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Laetare / 4. Fastensonntag (22.03.20)

Laetare / 4. Fastensonntag


ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Jes 66,10-14 1 Sam 16, 1b.6-7.10-13b Eph 5, 8-14 Joh 9, 1-41

Mit Blick auf die Perikopen- bzw. Leseordnung des 4. Fastensonntags (Laetare, 22. März 2020) liegt der Schwerpunkt folgend auf dem Epheser-Brief (5,8-14), da er am deutlichsten Bezüge zum Themenfeld Nachhaltigkeit erkennen lässt.

Eph 5,8-14 - Einordnung der Perikope

Mit Vers 8 nimmt die kurze Perikope einen zentralen Gedanken des Epheserbriefes (vgl. Eph 2,1-10) auf: Durch die Taufe sind wir Gläubigen der Unheilssituation, der Macht der Finsternis entrissen. Aus diesem gnadenhaften Geschehen (vgl. Eph 2,5), Kinder des Lichts geworden zu sein, folgt zugleich die Verpflichtung zu sittlichem Leben: Wenn ihr Licht im Herrn seid, so lebt auch als Kinder des Lichts! – Diese enge Verklammerung von christlicher Berufung und entsprechender Lebensführung ist bereits für Paulus und so auch für den vermutlich nachpaulinischen Autoren des Epheserbriefes bzw. für dieses preudepigraphische Schreiben charakteristisch.

Wie aber sieht dieses Leben als Kinder des Lichts aus? Der Epheserbrief entwickelt eine Ethik für die spezifische Situation christlicher Gemeinden in Kleinasien am Ende des 1. Jahrhunderts: Verlangt wird eine dezidiert christliche Lebensführung aus dem Glauben in Abgrenzung zum heidnischen Umfeld angesichts der Gefahr der Anpassung, der Laxheit und den Verlockungen eines auf reinen Genuss ausgerichteten Lebens.

Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit angesichts der sozio-ökologischen Krise

In das Jahr 2020 übertragen: Wie könnte ein Leben der christlichen Gemeinde als Kinder des Lichts heute aussehen, wie wären die Ansprüche an ein Leben aus dem Glauben heraus angesichts der Herausforderungen, Gefahren und Verlockungen des 21. Jahrhunderts feinzujustieren? Der Epheserbrief legt uns zur Beantwortung dieser Frage nahe: „Prüft, was dem Herrn gefällt“ (10) und deckt auf, was die Werke der Finsternis sind (11).

Die leitenden Maßstäbe für diese Prüfung sollen sein: Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit (9). Folgt man mit dem Generalsekretär der Vereinten Nationen, António Guterres, der Einschätzung vieler Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, dass der Klimawandel die größte systemische Bedrohung für die Menschheit sei, lassen sich diese leicht noch einmal spezifizieren: Gerechtigkeit heute lässt sich nur noch denken als eine, die global und intergenerationell ausgerichtet ist und insbesondere die Folgen der Erderwärmung und der Zerstörung der Umwelt einbezieht. Denn es gilt, wie es Papst Franziskus in der Enzyklika Laudato si‘ pointiert gesagt hat: „Es gibt nicht zwei Krisen nebeneinander, eine der Umwelt und eine der Gesellschaft, sondern eine einzige und komplexe sozio-ökologische Krise“ (LS 139). Angesichts der wissenschaftlichen Datenlage bedeutet Wahrheit (oder Wahrheitsliebe), den menschengemachten Anteil des Klimawandels nicht kleinzureden oder gar zu leugnen. Güte (bzw. Gutsein) und einen liebenden Blick braucht es nicht nur gegenüber den armen und schwachen Menschen, sondern auch gegenüber den Tieren und Pflanzen und der gesamten Mutter Erde, von der Papst Franziskus sag, sie sei die „Allerärmste aller Armen“ (in: Wim Wenders, Papst Franziskus: Ein Mann seines Wortes).

Werke der Finsternis aufdecken

Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit sind, so heißt es im griechischen Text wörtlicher übersetzt, „die Frucht des Lichts“, d.h. sie wollen wachsen und reifen, anders als die Werke der Finsternis, „die keine Frucht bringen“ (11). Diese sollen vielmehr aufgedeckt werden. Doch wie kann dies geschehen? Der Epheserbrief gibt uns auch hier einen Fingerzeig: Indem wir, die Kinder des Lichts sind, unser Licht auf sie strahlen lassen. Das heißt, nicht durch verbale Anklage und anklagende Verlautbarungen, sondern durch unsere Existenz und unser Handeln: Indem wir zeigen, dass ein Lebensstil, der die natürlichen Ressourcen nicht verschwendet, möglich ist. Indem wir zeigen, dass es zu einem erfüllteren Leben führt, will man nicht immer noch mehr materielle Güter für sich haben, sondern stattdessen teilt und Sorge dafür trägt, dass alle gut leben können.

Ein kluger Rat, der sich dahinter verbirgt, beugt er doch der Doppelmoral und der Unwahrhaftigkeit vor: Wasser (bzw. Klimaschutz) zu predigen und Wein zu trinken (bzw. SUV zu fahren). Im Sinne der Ehrlichkeit dürfen wir uns als christliche Gemeinde aber auch im Anschluss an den Epheserbrief fragen: Leben wir wirklich als Kinder des Lichts – oder schlafen wir noch? Wir haben das Glück, dass es viele „Menschen guten Willens“ auch (und vor allem?) außerhalb der christlichen Gemeinden gibt, die sich für Umwelt-, Natur- und Klimaschutz einsetzen. Mit ihnen dürfen wir zusammenarbeiten für eine bessere Welt. Zugleich können sie für uns Christinnen und Christen als jene Anfrage fungieren, die der Epheserbrief für die kleinasiatischen Gemeinden war: Prägen uns die Taufe und der Glaube an Christus wirklich so stark, dass sie auch unseren Lebenswandel in einer ökologisch fragilen Welt bestimmen?

Dr. Dirk Preuß, Hildesheim

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