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Sexagesimae / 6. Sonntag im Jahreskreis (16.02.20)

Sexagesimae / 6. Sonntag im Jahreskreis


ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Hes 2,1-5(6-7)8-10; 3,1-3 Sir 15, 15-20 (16-21) 1 Kor 2, 6-10 Mt 5, 17-37

Die vier Texte dieses Sonntags haben für mich ein gemeinsames Thema: Es geht um das Hören. Auf die Gebote Gottes, auf die verborgene Weisheit. Es geht um eine Gegen-Welt, um die Sicht, die Gott auf unsere Welt, uns Menschen, auf mich hat. Die Texte laden ein, politisch zu predigen, von daher sind viele Stichworte sozialer, ökologischer und ökonomischer Nachhaltigkeit denkbar.

Das macht die Sache nicht einfach. Politisch predigen ist oft ein schmaler Grat, und der Vorwurf steht schnell im Raum, ihr als Prediger*innen, als Kirche predigt moralisch, belehrend oder verkauft Wasser und trinkt selber Wein…

Vielleicht ist es daher gut, bei Hesekiel zu beginnen. Einem Propheten. Schauen wir in die Hebräische Bibel, dann begegnen wir an vielen Stellen einer Auseinandersetzung zwischen den wahren und den falschen Propheten. Wem sollen die Menschen vertrauen? Wer hat Recht mit seiner Zeitansage? Wer spricht „wirklich“ im Namen Gottes? Als junger Theologiestudierender habe ich an einem Seminar bei Wolfgang Huber mitwirken können, in dem wir diese Texte genau untersucht haben. Am Ende war das Problem leicht beschrieben: Recht hat der Prophet, die Prophetin, deren/dessen Zeitansage eintraf. Doch das half den Menschen, die diese Botschaft zuerst hörten, wenig. Alle Versuche, Kriterien herauszufiltern, um die wahren und die falschen Propheten im Moment der Rede zu identifizieren, liefen ins Leere. Und schauen wir uns um: Prophet*innen gibt es viele unter uns, innerhalb der Kirche und außerhalb auch. Wer hat Recht? Wem hören die Menschen zu und warum „folgen“ sie der einen und dem anderen nicht…?

Und wir als Prediger*innen, was machen wir? Wagen wir gar ein prophetisches Wort? Wie übersetzen wir die „Weisheit Gottes“ in konkretes Handeln? Wie interpretieren, aktualisieren wir die Gebote, die ja Weg zum Leben sind, sein wollen?

Gut ist es, sich erst einmal irritieren zu lassen. Hesekiel ist dafür bestens geeignet. Vor der Berufungsszene, die hier als Predigttext in der evangelischen Perikopenordnung vorgeschlagen ist, steht die Vision des Thronwagens. Eine Geschichte, die immer schon Menschen fasziniert hat, Erich von Däniken und andere sahen hier den klaren Beweis dafür, dass Ufos die Erde längst schon besucht haben. Und wenn wir weiter lesen, dann ist Hesekiel für sehr viele Überraschungen und merkwürdige Dinge gut, mit denen er seine Kritik im Namen Gottes anschaulich macht.

So wie hier auch, er soll die Schriftrolle mit dem Ach und Weh, und sie ist wohlschmeckend… Er wird zu einem verstockten Volk geschickt, muss Untergang ankündigen und sich mit den „Heilspropheten“ auseinandersetzen. Vieles ist mir fremd, ich finde die Zeichenhandlungen mutig und verrückt zugleich und frage mich: Wo ist ein Ansatz, darüber zu predigen? Und wie kann ich die zahlreichen Themen einfließen lassen, die mir einfallen, wenn ich an unsere heutige Situation denke, die nach prophetischer Rede doch zu schreien scheint? Klimakrise und die Bedrohung menschlichen Lebens auf unserem Planeten, Hass, Fremdenfeindlichkeit und Nationalismus, Arm und Reich treten immer weiter auseinander, sowohl in unserer Gesellschaft, in Europa und global gesehen? Vertrauensverlust in unser demokratisches System und in die „großen“ Institutionen, zu denen auch die Kirchen gehören?

Wie hier predigen und solche Stichworte aufnehmen? Die gleiche Frage stellt sich mir auch im Blick auf die Texte aus den katholischen Lesereihen. Wie wird die verborgene Weisheit Gottes konkret? Eine Weisheit, die ich gar nicht habe sondern die mir geschenkt wird? Oder habe ich sie dann doch und darf – oder muss? - im Namen Gottes vermeintliches Unrecht beim Namen nennen? Oder wie aktualisiere ich die Gebote, die Jesus in der Bergpredigt radikalisiert?

