen Orte kreieren, wo die Kulturen ihr jeweils Bestes geben können, wo alle Seiten gewinnen. Wo es nicht darum geht, dass eine Kultur von der anderen geschluckt wird. Das ist meine Vision für ein sinnvolles, zukunftsorientiertes Miteinander (…) Uns hilft es, wenn unsere eigenen Initiativen finanziell und organisatorisch unterstützt werden. Natürlich ist auch einfach Aufmerksamkeit wichtig, damit die Menschen überhaupt wissen, dass wir da sind – und in Gefahr.“

„Ich habe eine Botschaft aus dem Wald: Wir sind nicht allein. Wir sind miteinander verbunden. Die Natur ist wunderschön. Lasst uns zusammen in die Zukunft gehen, dann sind wir viel stärker und sicherer. Die verschiedenen Kontinente sind wie unser Herz und unsere Seele. Aber unser Körper ist die Erde.“[7]

Sara Kocher, Zürich

Literatur

[1] Aus dem Gedicht Seltsamer Engel, in: Cämmerer, Monika, Gegengesang: Lyrik-Prosa, Jan Thorbecke Verlag GmbH & Co., Sigmaringen 1988, S. 59.
[2] Weltbiodiversitätsrat warnt vor drastisch beschleunigtem Artensterben, in: Naturwissenschaften Schweiz, Medienmitteilung (6.5.2019) unter: https://naturwissenschaften.ch/, (abgerufen am 9.6.2019)
[3] Milz, Thomas: Ein schlimmer Moment für Amazonien. Den Indigenen in Brasilien wird eine Gebiet nach dem andern weggenommen, in: Neue Zürcher Zeitung (1.Juni 2019), S.9
[4] Herrberg, Anne: Gott über alles? Bolsonaro und die evangelikalen Pfingstkirchen, in: Deutschlandfunk (16.11.2018) unter: https://www.deutschlandfunk.de/bolsonaro-und-die-evangelikalen-pfingstkirchen-gott-ueber.886.de.html (abgerufen am 8.6.2019)
ebenso: Milz, Thomas: Bolsonaro will Brasilien umkrempeln. Ein katholisches Land soll evangelikal werden, in: Domradio.de (1.1.2019) unter: https://www.domradio.de/themen/weltkirche/2019-01-01/ein-katholisches-land-soll-evangelikal-werden (abgerufen am 9.6.2019)
[5] Indigener über Brasiliens Präsident: „Wir haben große Angst“, in: taz (1.1.2019) unter http://www.taz.de/Indigener-ueber-Brasiliens-Praesident/!5562443 (abgerufen am 9.6.2019
[6] Jost, Renate; Seifert, Elke, Das Buch Ezechiel. Männerprophetie mit weiblichen Bildern, in: Kompendium Feministische Bibelauslegung, Christian Kaiser/Güterlsoher Verlagshaus, Gütersloh 1998, S. 285
[7] Indigener über Brasiliens Präsident: „Wir haben große Angst“, in: taz (1.1.2019) unter http://www.taz.de/Indigener-ueber-Brasiliens-Praesident/!5562443 (abgerufen am 9.6.2019)

 

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