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Septuagesimae / 5. Sonntag im Jahreskreis (09.02.20)

Septuagesimae / 5. Sonntag im Jahreskreis


ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Mt 20,1-16 Jes 58, 7-10 1 Kor 2, 1-5 Mt 5, 13-16

Thema des Sonntags, das sich auch durch die vorgeschlagenen Texte zieht, ist die Gerechtigkeit. Dabei ist dieser Begriff, wenn er im biblischen Kontext erscheint, mit möglichen Missverständnissen verbunden, wenn man die Besonderheit des Gerechtigkeitsbegriffes in beiden Teilen der Bibel nicht in den Blick nimmt. Über die Frage hinaus, die auch die Philosophie stellt, was denn gerecht ist, ist in der Bibel dieser Begriff erst einmal mit Gott verbunden. Als Gottes Gerechtigkeit (zedaqa) ist sie eine rettende Gerechtigkeit (Crüsemann, 2003, S.51), der Mensch und seine elementaren Bedürfnisse stehen im Zentrum. Dieser Gerechtigkeitsbegriff beinhaltet auch Barmherzigkeit. Für menschliches Handeln bedeutet dies ein gegenseitig verbindendes Handeln, was eine Übersetzung mit Gemeinschaftstreue, Fairness oder Verbindlichkeit nahelegt (Bieberstein/Bormann 2009, S. 198). Die Notlage von Menschen erfordert die Solidarität der Gemeinschaft. Auch im Neuen Testament bezeichnet das griechische Wort dikaiosyne einen Beziehungsbegriff, in dessen Mittelpunkt die Lebensmöglichkeiten der Menschen stehen. Wie es den Armen, den Witwen und Waisen ergeht, ist das entscheidende Kriterium dafür, wie gerecht eine Gesellschaft ist. In der Verkündigung des Reich Gottes, in der Bergpredigt und in vielen Gleichnissen und Beispielerzählungen greift Jesus die Forderung nach Gerechtigkeit auf und stellt die Marginalisierten, deren Recht missachtet wird, in den Mittelpunkt.

Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg (MT 20, 1-16) hat im Laufe der Kirchengeschichte und in verschiedene Auslegungstraditionen sehr unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen erfahren. Eine der Grundentscheidung ist entweder eine soteriologische/eschatologisches Deutung, die die Frage nach dem Lohn der Nachfolge unter den Jüngern in den Blick nimmt (Avemarie 2009, 470; Fiedler 2006, S.317) oder ein stärkerer Bezug auf ein auch innerweltliches Verständnis von Gerechtigkeit. Hier wird häufig der Schwerpunkt auf die Bedürfnisorientierung gelegt: Jeder bekommt soviel, wie er zum Leben braucht. Der Weinbergbesitzer wird mit Gott identifiziert, dessen Gerechtigkeit sich an den Lebensbedürfnissen der Menschen orientiert und damit menschliche Gerechtigkeitsvorstellungen überschreitet.

Folgt man diesem Pfad der Auslegung, so sind aktuelle Bezüge schnell herzustellen: Die Debatte um ein bedingungsloses Grundeinkommen oder auch eine Grundrente in unserem Land zeigt deutlich den Konflikt zwischen einer Leistungsorientierung oder einer Bedürfnisorientierung. Die Beschwerde der Arbeiter, die den ganzen Tag geschuftet haben, hören wir heute in verschiedenen Variationen, zum Teil verbunden mit einem gehörigen Ressentiment. Die Frage danach, wann jemand zu wenig zum Leben hat und, was Armut ist, wird unterschiedlich beantwortet. Auch hier spielt eine Rolle, ob es um das bloße Überleben geht, oder volle Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Doch so einfach ist diese Frage nicht zu beantworten: Die Frage danach, was ich zum Leben wirklich brauche, ist neben subjektiven Einschätzungen angesichts der Destruktivität westlichen Lebensstils von höchster Brisanz. Der Blick auf die Menschen in den Ländern des globalen Südens wie auch auf die ökologischen Katastrophen fordert ein radikales Neudenken und Umsteuern, wenn es um ein Verständnis von Gerechtigkeit im globalen Maßstab und das Überleben der Menschheit geht.

Wie viele Gleichnisse Jesu ist diese Erzählung in der Lebenswirklichkeit der Menschen angesiedelt. Ein überraschendes Ende, das zu eigener Positionierung herausfordert, gehört auch hier zur Erzählstruktur. Nicht allein das Ergebnis der unerwarteten Bezahlung wird erzählt, sondern indem die Früharbeiter als Letzte in der Reihe stehen, werden sie zudem Zeugen der von den meisten Zuhörern damals wie heute als ungerecht empfundenen Vergütung. So sehr läuft dieses Prinzip dem allgemeinen Gerechtigkeitsempfinden entgegen, dass trotz des historischen Abstands die Pointe auch heute noch funktioniert (Avemarie 2002, 277f). Durch die Erzählperspektive identifiziert sich der Hörer mit denen der Früharbeiter, die Güte wird den anderen, der Gegenseite erwiesen.