Nun ist es so, dass diejenigen, deren Worte und Handlungen später den Weg in den biblischen Kanon gefunden haben, sich in aller Regel ihre Rolle als Prophet, als Prophetin nicht ausgesucht haben. Sie werden überwältigt, teils gar von Gott gezwungen, zu reden. Sie stehen häufig dem Kult und dem Tempel fern. Anders gesagt: Prophet*innen tauchen auf und finden Gehör bzw. lösen Widerspruch aus. Im Frühjahr 2019 ging irgendwann die Frage durch die Medien und Heribert Prantl hat so auch in der letzten Woche auf dem Kirchentag in Dortmund gefragt: Ist nicht Greta Thunberg eine moderne Prophetin im biblischen Sinn? Vielleicht ist die Frage zu früh gestellt, aber sie zeigt an: Da erfolgt durch die junge Schwedin eine Zeitansage, die einprägsam ist und eine Ader trifft. Ihre Kritik äußert sie mit wohlgewählten Worten und auch mit Bildern. Zuerst ging das Foto um die Welt, auf dem Greta mit ihrem Poster „Schulstreik“ Woche für Woche vor dem schwedischen Parlament stand. Das Bild und später ihre Worte fanden Zustimmung und lösten Widerspruch aus.

Wie also über diese Texte predigen? Nachhaltig predigen? Zwei Hinweise.

1. Poetisch predigen

Ich kann versuchen, eine Sprache zu wählen, die nicht erklärend oder belehrend ist. Ich kann versuchen, poetisch zu predigen. Poesie spielt mit Worten und Bildern, sie setzt auf das, was nicht ausgesprochen wird, sie geht dazwischen und verbindet auf diese Weise. Birgit Mattausch, Studienleiterin im Michaeliskloster in Hildesheim, ist eine, von der wir lernen können, wie das geht. Beispiele ihrer Predigten finden sich auf ihrem Blog: https://frauauge.blogspot.com/ Predigten können argumentieren, appellieren oder erzählen, das sind schon drei Sprachformen, aber sie können auch poetisch sein. Viele Worte Jesu sind poetisch, wagen wir, gerade bei Texten wie für diesen Sonntag vorgeschlagen, eine solche Sprache ins Spiel zu bringen.

2. Konkret predigen

Arnd Henze hat sich in seinem Buch: „Kann Kirche Demokratie?“ ausführlich und kritisch auch mit der politischen Predigt auseinandergesetzt. Er beschreibt seine Erfahrung als Predigthörer so:

„Ich erfahre fast nichts über das, was die Menschen am Ort bewegt und betrifft. Beispiele und Bilder stammen viel zu oft aus Predigthilfen, dem Internet oder aus der Belletristik und nicht aus dem Alltag der Gemeinde. Wo die Verlegung von Arbeitsplätzen droht, (…) wo die Mieten unbezahlbar werden oder für ältere Menschen keine Pflege gefunden wird, wo um die Verlegung einer Hochspannungstrasse durch den Ort oder den Abstand zu Windkraftanlagen gestritten wird – dann sind das die Themen, die das Leben der Menschen von Montag bis Samstag beeinflusse und jeder blutleeren Predigt eine kräftige Infusion an Realitätsbezug geben könnten. (…) Im Sprechakt einer gelungenen Predigt kommen die realen Sorgen der Menschen auf die öffentliche Bühne und werden verhandelt. Sie verlieren ihren lähmenden Nimbus des Verdrängten und Unlösbaren. Die Predigt bietet keine Rezepte, sondern wird zur Einladung, sich auf den gemeinsamen Weg der Lösungssuche zu machen – und zur Ermutigung, dass auf diesem Bemühen ein Segen wird.“ (Seite 151f.)

Das könnte dann doch ein Weg sein, nachhaltig über die vorgeschlagen Texte zu predigen: Suchen Sie nach Beispielen aus Ihrem lokalen oder regionalen Kontext, in denen die doch auf der Straße liegenden aktuellen Herausforderungen im sozialen, ökonomischen und ökologischen Bereich konkret und damit anschaulich werden. Greifen Sie diese Beispiele auf, vielleicht nur einfach erzählend, ohne mit einer Bewertung verbunden. Vielleicht hat solch eine Predigt eine unverhoffte Wirkung. Arnd Henze schreibt direkt im Anschluss an das eben genannte Zitat:

„Diese Einladung wird umso glaubwürdiger, wenn die Kirchengemeinde auf die Räume für solche zivilgesellschaftlichen Debatten schafft. Das gilt gerade für Konfliktthemen, bei denen sich die Fronten schon verhärtet haben und es einen ehrlichen Makler braucht, der keine eigenen Partikularinteressen vertritt.“

Wenn und wo uns das gelingt, bestehen gute Chancen, nachhaltig etwas zu (be-)wirken.

Dr. Matthias Jung, Hannover

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