Eine weitere mögliche Auslegung findet sich in einer sozialgeschichtlichen Bibelauslegung von Luise Schottroff, die das Gleichnis gegen den Strich liest. Sie legt dar, dass das Leben als Tagelöhner Ergebnis wirtschaftlicher Deprivation ist, bei dem Menschen zu Landlosen wurden und ihre Arbeitskraft auf dem Markt verkaufen mussten. Dabei war ein Dinar möglicherweise nicht genug, eine ganze Familie zu ernähren (Crüsemann, 2003, 53). Nur wenn Frauen und Kinder zu noch schlechteren Löhnen das ihre zum Lebensunterhalt beitrugen, konnte eine ganze Familie sich ernähren. Der Weinbergbesitzer erscheint aus diesem Blickwinkel zwar wohltätig, aber das System als solches entspricht nicht der Vorstellung einer solidarischen Gemeinschaft. Gottes Gerechtigkeit als Gemeinschaftstreue in der Welt zu leben, geht eben doch über die Wohltätigkeit des Gutsbesitzers im Gleichnis hinaus und zielt auf eine Veränderung der Verhältnisse, in denen es keine Tagelöhner mehr gibt. Auch wenn ihrer Deutung widersprochen wird, so ist ihr Hinweis auf die sozialgeschichtlichen Kontexte durchaus geeignet, auch weiter zu fragen, als es die narrative Ebene des Gleichnisses anbietet. Betrachten wir diese Diskussion unter der Perspektive, was Teilhabe ermöglicht, so ist deutlich, dass ein bloßes Überleben dazu lange nicht ausreicht. Geht es um Partizipation im umfassenden Sinne, muss mehr als das Überleben gesichert sein. Menschen müssen frei sein von der Sorge um den nächsten Tag.

Eine Gemeinschaft, wie sie der biblischen Vorstellung von Gerechtigkeit entspricht, wird in Jesaja 58, 7-10, einem Text der katholischen Lesung beschrieben: Hier ist es nicht die bloße Wohltätigkeit, die alles beim Alten lässt, sondern der Arme ist das „eigen Fleisch und Blut“. Die Regeln der Tora beschreibt Frank Crüsemann als „bindende Partizipationsregeln“ (Crüsemann, 2003, 196). Diese zu erfüllen setzt jedoch voraus, dass alle Mitglieder einer Gesellschaft mehr als das nackte Überleben garantiert bekommen. Die Formulierung „dein eigen Fleisch und Blut“ spiegelt die grundlegende Einsicht der Verbundenheit aller Menschen wider. Die grundsätzliche Angewiesenheit des Menschen auf seine Nächsten und der Zuspruch an ihn, dass auch er für den Nächsten da sein kann, verbietet jede gesellschaftliche Segmentierung und Marginalisierung. Auf den Weltmaßstab gesehen bedeutet es auch, dass nicht wirtschaftliche Stärke dazu berechtigt, die Regeln zu bestimmen – und das ausschließlich im eigenen Interesse.
Wir alle wissen, dass die Wirklichkeit eine andere ist, das wird auch eine Predigt nicht verschweigen. Hier kommt die Frage ins Spiel, was denn unsere Rolle als Christinnen und Christen dabei sein kann. Dass Christinnen und Christen und Kirche als Institution hier gerufen sind, ihre Rolle als change agents im Rahmen der Transformationsgesellschaft wahrzunehmen und anzunehmen, ist in dem Zitat aus der Bergpredigt (Mt 5, 13-16) offensichtlich. Was heißt es heute, Salz der Erde und Licht der Welt zu sein? Dies schließt jede Überheblichkeit aus und wird auf Bündnisse über die Grenzen der Glaubensgemeinschaft hinaus angewiesen sein. Gleichzeitig ist es geboten, sich der eigenen Hoffnungsquellen zu vergewissern. Hier das richtige Maß zwischen empowerment und Selbstbescheidung zu finden, ist ein wichtiger Schritt, um auf der einen Seite Resignation, auf der anderen Seite Selbstüberschätzung zu wehren. Diese Perspektive eröffnet das Zitat aus dem Korintherbrief (1 Kor 2, 1-5): Es ist Gottes Kraft, auf die wir bauen können, und es ist Gottes Kraft, die die Veränderung in uns und in der Welt bewirkt.

Dr. Beate Sträter, Bonn / Bad Godesberg

Literatur

-Friedrich Avemarie, Jedem das Seine? Allen das Volle! (von den Arbeitern im Weinberg) - Mt 20,1- 16, in: Ruben Zimmermann (Hrsg.), Kompendium der Gleichnisse Jesu, Gütersloh 2007, S. 261-473
-ders. Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg (Mt 20,1-15), eine soziale Utopie?, EvTheol 62, 2002, S. 272-287
-Klaus Bieberstein/Lukas Bormann, Art. Gerechtigkeit/Recht in: Frank Crüsemann u.a. (Hrsg.) Sozialgeschichtliches Wörterbuch zur Bibel, Gütersloh 2009, S. 197-203
-Frank Crüsemann, Maßstab: Tora.Israels Weisung für christliche Ethik, Gütersloh 2003
-Peter Fiedler, Das Matthäusevangelium, Stuttgart 2006
-Luise Schottroff, Die Gleichnisse Jesu, Gütersloh 2005

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